9punkt - Die Debattenrundschau

Im transhistorischen Äon

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.05.2016. Zum Katholikentag ist die taz heute fromm. Auch für einen "glaubensbasierten" islamischen Feminismus macht sie sich stark. Telepolis staunt nochmal über das finanzielle Talent der katholischen Kirche, die nur 2,1 Millionen Euro zum Katholikentag hinzubezahlt, während die Öffentliche Hand 4,5 Millionen beisteuert. In der FAZ  fragen Ivan Krastev und Oliver Jens Schmitt, warum die Osteuropäer so anders ticken als die Westeuropäer. Bei Lithub.com wenden sich 600 Schriftsteller gegen Donald Trump. Die NZZ  begibt sich bei Facebook in die Virtuelle Realität.

Religion

Die taz macht eine brave Beilage zum Katholikentag in Leipzig, dessen umstrittene Finanzierung - 4,5 Millionen Euro kommen aus verschiedenen Staatskassen - keine Rolle spielt. Jan Feddersen und Philipp Gessler unterhalten sich mit dem Jesuitenpater Klaus Mertes über Kirche und Homosexualität. Er hält daran fest, "dass die Alternative nicht ist, institutionelle Macht, auch im religiösen Feld, grundsätzlich abzuschaffen. Es bedarf der Institution, um Schwache vor Starken zu schützen, auch im Bereich Religion".

Fromm auch Charlotte Wiedemann, die auf der Meinungsseite der taz an die Möglichkeit eines "glaubensbasierten" islamischen Feminismus glauben will: "Allerdings findet all dies in einer Atmosphäre verschärften Kulturkampfes statt. Welch ein Widerspruch: Nie zuvor gab es so viele Bemühungen der weiblichen Neuaneignung des Islams - zugleich drängt ein zunehmend islamophobes Europa gerade die gebildeten und emanzipierten Musliminnen in die Rolle von Kronzeuginnen gegen ihren eigenen Glauben. Sich dieser Rolle zu verweigern, ist eine Grundvoraussetzung dafür, sich als islamische Feministin verstehen zu können."

Peter Mühlbauer geht in Telepolis aus Anlass des alternativen Spaghettimonsterkirchentags nochmal eingehender auf die Finanzierung des Katholischen Kirchentags ein: "Das kostet insgesamt 9,9 Millionen Euro, die nur zu einem knappen Drittel aus Beiträgen, Merchandise-Verkäufen und Spenden hereingewirtschaftet werden. Der Rest kommt von der Kirche und dem Staat. Die deutschen Bistümer zahlen mit 2,1 Millionen aber deutlich weniger dazu als die öffentliche Hand, die die Veranstaltung mit 500.000 Euro Bundes-, 3.000.000 Euro Landes- und 1.000.000 Stadtmitteln unterstützt. "

Die Linkspartei in Sachsen, die auch das Thema der Finanzierung des Kirchentags aufgebracht hatte, will Kirche und Staat trennen, berichtet Stefan Locke in der FAZ und zitiert aus einem Papier, das die Partei demnächst diskutieren will: "Ihre Vorstellungen listet die Partei in 161 Antragszeilen auf: Sie will 'alle Formen von direkter und indirekter staatlicher Finanzierung' sowie die staatliche Verwaltung kirchlicher Aufgaben ebenso beenden wie den Kirchensteuereinzug durch das Finanzamt. Behörden und Bildungseinrichtungen sollen künftig frei von religiösen Symbolen und weltanschaulich neutral sein, statt des Religionsunterrichts soll es einen neutralen Ethik- und Philosophieunterricht geben, Bekenntnisse und Schwüre sich lediglich auf die Verfassung, und nicht mehr auf religiöse Werte beziehen."
Archiv: Religion

Europa

Die Flüchtlingkrise war nur der Auslöser - in Wahrheit reicht die Krise in Österreich viel tiefer, schreibt Rüdiger Wischenbart im Perlentaucher: "Die bestürzenden Ergebnisse der Wähleranalyse zeigen tatsächlich, wie quer durch das Land messerscharfe Trennlinien verlaufen, jeweils nach einem umfassenden Grundschema aus 'wir' und 'die', getrennt zwischen Stadt und Land, aufgespalten nach Einkommen, Bildung, gesellschaftlichem Status und nach Geschlecht. Jeder dieser Faktoren hebt unterschiedliche Bevölkerungsgruppen hervor, welche in den großen Transformationen im vergangenen Vierteljahrhundert eher aktiv involviert waren, und erfolgreich teilnehmen konnten, oder auch nicht."

