Efeu - Die Kulturrundschau

Salonweltschmerz in Ephebengestalt

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10.10.2015. Die Welt begutachtet in London mit größtem Vergnügen die neureichen Aufsteiger des Francisco de Goya. Die taz erinnert sich angesichts aus den Wänden quellender Kabel sehnsüchtig an das improvisationsfreudige Nachwende-Berlin. taz und NZZ besprechen den Roman der Stunde: Jenny Erpenbecks Flüchtlingsroman "Gehen. Ging. Gegangen". Die SZ trauert um den Theatervorhang. Der Tagesspiegel sieht Hermann Fritsch an Carl Sternheims wortverspielter Sprache scheitern.

Kunst

Ehrlichkeit gegenüber den Mächtigen und Liebe zu seiner Familie, das vor allem liest Stefanie Bolzen in den 70 Porträts Goyas, die die National Gallery in London derzeit ausstellt. Die Schau erzählt auch vom spanischen Hof während der Wende zum 19. Jahrhundert". Wobei auch Goya zu den Aufsteigern gehörte - mit einem tollen Sinn für Eigen-PR, so Bolzen in der Welt: "Davon gibt das bezaubernde Gemälde "El niño rojo" Zeugnis. Es zeigt den vielleicht zweijährigen Manuel Osorio Manrique de Zuñiga, Sohn des Grafen von Altamira. Zwei Charakterzüge Goyas verstecken sich im "Jungen in Rot". Seine schamlose Eigenwerbung in Form einer Visitenkarte, die eine Elster im Schnabel hält und dem zeitgenössischen Betrachter alle notwendigen Kontaktdaten mitgibt. Zugleich aber zeugt das Bildnis des kleinen Manuel von der großen Zärtlichkeit, die Goya für Kinder empfand."

Die Schau "The Vacancy: 33 Rooms, 33 Artists" im Temporary Art Space in Berlin blickt sehnsüchtig auf das improvisationsfreudige Nachwende-Berlin zurück, fällt tazler Ingo Arend auf: "Überall liegt Schutt auf den freigelegten Dielen, uralte Kabel quellen aus der Wand. Wenn es eine übergeordnete kuratorische Erzählung dieser gelungenen "Zwischennutzung" gibt, dann die sanfte Trauer über die Zeiten, als die Kunst noch die treibende Energie der Berliner Stadtmitte mit ihren vielen "Leerstellen" war."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel referiert Michael Zajonz die Rolle Berlins in der historischen Wiederentdeckung der Werke Botticellis. Die amerikanische Künstlerin und Filmemacherin Ericka Beckman, die gerade ihre erste Retrospektive in Deutschland hat, erzählt im Interview mit der Welt, wie sie Film, Computerspiel und Performances verbindet.

Besprochen wird David Richters "Hello, I love you"-Schau in der Frankfurter Schirn (FR) und eine Ausstellung mit Werken aus Christoph Blochers Kunstsammlung im Museum Oskar Reinhart (NZZ).
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Film

Nachdem es regierungskritische Dokumentarfilme ins Programm genommen hat, wird dem Filmfestival im südkoreanischen Busan mit rigorosen Mittelstreichungen gedroht, berichtet Jan Schulz-Ojala auf ZeitOnline. Urs Bühler porträtiert in der NZZ die französische Filmregisseurin Maïwenn Le Besco.

Besprochen werden Ridley Scotts "Der Marsianer" (Freitag, unsere Kritik hier), Stephen Frears" "The Program" über den Radfahrer Lance Armstrong (FR, ZeitOnline), der Dokumentarfilm "Landraub" (Welt) und Joe Wrights "Pan" (FAZ).
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Literatur

Auffallend viele Romane der Saison verhandeln das "Sich-Selbst-Fremd-Fühlen", bemerkt taz-Literaturredakteur Dirk Knipphals (dem sein Kollege Jan Feddersen heute an dieser Stelle zum Geburtstag gratuliert - wir schließen uns an). Insbesondere Jenny Erpenbecks Flüchtlingsroman "Gehen. Ging. Gegangen" erweist sich seiner Ansicht nach als besonders interessante Annäherung ans Thema: "Während Knausgård, Rutschky und auch Peltzer von der Fremdheit ihrer Protagonisten ausgehen und verschiedene Strategien vorführen, mit ihr umzugehen, lässt Jenny Erpenbeck ihren Richard seine eigene Fremdheit allererst entdecken. Anders formuliert: Ihm ist seine eigene Fremdheit noch fremd. Er ist erst mitten drin, zu begreifen, dass auch das Eigene stark erklärungsbedürftig ist."

Für NZZ-Rezensentin Sibylle Birrer zeigt Erpenbeck hier "den exemplarisch aufflackernden Humanismus in seiner ganzen Erbärmlichkeit: Für Richard ist das Unglück der anderen Projektions- und Reflexionsfläche für die Ambivalenzen seiner eigenen Existenz - derweil politisch gesehen jeder vernünftige Versuch, den Flüchtlingen zu einer lebbaren Gegenwart zu verhelfen, von gesetzlichen Auflagen im Keim erstickt wird."

Weitere Artikel: Georg Renöckl berichtet in der NZZ über die Erich-Fried-Tage in Wien, wo sich V.S. Naipaul und Christoph Ransmayr über die Angst beim Schreiben unterhielten. Felix Dachsel klagt in der taz angesichts eines drohenden Stapels ungelesener Bücher, denen er Fernsehserien und Nachrichten-Apps vorzieht: "Ich habe das Lesen verlernt." Zu tun habe dieser Kompetenzverlust mit Smartphones und dem Lesen am Bildschirm, erklärt der Linguist Henning Lobin im dazugehörigen Interview. Sylvia Prahl empfiehlt in der taz Karl Bruckmaiers Hörspielbearbeitung von Laurence Sterns Roman "Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman", deren erster Teil morgen im Bayerischen Rundfunk als Ursendung läuft. Für die FAZ konturiert Florian Balke die Literaturszene Indonesiens und deren Herausforderungen. Und auch die NZZ hat heute ein großes Dossier zu Literatur und Kunst aus Indonesien.

