Efeu - Die Kulturrundschau

Schrille Weiber in schreienden Farben

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03.12.2015. Ist das Handke? Das Treffen Thomas Gottschalks mit Peter Sloterdijk im BE verwirrte die Feuilletonisten. Die NZZ besucht eine Tristan-Tzara-Ausstellung in Straßburg, die Welt begutachtet deutsche Secessionisten in Berlin. In der NZZ überlegen Schweizer Filmemacher, warum man in Rumänien mit wenig Geld weltläufigere Filme macht als in der Schweiz.

Kunst

Samuel Herzog führt uns in der NZZ durch die Tristan-Tzara-Ausstellung im Musée d'Art Moderne et Contemporain in Straßburg. Den biografischen Stationen von Tzaras Kunstentwicklung folgend steht er am Ende in einem Raum mit nichtwestlicher Kunst, die Tzara sehr früh zu sammeln anfing: "Wie wichtig das Interesse des Poeten für diese Kunst schon ganz zu Anfang seiner Karriere ist, illustriert im zweiten Saal der Ausstellung ein Bild des Weggefährten Marcel Janco: Es zeigt Tristan Tzara, unverkennbar mit seinem Monokel, jedoch geometrisiert und so dekomponiert, als breche jeden Moment eine afrikanische Maske aus seinem Gesicht hervor."

Wie man sich an eine Bewegung anhängt, sich dann in Fraktionen zersplittert und sich schließlich nach dem Ersten Weltkrieg im Pluralismus wiedervereint, das lernt Tilman Krause am Beispiel der deutschen Secessions-Maler im Bröhan-Museum in Berlin. Die Werke, von 1898 bis 1919, "dokumentieren in überwältigender Anschaulichkeit: Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen", schreibt er in der Welt und empfiehlt, sich in der Ausstellung "einem heute Unbekannten zuwenden und seinen Weg durch die Ismen verfolgen. Wir schlagen Georg Tappert vor. Wie der sich im ersten Raum der Ausstellung noch als bourgeoisen Dandy, in dunklem Habit, inszeniert, um nur wenige Jahre später schrille Weiber in schreienden Farben zu malen (überwältigend intensiv: 'Singende Mulattin'), das zeigt sehr schön den 'taumelnden Kontinent', wie der Kulturhistoriker Philip Blom die Jahre 1900 bis 1914 genannt hat."

Weiteres: Im Standard stellt Anne Katrin Fessler die Künstlerin Catrin Bolt vor. Besprochen werden eine Bauhaus-Schau bei Vitra in Weil am Rhein (NZZ), eine große Adolph-Menzel-Schau im Märkischen Museum in Berlin (taz) und eine Ausstellung der Arbeiten des Bildhauers Olaf Metzel im Neuen Museum in Nürnberg (SZ).
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Literatur

Treffen der Fernseh-Titanen auf der Bühne des Berliner Ensembles: Dort unterhielt sich Thomas Gottschalk mit Peter Sloterdijk über dessen Neuübersetzung von Antoine de Saint-Exupérys "Der Kleine Prinz". So richtig gezündet hat der Abend bei den anwesenden Feuilletonisten allerdings nicht. Tobias Lehmkuhl von der SZ etwa verwechselt den nunmehr schlohweißen Ex-Showmaster beinahe mit Peter Handke. Julia Encke von der FAZ beobachtete eine Transformation zwischen den zu Beginn noch fremdelnden, dann aber zueinander findenden Gesprächspartnern: "Am Ende war, wer wer war, nicht mehr ganz so sicher." Sogar auf Tournee wolle das Duo gehen, erfahren wir von Encke. "Nix echt Politisches, nix steil Absurdes an diesem Abend", berichtet Christian Schlüter bekümmert in der Berliner Zeitung, die dem Abend wenigstens in der Überschrift "Sex mit Peter Sloterdijk und Thomas Gottschalk" etwas Pep abtrotzte.

Besprochen werden ein Band mit frühen Texten von Helen Meier (NZZ), Shumona Sinhas Roman "Erschlagt die Armen!" (NZZ), die letzten Essays von Oliver Sacks (Welt), der neue Asterix-Band ("Asterix lebt", frohlockt Georg Seeßlen beglückt im Freitag), Andrei Mihailescus "Guter Mann im Mittelfeld" (Freitag), Karl Schefflers wiederaufgelegtes Buch "Berlin - ein Stadtschicksal" (ZeitOnline), Romain Rollands "Über den Gräben" (SZ), Angela Steideles "Rosenstengel" (SZ) und Durs Grünbeins "Jahre im Zoo" (FAZ).

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Bühne

Im Interview mit dem Standard spricht Herbert Fritsch über seine Moliere-Inszenierung "Der eingebildete Kranke", die am Samstag an der Burg Premiere hat, und über das Schauspielen: " Es schwebte mir nichts vor. Ich wusste zu Beginn nur, dass ich Joachim Meyerhoff besetzen möchte. Erst die Schauspieler, die so nach und nach dazukommen, inspirieren mich und treiben alles weiter. Natürlich habe ich eine grundsätzliche Idee von Spielweisen. Ich bin ja nach wie vor nicht wirklich ein Regisseur, sondern ein Schauspieler. Und als solcher versuche ich die Spieler zu coachen. Ich habe also kein Konzept, in das ich Leute hineinzwänge. Ich will ermutigen zum Fratzenschneiden, zum Körperverrenken, um damit noch viel mehr zu erzählen. Es kommt doch immer auf das Dazwischen an."

Im Interview mit der Presse gibt Joachim Meyerhoff das Kompliment an Fritsch zurück: "Er wirft so viel Ballast aus diesem Fesselballon Theater ab, da hat man gar nicht gewusst, warum man so am Boden klebt, und plötzlich fliegt man - spielen, spielen, spielen."

