9punkt - Die Debattenrundschau

Erst einmal fassungslos

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.02.2016. Die SZ lotet die Untiefen religiöser Moral aus. Die Zeit erklärt den Konnex von Ausländerfeindlichkeit und Antikommunismus in Osteuropa. In der FAZ beobachtet der Historiker Stephan Stach, wie die polnische Regierung die polnische Geschichte kapert. Im Freitag fürchtet der Bibliothekar Donald Barclay, dass das Urheberrecht in Amerika bis ins Unendliche ausgedehnt wird. In Frankreich wird weiter über den "Islamophobie"-Vorwurf gegen Kamel Daoud diskutiert.

Religion

Michael McCullough zitiert in einem Artikel, den die SZ aus edge.org übernimmt (hier das Original), neue Studien von Verhaltensforschern über Religion. Demnach haben "streng religiöse Menschen aus der ganzen Welt strengere Moralvorstellungen, was Sozialverhalten und Sex betrifft, aber was Verstöße gegen die Ehrlichkeit betrifft, nehmen sie es bei Weitem nicht so genau. Es sind Sex, Heirat und Fortpflanzung - und nicht Vertrauen, Ehrlichkeit und Großzügigkeit - die für die Gläubigen der Welt der Kern ihrer Moralvorstellungen sind."
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Ideen

Vehement wehrt sich die französisch-israelische Journalistin Sophie Bélaïch bei huffpo.fr gegen die Petition von Akademikern, die Kamel Daoud "Islamophobie" vorwerfen (unsere Resümees): "Jene Stereotypen, von denen sie behaupten, dass Kamel Daoud sie recycle, werden in Wirklichkeit von den Autoren dieses Aufrufs genährt. Um jede Debatte über den Islam oder den Islamismus abzuschneiden. Vielleicht laborieren diese Leute noch zu sehr am Komplex der Kolonisierung, selbst gegenüber jenen, die Köpfe abschneiden. Leute, die im Grunde ihres Herzens möchte, dass 'diese lieben kleinen Araber an ihrem Platz bleiben', statt den Weg der Demokratie und des Säkularismus einzuschlagen."
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Europa

Die Ausländerfeindlichkeit in Osteuropa hat einiges gemeinsam mit dem antikommunistischen Widerstand, meint Adam Soboczynski in der Zeit. "Sie ist eine üble und vielleicht nur leicht verzerrte Fortschreibung desselben. Es ist natürlich kein Widerspruch, dass der kleingeistige, klerikale Parteiführer Jarosław Kaczyński der Solidarność entsprang. Es waren eben nicht nur der Mangel an westlichen Konsumgütern, der Mangel an Reise- und Redefreiheit, die einem im Osten ungeheuer auf die Nerven gingen. Sondern auch die zwanghafte Rhetorik der Menschheitsbeglückung, der kommunistischen Utopie, des Antifaschismus, die einem in Schulen, in Betrieben und in den Medien rund um die Uhr begegnete. Man wittert heute in der Begeisterung für internationale Solidarität, für Flüchtlinge, für veganes Essen und Conchita Wurst einen Wiederaufguss des Elitensprechs der kommunistischen Kader, von dem man sich befreit hatte."

Kroatien, das gerade eine neue, rechte Regierung gewählt hat, wird das neue Ungarn, fürchtet der kroatische Publizist Nenad Popovic im Interview mit der Zeit. Armut und Arbeitslosigkeit mögen zum Aufstieg der Rechten beigetragen haben, aber das reicht ihm nicht als Erklärung: "Ich selbst bin erst einmal fassungslos. Warum beklatschen Leute in Sachsen brennende Asylbewerberheime? Warum marschieren 5000 Menschen durch Zagreb und rufen den Ustaša-Gruß 'Fürs Vaterland bereit' - das ist unser 'Sieg Heil!'? Warum schießen junge Leute in Paris in volle Konzertsäle? Ich will mir meine private Fassungslosigkeit bewahren, wie damals, als ich die ersten Bilder der Angriffe auf Sarajevo sah und die ersten Hochhäuser einstürzten."
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Urheberrecht

