9punkt - Die Debattenrundschau

Eine lange Geschichte des Betrugs

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.06.2016. The Atlantic hat ein Video mit Christopher Hitchens gefunden, der prophezeite, dass man ihm einst eine Sterbebett-Konversion nachsagen würde, und siehe, so geschah es.  Die SZ befasst sich mit islamischer Theologie, die an deutschen Unis einen regelrechten Boom erlebt. Die FAZ staunt sehr über den Preis der Fußball-TV-Rechte, der um 85 Prozent gestiegen ist. Der Tagesspiegel schildert die explosive Geschichtspolitik in Kroatien. In der taz sehnt sich Daniel Cohn-Bendit nach der "Black-blanc-beur"-Euphorie der Fußball-WM von 1998.

Religion

In Amerika wird immer noch über das Buch des Evangelikalen Larry Taunton diskutiert, der behauptet, Christopher Hitchens sei auf seinem Sterbebett zum Christentum übergetreten. David Frum ist in Atlantic erstaunt, wie positiv dieses Buch aufgenommen wurde, dessen Schema bekannt sei: "Hitchens selbst hatte wiederholt und mit Nachdruck gewarnt, dass Behauptungen wie die Tauntons aufkommen würden und dass man ihnen nicht glauben solle." Frum zitiert Hitchens' Statement dazu aus einer Podiumsdiskussion, die ausschnittsweise bei Youtube zu sehen ist: "Es wird in dieser Gesellschaft als absolut normal angesehen, dass Leute zu Sterbenden gehen, die sie gar nicht kennen und die ungläubig sind, und ihnen sagen: 'Und, was ist jetzt, ändern Sie Ihre Meinung?' ... Es gibt hier eine lange Geschichte des Betrugs. Leute behaupten, Darwin sei auf seinem Sterbebett fromm geworden. Es gibt Lügen über Thomas Paine. So geht's die ganze Zeit weiter. Es ist eine sehr hässliche Geschichte."

Es gibt nicht "die" Scharia, schreibt in der SZ Cefli Ademi vom Institut für Islamische Rechtswissenschaft an der Uni Münster: "Ja, es gibt Gewalt im Namen der Scharia. Und nein, die Scharia gibt es nicht, sondern mehrere Scharia-Verständnisse, die sich naturgemäß auch aus den Lebensumständen speisen. Und wir Muslime müssen alles daransetzen, schöpfungsverachtende und realitätsfremde Narrative theoretisch und praktisch zu überwinden. Ich bin wie Navid Kermani davon überzeugt, dass sich solche Verständnisse weniger aus der Tradition des Islam speisen. Eher wirken sie wie ein Bruch mit ihr."

Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt werden in immer mehr Bundesländern an den Unis Institute für Islamische Theologie gegründet, die zu demokratisch kompatiblen muslimischen Religionslehrern führen sollen, berichten Matthias Drobinski und Johann Osel in der SZ. Insgesamt 1800 Studenten sind in Deutschland schon eingeschrieben. Alle machen brav mit, auch die Islamverbände, weil Einfluss und Posten winken. Aber "inhaltlich blieben die Differenzen bestehen: Die türkisch-islamische Ditib, der größte Verband, versuche, möglichst viel türkisches Personal an die Unis und möglichst viel türkische Positionen in die Lehrinhalte zu bringen. Der Islamrat und der Verband der islamischen Kulturzentren in Deutschland wiederum wollten ihre sehr konservativen theologischen Positionen vertreten sehen." Das größte Problem seien allerdings Studenten und Studentinnen, die nicht glauben wollen, dass es unterschiedliche Lesarten des Korans geben könne.
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Ideen

In der FR beschreibt der Sozialphilosoph Gunzelin Schmid Noerr den sehr alten Streit zwischen Universalisten und Kulturalisten: Letztere "sehnen sich zurück nach Traditionen, überkommenen Geschlechterrollen, Heimat und staatlicher Führungsstärke nach außen. Dabei ist das Grundbedürfnis nach der vertrauten Umgebung legitim, zumal angesichts der wirtschaftlichen Zwänge zu Flexibilität und Innovation. ... Dieses Bedürfnis zu übergehen ist kaum weniger illusionär und gefährlich. Dies aber ist die Haltung mancher Universalisten, die die andere Seite der Kultur verabsolutieren, nämlich ihre Dynamik, die ständige Veränderung der Standards."

