9punkt - Die Debattenrundschau

Die Mitte ist kein unschuldiger Nullpunkt

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.06.2016. In der taz zeigt Timothy Snyder, wie die nationalistische Geschichtspolitik der polnischen Regierung die Rolle Polens im Zweiten Weltkrieg eher schmälert. Achille Mbembe fragt sich in Libération, warum die Franzosen eine anale Fixierung auf das Kopftuch haben. Das Humboldt-Forum soll sich nicht als "ethnografisches" Museum verstehen, fordert die Museumshistorikerin Sharon MacDonald in der taz. Zwei Videos zeigen, warum Mahammad Ali als Angreifer und mehr noch als Verteidiger, der Größte war.

Europa

Wenn Britannien sich tatsächlich mit dem Brexit beschädigt, dann kriegt es zurück, was es ausgeteilt hat, schreibt Martin Kettle in einem ziemlich beeindruckenden Essay für den Guardian. Einer der Hauptfaktoren ist für ihn die britische Presse: "Wir werden den Preis für unsere Medien bezahlen. Britischer Journalismus hält sich für besonders großartig. Ich glaube, es ist erhellender, ihn sich als besonders grauenhaft vorzustellen. Wenige europäische Länder haben so parteiische, irreführende aggressive Zeitungen wie einige der übermächtigen Titel in diesem Land. Ein Brexit ist nur wegen der Presse möglich geworden. Wenn es keine anderen guten Gründe gäbe zu bleiben, dann wäre für mich die Hoffnung, dieser Presse ihren Triumph in europäischen Dingen zu verweigern, für mich schon ausreichend."

Die FPÖ behauptet, sie sei die neue Mitte. Das ist alles andere als harmlos, schreibt Isolde Charim in ihrer Kolumne für die Wiener Zeitung: "Normalität ist etwas, das hergestellt wird... Wem es gelingt, zu definieren, was politisch 'normal' ist, der hat die Mitte, die politische Mitte besetzt. Deshalb ist die Mitte auch kein unschuldiger Nullpunkt, wo die Gesellschaft als einheitliche zu sich kommt. Sie ist vielmehr ein weißer Fleck, der erobert wird. Der Ort einer politischen Vormachtstellung. Und um diese ringt die FPÖ. Wenn sie sich zur 'neuen Mitte' erklärt, so nicht, weil sie plötzlich moderat geworden wäre."

Außerdem: FAZ-Redakteur Paul Ingendaay war dabei, als Thilo Sarrazin in Berlin ein Buch des ehemaligen tschechischen Präsidenten und EU-Feinds Vaclav Klaus über die "Migrationskrise" vorstellte - das laut Ingendaay zu einer Programmschrift der AfD werden könnte.
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Politik

"Bangladesch ist für Leute, die sagen, dass Homosexuelle Rechte haben sollten oder dass der Islam nicht auf alles Antworten hat, einer der gefährlichsten Orte der Welt geworden", schreibt der Economist: Und die "angeblich säkulare Regierung des Landes zieht lieber die Toten in den Schmutz, als dass sie ihre Mörder fasst. 'Unsere Gesellschaft erlaubt keine Bewegungen, die unnatürlichen Sex fordern', sagte der Innenminister Asaduzzaman Khan Kamal, nachdem der homosexuelle Aktivist Xulhaz Mannan ermordet worden war. Sheikh Hasina, der Premierminister verglich die Texte des ermordeten Bloggers mit Pornografie. Diejenigen, die säkulare Stimmen mit Stahl zum Schweigen bringen, werden kaum je gefasst."
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Stichwörter: Bangladesch, Pornografie

Medien

Die taz arbeitet sehr ausführlich die Affäre um den "Keylogger" Sebastian Heiser auf, der im letzten Jahr die Dateien seiner taz-Kollegen ausspioniert hatte. Im Editorial heißt es beruhigend: "Nach dieser Recherche wissen wir mehr. Nichts deutet darauf hin, dass der Kollege für jemand anderen als für sich selbst spioniert hat."

