Efeu - Die Kulturrundschau

Hier bröckelt die Sachlichkeit

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03.06.2016. Mit der Berlin Biennale erfahren die absurden Gangways in Günter Behnischs Akademie der Künste endlich eine Bestimmung, freut sich der Tagesspiegel. Im Interview mit IndieWire erzählt Regisseur Brian de Palma, warum die Zusammenarbeit mit HBO ein Albtraum war. Die taz betrachtet in München schmächtige Jungskörper in Badehosen in Kenan Karacas Bühnenadaption einer Kurzgeschichte von David Foster Wallace. Europäer können keinen Jazz spielen, behauptet der Saxophonist Brandon Marsalis im Interview mit der NZZ.

Kunst

Entzückt besucht Nicola Kuhn für den Tagesspiegel die Akademie der Künste, der Hauptstätte der Berlin Biennale: "Nie hat man Günter Behnischs unselige Architektur belebter, die absurden Gangways, Zwischengeschosse und Terrassen besser genutzt gesehen als mit den nun implantierten Installationen, Leuchtkästen, Filmen, Figurinen." Jens Balzer von der Berliner Zeitung hat unterdessen in Erfahrung gebracht, worum es der Berlin Biennale in erster Linie geht: nämlich "um das grundlegend gewechselte Verhältnis zwischen dem Öffentlichen und der Privatheit, um die Re-Konfiguration der Subjektivität in Zeiten einer nicht mehr beherrschbaren Fülle an subjektivitätskonstituierenden und gleichzeitig -unterminierenden Kräften." Bei Shawn Maximos Toiletteninstallation in den Neuen Kunstwerken erfährt er denn auch folgerichtig: "Beim Urinieren und Kacken sind die Menschen nun einmal gleich; alles andere ist Ideologie." Hier der Royal flush der Berlinale im Video.

Urs Fischer, Guerkli, 2009. © Urs Fischer Urs Fischer, Guerkli, 2009. © Urs Fischer
Die Urs-Fischer-Ausstellung im Genfer Musée d'art et d'histoire segelt unter falscher Flagge, meint in der NZZ ein irritierter Samuel Herzog. Tatsächlich gebe es gar keine Urs-Fischer-Ausstellung. "Was es in Genf zu sehen gibt, ist eine Schau mit Werken aus der Sammlung des zypriotischen Industriellen Dakis Joannou, der einige, auch große Arbeiten von Urs Fischer sein eigen nennt. Das ist ein wenig befremdlich, zumal der Künstler ja noch lebt und von einer bedeutenden Institution wie dem MAH doch direkt angesprochen werden könnte. Oder etwa nicht? Ist Fischer auf dem Markt ein solcher Blue Chip, dass man als Schweizer Institution nur via Zypern an ihn herankommt? Es scheint den großen Häusern immer schwerer zu fallen, unabhängig und aus gänzlich eigener Motivation heraus Ausstellungen mit zeitgenössischer Kunst zu realisieren."

Weiteres: Mit der Eröffnung der Berliner Dependance der Julia Stoschek Collection hat die Sammlerstadt Berlin nicht nur ihren interessantesten, sondern auch glamourösesten Neuzugang erhalten", schreibt Nicola Kuhn in ihrem Porträt für den Tagesspiegel. In Paris wurde Alexander Polzins im Lauf von 17 Jahren entstandene Skulptur zum Gedenken an Paul Celan aufgestellt, berichtet Marleen Stoessel in der FAZ, der Osnabrücker Germanist Christoph König hielt die Festrede. Brigitte Werneburg schreibt in der taz zum Tod des Kurators Frank Wagner.
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Film

New York, Du hast es besser: Seit Mittwoch läuft dort die mit 35mm-Kopien bestrittene Retrospektive der Filme von Brian De Palma. Auch anlässlich einer neuen Doku über den in Hollywood längst in Ungnade gefallenen Auteur hat sich Eric Kohn für IndieWire mit De Palma unterhalten. Warum er eine für HBO geplante Serie aufgegeben hat, erfährt man nebenbei auch - vom Mythos des Fernsehens als neuem sicheren Hafen für Kreative bleibt dabei freilich nur wenig übrig: "Niemals habe ich eine solche Einmischung eines Studios erlebt. Ich habe Stapel von Kurznachrichten bekommen, immer und immer wieder, von verschiedenen Leuten. Es hat sich verändert. Sie wollen in alles einbezogen werden. Ich erinnere mich, wie ich während eines Probelesens für 'Fegefeuer der Eitelkeiten' die Manager aus dem Zimmer warf. Seid ihr verrückt? Diese Schauspieler können nicht beim ersten Lesen ihrer Rollen vor Studiomanagern proben! Sie behaupteten, sie würden kein Wort sagen, aber das ist Blödsinn. Dasselbe passierte mir mit dem Paterno-Projekt. Ich sagte, 'Al hört sein Material zum ersten Mal, da können keine Studiomanager neben ihm sitzen.' Sie waren unglaublich beleidigt, schmollend, verärgert. Ich habe es schließlich aufgegeben. Haben Sie HBOs "Project Greenlight" gesehen? Der HBO-Manager in dieser Show, Len Amato - das war der Typ, mit dem ich zu tun hatte. In der Show sehen Sie Len im Schnittraum, Vorschläge machend. Mein schlimmster Albtraum. Ich musste mich noch nie mit einem Produzenten im Schnittraum auseinandersetzen. Und beim Fernsehen hat man auch nicht das Recht auf den letzten Schnitt. Können Sie sich vorstellen, dass Martin Scorsese beim Fernsehen nicht das Recht auf den letzten Schnitt hat? Ich muss Marty fragen, ob das stimmt."

