9punkt - Die Debattenrundschau

Norwegens kosmopolitische Ecke

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.06.2016. Im Interview mit der Presse spricht Gilles Kepel über seinen Streit mit Olivier Roy, aber auch über die ökonomischen Aspekte des Islamismus in Frankreich.  In der Revue des deux mondes erzählt Elisabeth Badinter, wie die Französische Revolution die Aufklärung verriet. In der NZZ begrüßt der norwegische Autor Kjartan Fløgstad die Flüchtlinge am nördlichsten Zipfel des Schengen-Raums. In der SZ  lernen wir: Kein Parmesan ohne Inder. Und amerikanischen Journalismus machen die Inder laut taz inzwischen auch.

Ideen

Im Gespräch mit Anne-Catherin Simon von der Presse  spricht der bekannte Islamforscher Gilles Kepel über die "gscheiterten" Anschläge vom 13. November in Paris, über seinen Streit mit seinem Kollegen Olivier Roy und über den in Frankreich so wichtigen ökonomischen Aspekt des Islamismus: "Der Halal-Markt ist tatsächlich eine Schatztruhe. Er betrifft ja nicht nur den Fleischkonsum, sondern auch andere Lebensbereiche wie das Heiraten. Natürlich kann man theoretisch halal leben, so wie man bio lebt, aber es ist eine Tatsache, dass dieser Markt sich genau parallel mit dem Aufstieg des Salafismus ab dem Ende der 1990er-Jahre entwickelt hat. So gewinnen die Islamisten, die hauptsächlich von Sozialleistungen leben, an den arbeitenden Muslimen."

Laurent Joffrin von Libération liest eine neue Ausgabe der wiederbelebten, einst so berühmten Revue des deux mondes (Inhaltsverzeichnis), in der Feministinnen universalistischer Couleur um Elisabeth Badinter und Caroline Fourest ihren Standpunkt darlegen und sich gegen die aus Gender und postcolonial studies kommenden neuen Feministinnen wenden. Von diesen wird der klassische als der "weiße" Feminismus abgetan, erläutert Joffrin, der sich allerdings sicher ist: "Historisch ist der Kampf für die Gleichheit von Mann und Frau mit den Fortschritten des Säkularismus verknüpft. Ein großer Teil der Repressionen gegen Frauen ist religiösen Ursprungs. Das galt lange für die katholischen Länder, und es ist ganz klar der Fall in Nationen, die vom Fundamentalismus regiert werden wie Saudi-Arabien und andere Länder."

Die Revue des deux mondes stellt natürlich keinen der Artikel online. Immerhin findet sich ein von Valérie Toranian geführtes Interview mit Elisabeth Badinter, die erzählt, wie in der Französischen Revolution ein reaktionäres Frauenbild obsiegt - gegen die Erkenntnisse der besten französischen Aufklärer. Die Revolution sei ein Sieg Rousseaus über Condorcet: "Condorcet kommt aus der Linie der Aufklärer. Voltaire, ein Feminist, ohne es zu wissen, nimmt Stellung gegen die frauenfeindlichen Stücke von Molière. D'Alembert und Diderot bringen den Frauen unendlichen Respekt entgegen. Bei ihnen gibt es keinen Herrschaftsdiskurs. Condorcet theoretisiert in den 1780er Jahren über die notwendige Gleichheit der Geschlechter. Er preist eine identische Erziehung für Mädchen und Jungen. Seine Ideen werden während der Revolution niemals auf die Tagesordnung gesetzt. Man spottet darüber."
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Europa

Seit 2015, mit dem Absturz des Ölpreises, ist die Krise auch im ölreichen Norwegen angekommen, erzählt der Schriftsteller Kjartan Fløgstad in der NZZ. Und Flüchtlinge kommen auch, zu Tausenden, trotz eines unendlich beschwerlichen Wegs, durch militärisches Terrain, das eigentlich ohne Spezialerlaubnis unpassierbar ist und bei teils minus 30 bis 40 Grad Kälte. Sie kommen über den "nördlichsten Zipfel des Schengen-Raums. Folgt man der Küste von der Ölprovinz Rogaland nord- und dann ostwärts, so erreicht man den Bezirk Finnmark und die Gemeinde Sør-Varanger an der Barentssee, wo der Ort Kirkenes liegt - so östlich wie Istanbul und Kairo. Hier war schon immer Norwegens kosmopolitische Ecke. Während das Land sonst lutherisch, einsprachig und homogen ist, trifft man hier auf Finnmarker, die sich mühelos mehrsprachig unterhalten, mit Samisch, Skandinavisch, Finnisch oder Russisch als Erstsprache. Hier bilden die Flüsse Jakobselva und Pasvik eine wenig bekannte, stark überbewachte Grenze. Seit dem Grenztraktat von 1826 treffen hier Norwegen und Russland (mit einem finnischen Zwischenspiel 1919 bis 1944) an einer Grenze aufeinander, die für tiefe kulturelle, sprachliche, ethnische und politische Unterschiede steht - im Kalten Krieg der einzige Landstreifen in Europa, wo die Nato unmittelbar an die Sowjetunion grenzte."

