9punkt - Die Debattenrundschau

Braunbären schätzen auch Beeren

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.12.2015. War die Kritik an Mark Zuckerberg in vielen Blogs und Medien antisemitisch? Sascha Lobo und FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube antworten auf Götz Aly. Im Verfassungsblog schildert der Danziger Juraprofessor Tomasz Tadeusz Koncewicz die bedrängte Lage des polnischen Verfassungsgerichts. Und in der NZZ kritisiert der französische Jurist Jean-Pierre Dubois die Reaktion des franzöischen Staats auf den 13. November. In der Welt mokiert sich Josef Reichholf über Naturschützer, die auf rassereinen Eisbären bestehen.

Europa

Am Dienstag hatte Götz Aly in der Berliner Zeitung die vielfach geäußerte Kritik an Mark Zuckerberg als antisemitisch gebrandmarkt - der Facebook-Gründer hatte gerade bekanntgegeben, auf sein Vermögen größtenteils verzichten zu wollen. Zuckerberg werde zwar nicht als Jude beschimpft, aber in Mustern, in denen man einst über sie sprach: "Die von deutschen Bloggern und Journalisten Mark Zuckerberg zugedachten Charaktermerkmale lauten: selbstsüchtig, hinterhältig, unsauber, räuberisch, verlogen, ausbeuterisch, knallhart, unehrlich. So redeten unsere Nazi-Opas und -Omas."

Sehr intensiv setzt sich Sascha Lobo, der wegen seiner Spiegel-Online-Kolumne zu Zuckerberg zu den von Aly Angegriffenen gehört, mit dem Vorwurf auseinander und erkennt in pauschaler Kapitalismukritik, (die er sich nicht zu eigen macht) einen larvierten Antisemitismus: "Ich schreibe diesen Artikel in dieser Ausführlichkeit, weil es mir aus Gründen der persönlichen Einstellung gegen Antisemitismus zwar schwer fällt, Götz Alys Vorwurf konkret nachzuvollziehen - aber völlig aus der Luft gegriffen ist Alys Konstruktion nicht. Und das hat einen Grund, den ich akzeptieren muss: Durch die dunkle Tradition und die heutige Größe des antisemitischen Diskurses im Bereich der Kapitalismuskritik muss man sehr vorsichtig sein, wenn man über einzelne Personen schreibt, die von der Öffentlichkeit als Juden betrachtet werden."

Wesentlich pathetischer ("infam", "niederträchtig") klingt FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube, der seinem ebenfalls von Aly attackierten Medienredakteur Michael Hanfeld (hier sein Artikel) zur Seite tritt: "Wollen Sie uns ernsthaft sagen, dass ein und dieselbe Kritik, wenn sie an einem protestantischen Internettycoon geübt wird, ihren Charakter ändert, wenn sie Mark Zuckerberg betrifft? Wie kann einem denkenden Menschen wie Ihnen, Herr Aly, die Absurdität dieser Schlussfolgerung entgehen? Wie kann einem Historiker des Nationalsozialismus entgehen, welcher Logik dieser Kurzschluss den Verstand opfert?"

Von der europäischen Öffentlichkeit wenig beachtet, drängt die neue polnische Regierung in Richtung Orbanisierung. Maciej Kisilowski schrieb neulich in politico.eu über die Attacken der neuen Regierung auf das polnische Verfassungsgericht (unser Resümee). Im Verfassungsblog schreibt heute der Danziger Juraprofessor Tomasz Tadeusz Koncewicz über die jüngsten Entscheidungen des Gerichts, das sich wehrt: "Trotz enormen Drucks knickte das Gericht nicht ein... In seinen Entscheidungen vom 3. und 9. Dezember (gegen Ansinnen der Regierung, d.Red.) zeigte sich das Gericht lebendig, aber schwer angeschlagen, kaum noch fähig seine Aufgaben zu erfüllen."

Der Staatsrechtsprofessor Jean-Pierre Dubois kritisiert im Interview mit der NZZ die Reaktionen französischer Politiker auf die Anschläge in Paris. Viel zu überhastet findet er etwa die für Januar angekündigte Verfassungsreform: Damit wolle die Regierung "nicht nur den Ausnahmezustand in die Verfassung einschreiben, sondern auch eine Bestimmung, die die Menschenrechtsliga mit allen Mitteln bekämpfen wird: die Aberkennung der französischen Staatsbürgerschaft für Doppelbürger, die sich bestimmte Schwerverbrechen zuschulden haben kommen lassen, darunter Terrorakte. Attentäter müssen bestraft werden - keine Frage. Aber so wird eine spezifische Sanktion für Doppelbürger geschaffen, von der 'einfache' Franzosen verschont bleiben."

