Efeu - Die Kulturrundschau

Auf verrückte Weise falsch

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24.05.2016. Die SZ besichtigt in Venedig eine aus Stahl und Beton gebaute Polemik gegen die Nostalgie. Die taz erlebt die krachenden Dissonanzen, zu denen bösartige Kleinbürger in und um Wien fähig sind. Die NZZ lernt von der Regisseurin Sigrif T'Hooft, dass Prinzen im Barock immer links stehen. Und der Guardian feiert die indische Lebensfreude in den Bildern Bhupen Khakhars.

Kunst


Bhupen Khakhar: "You can't please all". 1981. Tate. Estate of Bhupen Khakhar.

Ab Juni zeigt die Tate Modern eine Schau des indischen Malers Bhupen Khakhar. Im Guardian schreibt Amit Chaudhiri sehr schön über die Bedeutung des Malers in dessen Bildern so viel Raum und Freiheit war, dass neben all dem städtischen Leben auch Kitsch und Naivität ihren Platz fanden: "Ich gehöre zu jener Generation, die niemals die Ideen eines anderen Mannes aus Gujarat in Zweifel gezogen hat, mit denen sie aufwuchs: Gandhis Vorstellung, dass das wahre Indien in den Dörfern zu finden war und immer sein würde. Die Fresken von Ajanata sagen uns etwas anderes. Khakhars Kunst mit all ihrer alltäglichen bürgerlichen Lebensfreude, ist eine befreiende und zugleich lustige Absage an Gandhis Askese und seine unfrohe Fetischisierung des Natürlichen, ein Bekenntnis zum städtischen Leben und zu einer eigensinnigen Fetischisierung des 'Unnatürlichen' und Gemachten. Natur interessierte Khakar nicht, sondern die Kultur."

Eine fantastische Schau hat Hannes Stein (Welt) im New Yorker Breuer Haus gesehen, das neuerdings vom Metropolitan Museum bespielt wird. Tizian, Velazquez, Turner und Picasso, alles dabei! Stein sieht darin aber auch eine eine Kampfansage an das Moma: "Wie der Vatikan denkt das Metropolitan Museum in Jahrtausenden und interessiert sich für die Händel der Gegenwart nur sub specie aeternitatis. Das Museum of Modern Art ist - um in dieser Metapher zu bleiben - die größte und wichtigste protestantische Kirche und als solche für alles Zeitgenössische zuständig. Unter dem alten Museumsdirektor, Philippe de Montebello, wurde an dieser theologischen Verteilung der Zuständigkeiten nicht gerüttelt. Unter dem Briten Thomas Campbell, der 2008 antrat, hat der Kunstvatikan von New York begonnen, Ansprüche auf Gebiete anzumelden, die bislang den Protestanten gehörten."

Besprochen werden die Alberto Burri Retrospektive in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf (FR) und die Ausstellung "Emanuel Leutze - In Deutschland blühen meine Rosen nicht" im Museum im Prediger in Schwäbisch Gmünd (FAZ).
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Film

In der taz resümiert Tim Caspar Boehme die Filmfestspiele in Cannes: Wie seine Kollegen (mehr dazu im gestrigen Efeu) bleibt auch er "angesichts dieser nur bedingt nachvollziehbaren Jury-Entscheidungen mit ihren letztlich konservativen Voten in einem leicht durchwachsenen, insgesamt aber zufrieden stellenden Wettbewerb" in erster Linie ratlos zurück. "Die Serie der Fehlentscheidungen hat in diesem Jahr schon beinahe etwas Systematisches an sich.", schreibt Joachim Kurz in seinem Resümee auf Kino-Zeit. In der Welt versucht sich Hanns-Georg Rodek einen Reim auf die Preisvergabe zu machen.

