9punkt - Die Debattenrundschau

Ihr Rücken gebeugt und ihr Blick gesenkt

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.12.2015. In der New York Times sagt Mohammed Hanif, um welche Muslime er sich am meisten sorgt. Die Krautreporter schicken eine Reportage aus Burundi, das in Gewalt versinkt. Der Guardian zeigt, wie Google in Brüssel Lobbyarbeit macht: zum Beispiel unter Einsatz amerikanischer Parlamentarier, die ihre Brüsseler Kollegen traktieren. Die NZZ beschreibt die Lage alleinstehender Mütter in Marokko. Carta bezweifelt die Gemeinnützigkeit mancher gemeinnützigen Stiftung.

Politik

Seitdem Präsident Pierre Nkurunziza in Burundi seine Amtszeit verfassungswidrig verlängert hat und Proteste provozierte, versinkt Burundi in Gewalt, schreibt Anna Roxvall in einer langen Reportage bei den Krautreportern - und diese Gewalt erinnert an die Zeit des Völkermords im benachbarten Ruanda: "Anfangs wurden die Leichen von vermissten Personen noch versteckt. Heute werden sie offen hingeworfen, damit sie niemand vermisst. Die Körper tragen oft Beweise für Folter, manchmal sind sie geschändet worden. Eines Tages treffen wir einen Mann, der uns Fotos von einem Familienmitglied zeigt, dessen Körper in der Gosse gefunden worden war - ohne Herz. Das Herz aus 'dem Feind' zu schneiden, war die Signatur von Ruandas Hutu-Miliz. Jemand borgt sich ihre Symbolik aus."

Mohammed Hanif, Autor des Romans "Eine Kiste explodierender Mangos", macht sich in der New York Times Sorgen um Muslime. Allerdings nicht so sehr um Muslime im Westen. "Ich sorge mich um Muslime, die in ihrer eigenen Heimat von anderen Muslimen ausgelöscht zu werden drohen, wo sie eine riesige Mehrheit sind. Meine Freundin Sabeen Mahmud wurde in diesem Jahr umgebracht, wohl weil sie keine ausreichend gute Muslimin war, und das passierte in diesem Land hier, Pakistan, ein Land, das so muslimisch ist, dass man sein ganzes leben hier verbringen kann, ohne einem Nicht-Muslim, die Hand zu drücken."
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Stichwörter: Burundi, Ruanda, Folter

Internet

Simon Marks, Brüssel-Korrespondent des Guardian, und Harry Davies haben intensiv über die europäische Lobbyarbeit von Google recherchiert. Sie funktioniert etwa so, dass Google amerikanischer Parlamentarier einsetzt, um europäische Abgeordnete zu beinflussen: "Republikanische und demokratische Senatoren und congressmen, von denen viele Wahlkampfspenden in Höhe von Hunderttausenden Dollar von Google erhalten haben, wandten sich in einer Reihe ähnlicher und manchmal gleichlautender Briefe an Abgeordnete des EU-Parlaments."
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Gesellschaft

Stiftungen verteilen inzwischen 17 Millarden Euro jährlich in Deutschland, stehen aber viel zu wenig im Blickpunkt der Öffentlichkeit, schreibt Matthias Holland-Letz bei Carta - ein Beispiel: "Die gemeinnützige Bertelsmann-Stiftung fördert derzeit den Einsatz von digitalen Lehrmedien und Lernsoftware an Schulen und Unis. Digitale Bildung - das ist ein Milliardenmarkt, auf dem der Bertelsmann-Konzern nach eigenem Bekunden künftig viel Geld verdienen will. Professor Reinhold Hedtke, Soziologe an der Universität Bielefeld, findet deutliche Worte: 'Eine gemeinnützige Stiftung, die derart massiv und schamlos zugunsten der Geschäfte des Stifterunternehmens agiert, dient faktisch dessen privaten Interessen', so Hedtke. Derlei Stiftungen 'sollten keinen Gemeinnützigkeitsstatus genießen.'"

In der NZZ beschreibt Annette Steinich die unerträgliche Situation unverheirateter Mütter in Marokko: "Die Versprechen der neuen Verfassung von 2011 haben sich in Luft aufgelöst. Geblieben ist das patriarchalische Familienmodell, in dem Polygamie und die Zwangsheirat Minderjähriger ebenso ihren angestammten Platz haben wie die Übermacht der Männer und die Ächtung alleinerziehender Mütter. 'Wenn die Frauen in ihrer Not zu uns kommen, ist ihr Rücken gebeugt und ihr Blick gesenkt', sagt Hassan Adladlouni vom Verein Amal."

In der SZ unterhält sich Sonja Zekri mit zwei Polizisten über Macht und Ohnmacht der Polizei angesichts der Flüchtlingskrise. Der bayerische Oberkommissar Wackerbauer ist verhalten optimistisch: "Deutschland schafft das. Außer, es kommen weiterhin über Jahre hinweg so viele Flüchtlinge zu uns."
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Urheberrecht

Henry Steinhau wendet sich bei irights.info gegen den Offenen Brief von Verlegern und prominenten Autoren, die die geplante Urhebherrechtsreform kritisieren. Die Frist, um sich aus einem Vertrag zu lösen, mag mit fünf Jahren zu kurz bemessen sein, konzediert er: "Dass eine derartige Rückrufregel aber tatsächlich zum Sterben vieler kleiner Verlage führt - oder sogar unsere Demokratie gefährde, wie einer der unterzeichnenden Verleger meint - bleibt eine bloße Behauptung. Ebenso könnte ein Fünf-Jahre-Rückrufsrecht zur Innovation beitragen, dazu, dass Urheber und Verwerter gemeinsam neue Geschäftsmodelle entwickeln, dass neue Verlagsmodelle entstehen."
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Europa

Polen macht im Moment durch Nationalismus von sich reden, hat aber immerhin auch einen schwierigen wirtschaftlichen Modernisierungsprozess hinter sich, sagt der Osteuropahistoriker Philipp Ther im Gespräch mit Martin Reeh von der taz: "Was Polen vorangebracht hat, war der massenhafte Aufbruch in den Kapitalismus, die Bereitschaft, selbst ein Unternehmen zu gründen. Diese Nischen werden heute immer kleiner aufgrund der Konkurrenz großer Konzerne. Aber Millionen von Polen haben damals die Chancen genutzt, in Ostdeutschland war das viel weniger der Fall."

Außerdem: Paul Ingendaay wirft in der FAZ einen Blick auf Spanien vor den Wahlen.
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Stichwörter: Polen

Überwachung

Jeremy Scahill und Margot Williams präsentieren in The Intercept einen Katalog mit technischen Geräten, die es amerikanischen (und wohl auch anderen) Geheimdiensten erlauben, Handys abzuhören. "Das Dokument steckt voller bisher unbekannter Informationen und bietet einen seltenen Einblick in die Spionagekapazitäten von Bundesbehörden und lokaler Polizei in den Vereinigten Staaten."
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