9punkt - Die Debattenrundschau

Nervensägen her

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.06.2016. Der HPD hat eine überraschende Meldung: In Berlin sind selbst die Katholiken und Protestanten mehrheitlich nicht religiös. Mit Ausnahme der taz, der fast nur Pastoren und gläubige Menschen für das Amt der Bundespräsidentin einfallen. Brendan Simms fürchtet in der Basler Zeitung, dass die EU einen Brexit nicht verkraftet. In der Welt ärgert sich Arianna Huffington über amerikanische Medien, die Donald Trump mit Glacéhandschuhen anfassen.

Überwachung

Nach den Fingerabdrücken will die EU jetzt auch Gesichtsbilder in einer zentralen Datenbank, Eurodac, speichern. Zunächst soll das nur für Flüchtlinge gelten, aber dieses Spiel kennt man ja inzwischen. Das Bundeskriminalamt (BKA) nutzt eine vergleichbare Technik bereits seit Jahren, berichtet Patrick Beuth auf Zeit online. Derzeit sollen "rund 4.863.000 Fotos von 3.340.330 Menschen" in Deutschland gespeichert sein. Auf die EU-Regelung freut man sich schon, so Beuth: "Eine Einschränkung auf bestimmte Kriminalitätsbereiche für den Zugriff der Strafverfolger auf die Eurodac-Daten hält die Bundesregierung 'für nicht sinnvoll'. Die bisherige Beschränkung auf schwere und terroristische Kriminalität betrachtet sie also offenbar als überholt. Auch mit der Absenkung der Altersgrenze für die sogenannte erkennungsdienstliche Erfassung von 14 auf sechs Jahre hat sie kein Problem."
Archiv: Überwachung
Stichwörter: Gesichtserkennung

Religion

Fast drei Viertel der Berliner geben an, nicht religiös zu sein und der Aussage zuzustimmen "Ich führe ein selbstbestimmtes Leben, das auf ethischen und moralischen Grundüberzeugungen beruht und frei ist von Religion und Glauben an einen Gott", meldet der Humanistische Pressedienst. Diese Zahlen seien um so erstaunlicher, als dass sie "deutlich von den Angaben zur konfessionellen Zugehörigkeit abweichen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass nicht nur der Großteil der Konfessionsfreien dieser Aussage zustimmt (85 Prozent), sondern auch deutlich mehr als die Hälfte der befragten Katholiken (57 Prozent) und Protestanten (64 Prozent) für sich beanspruchten, ein Leben ohne 'Religion und Glauben an einen Gott' zu führen... Diese Zahlen machen deutlich, dass die Zugehörigkeit oder Mitgliedschaft in einer Religions- und Weltanschauungsgemeinschaft nicht an die persönliche Lebensauffassung und den Grad der individuellen Säkularisierung gebunden ist."

Die taz, die neulich schon so euphorisch vom kaum besuchten Katholikentag berichtete, stellt heute mögliche Kandidaten für die Gauck-Nachfolge vor - alles Pastoren oder sehr gläubige Menschen. Da muss man durch, meint Lukas Wallraff auf Seite 1: "Wenn es sein muss, auch Friedrich Schorlemmer oder Margot Käßmann. Rote Ampel hin, Nervensägen her: Gebraucht wird eine von Dunkelrot bis Grün wählbare Person."Andere Kandidaten sind für die taz der konservative Muslim Navid Kermani und Antje Vollmer ("die Grüne kann Politik, Kirche, Medien"). Als einzige nicht direkt als gläubig ausgewiesene Person fällt der taz noch die Verfassungsrichterin Susanne Baer ein.