"Das Soziale ist nach rechts gerutscht, vermutlich schon vor geraumer Zeit", meint Thomas Schmid in der Welt nach der österreichischen Präsidentschaftswahl, der er auch etwas Gutes abgewinnen kann: "Zum Bundespräsidenten erhöht, ist Alexander Van der Bellen, der oft so grämlich dreinblickt, zugleich aufgefordert, von seinem Sockel herunterzusteigen. Österreich könnte zu einem Labor werden. Gut, dass das Experiment in einem kleinen Land beginnt. Und bemerkenswert, dass ein nicht aus der Politik kommender Bundeskanzler und ein Bundespräsident, der für eine Minderheitenpartei steht, mit dem Experiment betraut wurden. So schnell kann aus einem Menetekel, oft fast lustvoll beschworen, eine Chance werden."

Die Politologen und Historiker Ivan Krastev und Oliver Jens Schmitt vesuchen im FAZ-Gespräch mit Michael Martens die größere Ausländerfeindlichkeit im Osten zu erklären. Krastev sagt: "Der Kommunismus basierte auf Angst und Misstrauen gegenüber dem Nächsten. Der Kontakt zu Ausländern konnte Schwierigkeiten bringen. Wichtiger scheint mir aber die unterschiedliche Bedeutung des Jahres 1968. Westdeutsche wurden durch ihr 1968 kosmopolitischer, Ostdeutsche durch ihr 1968 misstrauischer. Und heute haben wir es zudem mit einer neuen Generation von Politikern zu tun, die nicht wie die frühere bereit ist, den Westen vorbehaltlos zu imitieren."
Archiv: Europa

Geschichte

In wenigen Tagen wird der Deutsche Bundestag des "Völkermords an den Armeniern und anderen christlichen Minderheiten vor 101 Jahren" gedenken. Das ist gut und richtig so, findet Götz Aly in der Berliner Zeitung. Aber könnte man nicht begleitend versuchen, dieses Geschehen historisch zu verorten? Und dabei etwa die geplante Zerschlagung des Osmanischen Reichs durch Russen und Engländer mit in den Blick nehmen? "All das rechtfertigt den Völkermord nicht. Hauptverantwortlich waren Türken. Doch gehört zu urteilsgerechter Historiografie die Darstellung der Vorgeschichte und der äußeren Umstände. Wie wäre es also, wenn in Berlin nicht nur eine verurteilende Resolution beschlossen, sondern auch eine internationale Historikerkommission gegründet würde, die den Völkermord an den Armeniern umfassend dokumentiert - die Vorgeschichte ebenso wie die mörderischen Details." Das, meint Aly, würde erheblich zu Geschichtsfrieden und Versöhnung beitragen.

Außerdem: Die Welt veröffentlicht die Rede, die Wolf Biermann zum Jahrestag der Gründung Israels in der israelischen Botschaft in Berlin gehalten hat.
Anzeige
Archiv: Geschichte

Gesellschaft

Joachim Güntner kritisiert in der NZZ ein Urteil des Oberverwaltungsgerichts Münster, das das Töten männlicher Küken (die nun mal keine Eier legen) mit dem Argument weiter zuließ, dass "vernünftige Gründe" dafür vorlägen: "Es ließen sich ja Fleisch und Eier auch weniger leidvoll produzieren, nur wären sie dann teurer. Knappheit und Unterversorgung drohten deswegen noch lange nicht. Diese Überlegung stellt das Gericht nicht an. Es hält die Voraussetzung eines Denkens, das auf den Vorrang betriebswirtschaftlicher Gesichtspunkte hinausläuft, stillschweigend in Kraft."
Archiv: Gesellschaft

