9punkt - Die Debattenrundschau

Die Gema-Juristen sollen gelacht haben

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.10.2015. In der taz schildert  Samar Yazbek, wie die demokratische Opposition in Syrien zerrieben wurde. taz und politico.eu würdigen die tunesischen Friedensnobelpreisträger: Ohne die Gewerkschafter und ohne die Unternehmer wäre der Friede nicht eingetreten. Die Welt fragt mit Jean-Pierre Bekolo: Gilt unsere Willkommenskultur allein den Syrern, aber nicht Afrikanern? Die indische Huffpo bewundert einen muslimischen Professor, der zum Schweinefleischessen einlädt, um gegen ein mögliches Rindfleischverbot zu protestieren. Twitter entlässt. Und der Spiegel gründet eine Abend-App.

Politik

Eine Gruppe von vier zivilrechtlichen Organisationen in Tunesien, die die Demokratisierung nach der Rebellion von 2011 ins Werk setzten. Laut Rainer Wandler in der taz spielte die noch unter französischer Kolonialherrschft gegründete Gewerkschaftsunion Union Générale Tunisienne du Travail (UGTT) die wichtigste Rolle: "Die UGTT stand und steht im Mittelpunkt der tunesischen Gesellschaft, war und ist ein Bezugspunkt für Oppositionelle und fortschrittlich gesinnte Menschen im Lande. Die islamistische Regierung wusste bei den Gesprächen mit dem Quartett sehr wohl um die Kraft der UGTT. Hätte sie eine Einigung verweigert, wäre dies unweigerlich auf eine Kraftprobe hinausgelaufen. Und die wollte und konnte sich im Tunesien des Jahres 2013 niemand leisten."

Aber auch der Unternehmerveband UTICA, der von Wided Bouchamaoui, der einzigen Frau im Quartett, repräsentiert wurde, spielte eine Rolle, schreibt Francis Ghilès bei politico.eu: "UTICA machte sich große Sorgen um den Rückgang der Investitionen sowohl aus dem In- als auch aus dem Ausland nach der Jasmin-Revolution von 2011."

Bitterer als in Syrien sind die arabischen Hoffnungen auf Demokratie wirklich nirgends gescheitert. Die im deutschen Exil lebende syrische Autorin Samar Yazbek erzählt im Interview mit Andreas Fanizadeh in der taz, wie die Rebellen der Freien Syrischen Armee, deren Überreste jetzt von Putin pulverisiert werden, in Syrien gescheitert sind: "Die Rebellen der FSA verkauften oftmals ihren ganzen Besitz, Schmuck, Häuser, Land, um den Widerstand zu finanzieren. Die Dschihadisten hatten hingegen jede Menge Waffen und Geld. Und so bekamen sie mit der Zeit immer mehr Zulauf. Die unabhängigen, demokratischen Anführer des Widerstands und der FSA hingegen wurden gezielt verschleppt und ermordet. Das Assad-Regime setzt alles daran, den nationalen demokratischen Aufstand in eine ethnische und religiöse Auseinandersetzung zu verwandeln."
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Religion

Ein muslimischer Universitätsprofessor lädt fünf Inder, die gerne Schwein essen, zum Abendessen bei sich ein, obwohl er selbst kein Schweinefleisch ist, schreibt Adrija Bose in der indischen Huffpo: "Abdul Raschid hat dieses Dinner organisert, um eine Botschaft an die Anhänger des Verbots von Rindfleisch im Land zu senden. "Kein Gericht hat das Recht, den Leuten zu verbieten zu essen, was sie gerne essen", sagt er... Er sei auf die Idee gekommen, nach dem er von Rindfleischfestivals gehört hatte, die gefeirt wurden, nachdem ein muslimischer Mann von einem Hindumob gelyncht worden war, weil er ein Kalb geschlachtet hatte."
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Internet

(Via mediagazer) Ohje Ohje, fließt denn der ganze Einnahmestrom in die Taschen von Mark Zuckerberg? Twitter jedenfalls "plant firmenweit Entlassungen", meldet Kurt Wagner bei Recode.net: "Es ist unklar, wieviel Personal entlassen wird, aber Insider sagen, dass alle Abteilungen betroffen sind." Twitter-Gründer Jack Dorsey, der seit kurzem wieder das Unternehmen leitet, wolle den Dienst verschlanken. Auch die New York Times berichtet bereits.

Julia Greenberg schreibt unterdessen bei Wired: "Edward Snowden ist womöglich die mächtigste Person auf Twitter" und erzählt, wie ein Twitter-Link von Snowden den Webtraffic der so geehrten Seiten explodieren lässt, bis die Server zusammenbrechen.
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Medien

(Via turi2) Der Spiegel will eine digitale Abendzeitung als Handy-App gründen - die Idee dazu hatte der Spiegel-Digitalkommissar Cordt Schnibben, schreibt Kai-Hinrich Renner in seiner Handelsblatt-Kolumne: "Die Abendzeitung ist als Pendlerzeitung konzipiert und soll vor allem - aber nicht nur - auf mobilen Geräten genutzt werden. Die digitale Zeitungsstudie, die Schnibben vor zwei Jahren vorlegte, gliederte sich in die Ressorts Nachrichten, Storys, Meinung, Unterhaltung, Leser und Service. Ob es bei diesem Ressortzuschnitt geblieben ist?"
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Stichwörter: Der Spiegel, Cord