Außerdem: "Tschador kann auch Pop sein, Tschador kann sogar modisch und cool sein", meint ebenfalls in der taz Hengameh Yaghoobifarah, die überzeugt ist, dass das Kopftuch "in High-Fashion und Popkultur trendet". Aus dem Kölner Dom ist eine Reliquie gestohlen worden, ein Tuch mit einem Blutstropfen Johannes Pauls II. Im Interview mit der Welt ist Erzbischof Kardinal Meisner guten Mutes, die Reliquie zurückzubekommen: "Wir in Köln wenden uns ja an den Heiligen Antonius, wenn wir etwas verloren haben. Dem habe ich gesagt: 'Jetzt zeig mal, was du kannst.' Ich habe ihm schon ziemlich eingeheizt. Deshalb bin ich guter Hoffnung."
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Kulturpolitik

Das umstrittene Kulturgutschutzgesetz soll noch vor der Sommerpause verabschiedet werden. Im Interview mit der Welt warnt der Ex-Verfassungsrichter und Sammler Harald Falckenberg vor enormen Kosten, die folgen könnten und zeichnet das Gesetz in so schlechtem Licht, dass man sich fragt, warum, wie er selbst zugibt, "die Übernahme staatlicher Vorkaufs- und Ankaufsrechte, die in maßgeblichen EU-Mitgliedsländern wie Italien, Spanien, Frankreich und Großbritannien in jahrhundertelanger Tradition mit sehr unterschiedlichen Regelungen entstanden sind, um das nationale Kulturerbe angemessen zu schützen" ausgerechnet in Deutschland solch katastrophale Folgen haben soll.

Die Verwaltungsrechtlerin Sophie Schönberger blickt in der SZ mit Skepsis auf das Kulturgutschutzgesetz, über das heute im im Kulturausschuss des Bundestags beraten wird. Besonders die vorgesehene Verhinderung der Abwanderung bedeutender Werke leuchtet ihr nicht ein: "Was gewonnen wird, wenn ein Kunstwerk zwar im Inland verbleibt, der Öffentlichkeit aber nicht zugänglich gemacht wird, diese Frage beantwortet der Gesetzentwurf gerade nicht. Worin besteht der Mehrwert für das Gemeinwesen, wenn ein Gemälde in einem privaten Safe in Deutschland lagert statt etwa in einem privaten Safe im Ausland - oder einem ausländischen Museum?"
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Stichwörter: Kulturgutschutzgesetz

Europa

Hansjörg Müller trifft für die Basler Zeitung einige in Britannien wirkende Historiker, darunter den Iren Brendan Simms, der europhil ist und dennoch zutiefst von der Überlegenheit Britanniens überzeugt: "Warum aber wäre der Brexit so schlimm für ein Europa, wie Simms es sich vorstellt? Würde mit Großbritannien nicht ein Bremsklotz auf dem Weg zur immer engeren Union verschwinden? Wahrscheinlicher sei, dass der Brexit zumindest kurz- und mittelfristig einen katastrophalen politischen und psychologischen Effekt auf die EU hätte. 'Wenn Griechenland ginge oder gehen müsste, dann wäre dies ein Urteil über Griechenland. Wenn aber Großbritannien gehen würde, wäre es ein Urteil über die EU.'"

Die Mehrheit der französischen Fußballnationalspieler mag in erster oder zweiter Generation aus Afrika kommen, aber über die Hautfarbe spricht man in Frankreich nicht. Der französische Historiker Pap Ndiaye findet das im Interview mit Zeit online etwas verklemmt: "Natürlich sagt das komplizierte Verhältnis vieler Franzosen zu ihrer Nationalmannschaft auch etwas über das Unbehagen aus, das sie ihrer Gesellschaft gegenüber empfinden: Sie sehen, dass eine Mehrheit der Spieler nicht weiß ist, sprechen aber nicht darüber. In Frankreich gibt es die Regel, dass der Staat offiziell farbenblind ist, was an sich eine gute Sache ist. Allerdings wird diese Farbenblindheit auch dafür genutzt, jegliche Auseinandersetzung über kulturelle Unterschiede schon im Ansatz abzubügeln. Auch darüber, wer das blaue Trikot tragen darf und wer nicht."

taz-Autor Jan Feddersen will sich von europäischen Rechtspopulisten nicht in die fünfziger Jahre zurückschubsen lassen: "Die aggressiv geäußerte Furcht - von Putin bis Marine Le Pen - vor der Auflockerung der Geschlechtsordnung ist der Kern allen Rechtspopulismus. Es soll so sein, wie es früher war (oder jedenfalls schien). Es soll verfolgt werden, was diese Ordnung erodieren hilft: Frauen, die den Zeitpunkt des Gebärens selbst bestimmen möchten; Schwule und Lesben, die nicht im Underground gehalten werden wollen."

