9punkt - Die Debattenrundschau

Der Andersmeinende

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.07.2015. In der Basler Zeitung fordert der irische Historiker Brendan Simms einen europäischen Superstaat. In der FAZ dringt Asfa-Wossen Asserate mit Blick auf die Flüchtlingsproblematik auf eine neue europäische Afrika-Politik, die im wesentlichen den eigenen Werten treu sein solle. Überall im Netz wird über Angela Merkel und das palästinensische Flüchtlingsmädchen diskutiert. Daily Mail schildert die entsetzliche Lage der Albinos in Tansania.

Europa

Europa soll sich mit Ausnahme des stets siegreichen Großbritannien zu einem Staat zusammenschließen, sagt der irische Historiker Brendan Simms im Gespräch mit Hansjörg Müller von der Basler Zeitung. Zwei Gründe hat er für diese starke Meinung - das sonst zu dominante Deutschland müsse eingebunden werden, und schließe sich Europa nicht zusammen, "wird uns Wladimir Putin so lange drangsalieren, bis die EU aus außenpolitischen Gründen auseinanderbricht, oder wir werden einen Rückfall in nationale Währungen erleben, einschließlich einer Wiedereinführung der Deutschen Mark. Der europäische Konsens, wie er seit Anfang der Fünfzigerjahre besteht, nämlich dass Deutschland in ein europäisches Ganzes eingebettet werden muss, würde sich dann auflösen."

In der taz unterhält sich Jarina Kajafa mit dem ukrainischen Oppositionellen Fjodor Ustinow, der mit seiner linken Partei "Soziale Bewegung" eine von den Oligarchen unabhängige Kraft zu etablieren versucht: "Die Postmaidan-Gesellschaft steckt in einer Sackgasse. Einerseits machen sich eine antikommunistische und populistische Stimmung breit. Andererseits besteht angesichts der katas­trophalen wirtschaftlichen Lage eine Nachfrage nach sozialer Gerechtigkeit. Die Maidan-Rhetorik wurde im Wesentlichen von rechts geprägt. Die linke Idee muss erst noch in Worte gekleidet werden."

Außerdem: In der Welt erinnert Wolf Lepenies an den Status der Kolonien in der frühen EU und an Ideen des Philosophen Alexandre Kojève über den "gebenden" Kolonialismus.
Archiv: Europa

Internet

Der Kabarettist Dieter Nuhr wendet sich in der FAZ gegen Shitstorms im Internet, die er nach religions- und griechenlandkritischen Äußerungen über sich ergehen lassen musste: "Die Primitivität und Aggressivität, mit der Andersmeinende im Internet verfolgt werden, scheint mir denselben psychologischen Mechanismen zu folgen, die früher zu Lynchjustiz und Pogromen führten. Der Andersmeinende wird zunächst als wahlweise "dumm" oder "böse" dargestellt."
Archiv: Internet

Urheberrecht

Darin, dass das existierende Urheberrecht im Zeitalter des Internets und der Digitalisierung, von Sampling und Remix überfordert ist, sind sich alle einig. Aber auch mit der Praxis des Regietheaters, in der dem zu schützenden Werk des Autors das ebenso schützenswerte Werk des Regisseurs gegenübersteht, versagt das Gesetz, schreibt Christine Dössel in der SZ und erinnert daran, dass mit der gerichtlichen Absetzung von Frank Castorfs "Baal"-Inszenierung "die Kunstfreiheit eine schwere Niederlage erlitten" hat: "Und das alles, weil eine Erbin, die sich die Aufführung gar nicht mal angesehen hat, mit dem Urheberrecht dagegen ins Feld zieht? Was eine Gesetzesreform vor allem leisten müsste, ist eine angemessene, den modernen Entwicklungen im Theater und Internet Rechnung tragende Abwägung der Rechte. Im Rahmen der Kunstfreiheit muss in einzelnen Fällen mehr möglich sein, als das Urheberrecht zulässt."
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Archiv: Urheberrecht

Kulturpolitik

Hermann Parzinger von der Preußen-Stiftung wendet sich in der FAZ gegen den "Tonfall des Empörungsgeschreis" in der Debatte um das Kulturgutschutzgesetz und fordert Versachlichung: "Von zentraler Bedeutung ist, wie wir den Begriff "national wertvolles Kulturgut" definieren wollen und wie exklusiv eine solche Kategorisierung wirklich sein soll; jedenfalls sind dies Fragen, die sich breit zu diskutieren lohnen, weil es dabei auch um unser Selbstverständnis als Kulturnation geht."

