Efeu - Die Kulturrundschau

Postmodern, diffus und verschwommen

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17.12.2015. In der Zeit umarmt Clemens Setz eine Trostrobbe. Der Freitag sitzt in Star Wars und staunt: Luke Skywalker hat sich in Slavoj Žižek verwandelt. Die FAZ verliert ihren Seelenfrieden bei der Begegnung zwischen Bach und Igor Levit. Warum die eigene Vergangenheit bewältigen, wenn man die Deutschen hat? Die Franzosen lieben ihren Anselm Kiefer im Centre Pompidou, notiert die Zeit.

Literatur

Immer noch etwas verstört erzählt Clemens Setz in der Zeit, wie er auf der Tokioter Robotikmesse eine "Trostrobbe" in den Armen hielt und ein großes Mitleid mit dem kleinen Telenoiden empfand. "Es braucht meine Hilfe, sagt etwas in mir. Es hat ja keine Arme und Beine." Das, setzt im später der Robotiker Hiroshi Shiguro streng den Kopf zurecht, sage nur etwas über ihn aus, nicht über den Roboter. "Die Menschheit sei eine Spezies, die für sich selbst weitgehend unsichtbar sei. Vor allem an der Innenseite. Wir müssten uns erst in etwas spiegeln, um unser Seelenleben sehen zu können, in einem Kunstwerk, einem Therapeuten, einem Partner. Androiden seien ideale Spiegel, das sei ihr eigentlicher Sinn und Daseinsgrund."

Und so sieht sie aus, die Trostrobbe (via Golem):



Weiteres: In der Zeit schreibt Hans Magnus Enzensberger den Nachruf auf seinen charismatischen Freund Gaston Salvatore. Besprochen werden Feridun Zaimoglus Roman "Siebentürmeviertel" (NZZ), Judith Holofernes' Gedichtband "Du bellst vor dem falschen Baum" (Freitag), Anne Enrights "Rosaleens Fest" (SZ) Sonja Valentins Studie "Steine in Hitlers Fenster: Thomas Manns Radiosendungen" (SZ), Cornelia Funkes "Spiegelwelt" (FR), Bov Bjergs "Auerhaus" (Tagesspiegel) und Ulrich Zieglers "Durchzug eines Regenbandes" (FAZ).

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Film


Nase im Wind: Neuer Roboter hält in "Star Wars: Das Erwachen der Macht" die Balance.

Die Wiederbelebung des Star Wars Franchise durch J.J.Abrams, der ein millardenschwerer Transfer der Saga von Lucasfilm zu Disney vorausgegangen war, begeistert die meisten Kritiker. Dass der Regisseur (und im übrigen auch Buchautor) sich des schweren Erbes aber auch "demütig" annehme, darauf verweist Dirk Peitz auf ZeitOnline: Abrams "stellt sich voll und ganz in den Dienst der Fankultur: Das Erwachen der Macht ist exakt so, wie man es sich vorher hat vorstellen können anhand der Trailer und der Andeutungen der Beteiligten." Was jedoch auch ein Problem darstellt, wie Thomas Groh beim Perlentaucher anmerkt. Der fand nämlich nur die erste Hälfte des Films tatsächlich gelungen, sobald die Nostalgieeffekte-Maschinerie angeworfen wird, gehe alles den Bach herunter: "In 'Star Wars: Das Erwachen der Macht' wohnt man der sklavischen Umsetzung von Erwartungshaltungen bei." Im Freitag zeigt sich Ekkehard Knörer, im wesentlichen soweit zufrieden, über eine Sache dann doch verdutzt: Luke Skywalker habe sich nämlich "erstaunlicherweise in Slavoj Žižek verwandelt."

Außerdem: Der Film ist toll, aber trotzdem ein bisschen enttäuschend, meint Jan Küveler in der Welt: Die Technik hat in den letzten 30 Jahren "offenbar keine großen Fortschritte gemacht". Zu wenig Frauen, zu wenig Aliens, lautet Jenni Zylkas Fazit in der taz. Dietmar Dath (im Leitartikel auf der Seite 1 und im Aufmacher des Feuilletons der FAZ), David Steinitz (SZ) und Katja Nicodemus (Zeit) sind ausgesprochen froh mit dem Film.