Außerdem: In der Welt denkt Matthias Heine über die Antithese Kultur gegen Zivilisation nach.
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Ideen

Jan Philipp Reemtsma spricht mit Andreas Lebert und Katrin Zeug von Zeit Wissen (jetzt online) sehr allgemein über Gewalt und erinnert daran, dass das Verhältnis der Menschen dazu sehr stark historisch geprägt ist: "Das Gewaltmonopol ist nichts, was existiert oder nicht existiert, sondern etwas, was sich im Laufe der Zeit verfestigt. Noch bis vor ganz kurzer Zeit durften Männer Frauen schlagen und vergewaltigen, wenn sie mit ihnen verheiratet waren. Das zu verbieten ist auch eine Funktion des staatlichen Gewaltmonopols. Die Gesellschaft sagt: Nein, es gibt diese Nische nicht mehr, wo Menschen willkürlich gewalttätig sein können. "
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Medien

In der Welt ärgert sich Arianna Huffington ungeheuer, dass die amerikanischen Medien Donald Trump meistens wie einen normalen Kandidaten behandeln. So umschrieb die New York Times kürzlich dessen Rassismus als "'verkürzte Betrachtungsweise ethnischer Zugehörigkeit'. Trumps Haltung gegenüber Frauen, schrieb das Blatt, sei 'komplex' und trotze 'einfacher Kategorisierung'. Als ob Sexismus plötzlich so kompliziert wie die Stringtheorie wäre", schreibt Huffington und warnt: Das ist keine ausgewogene Berichterstattung. "Nicht jede Entwicklung hat zwei Seiten. Die Wahrheit ist oft entweder nur auf der einen oder auf der anderen zu finden. Die Erde ist nicht flach. Die Evolution ist eine Tatsache. Der Klimawandel ist eine Tatsache. Und schon überhaupt keine Kehrseite hat der Vorschlag eines Religionstests bei der Einreise in unser auf Glaubensfreiheit gegründetes Land. Das ist einfach nur polarisierendes, dümmliches Unrecht."
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Politik

Der Historiker Thomas Frank kritisierte bereits gestern im Gespräch mit Matthias Kolb von der SZ die amerikanischen Demokraten, die ihre Solidarität mit den Arbeitern aufgegeben hätten. Sie sei einer Idolatrie für Bildung und Google gewichen. "Die Leute haben gute Gründe, wütend zu sein. Die große Mehrheit hat sich von der Wirtschaftskrise nicht erholt, das Einkommen der Durchschnittsfamilie liegt unter dem Niveau von 2007. Die Bürger spüren, dass der Wohlstand nicht zurückkommt, weil sich etwas Strukturelles ändert: Die Mittelklasse schrumpft, und das erschüttert unsere Identität als Amerikaner. Als ich in den Siebzigern aufwuchs, gehörten alle zur Mittelklasse oder waren auf dem Weg dorthin."
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Stichwörter: Demokraten

Kulturmarkt

Alles in allem geht es Verlagen und Buchhandel ziemlich gut, so Rolf Obertreis, der im Tagesspiegel neue Zahlen des Börsenvereins resümiert: "Trotzdem muss der klassische Buchhandel weiter kämpfen. 2015 sackte der Umsatz um 3,4 Prozent auf gut 4,4 Milliarden Euro ab - ergänzt allerdings um den eigenen Online-Umsatz (rund 400 Millionen Euro). Diese Sparte wird weiter von Amazon beherrscht, nach Schätzungen des Börsenvereins mit einem Anteil von 50 bis 70 Prozent."
Archiv: Kulturmarkt
Stichwörter: Buchhandel