9punkt - Die Debattenrundschau

Kampf der Geister

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.05.2016. Wie ist dem Populismus Einhalt zu gebieten? Mit Bildung, meint Robert Menasse in der taz. Mit Streit, meint Marco Buschmann auf Zeit Online. Mit Elite, meint Richard Herziger in der Welt. Der Tagesspiegel listet die verheerenden Fehlentscheidungen bei der Sanierung der Berliner Staatsoper auf. Der Islamwissenschaftler Frank Griffel erklärt in der SZ, weshalb der Islam ohne Reformation und Aufklärung auskam. Was wird aus den privaten Internetprovidern, wenn es in Berlin flächendeckendes WLAN gibt, fragt die FAZ.

Europa

In der taz berichtet Peter Unfried von einem Telefonat mit Robert Menasse, der das Bildungssystem für den Vormarsch des Rechtspopulismus in Österreich verantwortlich macht: "Er wisse nicht, sagt er, ob es in Europa ein anderes Land gebe, in dem so viele Schulabgänger Analphabeten sind. 'Das sind bildungsferne Menschen, in zum Teil unverschuldeter Blödheit.' Sie wollten nationales Heil, Sicherheit auf ihrer kleinen Insel, aber verstünden nicht, dass es kein Problem gibt, das innerhalb ihrer Insel souverän gelöst werden oder an den Grenzen ihrer Insel abgehalten werden kann - die Finanzströme, die Wertschöpfungskette, die ökologischen Probleme. 'Das alles ist längst transnational, deshalb muss zumindest europäische Politik gefordert werden und nicht nationale. Staatspolitik muss dafür einstehen und das argumentieren.'"

Die Konjunktur von Populisten damit zu erklären, dass sich die Volksparteien vom Volk entfernt hätten, greift zu kurz, meint (taz) Jan-Werner Müller und erinnert daran, wíe systematisch die Volkssouveränität in Europa nach 1945 beschränkt wurde. Als fatal habe sich jedoch erwiesen, dass die vermeintlichen Lösungen für die Eurokrise stets als alternativlos präsentiert wurden: "Beobachter haben an dieser Stelle von 'policy without politics' (also von technischen Maßnahmen ohne inhaltliche Auseinandersetzung) gesprochen, auf welche die Populisten nun mit so etwas wie Identitätspolitik ohne politische Ideen antworten. Weder Technokraten noch Populisten brauchen Parlamente, in denen über unterschiedliche Optionen diskutiert und Entscheidungen getroffen werden - denn die richtige Antwort steht ja ohnehin bereits fest: Für die Technokraten ist es die objektiv richtige technische Lösung mit Blick auf den vermeintlich unverhandelbaren Sachzwang; für die Populisten ist es der angeblich einzig authentische Volkswille."

"Demokraten sollten mehr streiten", rät auch Marco Buschmann, Bundesgeschäftsführer der FDP, auf Zeit Online: "Streiten die Parteien nicht in der Sache, dann sinkt das Niveau der Informiertheit unter den Wählern. Der politische Diskurs infantilisiert. Verschwörungstheorien haben schneller Konjunktur. Witzfiguren haben ihre Chance, zum Politstar zu avancieren."

Vehement widerspricht jedoch Richard Herzinger in der Welt. Politischer Richtungsstreit innerhalb der Parteien werde vom Wähler als mangelnde Geschlossenheit ausgelegt und entsprechend bestraft. "Die Volksparteien zogen aus dem Harmoniebedürfnis ihrer Wählerschaft über die Jahre hinweg den Schluss, es sei ratsam, interne Differenzen möglichst zu überspielen und hinter weit auslegungsfähigen Floskeln zu verstecken. Und weil auf immer komplexere Problemkonstellationen in der politischen Praxis die vom Wahlvolk verlangten eindeutigen Antworten immer schwerer zu finden sind, haben sie sich angewöhnt, die Öffentlichkeit mit beruhigenden Allgemeinplätzen hinzuhalten, um sich ungestört dem pragmatischen Durchwursteln widmen zu können."
Archiv: Europa

Kulturpolitik

Im Tagesspiegel zählt Frederik Hanssen die Fehlentscheidungen auf, die bei der Sanierung der Berliner Staatsoper zu Zeitverzögerungen und Kostenexplosion geführt haben. So habe sich etwa als verheerend erwiesen, dass das gesamte Gebäude unter Denkmalschutz gestellt wurde: "Ein Schritt, dessen finanzielle Konsequenzen keiner richtig bedachte. Denn die Kulturgutbeschützer taten nun, was sie für ihre edelste Aufgabe halten - sie begannen, um jeden Verputzkrümel zu kämpfen. Auch um jene an den Außenwänden des Bühnenturms. Eines Gebäudeteils, der nicht das Geringste mit dem Original von 1742 zu tun hat, weil er diverse Male erweitert wurde, um den Anforderungen des sich entwickelnden Genres gerecht zu werden. Die jetzige Form stammt aus den 1930er Jahren und wurde im Krieg zweimal zerbombt. Dennoch erscheint der Bühnenturm den Denkmalschützern ebenso bewahrenswert wie der Marmorboden im Knobelsdorff'schen Apollo-Saal."