Der Copyright Term Extension Act, der in den USA Urheberrechte auf Werke, die eigentlich frei geworden wären, auf bis zu 95 Jahre verlängerte, läuft 2019 aus. Es droht eine weitere Verlängerung, schreibt der Bibliothekar Donald Barclay im Freitag: "Obwohl der Kongress die zeitliche Begrenzung des Copyright nicht abschaffen kann, könnten die Bedingungen so geändert werden, dass das Copyright selbst nahezu unendlich verlängert wird. Wenn das geschehen sollte, würden Millionen von Werken, die für aktuelle und zukünftige Generationen von Wissenschaftlern, Künstlern und Neugierigen frei verfügbar sein sollten, im Schatten des Urheberrechts verborgen bleiben - unzugänglich und nahezu unsichtbar."
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Gesellschaft

Im Interview mit Matthias Dell vom Freitag spricht der CDU-Politiker Clemens Binnnger, der eine wichtige Rolle im NSU-Untersuchungsausschuss gespielt hat, über den Film "Der Kuaför aus der Keupstraße", der das Versagen der Behörden zeigt. Binnnger will eine optimistische Lehre ziehen: "Ich setze auch darauf, dass der Fall mit all den Fehlern Teil der Aus- und Fortbildung wird. Damit sich das Wissen darüber, was schiefgelaufen ist, in den Organisationen verstetigt. Mit diesem Wissen würde ein vergleichbarer Fall heute sicher nicht mehr so behandelt werden."
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Internet

Christian Füller bezweifelt in der FAZ, dass es sinnvoll ist, wenn die Wikimedia-Stiftung Lehrmaterial für die Schulen frei ins Internet stellt. Tilman Baumgärtel findet in der taz nicht, dass Mark Zuckerberg für seine unternehemerische Leistungn einen Axel Springer Award verdient hat.
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Stichwörter: Mark Zuckerberg

Medien

Google lässt Gelder auf Zeitungen herabregen und fördert nun erste Projekte mit seinem Innovationsfonds, berichtet von Dirk Stascheit bei turi2: "Unter den 23 europäischen Ländern liegen die geförderten Projekte in Deutschland in Summe mit knapp 5 Millionen Euro vorn, gefolgt von Großbritannien mit 2,8 Mio Euro, Spanien mit 2,5 Millionen Euro und Frankreich mit 2,3 Millionen Euro. In Deutschland werden sieben große Projekte, drei mittelgroße und neun Prototypen gefördert." Unter anderem bekommt der Tagesspiegel 250.000 Euro für sein Debattenportal Causa, meldet turi2 außerdem.

Lennart Laberenz besucht für die NZZ das Netzportal Serienjunkies in Berlin-Friedrichshain: "Aus dem kleinen, privaten Spaß des heutigen Geschäftsführers Mariano Glas wurde 2008 ein Geschäftsmodell: Eine Website für Aficionados - für Leute, die Zusammenfassungen brauchen, Charakterprofile der Serienfiguren oder die sich auf die Folge der nächsten Woche vorbereiten wollen. Über 3000 Serien hat das Portal bis anhin durchforstet, zusammengefasst, aufgeschlüsselt."
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Geschichte

Der Historiker Stephan Stach schildert in der FAZ, wie sich in Polen, unter anderem durch Interventionen des Historikerkollegen Bogdan Musial, ein nationalkonservatives Geschichtsbild durchsetzt, das von der Regierung zur offiziellen Linie der Politik gemacht wird: "Dass sich die moderne, international vernetzte, streitlustige polnische Geschichtswissenschaft widerspruchslos in den Dienst solcher staatlichen Geschichtspolitik stellt, ist nicht zu erwarten. Jan Źaryn, Senator und geschichtspolitischer Vordenker der PiS, soll auf der erwähnten Veranstaltung im Präsidentenpalast denn auch gesagt haben, in der Geschichtspolitik solle keine Demokratie herrschen. Der Staat müsse die für ihn nützliche Sichtweise durchsetzen."

Das Interview mit Wolfgang Kneese in der Zeit ist nichts für zarte Gemüter. Ohne Weichzeichner schildert Kneese seine Erlebnisse in der Baptistensekte Colonia Dignidad in Chile, aus der er als erster fliehen konnte: "Also, es war der Sommer 1966. Das Schlimmste nach meinen zwei missglückten Fluchten schienen mir die Blicke der anderen: Verräter! Vorher fühlte ich mich nur einsam, jetzt hatte ich 320 Feinde. Und dann lockten sie meine Mutter nach Chile und folterten sie mit Elektroschocks. Die Brandwunden an den Schläfen sah man bis an ihr Lebensende. Ich habe diese Folterer, die sich Christen nannten, abgrundtief gehasst."
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