Die FAZ kommt heute mit ihrer Literaturbeilage. Den Aufmacher widmet Felicitas von Lovenberg Lila Azam Zanganehs "die Genregrenzen fröhlich sprengendes literarisches Debüt" "Der Zauberer. Nabokov und das Glück". Besprochen werden außerdem der Roman "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" von Frank Witzel (den der Kulturwissenschaftler Philipp Felsch in der taz als James Ellroy des BRD noir feiert), Monique Schwitters "Eins im Andern" (FR), Tracy Daughertys bisher nur auf Englisch erschienene Biografie Joan Didions (Welt), Mercedes Lauensteins "nachts" (taz) und Tilmann Lahmes "Die Manns - Geschichte einer Familie" (FAZ). Außerdem: Der neue Leichenberg von Thomas Wörtche.
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Archiv: Literatur

Architektur

In der Welt stellt Paulina Czienskowski die neue Ausgabe des Magazins Flaneur vor, die der inzwischen etwas lädierten Athener Prachtmeile Fokionos Negri gewidmet ist. In der FAZ bringt Ana Maria Michel Hintergründe zum Streit um ein Gebäude, das neben dem Wormser Dom gebaut werden soll.
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Stichwörter: Worms, Fokionos Negri, Flaneure

Bühne

Mit seiner Hamburger Inszenierung von Carl Sternheims "Die Kassette" übt sich Herbert Fritsch einmal mehr am Tempoüberschlag, notiert Katrin Ullmann im Tagesspiegel. Überzeugend fand sie die Darbietung indes nicht: "Fritschs wilder Aktionismus und überdrehter Manierismus verbreiten statt der gewohnten schwindelnd-hysterischen und ironisch-kurzweiligen Unterhaltung eine bizarre Mischung aus Reizüberflutung und Langeweile. Es scheint, als sei Sternheims expressionistische wortverspielte Sprache selbst schon zu exaltiert, um eine erhöhte Fritsch-Dosis zu verkraften. ... Es scheint, als ergäbe Plus und Plus an diesem Abend eben Minus."

Im Aufmacher des SZ-Feuilletons trauert Christine Dössel um die Magie des Theatervorhangs, der im Zeitalter postdramatischer Anti-Illusions-Bühnenkunst kaum noch zum Einsatz komme. Der Vorhang "trennt die Welt des Zuschauers von der Welt der Bühne, die Realität vom Gespielten und bildet somit höchst stofflich jene "vierte Wand", die es schon bei Bertolt Brecht zu durchbrechen galt. Dessen Parole "Glotzt nicht so romantisch!" hat sich weithin durchgesetzt. Das Theater will wie das Leben sein, will mehr ins richtige Leben hinein - weg vom "als ob" der Schauspielkunst. Als ob das "als ob" nicht seine Grundverabredung wäre."

Die Nachtkritik bringt eine beeindruckend umfangreiche Liste mit allen Bühnen, die sich in der "Refugees Welcome"-Kampagne engagieren.

Besprochen werden Sibylle Bergs Inszenierung ihres Stücks "How To Sell A Murder House" in Zürich (NZZ) und Florentine Kleppers Inszenierung von Franz Schrekers Oper "Der ferne Klang" in Graz (FAZ).
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Musik

In der Welt porträtiert Manuel Brug Igor Levit und Daniil Trifonov als die beiden glänzendsten Pianisten ihrer Generation: "Ist Igor Levit, der bisher den metropolitanen, aber auch ablenkenden süßen Sirenenrufen Berlins widerstanden hat und weiterhin in seiner eigentlichen Heimatstadt Hannover ein geerdetes Pianistenleben führt, der kampfbereite Musterschüler, robust, aber mit weichem Kern, osmotisch offen, so meint man bei Daniil Trifonov, der sich in Moskau und Cleveland ausbilden ließ, den Antipoden vor sich zu haben: als prototypisch russischen Salonweltschmerz in Ephebengestalt."

In seinem Blog sammelt der Poptheoretiker Simon Reynolds seine liebsten Zitate über das Hauntology-Label Ghost Box Records, das dieser Tage sein zehnjähriges Bestehen feiert und Reynolds" "Lieblingslabel der vergangenen zehn Jahre" darstellt. Auf Soundcloud gibt es ausführliche Hörproben:



Weitere Artikel: Stefan Musil hört für die Welt Musik beim "Steirischen Herbst" in Graz. Thomas Stillbauer erinnert in der FR an John Lennon, der gestern 75 Jahre alt geworden wäre. In der SZ berichtet ein weihevoller Helmut Mauró vom seltenen Vergnügen, ein Konzert des Chors der Sixtinischen Kapelle an dessen ureigenem Ort erlebt zu haben.

Besprochen werden das Album "No No" von Co La (Spex), das Abschlusskonzert der Münchner "Geniale Dilletanten"-Schau mit den Goldenen Zitronen und Ornament & Verbrechen (taz), ein Konzert von Crosby, Stills & Nash (Tagesspiegel), ein Konzert des Artemis-Quartetts (Tagesspiegel) und ein Beethoven-Konzert der Berliner Philharmoniker (Tagesspiegel).
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