9punkt - Die Debattenrundschau

Heilige Kuh für viele Nerds

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.12.2015. Warum ist die amerikanische Gesellschaft unfähig, ihr Problem mit den Waffen zu lösen?, fragt der Atlantic. Heise.de berichtet über eine Tagung von Urheberrechtlern, die die Anonymität im Netz unbedingt abschaffen wollen. Der Independent hat herausgefunden: Wer mit Prince Charles reden will, muss einen 15-seitigen Vertrag unterschreiben. Und die Zeit fragt angesichts des aktuellen Schlammassels: Was würde Kant dazu sagen?

Gesellschaft

Cory Doctorow verweist in boingboing.net anlässlich der jüngsten Schießerei mit 14 Toten in San Bernardino, Kalifornien (mehr hier) auf die Daten des Mass Shooting Tracker: "In Amerika gibt es im Schnitt mehr als eine Massenschießerei am Tag. 2015 ist das in dieser Liste das tödlichste Jahr der Geschichte, hat schon jetzt das Jahr 2014 geschlagen und wird wohl auch 2013 mit 363 Schießereien übertrefffen." In den 334 Tagen des Jahres 2015 gab es 351 Schießereien. In den letzten zwölf Jahren sind mehr Amerikaner durch Waffen umgekommen als durch Aids, Krieg und Drogenmissbrauch zusammen, hat Zack Beauchamp bei Vox.com ausgerechnet. Teju Cole fasst seinen Schock über das Ereignis in thenewinquiry.com in eine Art Gedicht.

Schießereien passieren auch anderswo, schreibt James Fallows im Atlantic, aber es gibt einen Unterschied: "Australien, Norwegen, Großbritannien, Kanada - diese Länder tun etwas dagegen. Eine Gesellschaft wie die amerikanische ist dazu nicht fähig. Sie kann es nicht. Die Schießereien sind bestürzend. Und unsere Lähmung ist noch schlimmer."

Im Interview mit der Zeit lehnen Michel Friedman und Marianna Salzmann, 1995 mit ihrer Familie aus Russland als Kontingentflüchtling nach Deutschland emigriert, heute Hausautorin am Berliner Gorki Theater, jede Begrenzung von Flüchtlingen ab. Auch davon, dass mit den - vor allem muslimischen - Flüchtlingen der Antisemitismus zunehmen könnte, wie der Vorsitzende des Zentralrats der Juden Josef Schuster kürzlich befürchtete, wollen sie nichts wissen. In Deutschland gibt es auch ohne Muslime einen "strukturellen Rassismus", meint Friedman. "Die Verhältnisse in den Asylbewerberheimen, belagert von Nazihorden - so habe ich Deutschland kennengelernt", sagt Salzmann.

Einige Zeit-Seiten weiter hält der spanische Religionssoziologe José Casanova die Laudatio auf Angela Merkel, die für ihren Einsatz gegen Antisemitismus und für Religionsfreiheit mit dem Abraham-Geiger-Preis ausgezeichnet wurde.
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Europa

Zeit und Zeit online haben laut Philip Faigle und Götz Hamann bei zeit.de die "222 schweren Attacken" gegen Flüchtlingsheime in diesem Jahr überprüft "und die Ermittler gefragt, wie weit sie gekommen sind. In der allergrößten Zahl der Fälle wurden nicht einmal Tatverdächtige ermittelt. Lediglich in zwölf Fällen hat die Justiz bisher Anklage gegen Täter erhoben."
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Überwachung

Medien- und Urheberrechtler, die mit Renate Künast von den Grünen tagten, fordern mehr Überwachung im Netz, meldet Stefan Krempl bei heise.de: "Herrschende Meinung auf dem Podium einer Konferenz der 'Initiative Urheberrecht' war am Mittwoch in Berlin, dass Internetnutzer besser identifizierbar sein müssten. Die Anonymität im Netz sei zwar eine 'heilige Kuh für viele Nerds', meinte etwa der Göttinger Medienrechtler Gerald Spindler. 'Sie gehört für mich aber auch mal geschlachtet.' Es handle sich dabei schließlich nicht um ein Grundrecht, er habe ein solches zumindest weder im Grundgesetz noch in einschlägigen Urteilen des Bundesverfassungsgerichts gefunden."
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Medien

