9punkt - Die Debattenrundschau

Das Unfertige, das Freie

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.10.2015. Es ist nicht wahrscheinlich, dass der "tiefe Staat" das Attentat in der Türkei anrichtete, meint die SZ, aber nur Erdogan profitiert von diesem Attentat, meint der Autor Emrah Serbes laut lustauflesen.de. Im Perlentaucher denkt Daniele Dell'Agli über die islamistischen Snuff-Videos nach und fragt, was sie mit dem Islam zu tun haben.  Was heißt es, "dass der Holocaust begann, wo es vorher die Sowjetmacht gab", fragt Timothy Snyder im Standard. In der NZZ fürchtet der Politologe Markus Linden, dass im Internet eine populistische Szene entsteht.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.10.2015 finden Sie hier

Politik

In der SZ findet Christiane Schlötzer den Verdacht abwegig, das Attentat in Ankara könne vom Staat selbst inititiiert worden sein, vom berüchtigten "tiefen Staat". Doch beruhigend ist das nicht: "War es der IS, dann muss sich die Türkei womöglich auf noch Schlimmeres gefasst machen. Viel zu lange hat sie die Radikalen im Land gewähren lassen. " Und: "Präsident Recep Tayyip Erdoğan polarisiert, wo er kann. Er hat das Land in einen unnötigen Wahlkampf getrieben, weil er es nicht hinnehmen wollte, dass ausgerechnet die Kurden mit ihrem Wahlerfolg vom Juni ihm Grenzen setzten."

In der taz sieht Jürgen Gottschlich das ähnlich und bemerkt: "Die Staatsmacht zeigt auch am Tag nach dem Terroranschlag auf die Friedensdemonstration von HDP und verschiedenen linken Gewerkschaften wenig Sensibilität für die Betroffenen: Als die Parteichef Demirtaș und die zweite Vorsitzende der HDP, Figen Yüksekdağ, am Sonntagmorgen Nelken am Tatort niederlegen wollen, hindert die Polizei sie daran."

Jochen Kienbaum schildert in seinem Blog lustauflesen.de, wie er eine Berliner Lesung des türkischen Autors Emrah Serbes erlebte, der dann nicht las, sondern mit dem Publikum diskutierte: "Nur Erdogan nütze dieses Attentat, der Präsident und seine Getreuen setzten alles daran, das Land in eine Diktatur zu stürzen, alle Macht und allen Reichtum an sich zu reißen, dazu instrumentalisiere man auch die Islamisten, hole sogar die Dschihadisten vom Islamischen Staat ins Land, selbst hinterhältigste Guerillaaktionen seien erlaubt, so lange sie Erdogan stützten und hülfen."

Jochen Buchsteiner schildert Indonesien in der FAZ als eine Art weltpolitisches Wunder, das man nur noch nicht wahrgenommen hat: "Mit 250 Millionen Einwohnern leben in Indonesien mehr Menschen als in Russland oder Brasilien. Und es ist eine Demokratie. Indonesien hat nie seine Nachbarn in Abhängigkeit gehalten oder einen Krieg vom Zaun gebrochen. Im Gegensatz zu anderen vom Islam dominierten Nationen hat es auch nie missioniert und stets seine christlichen Minderheiten geschützt." Mehr zum Literaturland Indonesien in Efeu.
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