In der Welt unterhält sich Martin Scholz mit Pierre Christin, dem Erfinder der zehn Jahre vor "Star Wars" erschienenen "Valerian"-Comics, bei der sich George Lucas offenbar kräftig bedient hat. Christin ist darüber nicht böse: "Das alles geht bei mir zurück auf meine Faszination für Science-Fiction-Literatur von Isaac Asimov oder Ray Bradbury. Ich bin sicher, dass George Lucas ebenfalls Asimov gelesen hat. So ist das eben in der Welt der Science-Fiction - jeder kupfert vom anderen ab. Oder anders ausgedrückt: Er leiht sich was vom anderen aus und entwickelt das dann weiter. Jedenfalls war 'Star Wars' eine große, sehr schöne Überraschung für mich. Ich habe die Charaktere geliebt." Allerdings hätte Lucas ruhig "mal 'Merci' sagen" können, findet Christin, "als kleine Anerkennung, nette Geste." Und Reiner Reitsamer unterhält sich, ebenfalls in der Welt, mit Star-Wars-Drehbuchautor Lawrence Kasdan.

Weiteres: Den Berliner taz-Lesern empfiehlt Thomas Groh eine Vorführung von Roland Klicks Dokumentarfilm "Derby Fever USA" im Zeughauskino.

Besprochen werden außerdem Todd Haynes' "Carol" (Welt, taz, Freitag, Tagesspiegel) und Klaus Härös "Die Kinder des Fechters" (taz).
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Bühne


Szene aus "Mein Kampf". Regie Mina Salehpour. Foto: © Katrin Ribbe

Wenn im Januar Hitlers "Mein Kampf" gemeinfrei wird, könnte sich nochmal ein Blick darauf lohnen, wie das Theater mit George Taboris Stück "Mein Kampf" derzeit umgeht, meint Till Briegleb in der SZ. Fündig wird er in Hannover, wo Regisseurin Mina Salehpour das Stück durch den Gender-Trouble-Wolf dreht, damit aber auch in Travestie-Nähe rückt, was Briegleb durchaus heikel findet: "Die Neueinkleidung [nimmt] dem Stück seinen Stachel und verwandelt es in eine Nettigkeit. Vielleicht nimmt eine Generation, die den Nationalsozialismus nicht mehr dreimal im Schulunterricht durchgenommen hat, den Aufklärungsgedanken einfach nicht mehr so wichtig. Aber in der Umdeutung auf Genderkonflikte verdreht sich natürlich auch eine ethische Dimension des Stücks ins Unverständliche. Denn wenn man es logisch betrachtet, dann ist in Salehpours Konstruktion von Hitler und seinen Schergen das Transsexuelle das erwachende Böse."

Besprochen werden Anne Teresa De Keersmaekers Choreografie zu Arnold Schönbergs "Verklärte Nacht" im Berliner HAU (Tagesspiegel) sowie Brittens "Peter Grimes" und Janáčeks "Die Sache Makropulos" in Wien (Welt).
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Architektur

In der taz weiß Rolf Lautenschläger Näheres zum neuen Bauhaus-Museum, das nun nach einem Entwurf der spanischen Architekten Gonzalez Hinz Zabala entstehen soll.
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Musik

Ziemlich ergriffen berichtet Tomasz Kurianowicz in der FAZ von Marina Abramovićs und Igor Levits New Yorker Projekt, dem Publikum Bachs Goldberg-Variationen erst nach einer erzwungenen Total-Ruhepause von einer halben Stunde darzubieten. Dieser Pufferung misst er durchaus einen therapeutischen Effekt zu, der dabei helfe, sich der Musik zu widmen. "Doch der musikalische Prozess, den die Begegnung zwischen Bach und Levit auslöst, hebt diese Stille wieder auf, macht den Seelenfrieden zunichte. Am Ende ist an Ruhe nicht mehr zu denken, trotz der versöhnlichen Kadenz zum Schluss. Man will, man muss raus hier, zurück in den New Yorker Lärm, um mit der existentiellen Wucht, von der man soeben getroffen wurde, fertigzuwerden. Das kann Kunst erreichen, wenn sie in die richtigen Hände gerät! Was für ein großartiger Abend!"

