Efeu - Die Kulturrundschau

Orgelpunkt ist die industrielle Arbeit

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.06.2016. Die taz bewundert die Ruhrpottfotos von Erich Grisar. Chinas Künstler müssen sich vor wütenden Wanderarbeitern, boshaften Dorffunktionären und großen Muttis fürchten, erklärt uns die NZZ. Die SZ wünscht sich mehr Internet im Theater. Wie die digitalen Techniken inzwischen das Kino verändern, erklärt die NZZ, die auch den Einfluss des Kinos auf die Mode untersucht.

Kunst


Vor der Westfalenhütte, Dortmund, 1928 - 1933. Bild: Erich Grisar / Stadtarchiv Dortmund.

Eine Flaschenpost aus einer untergegangenen Zeit stellen die Fotografien dar, die der bislang eher als Autor bekannte Erich Grisar vom Ruhrpott am Ende der Weimarer Republik angefertigt hat. Nun ist dieser historische Schatz im Ruhr Museum in Essen zu sehen, wo sie auf das große Interesse der Kritiker stoßen: "Nüchtern und zeitlos" sind diese Bilder, schreibt Lennart Laberenz in der taz: "Heinrich Zilles Ästhetik kann man herausschmecken, ein wenig August Sander. Grisar dokumentiert politische und soziale Verhältnisse. ... Grisar verlässt selten das Proletariermilieu, der Orgelpunkt ist die industrielle Arbeit, die Bilder beschreiben die Welt, die sie schafft: Menschen bücken sich, werden gebückt, Werbung für ein Waschmittel zwingt sie ins Kostüm, entstellt die Person. Grisar blickt auf sie als Humanist und Aufklärer." Für die FAZ war Andreas Rossmann vor Ort: "Wo Kornfeld und Kohle, Asphalt und Abraum, Wiese und Werkszaun aufeinanderprallen, zeigen sich Brüche in Zeit und Raum." Der Nordstadtblogger bringt eine kommentierte Strecke.

Als Künstler muss man in China hart im Nehmen sein, auch wenn man Erfolg hat, lernt man von Minh An Szabó de Bucs, die in der NZZ den Zusammenprall von bettelarmen Wanderarbeitern, Künstlern und Dorffunktionären berichtet, die im Pekinger Bezirk Heiqiao aufeinanderprallen. Die Wanderarbeiter fühlen sich provoziert, wenn vor einem Atelier ein lindgrüner Porsche parkt. "Zur offenen Ablehnung der Einheimischen kommen die Schikanen der lokalen Dorffunktionäre hinzu. Sie heuern korpulente, ältere Frauen an, die sogenannten 'dama', die 'großen Muttis'. Ihre Aufgabe ist es, am Ortseingang Künstler anzurempeln, um sich anschließend laut wehklagend auf den Boden fallen zu lassen und die Angerempelten der Körperverletzung zu bezichtigen. Mitunter werfen sie sich gegen das Auto eines Künstlers und täuschen eine Verletzung vor. Alles läuft auf Schmerzensgeldforderungen hinaus." Stefanie Schweiger hat in Heiqiao für die NZZ fotografiert.

Weiteres: Hans Joachim Müller besucht für die Welt das erweiterte Sprengel Museum in Hannover, kann sich mit der neuen Hängung aber nicht anfreunden. Ueli Bernays unterhält sich für die NZZ mit dem russischen Künstler Jewgeni Antufjew, der während der Manifesta 11 den Großmünsterpfarrer Martin Rüsch kennen lernte und sich mit ihm anfreundete. Ingeborg Ruthe (Berliner Zeitung) und Michael Bienert (Tagesspiegel) besuchen das nach Sanierung nun wieder zugängliche Kolbe-Museum in Berlin. Für die Zeit hat Maxim Biller den Fotografen Daniel Josefsohn im Berliner Wedding besucht, sich von dessen schlechter Laune nicht, jedoch umso mehr von dessen neuer "Star Wars"-Serie beeindrucken lassen. Die Chagall-Enkelin Meret Meyer erinnert sich im Gespräch mit der NZZ an ihren Großvater.

Besprochen werden Rochelle Feinsteins Ausstellung "I Made a Terrible Mistake" im Lenbachhaus in München (SZ), die Ausstellung "Welt am Draht" in der neuen Berliner Dependance der Sammlung Julia Stoschek (taz), Dieter Blums Fotoausstellung "Cowboys" in der Daimler Contemporary in Berlin (Tagesspiegel) und die Ausstellung zu Alexander Calder & Fischli/Weiss in der Fondation Beyeler in Riehen (FAZ).
Archiv: Kunst

Film

Immer perfekter werden die Illusionen heute im Kino, dank der digitalen Technik. Aber wollen wir das überhaupt, fragt Nina Jerzy in der NZZ. Steven Spielberg "hat wie kein anderer Filmemacher die Digitalisierung des Kinos vorangetrieben. Gerade aber scheint sich eine Art analoges Comeback anzudeuten, das Kunstfertigkeit, Handwerk und die besondere visuelle Qualität des belichteten Films unterstreicht. Neben langjährigen Zelluloid-Anhängern wie dem standhaften 3-D-Verweigerer Christopher Nolan ('Interstellar') und seinem Kollegen Quentin Tarantino ('The Hateful Eight') hat ausgerechnet J. J. Abrams sein 'Star Wars'-Reboot 'The Force Awakens' auf Zelluloid gedreht. Auch Teil acht des Weltraumepos soll nicht auf Festplatten gebannt werden."