Religion

Der Islam ist rückständig, weil er keine Reformation und keine Aufklärung erlebt hat, heißt es häufig. Das lag jedoch daran, dass die nachklassische Philosophie im Islam nicht von radikalen Verwerfungen wie der kopernikanischen oder der französischen Revolution geprägt war, sondern von Synthesis und der Suche nach Ausgleich, schreibt der Islamwissenschaftler Frank Griffel in der SZ: "Es war dies eine Gesellschaft, in der es keinen Mainstream, sondern vor allem Nischen gab, schwach abgegrenzte Bereiche, in denen die Sufis ebenso ungestört ihre Kreise drehen konnten, wie die Astronomen neue Theorien von Planetenbewegungen ausprobierten - alle im geozentrischen Modell natürlich. Dies mag sich nicht mit dem westlichen Anspruch nach Fortschritt vertragen. Es führte jedoch zu Gesellschaften, die von Toleranz geprägt waren, in denen die Literatur und die Künste florierten und die eine Vielzahl von Rollenmodellen anboten."
Anzeige
Archiv: Religion

Ideen

"Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann" - in der FR denkt Arno Widmann über diesen vielzitierten Satz des Staats- und Verwaltungsrechtlers Ernst-Wolfgang Böckenförde nach: "Böckenförde schrieb diesen Text wie viele seiner Arbeiten im Handgemenge. Er möchte mit ihm seine katholischen Glaubensbrüder und -schwestern heranführen an den säkularisierten Staat. Der soll nicht als zu überwindendes Übel betrachtet, sondern als Weg zu Freiheit freudig angenommen werden. Da dem Staat die Voraussetzungen fehlen, sollen die Gläubigen sie ihm verschaffen. Nicht als Empfänger einer Offenbarung, die sie in den Staat hineintragen, sondern als Christen, die in dem Staat 'die Chance der Freiheit sehen, die zu erhalten und zu realisieren auch ihre Aufgabe ist'."
Archiv: Ideen

Internet

Seit acht Jahren wird in Berlin kostenloses flächendeckendes WLAN angekündigt, pünktlich zur Fußball-Europameisterschaft sollen nun hundert Sendemasten aufgestellt werden. Auf FAZ.net macht sich Niklas Záboji Sorgen um die Folgen für private Internetprovider: "Welcher Student zwischen Neukölln und Wedding wird bei ordentlicher Datenübertragung dann noch einen Internet-Vertrag abschließen wollen? Und damit nicht genug: Wie viele Mobilfunkkunden bleiben noch übrig, wenn in Zukunft das Gros der städtischen Bevölkerung statt mit Vodafone und O2 kostenfrei über Whatsapp oder Skype telefonieren wird? Dass elektronische Kommunikation zur Staatsaufgabe wird, aus Steuermitteln finanziert, kann man für richtig halten. Diesen Zustand durch einen schleichenden Prozess herbeizuführen, indem auf städtischer Ebene W-Lan-Sendemaste errichtet werden, folgt jedoch keinerlei politischem Fahrplan und bedroht unerwartet das Geschäftsmodell von Unternehmen, die jahrelang in private Netze investiert haben."
Archiv: Internet

Geschichte

In der NZZ beschreibt Gerhard Gnauck, wie Polens Regierung der kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte ein Ende bereitet. Jetzt werden wieder Helden verehrt: Die antisowjetischen Partisanen der Nachkriegszeit etwa, gern als "Verfemte Soldaten" tituliert: "Überhaupt lieben Polens neue Geschichtspolitiker das patriotisch Eindeutige. Dass Historiker, Bürgerrechtler und Publizisten in großen Debatten schon seit 1981 Polens Geschichte einer Revision unterzogen, Nationalismus und Antisemitismus thematisiert hatten, passt ihnen nicht ins Konzept. In regierungsnahen Kreisen macht das Wort von der bisherigen 'Pädagogik der Scham' die Runde. Diese solle überwunden werden, damit das selbstbewusste Polen sich 'von den Knien erheben' könne."

Zum hundersten Jahrestag der Schlacht von Verdun besichtigt Andreas Kilb (FAZ) tief beeindruckt die Festungen von Douaumont und Vaux und das Museum Mémorial: "Im oberen Stockwerk wird der Besucher dann in eine Art Gelass geführt, das den Formen eines Granattrichters nachgebildet ist. Näher als in dieser Gegenüberstellung von Entgrenzung und extremer Verdichtung des Raums kann man der Erfahrung der Materialschlacht in einem Museum nicht kommen. Das Imperial War Museum in London hat diesen Erkenntnisschritt bei seiner letzten Umgestaltung verpasst, die Berliner Konkurrenz ist ohnehin aus dem Spiel. Was die museale Aufbereitung des Ersten Weltkriegs angeht, haben die Franzosen den Kampf der Geister gewonnen."
Archiv: Geschichte

Überwachung

Immer mehr Anbieter nutzen Selfies als Identifikationsmittel, etwa für Bezahlvorgänge oder zum Geldabheben, berichtet Christiane Kühl auf Zeit Online beunruhigt: "Woran Nationalstaaten jahrhundertelang gearbeitet haben - die Lücke zwischen Dokument und Person zu schließen, also einen Ausweis eindeutig einem bestimmten Körper zuzuordnen - setzen auf globaler Ebene Kaufplattformen und Kreditinstitute nun in die Tat um. Während es um die Einführung des biometrischen Passes zumindest hitzige Diskussionen gab, wird Pay-per-Selfie vermutlich in the blink of an eye angenommen - denn, wie MasterCard ganz richtig feststellt: Die 1.000 Passwörter, die man sich merken soll, nerven. In Zukunft werden also Unternehmen große Teile der Bevölkerung identifizieren können, diese Daten weiterverkaufen und selbst nutzen, etwa mithilfe von Gesichtserkennungsprogrammen für personalisierte Werbung im Stadtraum."
Archiv: Überwachung