9punkt - Die Debattenrundschau

Sinnvolles Leben mit wichtiger Arbeit

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.07.2015. Im Tagesspiegel und der NZZ kritisieren die Autoren Kostas Kalfopoulos und Soti Triantafillou den Starrsinn der Regierung Tsipras und das Freund-Feind-Denken der griechischen Intellektuellen. BHL nimmt in seiner Kolumne die Idee der Demokratie gegen Syriza-Freunde wie Marine Le Pen in Schutz. In The Nation rufen Ökonomen um Thomas Piketty die Königin von Europa auf, den Griechen die Schulden zu erlassen. Sonst droht der Untergang. Und die SZ hätte gern eine klare Antwort auf die Frage: "Hören US-Geheimdienste deutsche Journalisten ab?"

Europa

Im Tagesspiegel beschreibt der Autor Kostas Kalfopoulos die aufgeheizte Stimmung unter Griechenlands Intellektuellen, die "Züge eines Bürgerkriegs" angenommen habe: "Den Gegner dämonisieren, das Übel leichten Herzens personifizieren - dies ist eine griechische Spezialität. Das Böse muss einen Namen tragen. Wolfgang Schäuble. Jeroen Dijsselbloem. Oder Christine Lagarde vom IWF, den Varoufakis als "kriminelle Bande" bezeichnete. An Stelle des Anti-Amerikanismus der sechziger und siebziger Jahre ist der Anti-Germanismus getreten, der womöglich markanteste Paradigmenwechsel in der modernen griechischen Geschichte. Nüchterne Stimmen, sachliche Argumente - alles Fehlanzeige."

Im NZZ-Interview mit Barbara Spengler-Axipoloulos beklagt die Schriftstellerin Soti Triantafillou den Starrsinn von Syriza: "Die Regierung Tsipras besteht aus einer Gruppierung von Politikern, die alten kommunistischen Parteien entstammen: der moskauorientiert KKE und den Eurokommunisten. Damals setzte Syriza sich für die Trennung von Kirche und Staat ein, propagierte die staatliche Anerkennung homosexueller Lebensgemeinschaften und andere soziale Reformen, die in die Moderne weisen. Heute ist es mir unmöglich, Syriza-Politiker mit Sympathie zu betrachten. Ich denke, dass sie die Regeln der Demokratie nicht respektieren und ihre Methode eine des Taktierens und des Manipulierens ist. Diese Menschen leben in einer Parallelwelt. Zudem leiden in dieser Regierung einige Mitglieder an Paranoia."

Alexis Tsipras" Bewunderer (in Frankreich sind das Marine Le Pen und der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon) sprachen nach dem griechischen Referendum von einem "Sieg der Demokratie". Nein!, ruft Bernard-Henri Lévy in seiner jüngsten Kolumne und untersucht Tsipras" Argumente für das Referendum: "Unser Plan war ja nicht, mag Tspiras einwenden, das Volk zu konsultieren, sondern uns der Konsultation zu bedienen, um den Kampf mit unseren Partnern auszutragen, die die Frechheit hatten, uns auf den Weg des Rechtsstaats und der sozialen Gerechtigkeit zu drängen und auf Abschaffung der Privilegien für Reeder und des Klerus zu beharren. Mag sein. Aber von was für einer Demokratie sprechen wir hier? Ist die Europäische Union nicht jener befriedete Raum, in dem wir nach und nach gelernt haben, uns von dieser dummen Logik des Kampfes zu lösen und sie durch jene der Verhandlung und des Kompromisses zu ersetzen?"

