9punkt - Die Debattenrundschau

Eine Dosis Transparenz

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.05.2016. Der hollywoodreife Showdown zwischen Milliardär Peter Thiel und Gawker geht mit einem offenen Brief des Gawker-Chefs Nick Denton weiter: Entweder du triffst dich mit mir zum Duell, oder... Feministinnen wenden sich in huffpo.fr gegen ein portugiesisches Gesetz, das Leihmutterschaft - und also die Ausbeutung armer Frauen - erlaubt. In Uebermedien nimmt Stefan Niggemeier die Argumente der Verleger für ein Leistungsschutzrecht auseinander. Und die NZZ sucht den Liberalismus in Deutschland - vergeblich.

Internet

Der Investor und Facebook-Miteigner Peter Thiel hat Klagen gegen das Klatschmagazin Gawker finanziert, offenbar um sich dafür zu rächen, dass das Magazin ihn vor langer Zeit outete und auch sonst nicht so gut behandelte (unser Resümee). Thiel hat diese Klagen in der New York Times selbst als "wohltätigen" Akt beschrieben. Nun antwortet Gawker-Chef Nick Denton in einem offenen Brief an Thiel und droht offen mit weiterer Berichterstattung: "Wir, aber auch jene Personen, die Sie gegen uns in die Schlacht geschickt haben, sind bis auf die Knochen entblößt worden. Unere Texte, Online Chats und Finanzen sind durch die Presse und Gerichte gegangen. In der nächsten Phase, werden auch Sie ihre Dosis Transparenz bekommen. So philantropisch und gut durchgeplant Ihr Ansinnen auch gewesen sein mag, die Details werden grauenhaft sein." Noch gebe es aber auch eine Alternative: eine Podiumsdiskussion mit Moderator.

Ben Thompson beschreibt in stratechery den comic- und hollywoodreifen Anstrich dieser Auseinandersetzung: "In dieser Hinsicht könnte es gar nicht perfekter sein, als dass Thiel sein Vermögen durch Investitionen in Facebook machte, wo er immer noch im Aufsichtsrat sitzt. Facebook im Besonderen und das Internet im Allgemeinen haben Sensationsklitschen wie Gawker überhaupt erst ermöglicht, so wie sie den Journalismus geschwächt haben, in dem sie dessen regionale Monopole zerstörte, die ihm einst erlaubten, die Schwachen zu bestärken und die Starken anzugreifen. Thiel als Inkarnation jener Tech-Industrie ist wie der Superheld, der das Problem bekämpft, das er selber schuf." Die Pointe, dass Presse einst moralisch höher gestanden habe, ist natürlich von köstlicher Naivität.

Weiteres zum Thema: Für den Tagesspiegel porträtiert Moritz Schuller den Internetunternehmer Thiel.
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Gesellschaft

In Portugal wurde ein Gesetz erlassen, das Leihmutterschaft erlaubt, auch wenn sie nicht bezahlt werden darf. Über solche Gesetze zerstreitet sich die Linke - unter anderem, weil Leihmutterschaft es auch Lesben und Schwulen ermöglicht, Kinder austragen zu lassen. Eine Gruppe von Feministinnen wendet sich in huffpo.fr scharf gegen das portugiesische Gesetz: "Die portugiesiesche Entscheidung belegt ein weiteres mal, wie sehr die armen Bevölkerungsschichten von der Linken fallen gelassen werden. Das ist ein finsterer Zynismus, wenn man weiß, dass all die angeblichen Begrenzungen der Leihmutterschaft nicht respektiert werden: Wer wird kontrollieren, ob die reiche Frau, die sich von einem befreundeten Arzt ein Unfruchtbarkeitszertifikat hat ausstellen lassen, nicht das Gesetz umgeht? Wer wird eine arme Frau sanktionieren, die Geld bekommen hat, so wie es heute in Großbritanien der Fall ist, wo das Gesetz eine Bezahlung ebenfalls ausschließt."
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Ideen

Der Jurist Florian Meinel nimmt in der SZ den Begriff der "Verfassungsfeindlichkeit" auseinanander, den die AfD mit Blick auf den Islam gebraucht: "So eng der verfassungsrechtliche Begriff des Verfassungsfeindes, so weit und unscharf ist der politische. Er unterscheidet sich von der bloßen Gegnerschaft durch unbestimmte Gesinnungskriterien und signalisiert auf eine inzwischen schon recht alltägliche Weise das Ende des normalen politischen Meinungskampfs und den Beginn einer argumentativen Zone, in der es scheinbar allein um das große Dafür und Dagegen geht. Bis zur Unkenntlichkeit verwischen dann in der politischen Sprache die Unterscheidungen von Verfassungswidrigkeit und Verfassungsfeindschaft, von Unvereinbarkeit mit der Verfassung und Angriffen auf ihre Substanz."
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Geschichte

