9punkt - Die Debattenrundschau

Gefallen Ihnen vielleicht die Romane von Hermann Löns?

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.12.2015. Die geplante Urheberrechtsreform stößt weiter auf wütenden Protest von Verlegern: Sie wird das Verhältnis von Verlegern und Autoren zerstören, meinen Detlef Felken von C.H. Beck und Andreas Rötzer von Mathes und Seitz in Zeit und Zeit online. Netzpolitik weiß schon, warum die Bundesregierung das Leistungsschutzrecht nicht wie versprochen evaluiert: Es ist halt ein Flop. Die taz spricht mit der indischen Autorin Nayantara Sahgal über Hindu-Nationalismus.

Urheberrecht

Scharfe Kritik an der geplanten Urheberrechtsreform übt in der Zeit Detlef Felken, Cheflektor beim Verlag C.H. Beck. Die Aussicht, einen Autor auf dessen Wunsch nach fünf Jahren mit seiner Backlist ziehen lassen zu müssen, ist für ihn Ausgeburt "neoliberaler Logik". Felken erklärt die Arbeit von Verlag und Lektor und macht einen "urheberrechtlich relevanten Einfluss" auf Entstehung und Gestalt der verlegten Bücher geltend. Sein Hauptargument ist jedoch die drohende Zerstörung des delikaten Verhältnisses zwischen Autor und Verlag: "Schon ein offenes Wort über ein schwaches Manuskript kann von nun an jederzeit mit dem Abzug der Backlist beantwortet werden. Wie Verlage eigentlich überhaupt noch ein wahrnehmbares und relevantes Profil bewahren sollen, wenn jeder Konzern ihre mühsam aufgebaute Backlist bis zur Unkenntlichkeit verstümmeln kann, darüber sagt der Entwurf nichts."

Genauso sieht es auf Zeit online auch "Matthes und Seitz"-Verleger Andreas Rötzer: "Es braucht mehr als fünf Jahre, um ein Werk, einen Autor durchzusetzen, es gibt nicht wenige Beispiele, in denen der Erfolg erst nach vielen Jahren hartnäckiger Arbeit eintritt. Der Glaube daran ist Verlagssache, während dieser Zeit ausbleibender Anerkennung die Rechte des Autors zu schützen, seine Aufgabe. Eine Ausstiegsklausel nach fünf Jahren würde die Aussicht auf Rendite noch unsicherer machen und damit die Kalkulation wesentlich verändern, sie bedeutet die Ökonomisierung eines auf Symbiose angelegten Verhältnisses."
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Medien

Den totalen Flop des Leistungsschutzrechts für Presseverlage beleuchtet Anna Biselli in Netzpolitik und kann ihn vor allem mit dem Schweigen der Regierung belegen: "Die Bundesregierung versprach, das Gesetz 'ergebnisoffen zu evaluieren', doch das lässt auf sich warten und dürfte sich auch in naher Zukunft nicht ändern, zeigt die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der grünen Sprecherin für Medien und Digitale Infrastruktur Tabea Rößner." Auch Renate Künast von den Grünen wird zitiert: "Jedem ist klar: das Leistungsschutzrecht ist nicht zu halten." Der Text der Anfrage ist hier als pdf-Dokument zu lesen.
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Politik

In Indien gibt es inzwischen eine veritable Bewegung von Schriftstellern und Künstlern, die ihre auszeichnungen zurückgeben, um gegen den grassierenden Hindu-Nationalismus zu protestieren. Im taz-Interview mit Marius Mühlhausen macht die 88-jährige Autorin Nayantara Sahgal den indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi? direkt mit verantwortlich: "Er schweigt, denn die Menschen, die in diese Gewaltakte verwickelt sind, gehören zu seiner Wählerschaft. Sie sind Verbündete und aktive Unterstützer seiner Partei. Modis heutiges Handeln gleicht seinem Verhalten als Regierungschef des Bundesstaats Gujarat. Hier kam es im Jahr 2002 zu einem Massaker von einem Hindu-Mob an mehr als 2.000 Muslimen - und Modi? Er blieb stumm."

Hans Christoph Buch unterhält sich in der NZZ mit dem (heute siebzigjährigen) Dichter, Theologen, Übersetzer und Sinologen Wolfgang Kubin über China, der behauptet: "Mündlich, privat und an den Universitäten sind wir in China so frei wie in Deutschland, aber noch nicht in schriftlich publizierter Form. Ich sage: noch nicht! Denn kein Land kann sich ohne Meinungsfreiheit so entwickeln, dass es nicht verkommt."
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Internet

Einige der besten Institutionen des Netzes sind in Gefahr. Wikipedia leidet am Schwund des Engagements. Twitter reüssiert nicht, weil die Börse seine Erfolge nicht honoriert, schreibt Sascha Lobo in seiner Spiegel-Online-Kolumne: "Die einzige Story, die Twitter am Börsenmarkt erzählen kann, weil es die einzige Story ist, die Internetinvestoren akzeptieren, ist - 'Wir werden das nächste Facebook'. Damit ist die Auswahl der möglichen Erfolgspfade verengt auf einen einzigen. Deshalb wirft Twitter eine Neuentwicklung nach der anderen aus, die erkennbar auf die breite, weniger netzaffine Gruppe der Facebook-Nutzer zielt. 'Dumbing down', würde man im Englischen sagen."
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Kulturpolitik

Der 83 Jahre alte tschechische Holocaust-Überlebende Otto Maier fordert ein Gemälde - "Adonis und Amoretti" aus der Werkstatt von Francesco Albani - zurück, das einst seiner Familie gehörte und das heute als Leihgabe des Bundes in Kassel hängit, aber das Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen (BADV) erkennt seine Ansprüche nicht an, schreibt Eva Gruberovà in einer Recherche für die FAZ: "Der 'Adonis'-Fall zeigt, wie problematisch diese Praxis ist. Zahlreiche Dokumente widersprechen der Einschätzung des BADV, das Gemälde sei nicht verfolgungsbedingt entzogen worden. Von der Entscheidungsfindung sind Vertreter von Opferverbänden und die Erben allerdings ausgeschlossen, eine unabhängige Institution für Streitfälle gibt es nicht."

Europa

Ronald Düker reist für die Zeit nach Warschau, wo Jarosław Kaczyński eifrig den Umbau der Kulturszene vorantreibt, von der er einen neuen Patriotismus fordert. Den Publizisten Adam Krzeminski, erfährt Düker dabei, "erinnert die jüngere Geschichte seines Landes an den Wilhelminismus. Deutschland habe nach 1871 einen ungeahnten Modernisierungsschub erlebt, durch den das eigentlich noch zutiefst provinzielle Land, zumindest auf ökonomischer Ebene, sogar Frankreich und England überholt habe. Im Zuge dessen sei aber eine große innere Verunsicherung eingetreten. Im Zeichen der Angst entstehe schlechte Literatur: 'Oder', fragt Krzemiński, 'gefallen Ihnen vielleicht die Romane von Hermann Löns?'"
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