Zum Trost gibts hier de Palmas "Sisters" von 1972 auf Youtube, ein früher Thriller des Meisters:



Weiteres: In der Werkschau Sohrab Shahid Saless des Berliner Zeughauskinos läuft heute Abend der 1974 in Deutschland entstandene "In der Fremde", den Lukas Stern auf critic.de ausführlich vorstellt.

Besprochen werden Maria Schraders "Vor der Morgenröte" (Tagesspiegel, mehr im gestrigen Efeu), "The Nice Guys" mit Ryan Gosling und Russell Crowe (Tagesspiegel, Welt), Michel Gondrys "Mikro & Sprit" (Tagesspiegel), die Netflix-Serie "London Spy" (ZeitOnline) und der Fußballbetriebs-Dokumentarfilm "Dirty Games" (ZeitOnline, FAZ).
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Musik

Für sein neues Album "The Triad" hat sich Pantha Du Prince näher mit Fritz Langs SF-Klassiker "Frau im Mond" beschäftigt, erklärt Robert Hentschel in der Jungle World. Dem Album liegen offenbar recht polit-esoterische Überzeugungen zugrunde: "Die Musik von Pantha Du Prince soll tagtraumähnliche Bewusstseinszustände hervorrufen, in denen Vorstellungen einer würdevoll eingerichteten Gesellschaft möglich werden. Ein Ansatz, der den Kern seines Klangkosmos auszumachen scheint: Hier driftet der Realismus ins Magische, bröckelt die Sachlichkeit zugunsten des Mythos. In Bezug auf 'Frau im Mond' kommt die Frage nach einer besseren Welt als retrofuturistische Nostalgie daher: Als sehnsüchtiges Schwelgen in Erinnerungen an die Verheißungen einer Zukunft, die ­unsere Gegenwart kategorisch versperrt."

Von den Produktionen europäischer Jazzlabels hält Branford Marsalis gar nichts, wie er im NZZ-Interview erläutert. "Oft ist das wirklich nicht Jazz. Und ich verstehe gar nicht, weshalb man das unbedingt Jazz nennen soll, aber so what . . . Vielleicht können all diese Musiker nicht Jazz spielen. So spielen sie immerhin, was sie spielen können." Und überhaupt: "Jazz ist eine afroamerikanische Tradition. Wenn es nicht afroamerikanisch ist, ist es nicht Jazz."

Zum Glück hat er Bill Evans nicht rechtzeitig Bescheid gesagt.



Weitere Artikel: Das Europäischen Jugendorchester soll nach Protesten nun doch nicht aufgelöst werden, meldet Christian Wildhagen in der NZZ. Jan-Peter Wulf von Das Filter porträtiert den vornehmlich mit alter Technologie zu Werke gehenden Klangtüftler Martyn Heyne. Für Das Filter spricht Ji-Hun Kim mit dem DJ/Produzent Trevino. Anlässlich der Veröffentlichung des neuen Albums "Pop & Tod I und II" von Die Heiterkeit sprechen Diviam Hoffmann (taz) und Christina Mohr (Jungle World) mit der Band. Simon Price von The Quietus spricht mit den Manic Street Preachers über ihr vor 20 Jahren veröffentlichtes Album "Everything Must Go". Die Zeit hat jetzt Moritz von Uslars Interview mit dem Pianisten Igor Levit zu Beethovens 32 Klaviersonaten online gestellt.

Besprochen werden ein Konzert der Os Mutantes (taz), das Album "Konnichiwa" von Skepta (taz), ein waschmaschinengestütztes Konzert von Matmos (Tagesspiegel), ein neues Album von Reinhard Mey (Welt) und das Leipziger Konzert von AC/DC mit Axl Rose (FAZ).

Außerdem jetzt online bei Arte: Ein Mitschnitt von Kamasi Washingtons mitreißendem Pariser Konzert am 01. Juni.
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Archiv: Musik

Literatur

Judith von Sternburg (FR) und Sandra Kegel (FAZ) berichten vom Auftakt des Frankfurter Festivals Literaturm. Und Nora Bossong bepflanzt ihren Balkon - wir wünschen gutes Gelingen.

Besprochen werden unter anderem neue Kinderhörbücher (FR), Tom Carthys "Satin Island" (FR) und Michelle Falkoffs "Playlist For The Dead" (Tagesspiegel). Mehr im Netz aus dem literarischen Leben auf Lit21, unserem fortlaufend aktualisierten Metablog.
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Stichwörter: Nora Bossong

Bühne


Für immer ganz oben. Bild: Volkstheater München

Theaterkritikerin Annette Walter war im Müller'schen Volksbad München: Dorthin hat das Volkstheater München Abdullah Kenan Karacas Bühnenadaption von David Foster Wallace' Kurzgeschichte "Für immer ganz oben" über einen pubertierenden Jungen verlegt - und das ist ein "Coup", meint die taz-Kritikerin, "denn das Volksbad ist (...) ein Jugendstil-Kunstwerk mit einer monumentalen Kuppel, die einen als Zuschauer allein schon wegen des imposanten Raumes beeindruckt." Auch zur Inszenierung passt das Setting: "Die Aufreihung der schmächtigen Jungskörper in Badehosen versinnbildlicht eben jene körperliche Verletzlichkeit, die die Hauptfigur im verwirrenden Übergang von Kindheit zu Adoleszenz so schmerzlich empfindet. Schade allein, dass von der Sprache der Erzählung nicht mehr viel übrig bleibt. Die Essenz der Geschichte wird in dieser Inszenierung allein auf einer rein sinnlichen Ebene erfahrbar."

Besprochen werden Moritz Eggerts in Linz gezeigte Science-Fiction-Oper "Terra Nova" (NZZ, "eine krachende Bruchladung", stöhnt Reinhard Kager in der FAZ).
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