In der NZZ ärgert sich Urs Hafner über den seiner Ansicht nach naiven Szientismus der Anhänger einer neuen Digital History. Sie wollen mit dem massenhaften Bereitstellen und Auswerten von Daten und Quellen aller Art die Geschichtswissenschaft präziser, "empirischer" machen. Hier fehlt jeder Sinn fürs Historische, schimpft Hafner: "Die Vorstellung der Zeitmaschinisten ist so naiv wie größenwahnsinnig: Je mehr historische Daten ich dem Rechner füttere, ein desto vollständigeres Bild der Vergangenheit wird er mir liefern - als ob man Vergangenheit wie ein Kulissendorf wiedererrichten könnte."

Besprochen wird eine Ausstellung über Leben und Werk Erasmus von Rotterdams im Historischen Museum Basel (NZZ).
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Urheberrecht

Auf europäischer Ebene soll ein Leistungschutzrecht für Presseerzeugnisse durchgesetzt werden. Stefan Niggemeier liest für uebermedien ein Papier der Verleger und zerpflückt ihre Argumente - etwa die fromme Behauptung, dass die Urheber am Leistungsschutzrecht beteiligt werden sollen: "Verlagsnahe Juristen haben unmittelbar nach dem Inkrafttreten des Leistungsschutzrechts in Fachpublikationen erläutert, dass diese Beteiligung ihrer Ansicht nach zumeist gegen Null gehen wird. Die Journalistenverbände gehören mittlerweile zu den schärfsten Gegnern des Leistungsschutzrechtes. Verbände wie die Freischreiber und der Deutsche Journalistenverband verlangen dessen Abschaffung."
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Europa

In Britannien streiten sich auch die Historiker über Brexit und Bremain. Die Brexit-Befürworter verweisen auf die demokratische Tradition des Landes, in dem die Geschichte in vergleichsweise milden Bahnen verlaufen sei, resümiert FAZ-Korrespondent Jochen Buchsteiner: "Die EU-freundlichen Gegner der 'Historiker für Britannien' weisen diese Betrachtung zurück und erinnern, wie Neil Gregor, Professor für Neuere Geschichte in Southampton, an die 'Zeit des aggressiven Imperialismus' während des Britischen Weltreichs, die von 'Zwangsenteignungen, Sklaverei, Massakern und Unterdrückung' geprägt gewesen sei. Britannien sei 'den dunkleren Seiten der europäischen Vergangenheit nicht entkommen'." Auch Gina Thomas resümiert die Debatte für das Feuilleton der FAZ. Hier der offene Brief der Historiker gegen den Brexit im Guardian.

In der NZZ erzählt Joachim Güntner eine kurze Geschichte des Liberalismus in Deutschland - nicht gerade eine Erfolgsgeschichte, auch nicht für die FDP. Zwar sind liberale Ansichten heute breit gestreut. Doch "ein Monopol hätte die FDP allenfalls auf die individualistische Zuspitzung. Sie könnte es damit jedoch schwer haben in einer verängstigten Gesellschaft, in welcher Linke das solidarische Teilen beschwören, Konservative auf kollektive kulturelle Identität setzen und die Jungen einem sozialen Konformismus anhängen, für den Mainstream-Zugehörigkeit kein Schimpfwort mehr ist."
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Politik

Eine dringende Streitfrage in Pakistan ist endlich geklärt. Männer dürfen ihre Frauen "leicht schlagen", hat der staatliche Council of Islamic Ideology (CII) festgestellt und gleich in einem Erlass festgeschrieben, der ein Gesetz der Region Punjab zum Schutz der Frauen aufhebt, berichtet die Hindustan Times: "Leicht geschlagen werden darf die Frau, wenn sie die Gebote des Mannes missachtet, sich nicht kleidet, wie er wünscht, und körperlichen Kontakt ablehnt. Auch ist ein leichtes Schlagen erlaubt, wenn die Frau den Hijab nicht trägt, mit Fremden spricht oder Menschen ohne Einwilligung des Mannes Geld gibt."
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Stichwörter: Pakistan