Außerdem: In der Welt liest Hannes Stein Christopher Laschs Buch "The Culture of Narcissism" von 1979 und findet unsere heutige Welt darin exakt beschrieben.
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Medien

Die Fußball-TV-Rechte für die nächste Saisons sind verkauft. Der Preis pro Saison steigt um 85 Prozent von bislang 628 Millionen auf 1,159 Milliarden Euro. Für die Öffentlich-Rechtlichen war die Meldung, dass die "Sportschau" bleibt. Der entsprechende Beitrag aus den "Tagesthemen" hatte die Anmutung von DDR-Propaganda-Fernsehen. Auch andere Fußballligen sind teuer, weiß Michael Hanfeld in der FAZ: "Die Besonderheit des hiesigen Bietergefechts aber bleibt: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk zockt bis zum Ende mit, in dem Wissen, dass, wer Fußball zeigt, und sei es auch bis zum Umfallen, nichts falsch machen kann. Da bekommen dann selbst Spiele wie die Relegation zur zweiten Liga zwischen dem MSV Duisburg und den Würzburger Kickers die besten Sendeplätze. "
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Politik

Der Staat in Bangladesch erweist sich als komplett unfähig, die Mörder säkularer und homosexueller Blogger ausfindig zu machen, schreibt Arne Perras in der SZ nach einer Reise in das Land: "Zuletzt sorgte der Innenminister für maximale Verwirrung, als er die Opposition beschuldigte, mit dem israelischen Geheimdienst zusammenzuarbeiten und eine 'internationale Verschwörung' anprangerte. Alles zusammen verunsichert die Bevölkerung und nährt nur das Gefühl der Schutzlosigkeit."
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Stichwörter: Bangladesch

Europa

Leider hat die Euphorie des "Black-blanc-beur" aus der Fußball-WM von 1998, die Hoffnung auf Integration der Banlieues, nicht angehalten, klagt Daniel Cohn-Bendit im Gespräch mit einigen tazlern über die beginnende Europameisterschaft: "Deswegen ist die Enttäuschung umso größer heute, denn wir haben ein gespaltenes Frankreich. Als die Anschläge auf Charlie Hebdo waren, auf den Hyper Casher, dann auf das Bataclan und die Restaurants, gab es vier Millionen Menschen, die bei der Solidaritätsdemo dabei waren. Und trotzdem waren sie nur ein Teil Frankreichs. Die anderen waren nicht da. Die Segregation ist vorangeschritten. Keine der politischen Parteien, links wie rechts, hat nur im Ansatz die Kraft und die Fantasie, dem wirklich etwas entgegenzusetzen."

Für die FAZ begibt sich Jürg Altwegg auf einen atemlosen Schlingerkurs durch die jüngste Geschichte Frankreichs und landet punktgenau bei der Frage: "Kann jetzt nur noch der Fußball Frankreich aus dem Würgegriff der Geschichte befreien und von seiner heimlichen Sehnsucht nach dem Faschismus erlösen?"

Wenig verfolgt wird in hiesigen Medien die Politik der Rechtspopulisten in Kroatien, die mit gefährlichen Mythen über den Zweiten Weltkrieg operieren und von den Intellektuellen des Landes bekämpft werden. Ihr Protest "zielt vor allem auf Kulturminister Zlatko Hasanbegović, dem Verharmlosung des kroatischen Ustascha-Regimes vorgeworfen wird", schreibt die Historikerin Janine Calic im Tagesspiegel: "Hasanbegović gehört einer von der nationalkonservativen HDZ geführten Koalition an, die seit Jahresbeginn von einer Krise zur nächsten stolpert und die letzte Woche zerbrach. Laut Opposition verharmlost der Historiker den Massenmord im KZ Jasenovac sowie die Untaten der bosnisch-muslimischen SS-Division 'Handschar'."
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