Besprochen werden Stefan Eberleins Dokumentarfilm "Parchim International" über einen chinesischen Investor in der deutschen Provinz (taz) und die neue Episode von "Game of Thrones" (ZeitOnline).
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Musik

Unter dem Titel "One Day in Life" verwandelte Daniel Libeskind Frankfurt mit achtzig Konzerten an zwei Tagen und achtzehn Orten in eine Stadt aus Musik. Gerhard R. Koch ist in der FAZ begeistert: Denn "am statisch Fixierten, traditionell Architektonischen" hielt sich Libeskind in seinem weit aufgefächerten Programm nicht fest. "Eine besondere Qualität des Weekends lag darin, dass auch der Frankfurter ungeahnte Orte kennenzulernen und eine Vielfalt von Musik zu erleben hatte, wovon der genormte Konzertbetrieb kaum je etwas vermittelt. Wann kommt man schon einmal ins Magazin, Allerheiligstes der Deutschen Bibliothek, wo es unter dem Stichwort 'Text' Madrigale von Claudio Monteverdi zu hören gab."

Die Welt besingt den Heiligen Bob, den Meister der muaikalischen Maskierung, den wiedergeborenen Christen und "Woodie Guthrie für Esoteriker". Denn schließlich weiß Michael Pilz, dass niemand so pubertäre Fans hat wie Bob Dylan: "Jede Boygroup wird gelassener behandelt von den Mädchen als der 75 Jahre alte Sänger von den Männern der geburtenstarken Jahrgänge."

Weiteres: Für The Quietus unterhält sich Luke Cartlegde mit Brian Wilson. Auf Pitchfork bringt Jordan Kisner etwas Licht in die dunklen Hexenkünste des Musikmasterns. Ebenfalls auf Pitchfork erinnert Jeremy D. Larson daran, wie Chicago 1998 dem Alternativen Country einen Boom bescherte. In der Berliner Zeitung gratuliert Frank Junghänel Bob Dylan zum 75. Geburtstag.

Besprochen werden ein Konzert von Blixa Bargeld und Teho Teardo in Frankfurt (FR), ein Konzert der Pianistin Khatia Buniatishvili (Tagesspiegel), Rufus Wainwrights "Take All My Loves - 9 Shakespeare Sonnets" (SZ), Bob Dylans "Fallen Angels" (Pitchfork) und das Berliner Konzert der Wood Brothers (FAZ).
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Archiv: Musik

Literatur

Der Mensch entkommt seinem Gefängnis nicht, weder biografisch noch anthropologisch, lernt Roman Bucheli in der NZZ von Michael Kumpfmüllers Roman "Die Erziehung des Mannes": "Das Urteil des Daseins lautet stets auf lebenslänglich."

Weiteres: Der Guardian bringt eine lesenswerte Rede von Anne Enright über die irische Schriftstellerin Maeve Brennan, die ihr Leben als scharfzüngige Autorin begann und so traurig als paranoide Stadtstreicherin in New York endete. Die FAS hat Julia Enckes Gespräch mit Judith Herrmann über deren neuen Erzählungsband "Lettipark" online gestellt. Besprochen wird u.a. Nellja Veremejs "Nach dem Sturm" (SZ).
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Architektur

Erbittert wurde in Venedig um das Fondaco dei Tedeschi am Rialto gestritten, das Rem Koolhaas' OMA-Büro für den Benetton-Konzern zum Einkaufszentrum umbauen soll. Vor der Eröffnung im Herbst haben die Architekten zu einer ersten Begehung geladen, die Thomas Steinfeld verblüffte, wie er in der SZ schreibt: "Denn die Architekten verweigerten die Restaurierung. Sie versuchten gar nicht erst, einen vermeintlich authentischen, an eine bestimmte Zeit gebundenen Zustand zu erhalten oder gar wiederherzustellen. Stattdessen verwandelten sie die Kritik an diesem Projekt in eine zu Stein, Stahl und Beton gewordene Polemik gegen eine Ideologie, die sie die 'nostalgische Unterwerfung unter die Vergangenheit' nennen. Der Fondaco erscheint nun als unendliches Palimpsest: als ein Gebäude, das immer wieder umgebaut, immer wieder neuen Aufgaben angepasst, immer wieder anders hergerichtet wurde." (Historische Ansicht des Foncaco. Bild: OMA.)
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Bühne