Weiteres: Thomas Steinfeld begibt sich für die SZ in die Po-Ebene und besucht einige der Hunderttausenden Inder, die in Italien in der Landwirtschaft arbeiten - tatsächlich, so Steinfeld, sei Italien in Europa nach Britannien das Land mit den zweitmeisten Indern. "Ohne die Einwanderer aus Indien, erklären die Funktionäre des nationalen Syndikats der Landwirte, gäbe es keine Milchwirtschaft mehr in der Bassa Padana. Ohne die Milch aber entstünde weder der Grana Padano noch sein feinerer Verwandter, der Parmigiano Reggiano - und auch sonst nichts von dem, was in Deutschland unter dem Sammelnamen 'Parmesan' verwendet wird."
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Medien

Selbst Journalismus lässt sich nach Indien outsourcen, erzählt Christian Jakob in der taz, der einen solchen Sweatshop für Lokaljournalismus und Layout in der indischen Stadt Gurgaon besucht hat. Und das geht schon ein ganzes Weilchen so: "2006 gründete der Amerikaner James Macpherson in Kalifornien die Lokalzeitung Pasadena Now. Das war ungewöhnlich, denn in den USA ging schon damals eine Zeitung nach der anderen pleite. Macpherson ließ die Lokalgeschichten nicht in Pasadena schreiben, sondern von indischen Journalisten in Mumbai und Bangalore - zu, versteht sich, ortsüblichen Löhnen. Sie recherchierten per Telefon, Rentner streamten für sie lokale Pressekonferenzen per Videokamera nach Indien."
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Geschichte

Dass Deutschland als ehemaliger Verbündeter der Türkei den Völkermord an den Armeniern benennt, hat für den armenisch-türkischen Journalisten Yetvart Danzikyan im Gespräch mit Jürgen Gottschlich von der taz ein höheres Gewicht als die britische oder französische Anerkennung: "Nicht nur symbolisch, sondern auch ganz praktisch. Denn in den deutschen Akten finden sich ja die Beweise für den Völkermord. Deutschland kann das ja mit viel größerem historischen Gewicht darlegen als Frankreich oder England. Deutschland hätte das viel früher tun müssen."

Burak Yilmaz von den "Heroes Duisburg" erzählt in einem faszinierenden Text für die Kolumnisten, wie er mit muslimischen Jugendlichen aus Duisburg, denen von den Eltern oft eine gehörige Dosis Antisemitismus eingeimpft wurde, Auschwitz-Reisen vorbereitet: "Auschwitz geht auch sie als diverskulturelle etwas an, denn in Auschwitz werden die Jugendlichen, die an der Fahrt teilnehmen und die in Deutschland nie als Deutsche wahrgenommen werden - ausgerechnet in Auschwitz - das erste Mal als Deutsche wahrgenommen. Völlig unerwartet wird man auf einmal zum Deutschen. Besonders in der Mischung Deutscher und gleichzeitig Araber bzw. Muslim liegt eine große Spannung, da man in Auschwitz auch das erste Mal Israelis trifft."


Roberto Donetta: Familienporträt, Bleniotal © Fondazione Archivio Fotografico Roberto Donetta, Corzoneso

In der NZZ empfiehlt Daniele Muscionico eine Winterthurer Ausstellung des glücklosen, in seiner Zeit verlachten Fotografen und Samenhändlers Roberto Donetta, die nicht nur wunderbare Fotografien des 1936 gestorbenen Tessiners zeigt, sondern auch einiges über die Zeit im Bleniotal lehrt: "Wer in der Fotostiftung Schweiz dem Werk des Autodidakten Roberto Donetta gegenübersteht, blickt zurück in eine Zeit und in eine Randregion der Schweiz, die sozialhistorisch und ethnologisch noch zu entdecken ist. Vornehmlich gilt das für den Einfluss der Gotthardbahn auf den Alltag der Menschen und ihr hartes Leben in den Tessiner Bergtälern. Im Fall von Roberto Donetta war die Macht der neuen Bahn zweischneidig. Alles, was er für seinen Beruf brauchte, seine Fotochemikalien, seine Samen, brachte sie aus Zürich, aus Genf oder Biel mit. Mit derselben Bahn verließen ihn aber auch seine Nächsten."
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Kulturpolitik

Der glücklose Chef des Deutschen Historischen Museums, Alexander Koch, muss gehen. Nun tagt eine vertrauliche Findungskommission aus eben jenen Verantwortlichen, denen das aktuelle Desaster zu verdanken ist. Nikolaus Bernau fragt sich in der FR: "warum es nicht eine offene Ausschreibung des Postens gibt. Auch in der Kultur belebt die Konkurrenz das Geschäft. Ideen und unterschiedliche Konzepte könnten so öffentlich präsentiert, diese möglicherweise sogar schon mit den Mitarbeitern abgestimmt werden - die über die Sammlungen, die Traditionen und die Möglichkeiten des Hauses im Allgemeinen mehr wissen, als jede Chefetage wissen kann. Und dann wird ausgewählt."