(Via Spiegel online). Eine Reihe führender Ökonomen um Thomas Piketty (Joseph Stiglitz und Paul Krugman fehlen allerdings) ruft die Königin von Europa in einem in The Nation publizierten Appell auf, den Griechen das Geld zu erlassen, das die europäischen Steuerzahler ihnen bisher geliehen haben (sie sprechen dagegen von "finanziellen Forderungen, die die griechische Ökonomie erdrückt haben"). Andernfalls drohen sie mit der Apokalypse: "Zusammen mahnen wir die Kanzlerin Merkel und die Troika, eine Kurskorrektur in Betracht zu ziehen, um ein weiteres Desaster zu vermeiden und Griechenland einen Verbleib in der Eurozone zu gestatten. Im Moment wird die griechische Regierung aufgefordert, sich eine Pistole an die Schläfe zu halten und abzudrücken. Traurigerweise wird die Kugel nicht nur die griechische Zukunft in Europa zerstören. Die Eurozone, dieses Leuchtfeuer der Hoffnung, der Demokratie und des Wohlstands, würde ebenfalls ermordet, und das könnte weltweit zu weitreichenden Konsequenzen führen."
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Urheberrecht

Mit seiner Idee, die kommerzielle Verbreitung von Fotos aus dem öffentlichen Raum zu verbieten, dürfte der EU-Politiker Jean-Marie Cavada gescheitert sein, doch in anderen Bereichen herrsche weiter der Extremismus des Urheberrechts, meint der Organisationstheoretiker Leonhard Dobusch in der SZ: "Ein zentrales Merkmal von offenen, liberalen Gesellschaften ist es, dass Verbote als Ausnahmen daherkommen. Prinzipiell ist alles erlaubt, was nicht explizit verboten ist. Es ist diese aufklärerische Errungenschaft, die wirtschaftliche Innovation, kulturelle Vielfalt und gesellschaftliche Entwicklung ermöglicht. Das Urheberrecht folgt einer genau gegensätzlichen Logik. Im Urheberrecht gilt per Gesetz "Alle Rechte vorbehalten"."
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Kulturpolitik

Götz Aly erinnert in seiner Kolumne für die Berliner Zeitung an den liberalen Berliner OB Max von Forckenbeck, der 1888 dem 88-Tagekaiser den Neptunsbrunnen vors Schloss setzte. Ihn möchte Aly wieder an seinen einstigen Platz setzen, "zwischen Schloss und Marstall (heute Hochschule für Musik Hanns Eisler)", bis das Terrain vague zwischen Schloss und Alex neu definiert ist: "Berlin fehlt nach wie vor die Mitte. Sie wird entstehen, aber das benötigt Zeit. Bis dahin sollte Forckenbecks grandioser, in seinen Details witziger Brunnen die Leute am heutigen Platz erfreuen. Er verkörpert Lebenslust und bürgerliches Selbstbewusstsein."

Am 9. Juli 1915 endete die deutsche Kolonialherrschaft in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia. In der taz vermisst die grüne Kulturpolitikerin Ulle Schauws eine Erinnerungskultur in Bezug auf den Kolonialismus: "Die fehlende Auseinandersetzung Deutschlands mit dem Thema hat vielleicht auch damit zu tun, dass sich Deutschland immer als die kleinere, sozusagen "harmlosere" Kolonialmacht sah. Trotzdem, es hat die Massenmorde in Afrika gegeben und Deutsche haben hier viel Unrecht begangen."

So einfach ist das nicht mit dem Kolonialismus und den Museen, erläutert Horst Bredekamp, einer der Gründungsintendanten des Humboldt-Forums, in einem sehr interessanten Interview mit Christiane Peitz und Nicola Kuhn vom Tagesspiegel: "Die Habsburger sammelten mexikanische Federkunst, nachdem sie Mexiko mit den Spaniern auf grauenvolle Weise erobert hatten. Aber es gab auch die Gegenbewegung, die von größter Wertschätzung der indianischen Kulturen geprägt war. Deshalb existieren ja die großen Sammlungen in Wien und Florenz, mit Fächern aus Federn über Gemälde bis zu Marienfiguren. So bezwingt das Eigenleben der Objekte ihre Domestikatoren."
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Medien