Für die Komische Oper in Berlin hat HK Gruber aus Ödön von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" eine von Michael Zadara inszenierte Oper gemacht. Für die Musik an sich findet Niklaus Hablützel in der taz zwar lobende Worte: "All die hochtrabend förmlichen Sentenzen, in denen sich diese bösartigen kleinen Leute spreizen und verheddern, klingen auch im massiv mit Schlagwerk und Blech besetzten Orchester und den Gesangspartien mit. Walzer und Märsche werden verstolpert und landen in krachenden Dissonanzen. Es ist alles sehr laut und auf verrückte Weise falsch gespielt, mit wenigen lyrischen Ausnahmen, die dann auch mal an Puccini denken lassen. Der Dirigent Henrik Vestmann hat diese für die Bregenzer Festspiele 2014 geschriebene Partitur sehr gut einstudiert, aber eben deswegen ist zu hören, dass sie über das Theaterstück hinaus nichts beiträgt."

Ulrich Amling vom Tagesspiegel warnt unterdessen vor der politischen Analyse der Aufführung, die sich als Warnung vor einem aufkeimenden Faschismus versteht: "Auch wenn diese Perspektive stellenweise mit Verve vorgetragen ist, sie bleibt bequem und vor allem falsch."


Im Licht von zweihundert Kerzen: Händels "Imeneo" in Göttingen. Foto: Theodoro da Silva

In der NZZ begrüßt Michael Staalknecht den verschärften Trend zu einer historischen Aufführungspraxis auch im Szenischen. Vorreiterin ist die belgische Regisseurin Sigrid T'Hooft, die gerade in Göttingen Händels "Imeneo" inszeniert hat: "Wie zumindest im Hochbarock der Aufbau des Librettos und die musikalischen Affekte strengen Formalismen unterlagen, griffen auch die Sänger auf ein fest umrissenes Bewegungsvokabular zurück. 'Prinzen stehen beispielsweise immer links vom König', erklärt Sigrid T'Hooft im Gespräch. Aber links sei auch die Seite, nach der hin man ein schlimmes Schicksal oder die Mächte der Unterwelt abwehre."

Im Gespräch mit der SZ plädiert Ulrich Khuon vom Deutschen Theater Berlin im Zusammenhang mit den Debatten über Theater, Kunst und gesellschaftliche Realität für eine "Verknüpfung mit der Stadt": Denn "das Theater muss sich ja an die ganze Stadtgesellschaft richten, nicht nur an die Bildungsbürger oder die Hipster oder die Jungen".

Weiteres: Im Standard erklärt die Grazer Intendantin Iris Laufenberg, warum sie ihre Bühne mehr für außereuropäische Autoren öffnen möchte, wie Frauen schreiben und was Sozialarbeit mit Theater zu tun hat. So lebhaft und nah an den Kernfragen des Theaters hat Dirk Pilz das Berliner Theatertreffen lange nicht erlebt, wie er in der NZZ resümiert. Tobias Gerber hat für die NZZ in Straßburg eine "fulminante" Aufführung von Wagners selten gespielter zweiter Oper "Liebesverbot" gesehen, die "der germanischen Seele noch keine allzu lauschige Heimat bietet". Für den Tagesspiegel bilanziert Christine Wahl das Berliner Theatertreffen. Und Schauspielerin und Jurorin Maren Eggert erklärt, warum ihr Kollege Marcel Kohler mit dem Alfred-Kerr-Darstellerpreis ausgezeichnet wurde: "Sein Spiel ist gänzlich unkorrupt und dadurch: jung."

Besprochen werden Susanne Wolffs Inszenierung "Shoot/Katzelmacher/Repeat" in Frankfurt (FR), Georges Balanchines "Jewels" an der Deutschen Oper Berlin in einer Aufführung des Berliner Staatsballetts (Tagesspiegel), der Abend "Real Magic" der derzeit tourenden Performancegruppe Forced Entertainment (SZ) und Christian Stückls Inszenierung von Carlo Goldonis "Diener zweier Herren" in Wien (FAZ).
Archiv: Bühne