Urheberrecht

Katrin Langhans porträtiert in sueddeutsche.de den Aktivisten Meik Michalke, der eine Alternative zur Gema gründet - aus Kritik an deren unflexiblen und monopolistischen Auftreten, das Open-Source-Modelle gar nicht möglich macht: Die Idee dieser Intiative "kam, wenn man so will, von der Gema selbst. Es war nicht nur dieser Satz, es war auch dieser Unterton. An dem runden Tisch vor fünf Jahren rutschte er einem der Juristen heraus: "Also, wenn Sie das nicht gut finden, was wir hier machen, dann gründen Sie doch selber eine Verwertungsgesellschaft". Es klang wie: "Das schaffen Sie ja eh nicht". Die Gema-Juristen sollen gelacht haben. Und Michalke? Der fragte, da er schon mal da war, beim Patentamt nach, was er denn tun müsse, um so eine "eigene Verwertungsgesellschaft" ins Leben zu rufen.""

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Europa

In der SZ skizzieren acht osteuropäische Autoren die Flüchtlingspolitik ihres Landes: der Tscheche Jaroslav Rudiš, die Ungarin Krisztina Tóth, der Slowene Aleš Šteger, der Litauer Eugenijus Ališanka, der Slowake Michal Hvorecky, der Bulgare Georgi Gospodinow, der Serbe Dragan Velikić und der Rumäne Filip Florian (schade, dass Polen fehlt). Mit Ausnahme Serbiens beschreiben alle eine Stimmung aus Hass und Furcht gegenüber den Flüchtlingen - und das, obwohl diese Staaten im Schnitt bisher zwischen 0 und 44 Flüchtlinge als asylberechtigt anerkannt haben. Es macht auch keinen Unterschied, ob sie von Linken oder Rechten regiert werden: Außer Serbien ist niemand bereit, Flüchtlinge aufzunehmen. Dabei hat eigentlich keiner von ihnen wirklich Grund, Angst zu haben, notiert nicht nur Georgi Gospodinow: "Wie gesagt, alles erscheint apokalyptisch, doch da gibt es ein Detail. Denn eigentlich machen die "Invasoren" einen Bogen um Bulgarien. Traurige Ironie, die wir nicht gern kommentieren. Mein Gott, ist es bei uns so schlimm, dass nicht einmal diese Flüchtlinge ohne Obdach und Lebensunterhalt bei uns bleiben wollen?"

Wolf Lepenies verweist in der Welt auf einen höchst interessanten Blogbeitrag des kamerunischen Regisseurs Jean-Pierre Bekolo, der fragt, warum die deutsche "Euphorie der Brüderlichkeit", den Syrern gilt, während den Afrikanern nie eine ähnliche Reaktion zuteil wurde: "Zögernd kommt Bekolo zur Schlussfolgerung, einer "epidermischen Reaktion" beizuwohnen. Hautfarbe und Physiognomie bestimmen das Ausmaß gewährter Brüderlichkeit. Die Syrer sind den Europäern weniger fremd als die Afrikaner. Und manche Afrikaner sind fremder als andere: Bei einem Besuch in Schweden fiel Bekolo auf, dass die dort aufgenommenen Schwarzen "mit ihren feinen Gesichtszügen" fast ausnahmslos, wie die Äthiopier, vom Horn von Afrika stammten. Rassismus? "Ich schämte mich meiner Gedanken und wollte sie loswerden, aber heute habe ich das Gefühl, dass mein Eindruck nicht ganz falsch war.""

Ebenfalls in der Welt fragt Dankwart Guratzsch, wie Wohnungsbau für die Flüchtlinge aussehen könnte. In der FAZ lotet Thomas Thiel aus, wie sich die Unis auf die Studenten unter den Flüchtlingen vorbereitet.

Und in der Literarischen Welt unterhalten sich die Lena Gorelik und Gary Shteyngart, die beide in Sankt Petersburg geboren sind, über die Psychologie der Migration: "Probleme haben wir, wenn keine Einwanderer kommen wollen."
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Gesellschaft

Die taz bringt ein interessantes Dossier über die Krise des Lesens: "Ich habe das Lesen verlernt", schreibt Felix Dachsel "Die Buchstaben verschwimmen. Ich lese und fühle mich verloren in einem Ozean an Text: "Ulysses" von James Joyce, nur wenige Seiten gelesen, weggelegt. "Der Verlorene" von Hans-Ulrich Treichel, für sehr unterhaltsam befunden, abgebrochen, weggelegt. Die Zeilen vibrieren, die Zwischenzeilen kommen mir entgegen, ich ertrinke im Text und blättere vor, ich zähle Kapitel: Wie lang noch? Ich will schlafen."

Im Interview Giacomo Maihofer erläutert der Medienlinguist Henning Lobin, Autor eines Buchs zum Thema, was im Zeitalter des Internets mit dem Lesen geschieht: "In digitalen Medien folgen wir typischen Wahrnehmungsmustern. Das zeigt die Analyse solcher Blickbewegungen. Diese Muster leiten sich vom Durchforsten von Listen auf dem Bildschirm ab, beispielsweise in Suchmaschinen. Man schaut sich die oberen Ergebnisse genauer an, als die unteren, liest von links nach rechts. Das ergibt eine Schwerpunktsetzung oben links. Daraus folgt eine charakteristische F-Struktur. Interessant ist: Wir setzen diese Lesemuster unbewusst auch bei Texten ein, die für diese Art des Durchscannens gar nicht geeignet sind, einem Zeitungsartikel etwa."
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