9punkt - Die Debattenrundschau

Seine Brille lässt an Malcolm X denken

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.05.2016. Aufatmen über Österreich - aber nur halb erleichtert: 86 Prozent der Arbeiter haben für die FPÖ gestimmt, schreibt die taz. Marlene Streeruwitz denkt in der Presse über eine "Freie Republik Wien" nach. Politico.eu besucht die Grenzen der Ukraine zur EU. Die taz geht mit Frauen, die Männer waren, auf Damentoiletten in North Carolina. Und die Musicweek annonciert einen großen Deal zwischen der GEMA und Google - wenn auch nicht Youtube.

Europa

Es sind ja trotz des am Ende glimpflichen Ausgangs der österreichischen Präsidentschaftswahlen fast 50 Prozent für die Rechtspopulisten. Stefan Reinecke analysiert das Ergebnis in der taz und führt auch einen der deprimierendsten Aspekte auf: "86 Prozent der Arbeiter haben rechtspopulistisch gewählt. Dieser Trend war auch schon in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt zu beobachten. Das Modell Österreich zeigt, wie es weitergehen kann: Arbeiter und Arbeitslose, die von der dynamischen Wissensgesellschaft und dem digitalen Kapitalismus nur die Schattenseiten zu spüren bekommen, verabschieden sich in eine politische Parallelwelt." Auch Isolde Charim analysiert in der taz das Phänomen.

Österreich hat sich "gegen ein Vaterland der Autochthonen" entschieden, meint Marlene Streeruwitz in der Presse. Aber knapp war's, so knapp, dass sie misstrauisch bleibt: "Die Bruchlinie verläuft wieder zwischen Stadt und Land. Zum Jahr 1929 ist nun noch der Bruch zwischen Männern und Frauen dazugekommen. Es geht also Männer am Land gegen Frauen in der Stadt. Ein Ausweg wäre natürlich, die 'Freie Republik Wien' zu gründen. Warum nicht wieder Stadtstaaten, in denen die Frauen ihre Leben frei gestalten können und nicht die reaktionäre heteronormative Familie der FPÖ leben müssen."

Selbst in den Wiener Gemeindebauten, wo früher fast alle SPÖ wählten, haben diesmal viele FPÖ gewählt, lernt SZ-Reporterin Cathrin Kahlweit: "Grünen-Chefin Eva Glawischnig geht die Sache noch grundsätzlicher an: 'Es geht nicht mehr nur um die Arbeiter im Gemeindebau, die keine politische Heimat mehr haben und sauer sind, weil die SPÖ ihre Heilsversprechen nicht mehr halten kann. Es gibt in der Frage, wer zur FPÖ und zu Norbert Hofer tendiert, ein Bildungsgefälle und ein Stadt-Land-Gefälle.' Die Provinz - Dörfer, Alpentäler, Kleinstädte - sie ist mittlerweile in weiten Teilen blau eingefärbt. Aber auch fast die Hälfte der Beamten, fast die Hälfte der Angestellten, ein Fünftel der Akademiker tendierten diesmal zu Hofer, weil sich 'endlich mal was ändern muss'. Weil sie einen starken Mann haben wollen, der 'mit dem Besen endlich das Gesocks rauskehrt', wie ein FPÖ-Fan auf der Webseite der Partei postet."

Vijai Maheshwari von politico.eu hatte die gute Idee, einmal eine Rundreise an die Grenzen der Ukraine mit der EU zu machen, die zugleich ein Eiserner Vorhang und durchlässig sind: "Die westliche Grenze der Ukraine, stellt sich heraus, ist ein großer Umschlagplatz für Schwarzmarktzigaretten und -alkohol. Ein Päckchen Marlboro kostet gerade 1,10 Dollar in der Ukraine und 4 Dollar in Rumänien. Schmuggler haben die Zigaretten schon in Gleitfliegern über die Grenze gebracht. Ungefähr zehn Milliarden Zigaretten werden jährlich geschmuggelt. Im Jahr 2012 haben slowakische Behörden einen 700 Meter langen Tunnel entdeckt, der dem Schmuggel von Zigaretten diente."
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Gesellschaft

In North Carolina dürfen Personen, die als Männer geboren wurden, sich aber als Frauen fühlen, nicht auf Damentoiletten gehen. Viele Rockstars haben aus diesem Gund Konzerte in dem Staat abgesagt. Frank Herrmann begibt sich für die taz auf Erkundungsreise durch den amerikanischen Südstaat und trifft unter anderem den Schuldirektor John Amanchukwu: "Wer Probleme mit seiner Identität habe, dürfe einfach nicht auf die Stimmen in seinem Kopf hören, 'Stimmen, die dir einreden, etwas zu sein, was du nicht bist.' Amanchukwu hat dunkle Haut, seine Brille lässt an Malcolm X denken. Er ist 31 Jahre alt und Jugendpfarrer in einem Wohnviertel, dessen Kinder zu 70 Prozent bei nur einem Elternteil aufwachsen, oft weil die Väter im Gefängnis sind. Es stimmt also nicht, das Klischee, wonach es nur die alten weißen Männer sind, die sich gegen die Transgender-Freiheiten wehren."

