Efeu - Die Kulturrundschau

Gspüri für das universell Provinzielle

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02.12.2015. Die NZZ porträtiert den Dramatiker Massimo Rocchi als begeisterten Europäer. Das Frauenbild des Pirelli-Kalenders hat nicht nur Freunde, erfährt man bei Zeit online. Jacqueline de Ribes verkündet im New Yorker: Stil ist angeboren, Selbstbewusstsein nicht. Im  Freitext-Blog ärgert sich Angelika Klüssendorf über Karl Ove Knausgårds Hitler-Bild. Und die taz meint zu Adele: Eine von uns.

Design

Im New Yorker porträtiert Judith Thurman die adlige Pariser Stilikone und Designerin Jacqueline de Ribes, der das Costume Institute of the Metropolitan Museum gerade eine Ausstellung widmet. Zur Eröffnung wollte die heute 86-Jährige nicht kommen, erzählt sie Thurman am Telefon: "Only a few days had passed since the terrorist attacks, and like most of her compatriots she was in mourning. She was also wary of the flashbulbs, the fuss, the apotheosis - 'the display of ego.' Dressing was her performance art, and like any virtuoso she knew what feats she could risk without risking self-exposure. I asked de Ribes how her style had evolved. 'Very slowly,' she replied. 'Style is innate, while confidence isn't.'" (Bild: Jacqueline de Ribes in ihrem eigenen Design, Foto © Victor Skrebneski, Skrebneski Photograph, 1983)
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Stichwörter: Metropolitan Museum

Literatur

Im Freitext-Blog von ZeitOnline ärgert sich die Schriftstellerin Angelika Klüssendorf über den Hype um Karl Ove Knausgård, der ihrer Ansicht nach mit seinem Romanzyklus lediglich den "Bericht einer narzisstischen Störung" vorgelegt habe und sich in Reden als wenig empathiebegabter Mensch mit sonderbaren Ansichten zu Hitler erkennen gebe: "Im Jahr 2015 beschreibt ein Schriftsteller, der in dreißig Sprachen übersetzt wurde und der sein Projekt 'Mein Kampf' nennt, den Mann, dessen erklärtes Ziel es war, die 'jüdische Rasse' auszulöschen, als kleinlichen und gekränkten Mann, der plötzlich von einem unerklärlichen Judenhass heimgesucht wurde. Das ist nicht nur ignorant, das ist gefährlich."

Weiteres: Die NZZ schreibt zum Tod der marokkanischen Schriftstellerin und Soziologin Fatima Mernissi. Besprochen werden Andreas Maiers Kolumnensammlung "Mein Jahr ohne Udo Jürgens" (FR), Neil MacGregors Buch "Deutschland" (NZZ) und Carll Cneuts Bilderbuch "Der goldene Käfig" (NZZ).
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Bühne

Daniele Muscionico porträtiert in der NZZ den in der Schweiz lebenden, italienischen Dramatiker Massimo Rocchi, dessen neues Stück "EUä" gerade in Basel gezeigt wird, als begeisterten Europäer. "Rocchi ist Europa. Er hat Europa im Kopf und hat Europa am eigenen Leib erfahren. Er ist im Süden aufgewachsen, zog dann in die Mitte, ohne ein Wort Französisch zu können, nach Paris. 'Ich wollte mir im Hôtel de Ville ein Zimmer suchen.' In Paris ließ er sich bei den größten Mimen seiner Zeit ausbilden, bei Etienne Decroux und Marcel Marceau. Heute lebt Rocchi in der wohnlichsten Exklave Europas, in der Schweiz. Rocchi vereint die Leidenschaft für alles Körperliche des Italieners, den Enthusiasmus für alles Geistige des Franzosen - und das 'Gspüri' für das universell Provinzielle des Eidgenossen."

Besprochen werden David Böschs "Fliegender Holländer" an Frankfurts Oper (FR), Volker Löschs "Öderland"-Inszenierung in Dresden ("Viel Stoff zu nachhaltigem Nachdenken", meint Reinhard Wengierek in der Welt), Patrick Schlössers Inszenierung von Joseph Roths "Hiob" am Theater Wuppertal (SZ) und Andreas Homokis Inszenierung von Frederick Loewes "My Fair Lady" an der Komischen Oper Berlin (FAZ, mehr dazu hier).

