9punkt - Die Debattenrundschau

Sieg des magischen ­Realismus

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.10.2015. Slate.fr erzählt die Geschichte des syrischen Internetaktivisten Bassel Khartabil,der seit drei Jahren im Gefängnis sitzt, weil er sich für ein freies Internet einsetzte. In taz und FAZ wird über eine Begrenzung der Flüchtlingszahlen nachgedacht. Bei Resonanzblog staunt die schwedische Autorin Majgull Axelsson darüber, wie sein Volk in seinem Heim vergaß, dass es einmal rassistisch war. Die FAZ schildert die Umtriebe des Hindu-Nationalismus in Indien.

Internet

Stéphanie Vidal schildert in slate.fr in einem beeindruckenden Artikel den Fall des syrischen Internetaktivisten Bassel Khartabil, der in Syrien für eine freies Internet und die Open-Souce-Bewegung kämpfte und von Foreign Policy zu den "Global Thinkers 2012" gezählt wurde. Er wird von den Schergen Baschar al-Assads seit drei Jahren gefangen gehalten und wurde jetzt an einen unbekannten Ort deportiert. Nebenbei kommt Vidal auf die zwiespältige Rolle der sozialen Medien in den syrischen Aufständen von 2011 zurück: "Erst im Februar 2011 hat Baschar al-Assad den Zugang zu Facebook, Youtube und Twitter gestattet. Die scheinbar großherzige Geste hat sich bald als bedrohlich herausgestellt, denn die sozialen Netze erwiesen sich als effizientes Mittel, um die Bevölkerung zu überwachen und Informationen über jene zu sammeln, die sich durch Bild und Wort gegen Assad wandten. Die Netze waren also gleichzeitig ein Instrument der Befreiung für die Bevölkerung und ein Zwangsmittel, das die Regierung gegen sie gebrauchte." Für Khartabil zirkuliert bei change.org eine Petition."
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Geschichte

Akten, die von der Obama-Regierung freigegeben wurden, beweisen, dass ein chilenischer Politiker in seinem Washingtoner Exil 1976 auf Weisung von Augusto Pinochet himself ermordet wurde, berichtet Jonathan Franklin im Guardian: "Orlando Letelier, früherer Verteidigungs- und Außenminister unter Präsident Salvador Allende, wurde nach dem Putsch von 1973 ins Gefängnis gesteckt und gefoltert. Später floh er in die Vereinigten Staaten und arbeitet im Institute of Policy Studies in Washington DC. Letelier, der auch Botschafter Chiles in den USA gewesen war, wurde am 21. September 1976 durch eine Bombe unter dem Sitz seines Auos umgebracht. Eine amerikanische Kollegin, Ronni Moffitt, wurde bei der Explosion ebenfalls getötet. Ihr Ehemann Michael überlebte schwer verletzt."
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Stichwörter: Chile, Augusto Pinochet

Europa

Zur Flüchtlingsdebatte schreibt Christian Geyer in der FAZ: "Gerade wenn man keine ethnische, deutschtümelnde, xenophobe Debatte will, muss man über Zahlen reden. Eine Flüchtlingspolitik, die sich nicht um Zahlen schert und das auch noch ohne Wenn und Aber zum Programm erhebt, ist keine Politik mehr. Sie ist Traum, Vision, Abenteuer, Nährboden fürs Ressentiment."

Auch Barbara Dribbusch in der taz möchte über Obergrenzen sprechen: "Unermüdlich appelliert die Bundeskanzlerin an die anderen EU-Länder, doch bitte schön endlich höhere Kontingente an Flüchtlingen aufzunehmen und Deutschland zu entlasten. Die Chancen, dass die EU-Länder dem nachgeben, sind leider gering. Es sei denn, die Verhandlungsbasis änderte sich. Gäbe es in Deutschland eine Debatte über die Abschaffung des Asylrechts in der bisherigen Form und über selbst gesetzte Obergrenzen, wären die anderen EU-Länder wohl kooperationsbereiter."

In der SZ fordert der Osteuropahistoriker Philipp Ther energisch, der "oberflächlichen Logik" populistischer Schutzargumente gegen die Flüchtlinge und allen nationalen Aufwallungen entgegenzutreten. Und er erinnert daran, was die Aufhebung der Grenzen in Europa bedeutet hat: "Vor allem für kleinere EU-Staaten und die vielen deutschen Grenzregionen bedeutet Schengen viel. Es ermöglicht neben bequemen Reisen einen anderen Alltag an der Grenze. Millionen Arbeitnehmer pendeln in die Nachbarstaaten, nutzen die Einkaufsmöglichkeiten oder fahren aus dem Berchtesgadener Winkel abends nach Salzburg ins Theater. Mit Schengen ist Europa von unten zusammen gewachsen."

Die schwedische Autorin Majgull Axelsson veröffentlicht im Resonanzboden eine kleine Diatribe gegen ihr eigenes Volk, das sich seit den Fünfzigern so behaglich in seinem "Volksheim" eingerichtet hat: "Und Rassisten waren wir auch nicht. Als uns kurz nach Ende des Krieges aufging, wie unangenehm (um es mit der schwedischen Vorsicht auszudrücken) der Rassismus sein konnte, beeilten wir uns, das rassenbiologische Institut, das nur wenige Jahrzehnte zuvor das führende auf der Welt und unser ganzer Stolz gewesen war, zu schließen. Anschließend wurden wir von unserer üblichen Betriebsblindheit befallen und vergaßen Jahrzehnte lang, dass es überhaupt existiert hatte."
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Kulturpolitik

Andreas Fanizadeh kommentiert in der taz den Buchmessenboykott des Iran, der wegen der Keynote-Rede Salman Rushdies protestiert hat: "Nun hat die Literatur eines Einzelnen den Iran samt Länderstand und sieben mehr oder weniger unabhängigen Ausstellern in die Flucht geschlagen. Wenn dies kein Sieg des magischen ­Realismus ist."

Dass der indische Premierminister Narendra Modi ein Hindu-Nationalist ist, merkt man vor allem an der Kulturpolitik, schreibt Martin Kämpchen in der FAZ: "Die staatlichen und staatlich unterstützten kulturellen und wissenschaftlichen Organisationen erhalten nach und nach Leiter, die sich oft an unwissenschaftlichen Vorstellungen und exklusiv-hinduistischen Vorgaben orientieren. Die Regierung deklarierte die "Bhagavad Gita", einen der bedeutendsten religiösen Texte des Hinduismus, als Indiens "nationales Buch" und düpierte damit Muslime, Christen und Sikhs. Muslime und Christen werden als Rindfleischesser geächtet, letzte Woche wurde in Nordindien ein Hindu wegen des Verdachts, er habe Rindfleisch gegessen, öffentlich gelyncht."

Weiteres: Ebenfalls in der FAZ fordert der Sänger Christian Gerhaher einen Konzertsaal in der Münchner Innenstadt und schlägt den Apothekenhof der Residenz vor.