propublica.org liefert einen dunklen Einblick in das amerikanische Karzeralsystem. Hier werden Vorbestrafte inzwischen mit Algorithmen bewertet, die die Wahrscheinlichkeit künftiger Straffälligkeit ermitteln sollen. Propublica konnte Daten für einen Ort in den USA überprüfen und fand heraus: "In der Voraussage, ob künftige Straftaten begangen wurden, machte das System ungefähr gleich große Fehler bei weißen und schwarzen Personen, aber in umgekehrter Richtung. Die Formel stufte mit besonderer Wahrscheinlichkeit schwarze Personen fälschlich als rückfallgefährdet ein - nämlich doppelt so oft wie weiße Personen. Und weiße Personen wurden doppelt so oft als geringes Risiko eingestuft wie schwarze."

Vor Beginn der Architekturbiennale in Venedig blickt Niklas Maak in der FAZ auf die Krise des Bauens, die zusammen mit den steigenden Immobilienpreise auch eine Krise der Stadt geworden. Die Anarchogruppe, die einst "Den kommenden Aufstand" propagierte, ist schon aufs Land gezogen, nach Tarnac: "Wobei dieser Gang aufs Land früher auch immer etwas Deprimierendes hatte - wie ein Eingeständnis, überfordert zu sein von Lärm, Tempo, Komplexität und Modernität der Metropolen. Aufs Land zog der Möchtegernadlige mit der grünen Breitcordhose, dem die Spiegelglasfassaden der Stadt ein Grauen waren... Das Land war sozusagen der vormoderne Wellnessbereich der Großstadt - nur wenn man genauer hinschaut, stimmt das vorn und hinten nicht mehr. Es ist eher umgekehrt. Die Zentren der Großstädte sind komplett durchruralisiert, die von bärtigen Karohemdträgern betriebenen Cafés aus rohem Holz gezimmert, als sei nebenan nicht Großstadt und Google, sondern ein Wald voller Grizzlybären. "
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Kulturmarkt

(Via turi2) Wird das die frustrierenden Fehlermeldungen bei Youtube beenden, oder wird Google nun selbst zum größten aller Urheberrechtslobbyisten? Der Konzern hat für seinen Dienst Google Play (aber eben nicht für Youtube) einen Deal mit dem internationalaen Verwertungskonsortium ICE abgeschlossen, berichtet Mark Sutherland in der Musicwweek: "ICE wurde von den Verwertungsgesellschaften PRS For Music auf Großbritannien, STIM aus Schweden und GEMA aus Deutschland im Jahr 2010 gegründet, ursrpünglich als Copyright-Datenbank. Das Konsortium wandelte sich zu einem Europa-weiten Lizenzierungs- und Tantiemenverteliungsdienst und ist seit 2015, nach Prüfung durch die Wettbewerbskommission der EU, aktiv. Es repräsentiert 250.000 Rechteinhaber… und will Lizenzierung vereinfachen, um einen übernationalen Markt entstehen zu lassen. Der Deal mit Google Play ist der erste Schritt auf diesem Weg." Hier die Pressemitteilung der GEMA.
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Kulturpolitik

In der FAZ mokiert sich Jürgen Kaube über den Frankfurter OB Peter Feldmann, der "in keinster Weise" Kultur als "Schmiermittel der Sozialpolitik" bezeichnet haben soll und sich nicht mal beim Abschied von Max Hollein blicken ließ.
Stichwörter: Frankfurt, Max Hollein

Politik

Manchmal ist es gerade ein Buch, das einem hilft, in einem aktuellen Konflikt die Orientierung wieder zu finden, schreibt Elizabeth Shakman Hurd in der Boston Review mit Blick auf eine Neuerscheinung zum Bürgerkrieg in Syrien, "Burning Country - Syrians in Revolution and War": "Journalist Robin Yassin-Kassab und die Menschenrechtsktivistien Leila Al-Shami erinnern uns rechtzeitig daran, dass die Welt es dem syrischen Volk schuldet, seine Geschichte anzuhören und es zu unterstützen - besonders den friedlichen Revolutionären von 2011. 'Burning Country' ist ein Porträt der Opposition, die eine Protestbewegung gegen Baschar al-Assads brutales Regime war und nun im Fraktionskrieg und Machtkampf der Nachbarstaaten fast vergessen wurde."

Außerdem: Im Interview mit der FR sucht der britische Politikwissenschaftler Colin Crouch nach Gründen für den Niedergang der SPD.
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