Politik

(Via Los Angeles Times) 600 Schriftsteller, darunter Francine Prose, Michael Chabon und Stephen King wenden sich in einem offenen Brief auf lithub.com mit (nicht immer überraschenden) Argumenten gegen Donald Trump. Einer ihrer Gründe: Man sei gegen eine Präsidentschaftskandidatur Trumps, "weil der Aufstieg eines Kandidaten, der bewusst an die niedrigsten und brutalsten Elemente appelliert, der Aggression unter seinen Anhängern schürt, Opponenten niederschreit, Abweicher einschüchtert und Frauen und Minderheiten abwertet, von jedem von uns eine direkte und starke Antwort fordert."
Archiv: Politik

Ideen

Rudolf Walther untersucht in der taz das Verhältnis von Peter Sloterdijk zu seinem Schüler (Sloterdijk selbst lehnt dieses Wort ab) und AfD-Denker Marc Jongen, dem er wie Sloterdijk selbst ein Herkommen aus der Esoterik vorwirft: "Angespornt von östlicher 'Offenbarung' und inzwischen vollgepumpt mit 'Sloterdijk-Essenz', reichte Jongen 2009 seine Dissertation bei Sloterdijk ein, die dieser mit 'summa cum laude' beurteilte, was nicht erstaunt, denn das Thema der Arbeit war auch er selbst. In der Arbeit geht es auf 237 Seiten um 'Nichtvergessenheit. Tradition und Wahrheit im transhistorischen Äon', genauer: um 'hermetische Gegenwartsdeutung im Anschluss an Motive bei Leopold Ziegler und Peter Sloterdijk' (ungedrucktes Typoskript)." Und nachdem er so Punkt für Punkt reale oder vermeintliche Affinitäten der beiden abgehandelt hat, vesichert Walther, dass er Sloterdijk natürlich nicht "in Sippenhaft" nehmen will.

Nach ersten Versuchen mit der Virtual-Reality-Brille Oculus Rift ist der Literaturwissenschafter Adrian Daub gut gelaunt, aber doch etwas enttäuscht: Man kann zwar tolle Sachen sehen, aber sich kaum bewegen. Nach einem Besuch in Facebooks Headquarter überrascht ihn das nicht, erklärt er in der NZZ: "Es ist wahrscheinlich unfair, diese Weltarmut mit der Existenz der hier Arbeitenden in Verbindung bringen zu wollen. Und doch: Wer sich mit dem Privatbus direkt an den Arbeitsplatz karren lässt, wer sich zum Mittagessen bei einem der Dutzende von Facebook hier angesiedelten Restaurants umsonst bekochen lässt und dann abends mit Freunden in die Bar geht, die Yelp empfiehlt: Vielleicht hat so ein Mensch gar kein Bedürfnis, einmal im virtuellen Raum übers Geländer springen zu können."

Ebenfalls in der NZZ erklärt Manuela Lenzen, was es mit dem neuen Hype der elektrischen Hirnstimulation auf sich hat, die uns klüger und kreativer machen soll. Es funktioniert tatsächlich, aber es ist auch kompliziert, wie Experimente zeigen: "Die Wirkung der Stimulation an einer Stelle produziert vielmehr kognitive Kosten an einer anderen. Wer via Elektrostimulation schneller lernt, ist zugleich langsamer darin, das Gelernte so zu automatisieren, dass es später schnell und ohne bewusste Anstrengung verwendet werden kann. Wird das Hirn umgekehrt so stimuliert, dass die Automatisierung schneller geht, sinkt die Lernleistung. Menschen mit einer Mathematik-Phobie profitierten von einer Elektrostimulation, gute Rechner hatten nichts davon oder wurden sogar schlechter."
Archiv: Ideen