Ist das eine Stärkung von Print oder die Übertragung eines Print-Namen auf eine andere Mediengattung, so dass man das Printprodukt am Ende wie eine Raketenstufe abstoßen kann? Der Sender N24, der Springer bereits gehört (über eine Fusion von Springer und Prosieben Sat1 wird ja angeblich noch verhandelt), soll künftig den Namen der Zeitung Die Welt tragen, meldet turi2 und bezieht sich zum Teil auf ein braves Meedia-Interview mit dem Welt-Chefredakteur Jan-Eric Peters: "Der Umbau geschieht in drei Schritten, lässt der Konzern per Pressemitteilung wissen. Erst sollen sich Welt und N24 optisch annähern, dann gemeinsame App- und Online-Angebote unter welt.de entstehen. In einem letzten Schritt bekommt der Nachrichtensender N24 einen neuen Welt-Anstrich."

Chris Ip versucht für die Columbia Journalism Review "The Cult of Vice" zu ergründen - selbst in Deutschland macht diese neue Medienmarke ja von sich reden und erstaunt mit einem neuen Ton. "Für junge Journalisten kommt ein Job bei Vice einem sinnvollen Leben mit wichtiger Arbeit gleich. Während die meisten Online-Medien sich heute in der Plackerei von Aggregation und schnellen Kommentaren erschöpfen, machen Vice-Redakteure - Durchschnittsalter 26 bis 27 Jahre - lange Dokumentationen, bereisen den Globus und haben mit der Klickgeilheit der Content-Farmen nichts zu tun. Während die alten Medien sich mit den neuen Technologien abmühen, experimentiert Vice schon mit Google Glass, arbeitet mit Virtual Reality in Sundance und baut ein neues Medium für Frauen auf."

Unklar ist weiterhin, ob die Telefone des Spiegels oder des Kanzleramts von amerikanischen Geheimdiensten angezapft wurden, Thorsten Denkler und Claudia Tieschky verlangen in der SZ Aufklärung: "Hören US-Geheimdienste deutsche Journalisten ab? Beobachten sie gezielt, welche Kontakte hohe Regierungsbeamte zu Medien haben? Ist der Spiegel, sind Medien allgemein ein Aufklärungsziel in der Strategie des engen Bündnispartners? Und schließlich: Hat die Bundesregierung diese Praxis gedeckt?"

Weiteres: Christan Meier berichtet in der Welt, dass der Bezahlsender Sky mit Sky Arts Arte und 3sat Konkurrenz machen will. Und in ihrer taz-Kolumne darf sich Silke Burmester offenbar nicht über die mickrige Online-Berichterstattung zur Frauenfußball-WM aufregen.
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Politik

Fouad EL-Auwad unterhält sich für die FAZ mit dem irakischen katholischen Bischof Yohanna Petros Mouche, der ganz klar macht, wie zerrüttet das Verhältnis zwischen den Bevölkerungsgruppen inzwischen ist: "Ich verlange von den Weltmächten, schnellstmöglich unsere Orte zu befreien und uns Sicherheit zu gewähren. Wir haben das Vertrauen gegenüber unseren früheren Nachbarn verloren. Ich sage dies vor allem, weil uns die sunnitischen Araber aus den umliegenden Dörfern an den IS verraten haben. Sie haben sich den IS-Kämpfern angeschlossen und uns in unseren Häusern angegriffen. Wir wollen nicht mehr mit ihnen zusammenleben. Wir möchten ein eigenes Gebiet, in dem wir sicher sind."

Weiteres: Russland verbannt einige internationale Menschenrechts- und Bürgerrechtsorganisationen, darunter das Open Society Institute, meldet Politico.eu. Aktivisten, die mit diesen Organisationen zusamenarbeiten, drohen künftig sechs Jahre Gefängnis.
Archiv: Politik
Stichwörter: Russland, Irak