Weitere Artikel: Verkleidet als Günther Jauch hat Philipp Ruch vom Zentrum für politische Schönheit im Berliner Maxim Gorki Theater sein Buch "Wenn nicht wir, wer dann?" vorgestellt, berichten Melanie Reinsch (Berliner Zeitung) und Jens Uthoff (taz). Igor Zelensky, der in der Spielzeit 2016/17 Direktor des Bayerischen Staatsballetts wird, wird nebenbei auch weiterhin das Ballett des Stanislawski- und Nemirowitsch Dantschenko-Musiktheaters in Moskau leiten, meldet Eva-Elisabeth Fischer in der SZ.

Besprochen werden Kirill Serebrennikovs "Salome"-Inszenierung in Stuttgart (SZ) und Barrie Koskys Münchner Inszenierung von Sergej Prokofjews "Der feurige Engel" ("eher ein homophiler Mummenschanz", meint Reinhard Kager in der FAZ).
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Film

Die Schweizer Filmemacher Jan Gassmann und Lisa Blatter, gerade frisch ausgezeichnet mit dem Zürcher Filmpreis für den Episodenfilm "Heimatland", zu dem sie eine von zehn Episoden beigetragen haben, beklagen im Interview mit der NZZ die hohen Produktionskosten in der Schweiz, die Vetterliwirtschaft der Förderung und die Provinzialität vieler Schweizer Filme, geben am Ende aber zu, dass sie auf sehr hohem Niveau klagen: "Schauen Sie doch, was für Filme in Rumänien entstehen, mit extrem wenig Geld. Ich brauche nicht viel für meine Filme. Im globalen Vergleich geht es uns in der Schweiz, auch wenn sich alle beklagen, viel zu gut. Den Film wird es auch geben, wenn die Förderung sich dieser Realität anpasst", sagt Gassmann.

Klaus Hülbrock, der 1977 den Göttinger Mescalero-Brief schrieb, in dem er unter Pseudonym seine "klammheimliche Freude" über den Mord der RAF an Generalbundesanwalt Siegfried Buback ausdrückte, sah für den Freitag einen Dokumentarfilm über einen der Betroffenen aus dieser Affäre: In "Aus dem Abseits" begibt sich Simon Brückner auf die Spuren seines Vaters Peter Brückner, der den Mescalero-Brief mitherausgegeben und dokumentiert und dafür mit Berufsverbot bezahlt hatte. Für den privaten Ansatz des Films hat Hülbrock nur Häme und Verachtung übrig: Die "Scharfmacher" im Fall Brückner waren "Ministerpräsident Ernst Albrecht, unser bundesdeutscher Richard Nixon, und seine Spiro Agnews, die Minister Pestel und Hasselmann. Diese Leute wollten deinen Vater vernichten, Junge! Und sie sind damit durchgekommen. Auch wenn du nur dich selbst, 'ganz persönlich', über ihn aufklären willst, musst du dennoch die monströsen Surfer auf ihrer Erfolgswelle zeigen. Sie haben deinen Vater ruiniert. Du bist mit dem Film zu sehr der Mutti gefolgt."


Geregelter Lustgewinn: Wissenschaft und Erotik in Peter Stricklands "The Duke of Burgundy".

Mit "The Duke of Burgundy" bringt Regisseur Peter Strickland einen ästhetisch sehr bestrickenden Film über eine lesbische SM-Beziehung ins Kino, freut sich Janis El-Bira im Perlentaucher. Er sah einen "sehr sinnenfrohen, oft vergnüglichen Film über eine eigentlich klinisch anmutende Sache: Die Ordnung sexueller Dynamiken, die Techniken und Regeln des Lustgewinns." In der taz bespricht Toby Ashraf den Film.

Weitere Artikel: Im Standard annonciert Dorian Waller das Wiener Filmfestival "This Human World" mit Filmen aus dem Kaukasus, Mexiko und Syrien. Die Produktion explizit christlicher Schmierenrührstücke bildet für einige Produktionsfirmen ein ertragreiches Geschäftsmodell, erfahren wir von Jaboc Oller in einem vom Freitag übersetzten Beitrag aus dem Guardian. Hans-Joachim Schlegel berichtet im Freitag vom 45. Molodist-Filmfestival in Kiew. Außerdem beginnt das Onlinemagazin critic.de seine traditionelle jährliche Reihe mit bösen Weihnachtsfilmen mit Oliver Nödings Besprechung von Edmund Purdoms "besonders trist-schäbigem" Slasherfilm "Don't Open Till Christmas".

Besprochen werden Jesse Andrews' Filmadaption seines Romans "Me and Earl and the Dying Girl" (Standard), Kaan Müjdecis "Sivas" (taz, FAZ), Jaco van Dormaels "Das brandneue Testament" (natürlich ist der Film blasphemisch, aber noch hat sich Rom nicht gemuckst, freut sich Barbara Möller in der Welt, Tagesspiegel), die Komödie "Highway to Hellas" mit Christoph Maria Herbst (Tagesspiegel), Ron Howards "Im Herzen der See" (NZZ, Welt, critic.de, SZ), Theresa von Eltz' "4 Könige" (SZ) und zwei Filme über den Klimawandel: Luc Jacquets Antarktis-Doku "Zwischen Himmel und Eis" sowie Avi Lewis' und Naomi Kleins "This Changes Everything" (Standard).
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Musik

Besprochen werden neue Alben von Coldplay (Presse), The Knights (Zeit) und Grimes' "Art Angels", dessen integrativer Gestus Oliver Tepel vom Freitag nur halb überzeugen kann: "Politisch eine gute Idee, künstlerisch für des Rezensenten Ohr ein Verlust."
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