Weiteres: In der Zeit stellt Christian Staas die Band Polyversal Souls vor. In der NZZ stellt Knut Henkel den Sänger und Poeten Benjamin Clementine vor. Besprochen wird ein Konzert Clementines in Berlin (Welt, Tagesspiegel).

Und die vielleicht wichtigste Jahresliste im Popjournalismus: Pitchfork kürt die 50 besten Alben von 2015.

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Kunst


Anselm Kiefer, Für Paul Celan : Aschenblume [Pour Paul Celan : Fleur de cendre], 2006, Collection particulière. Photo : © Charles Duprat

Die Franzosen lieben Anselm Kiefer, weil sie in ihm einen "unermüdlichen 'Trauerarbeiter'" sehen, den die Deutschen aus dem Land gedrängt haben, erklärt anlässlich einer großen Anselm-Kiefer-Retrospektive im Centre Pompidou der Kunsthistoriker Andreas Beyer in der Zeit. "Könnte es sein, dass dieser in Frankreich an Kiefer delegierte Trauerdienst auch der Zögerlichkeit geschuldet ist, die eigene Verstrickung in die Schoah aufzuarbeiten? Im Gegensatz zum Ersten Weltkrieg, der in unzähligen Mahnmalen und alljährlich am 11. November mit dem Armistice, dem zum nationalen Feiertag erhobenen 'Tag des Waffenstillstands', erinnert wird, bleibt der Zweite Weltkrieg, bleiben Vichy und die Deportationen in der öffentlichen Gedächtnispraxis merkwürdig marginalisiert." (Weitere Kritiken zur Ausstellung bei der Deutschen Welle und beim Deutschlandfunk)


Galerie BRD, Everyone is unique. Foto: Kunstverein Leipzig / dotgain.info

Für den Freitag führt Radek Krolczyk durch die aktuelle Ausstellung "Everyone is Unique - You Most of All Galerie" der Gruppe Galerie BRD im Kunstverein Leipzig. Der Zusammenhang junger Künstler verfolgt einen demonstrativ ernsten, kritischen Ansatz: "Die bevorzugte Ästhetik der Gruppe ist spröde, postmoderne Spielereien findet man keine, Poesie nur selten, die Grundfarben sind Schwarz und Weiß. Spröde ist natürlich auch der Name, Galerie BRD. ... Dabei beziehen sich die Künstler vor allem auf die politischen Konflikte der Bundesrepublik. Die Dezentralisierung durch die Alliierten, den Kampf der Roten Armee Fraktion - überhaupt auf die Ernsthaftigkeit politischer Kämpfe und Frontlinien. Nach der Wende gewinnt die Vorstellung vom Ende der Geschichte schnell an Bedeutung. Gesellschaftliches Verständnis und Gefüge werden postmodern, diffus und verschwommen."


Stefanos Tsivopoulos, Geometry of Fear, 2012

Um die ganz großen Themen geht es auch in der aktuellen Ausstellung "Die Bestie und/ist der Souverän" im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart. In der taz schreibt Christian Hillengass: "Die ganze Schau ist eine Abfolge der künstlerischen Dekonstruktion bisheriger normativer Ordnungen. Alles, von den Geschlechterrollen über ökonomische Strukturen bis hin zu Mensch-Tier-Unterscheidungen wird angezweifelt, zerpflückt, unterwandert, verwechselt und vermischt bis letztendlich nichts mehr auf dem anderen steht. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Beschäftigung mit Sexualität, Leiblichkeit und Geschlecht durch die Schau: Der Körper als unterworfenes oder dissidentes Subjekt wird als Schauplatz von Souveränitätskonflikten thematisiert."

Weiteres: In Großbritannien wird gerne öffentliche Kunst gestohlen, berichtet Alexander Menden in der SZ. Für die FAZ hat Andreas Rossmann Jochen Gerz' gestalteten, wegen Haushaltssperren nur mit einiger Verspätung realisierten "Platz des europäischen Versprechens" in Bochum besichtigt. Besprochen werden eine Ausstellung mit Fotos von Axel Hütte in Frankfurt (FR) und eine Ausstellung mit Bildern von Elisabeth Louise Vigée Le Brun im Grand Palais in Paris (NZZ).
Archiv: Kunst