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Kunst

Keine Models sondern "bedeutende Frauen" fotografierte Annie Leibowitz für den neuen Pirelli-Kalender (beispielsweise hier und hier). Darunter Patti Smith (voll bekleidet), Amy Schumer (nackt mit Bauchfalten) Serena Williams, die erste chinesische UNHCR-Botschafterin Yao Chen oder die Kunstsammlerin Agnes Gund. In der Presse gibt Anna-Maria Wallner ihre Zustimmung, denn: "Sie alle durften dabei mitreden, wie sie sich darstellen wollen, und die wenigsten zeigen dabei nackte Haut." Was nützt es, wenn sie mitreden und dann doch nur ihr Image reproduzieren, kritisiert dagegen auf Zeit online Eva Steinlein: "Der Sexismus, der sich in diesem Kalender indirekt fortsetzt, liegt gerade darin, dass sogar prominenten Frauen immer noch nicht zugetraut wird, über ihr öffentliches Bild auch dann zu verfügen, wenn sie nackt sind."

Weiteres: In der Presse gratuliert Almuth Spiegler der 88-jährigen Lieselott Beschorner zum Kunstpreis der Stadt Wien. Gina Thomas meldet in der FAZ, dass eine neue, zeitgenössische Karikatur von Charles Darwin aufgetaucht ist (mehr dazu im Telegraph). Jonathan Soble schreibt in der New York Times, Andreas Platthaus in der FAZ zum Tod des japanischen Comiczeichners Shigeru Mizuki.

Besprochen werden die Ausstellung "Fritz Winter - Die 1960er Jahre" in der Pinakothek der Moderne in München (SZ), die Ausstellung "A Labour of Love: Kunst aus Südafrika - Die 80er jetzt" im Weltkulturenmuseum in Frankfurt (FAZ) und das Manifest "Wenn nicht wir, wer dann?" des Aktionskünstlers Philipp Ruch (SZ).
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Film

Im Blog Negativ resümiert Sarina Lacaf das Kasseler Dokfest. In der taz schreibt Fabian Tietke über eine Screwball-Comedy-Reihe im Berliner Kino Arsenal. Und Artforum bringt John Waters' Top10-Lieblingsfilme des Jahres - wie jedes Jahr schon wegen der tollen Kurzkommentare ein Highlight.

Besprochen werden Ron Howards Moby-Dick-Verfilmung "Im Herzen der See" ("kein guter Film", ächzt David Hugendick auf ZeitOnline), Jaco van Dormaels "Das brandneue Testament" (taz), Kaan Müjdecis "Sivas" (ein "mächtiges Schneematsch-und-Dreckwiesen-Kinotafelgemälde", staunt Dietmar Dath in der FAZ) und Friedemann Fromms Fernsehfilm "Unter der Haut" über den Bluterskandal 1983 (Welt).
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Musik

Beim Hören von Adeles neuem Album "25" ist taz-Popkritiker Christian Werthschulte der Unterschied zwischen dem britischen Superstar und großen Soulstimmen wie Aretha Franklin aufgegangen: Franklin kam noch vom Gospel, doch "Adeles Stimme klingt zwar auch gewaltig und mühelos, aber sie agiert mit ihr oft statisch. Es gibt keine Ausreißer nach oben oder unten, keine Improvisationen über den Begleitakkorden. Adeles Gesang entspringt nicht den Transzendenz-Fabriken des Gospelchors und der afroamerikanischen Soulmusik, sondern der Immanenz der Karaoke-Maschine im nächsten Pub. Ihr Liebeskummer ist zum Mitfühlen, nicht zum Einfühlen. Das ist das Geheimnis ihres Erfolgs. Ihre Stimme mag etwas kräftiger sein, aber dennoch ist Adele eine von uns."

Im taz-Kurzkommentar nimmt Julian Weber Jan Böhmermann dessen "Ich hab Polizei"-Video (mehr dazu in unserer gestrigen Kulturrundschau) übel: Der TV-Komiker sei "ein Weißbrot, das sich über Migranten lustig macht. Man muss es aushalten". Das neue, am 08. Januar erscheinende Album von David Bowie ist "gut", bietet aber vor allem "seltsames, etwas unheimliches Zeug", meint Boris Pofalla in seiner online nachgereichten FAS-Besprechung.

Besprochen werden außerdem ein Konzert von Art Garfunkel im Zürcher Kongresshaus (NZZ), ein Konzert der Philharmonia Zürich mit Werken von Brahms und Schostakowitsch (NZZ), Konzerte beim Luzerner Klavierfestival (NZZ), die Ausstellung "I Got Rhythm - Kunst und Jazz seit 1920" im Kunstmuseum in Stuttgart (taz) und ein Konzert des Berliner Rundfunkchors und singfreudiger Parlamentarier im Berliner Paul-Löbe-Haus (SZ).
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