Im Perlentaucher stellen Lukas Foerster und Sebastian Markt zwei Filme beim Festival "Unknown Pleasures #8" vor: Frederic Wisemans "In Jackson Heights" und Patrick Wangs "The Grief of Others". Über letzteren schreibt Foerster: "'The Grief of Others' ist nur auf den allerersten Blick ein Indiedrama, wie man viele zu kennen meint: privatistisch, entschläunigt, mit Hang zur selbstquälerischen (Jessica) bis passiv-aggressiven (John) Introspektion, voller fahriger Gesten und nervöser Dialoge. Lässt man sich auf die Bilder ein, so ist sofort alles anders."

Weitere Artikel: Für die taz spricht Jenni Zylka mit Anne Ratte-Polle über deren Titelrolle in Carolina Hellsgårds (im Tagesspiegel besprochenen) Film "Wanja". Im Freitag spekuliert Sarah Khan schon einmal, was uns in der angekündigten dritten Staffel von David Lynchs "Twin Peaks" erwarten könnte. In der NZZ stellt Steffen Haubner das Videospiel "Uncharted 4: A Thief's End" als Musterbeispiel für die Kunst interaktiven Erzählens vor.

Besprochen werden Sergei Loznitsas "Event" (Freitag), Mor Kaplanskys Dokumentarfilm "Café Nagler" (taz), Till Müller-Edenborns Komödie "Rockabilly Requiem" (Tagesspiegel), Burr Steers "Stolz und Vorurteil und Zombies" (Tagesspiegel, SZ), das schwule Liebesdrama "Holding the Man" (SZ), Andreas Grubers Film über Oberösterreich 1967 "Hannas schlafende Hunde" (Welt) und die dem Animationsstudio Blue Sky gewidmete Ausstellung im Musée de l'art ludique in Paris ("ein Augenlustgarten", schwärmt Andreas Platthaus in der FAZ).
Archiv: Film

Musik

In der NZZ unterhält sich András Csúri mit der portugiesischen Pianistin Maria João Pires über künstlerische Werte. In der FAZ resümiert Reinhard Kager die Wiener Festwochen, die zahlreiche Konzerte politisch anreicherten, um dem "Klima der Abschottung ein Zeichen des Humanitären entgegenzusetzen".

Besprochen werden ein Bach-Konzert mit der Pianistin Angela Hewitt (NZZ), Auftritte von Bonnie Raitt (FR) und Elton John (FR) sowie ein Tschaikowsky- und Strauss-Konzert von Frank Peter Zimmermann unter Kirill Petrenko (SZ).
Anzeige
Archiv: Musik

Bühne

Für Marketingzwecke hat das Theater das Internet mittlerweile gut nutzen gelernt, doch mit der künstlerischen Einbeziehung hapert es noch, meint Christiane Lutz in der SZ. Das findet sie nicht nur deshalb bedauerlich, weil das Internet das Instrumentarium des Theaters "wunderbar" ergänzen könnte, sondern auch, weil der Umgang mit dem Netz längst Bestandteil der Alltagswelt geworden ist. Und "das Theater [ist] kein Zufluchtsort vor der Welt, sondern ein Ort der Auseinandersetzung mit ihr."

Besprochen werden eine Dada-Soiree mit Peter von Matt und Robert Hunger-Bühler bei den Zürcher Festspielen (NZZ), das Festival "Projeto Brasil" in Frankfurt (FR), Christian Stückls Inszenierung von Carlo Goldonis "Diener zweier Herren" in Wien (Freitag) und Damiano Michielettos Mailänder Inszenierung der "Dreigroschenoper" (SZ).
Archiv: Bühne

Literatur

In der Welt unterhält sich Peter Praschl mit der britischen Autorin Kate Tempest über ihren Debütroman "Worauf du dich verlassen kannst". Sie habe viel verworfen beim Schreiben, erzählt sie: "Das ist es schließlich, was einen Schreiber ausmacht. Man muss Opfer bringen. Wenn man 30.000 Wörter wegwirft, ist das ein fantastisches Gefühl, weil es dem Werk guttut."

Besprochen werden unter anderem Saša Stanišićs "Fallenstellen" (FR), Françoise Girouds "Ich bin eine freie Frau" (NZZ), Lafcadio Hearns "Youma" (Freitag), Charles Jacksons "Die Niederlage" (Freitag) und Miriam Toews' "Das gläserne Klavier" (SZ).
Archiv: Literatur

Design

Korsett aus der Korsett aus der "overlook"-Kollektion von Alexander McQueen 1999. Foto: Victoria and Albert Museum
Modedesigner lassen sich für ihre Defilees immer öfter vom Kino inspirieren, meint Marisa Buovolo in der NZZ. Meister der Anverwandlung war der früh verstorbene Alexander McQueen: "Mit schöpferischer Kraft hat McQueen aus den Fragmenten des Kinos einen neuen Kosmos geschaffen. Nehmen wir den Schauplatz des Overlook-Hotels aus Kubricks 'The Shining', der in zahlreichen Fashion-Shows meist plakativ reproduziert wird - etwa in einem Gucci-Defilee von 1999. Statt aber den Film nur fad zu zitieren, hat McQueen für die Präsentation seiner Kollektion 'The Overlook' von 1999 Kubricks symbolträchtiges Hochgebirgs-Hotel in einen Plexiglas-Kubus inmitten einer tiefverschneiten Landschaft verwandelt. Die Models treten als zerbrechliche Tänzerinnen auf Schlittschuhen auf und präsentieren in opulenten Pelzen, Pullovern und Parkas in Pink eine moderne Vision von Luxus. Luxus als Horror?"

Mehr zu dieser Schau im VAM und hier das Defilee:



Archiv: Design