Außerdem: In der SZ stellt Volkhard Knigge, Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald, Überlegungen zu der Frage an, wie künftige Mitbürger aus arabischen Ländern an das Holocaust-Gedenken heranzuführen seien.
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Ideen

Recht sarkastisch kommentiert der Evolutionsbiologe Josef Reichholf in der Welt die Sorgen von Umweltschützern um den Eisbären, dessen Lebensraum durch die Klimaerwärmung wegzuschmelzen droht. Wie reagiert der Eisbär darauf? Sehr clever, er paart sich nämlich zunehmend mit Braunbären, was einigen Umweltschützern höchst missfällt: "Es gibt zu viele Gegner von Vermischungen, die nicht nur auf Reinheit der Art pochen (dabei aber nicht wissen, was eine Art ist), sondern sogar auf Rassereinheit innerhalb der Arten. Was Eis- und Braunbären derzeit im Hohen Norden Amerikas machen, gilt ihnen schlimmer noch als Inzest, der als Mittel des rassereinen Überlebens mitunter stillschweigend bei der Bärenzucht im Zoo geduldet wird. In der arktischen Natur hingegen wird man ordnend eingreifen und die Schandflecke ausmerzen, gleichgültig ob sie mit einem breiteren Spektrum von Ernährung - denn Braunbären schätzen auch Beeren - besser überlebensfähig wären bei weniger Eis in der Arktis und noch stärker dezimierten Robbenbeständen."
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Kulturmarkt

Ulla Unseld-Berkéwicz tritt aus der operativen Leitung des Suhrkamp Verlags zurück. Verleger und Geschäftsführer ist jetzt Jonathan Landgrebe, der mit FAZ-Redakteurin Sandra Kegel über die Veränderungen auf dem Literaturmarkt spricht: "Es gibt mehr Spielräume für die Leser, was sie lesen und wie sie auf Bücher aufmerksam werden. Es gibt nicht mehr diesen einheitlichen Raum, in dem der Dialog zwischen Autoren, Verlagen, Buchhandlungen, Feuilletons und Lesern selbstverständlich stattfindet. Deshalb muss man bei jedem einzelnen Buch etwas stärker als früher darüber nachdenken, wie man es vermittelt." Landgrebe kritisiert auch sehr scharf das neue Urhebervertragsrecht, das Autoren mehr Rechte gibt, und die Entscheidung des EuGH, das Verleger nicht mehr an Abgaben für Autoren partizipieren lassen will. Kegel begrüßt Suhrkamp außerdem in einem Leitartikel auf Seite 1 des politischen Teils der FAZ in ruhigerem Fahrwasser.
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Kulturpolitik

Almuth Spiegler unterhält sich in der Presse mit Syriens unglücklichem Denkmal-Chef Maanoun Abdulkarim, der derzeit in Europa unterwegs ist, um ein Bewusstsein für den illegalen Handel mit antiker Kunst zu schaffen. "Früher ist er öfter mit seinen Kontaktaufnahmen gescheitert, 'weil wir öffentlich, staatlich sind, wie der Denkmalschutz es überall ist'. Aber heuer gelang ihm die Vernetzung schon besser. 'Wenn man nicht mit uns zusammenarbeitet, unterstützt man damit automatisch die Mafia', betont er. Und diese ist enorm aktiv, 6.500 gestohlene Artefakte hat die syrische Polizei bisher beschlagnahmt. An der Grenze zum Libanon, dessen Behörden als einzige eines Nachbarlandes mit ihnen zusammenarbeite, so Abdulkarim, waren es mehrere hundert. Die Türken hätten rund 2.000 Objekte an den Grenzen abgefangen, das wisse er. 'Aber wir wissen nicht, welche, Fotos werden uns trotz Interventionen verweigert', beklagt der Denkmal-Chef."

Gesellschaft

Angela Merkels Wahl als "Person des Jahres" im Times Magazine kommt recht gut an. Bei den Jezebel-Kommentaren weckt vor allem ihre Erklärung für die Szene mit dem Hund bei Putin Bewunderung: "Ice. Fucking. Cold. Can she do a cameo in the next Expendables?" Wenig Sympathie erntet dagegen der Maler ihres Porträts, Colin Davidson: "The 'impressionist painting effect' mucks up her face and then stops at her hair. I feel like usually you'd do it the other way around?"

Berlin ist nicht wie West-Berlin, wie ahnungslose Kollegen der Süddeutschen Zeitung behaupten, schreibt Martin Reeh in der taz, sondern wie Baltimore: "Das Nachwendeberlin hat mehr mit Baltimore zu tun als mit den Stadtteilen Britz oder Buckow: der kriselnden Stadt aus der US-Serie 'The Wire', in dem die öffentlichen Institutionen zynisch geworden sind, weil kein Geld mehr da ist. In der vom Bürgermeister bis zum Polizeichef alle dafür kämpfen, die Statistiken zu frisieren statt die Schulen zu verbessern und die Kriminalitätsrate zu senken." Als hätte Berlin mit Geld besser funktioniert!
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Geschichte

Jan Feddersen unterhält sich in der taz mit dem polnischen Historiker Krzysztof Ruchniewicz über die bislang höchst unglücklich dastehende "Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung". Eines ihrer Probleme ist ihre CDU-Nähe und der zu starke Einfluss des Bundes der Vertriebenen, so Ruchniewicz, und daraus folgt das zweite Problem: "Man konnte bislang den Eindruck gewinnen, dass sich andere Parteien beziehungsweise Vertreter der Kirchen und wichtige gesellschaftspolitische Akteure zu wenig engagiert haben und vieles im Stiftungsrat eher der national-konservativen Mehrheit überlassen haben. Aus diesem Grund wird die Bundesstiftung in den Medien fälschlicherweise als Vertriebenenstiftung bezeichnet. Dabei zeigt die aktuelle Flüchtlingsfrage, wie dringlich Fragen der Stiftung uns alle angehen."
Archiv: Geschichte