Weiteres: In Spanien entstehen immer mehr - und wirtschaftlich durchaus erfolgreiche - neue Online-Medien, die kritischer und unabhängiger über politische Skandale berichten als die großen Zeitungen, informiert Cornelia Derichsweiler in der NZZ. In der Welt kritisiert Alan Posener die Art und Weise, wie die FAS das berühmt-berüchtigte Boateng-Zitat von Alexander Gauland präsentierte.
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Kulturpolitik

Für die taz unterhält sich Anne Haeming mit der Museumshistorikerin Sharon MacDonald, die das Humboldt-Forum berät und einen Bezug der Ausstellungen zur Gegenwart wünscht: "Es wäre radikal gewesen, gar nicht erst vom 'ethnografischen' Museum zu sprechen. Solche Kategorien schränken von vorneherein ein. Beim Humboldt-Forum gab es anfangs ein starkes Bedürfnis, ethnografische Exponate als Kunst auszustellen, mit Fokus auf ihrer Schönheit... Vorbild war auch das Musée du Quai Branly in Paris - und klar, das lockt viele Besucher an. Aber diese Haltung ist meiner Meinung nach hochproblematisch, es ist entpolitisiert. Das mag für Museen mit westlicher Kunst funktionieren. Ethnografische Kuratoren arbeiten so schon lange nicht mehr."

A propos Musée du Quai Branly. Dort bereitet man eine Ausstellung über den Sammler (und Ex-Président de la République) Jacques Chirac vor, über den man alles mögliche sagen kann, nur nicht, dass er keinen Humor hat. Als besondere Hommage auf Chirac wird auch die im untenstehenden Tweet gezeigte japanische Theatermaske ausgestellt - Chirac ist ein Verehrer japanischer Kunst und wird sich über die Anspielung freuen, meint Emmanuelle Jardonnet in le Monde.

Geschichte

Die polnische Regierung will das geplante Danziger Museum des Zweiten Weltkriegs auf eine national-erbauliche Perspektive zusammenkürzen und wird damit nicht einmal der polnischen Position in der Geschichte gerecht werden, meint Timothy Snyder, der zum internationalen Beirat des Museums gehört, in der taz. Wie neuartig international die Perspektive des Museums ist, zeigt Snyder unter anderem am Beispiel des Themas Bombardierungen: "Für einige Deutsche bilden diese Bombardements eine Art 'Ausgleich' für die deutschen Gräueltaten im Krieg. Doch eine Globalgeschichte der Bombardierung von Zivilisten zeigt, dass die Italiener sich des gleichen Mittels schon viel früher in Äthiopien bedienten und dabei der gängigen europäischen Imperialpraxis folgten. Und es war Deutschland selbst, das diese imperiale Praxis nach Europa brachte, zunächst während des Spanischen Bürgerkriegs und anschließend, in massiver Weise, während des Einmarschs in Polen."
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Ideen

Achille Mbembe wird groß in Libération porträtiert. Im Gespräch mit Sonya Faure und Cécile Daumas sagt er zur Kopftuchdebatte diesen seltsamen Satz: "Der terroristische Moment reaktiviert paranoide Dispositionen, die in jeder Gesellschaft latent existieren. Wenn die Angst und das Vorurteil so innerlich und intensiv werden, dann wird es zu einem fast analen Bedürfnis, den potenziellen Feind zu demaskieren, seine tiefe Identität zu zeigen. Ich fürchte, dass die Fixierung auf das Kopftuch eher mit dieser Form der Analität als mit dem Laizismus zu tun hat."

Die Psychoanalytikerin Elisabeth Roudinesco äußert sich in der selben Nummer eher kritisch zum "Differnzialismus", den sie auch von Mbembe repräsentiert sieht.
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Gesellschaft

Muhammad Ali ist gestorben. Hier sieht man, warum er der Größte war:



Und hier sieht man, warum er als "Defense Master" erst recht der Größte war:



In einer Woche beginnt die Fußball-Europameisterschaft. In der NZZ grübelt Rene Scheu aus diesem Anlass über "dieses Ding", den Ball, nach: "Fußball beginnt nicht im Kopf, sondern auf dem Platz. Das Spiel hebt - streng philosophisch gesprochen - mit einer epoché im Husserlschen Sinne an, einer Einklammerung der Seinsgeltung der alltäglichen Welt. Wenn der Fußballer das Spielfeld betritt, bewegt er sich in einer besonderen existenziellen Sphäre." In der Welt liest Rainer Moritz neue Bücher zum Thema.

Und: In der Welt sucht Heinz Bude das große, Angst vertreibende Lachen in Deutschland.
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