So kommuniziert laut Ian Burrell im Independent ein staatliches Vize-Oberhaupt: "Der Independent hat erfahren, dass der Prince of Wales Fernsehteams die Bedingung stellt, dass sie einen 15-seitigen Vertrag unterzeichnen, der verlangt, dass Clarence House sowohl beim Roh- als auch beim Feinschnitt mitredet und im Fall der Unzufriedenheit mit dem Endprodukt 'seinen Beitrag zu der Sendung in vollem Umfang zurückziehen kann'."
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Stichwörter: Prince, Prince Charles

Religion

Höchst empfehlenswert ist Eva Müllers Fernsehdokumentation "Richter Gottes", die am Montag in der ARD lief und noch hier zu sehen ist (redaktionelle Einführung hier). Sie handelt von der katholischen Parallelgerichtsbarkeit, wo einerseits kirchliche Missbrauchstäter den staatlichen Gerichten nach Möglichkeit entzogen werden und andererseits einigermaßen exotische Zivilprozesse geführt werden: "Die sogenannten 'Ehenichtigkeitsverfahren' sind die einzige Möglichkeit, eine katholische Ehe aufzuheben. Damit sind die Prozesse eine Chance für hunderttausende Kirchenangestellte in Deutschland, die trotz einer zweiten Beziehung ihren Arbeitsplatz nicht verlieren wollen."
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Ideen

Krieg, islamistischer Terror, neuer Nationalismus in Europa, perfekte Überwachungstechniken - was würde Kant dazu sagen, fragt die Zeit. Ist er überhaupt immer noch aktuell? Eine Riege internationaler Denker antwortet darauf mit ja, ausgenommen der Franzose Bruno Latour und der Amerikaner Raymond Geuss. Letzterer meint, vergessen wir Kant: "'Die Vernunft', wie sie von Kant verstanden wird, ist gerade kein 'Faktum', sondern ein Irrlicht, das uns ständig zu falschem Handeln verführt: Denn wer 'die Vernunft' absolut setzt, verabsolutiert den eigenen Standpunkt." Der Philosoph Rainer Forst meint dagegen: "Diese Art von Vernunftkritik ist eher Teil des Problems als Teil der Lösung. Man muss schon wissen, was man sich damit einkauft - nämlich einen haltlosen Relativismus. Nichts gegen Vernunftkritik, aber das geht nur mit den Mitteln der Vernunft, womit denn sonst? Wenn wir die Vernunft heute zu einem Glauben unter anderem erklären, unterrichten wir morgen in der Biologie neben Darwin auch die Schöpfungslehre."

Weiteres: Nach dem Massaker des 13. November legt Edo Reents einen wolkigen FAZ-Aufmacher über Nihilismus, tragische Gesinnung und die Frivolität westlicher Freiheitswerte vor. In der SZ denkt Andreas Zielcke angesichts des Ausnahmezustands in Frankreich über "jenen panischen Hang zum Exzess" nach, "den wir in Frankreich und in den USA und anderswo beobachten" und den er auch für Deutchland befürchtet.
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Kulturpolitik

In der NZZ vergleicht der Berliner Kunsthistoriker und Rechtsanwalt Lucas Elmenhorst den Entwurf zum neuen Kulturgutschutzgesetz in Deutschland mit ähnlichen Regelungen in der Schweiz und kommt zu dem Schluss: "Möglicherweise erweist sich rückblickend die Erhöhung des Mehrwertsteuersatzes für Kunst von 7 Prozent auf 19 Prozent als viel einschneidender und dramatischer in ihren Auswirkungen für den deutschen Kunsthandel als das geplante Gesetz."

Internet

Spiegel-Online-Kolumnist Sascha Lobo sieht Mark Zuckerbergs Bekundung, 99 Prozent seines Millardenvermögens spenden zu wollen einerseits immerhin positiv, aber andererseits auch als Ausdruck einer "Kalifornischen Ideologie", die die menschenfreundliche Hippiekultur mit dem Ideal eines freien Marktes und dem unbedingten Glauben an die Macht der Technologie vermische. Die Technologieelite sei "überzeugt, Weltverbesserung mit den Mitteln des Marktes und der Allesvernetzung erreichen zu können. Da ist nicht einmal der Hauch eines Selbstzweifels, ob der eingeschlagene Weg nicht der richtige sein könnte." Weniger differenziert sieht es in der FAZ Michael Hanfeld, der Zuckerberg unterstellt, nur seinen "persönlichen Weltmachtanspruch" anmelden zu wollen.
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