Kulturmarkt

Mit VW hat es nicht geklappt, aber der Residenz-Verlag gehört jetzt Porsche (in Gestalt des Urenkels von Ferry Porsche, Peter Daniell Porsche), berichtet Rüdiger Wischenbart im buchreport: "Es ist eine kleine Übernahme, die jedoch gleich zwei viel weiter reichende Veränderungen beleuchtet. Die österreichische Verlagsszene gruppiert sich neu mit entschiedenem Blick auf die lokale Nische, mit Österreichthemen und Akzent auf Lebens- und Traditionswerten..."

Weiteres: Die Erben des überraschend verstorbenen Suhrkamp-Mitbesitzers Hans Barlach wollen den Konflikt mit dem Verlag beilegen, meldet turi2 mit Bezug auf Focus.
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Politik

Herzlose Kanzlerin? Ein Video hat sich weltweit durchs Netz verbreitet, in dem angeblich Angela Merkel einem palästinensischen Flüchtlingsmädchen die Hoffnung auf ein Bleiberecht nimmt. Oder sagt sie in ihrer unabschaltbaren Nüchternheit nur, wie es ist?



Bei Vice schreibt Matern Boeselager einen sehr abwägenden Kommentar zu dem Video und dem Verhalten der Kanzlerin: "Auch wenn es natürlich wieder einmal beweist, dass Merkel keine Politikerin ist, die im direkten Dialog mit Menschen funktioniert. Man kann sich gut vorstellen, dass Politiker mit mehr Gespür wie Sarkozy oder Berlusconi sofort die PR-Chance gewittert und irgendetwas Rühriges und Unseriöses getan hätten - zum Beispiel dem Mädchen großspurig versprochen, dass sie bleiben kann... Aber Merkel ergreift die Chance nicht, stattdessen bleibt sie bei der Wahrheit." Anderswo, etwa bei Carta (hier), sind die Überschriften eher spöttisch: "Ein PR-Auftritt wie ein Formel 1-Unfall". Und Meedia spricht von PR-Desaster. Die Daily Mail berichtet erstaunlich ausführlich über den Vorfall.

"Nein, Merkel hätte Reem nicht anbieten müssen, sie und ihre Familie bei sich zu Hause aufzunehmen", meint Thorsten Denkler in der SZ: "Aber Merkel hätte lernen können, dass Flüchtlinge, aus welchen Gründen auch immer sie nach Deutschland kommen, für Deutschland ein Gewinn sind." Dass Merkel der Schülerin auch ganz ohne populistische Geste hätte Mut machen können, wissen Robert Birnbaum und Stephan Haselberger im Tagesspiegel: "Gerade erst hat die Regierung das Bleiberecht geändert, der Bundespräsident muss nur noch unterschreiben. Gut integrierte Jugendliche und ihre Familien dürfen dann nach vier Jahren hier bleiben, nicht wie bisher nach sechs."

Asfa-Wossen Asserate dringt im Gespräch mit Jochen Hieber in der FAZ darauf, dass Europa in Afrika eine gemeinsame und den eigenen Werten treue Polititik führt - sonst würde es die kommende Flüchtlingskrise kaum bewältigen. Aber auch wirtschaftlich muss Europa endlich fair werden: "Experten haben ausgerechnet, dass Afrika allein durch die Agrarprotektion der Amerikaner, Europäer und Japaner jährlich rund dreißig Milliarden Dollar an Exporteinnahmen verliert - das ist fast das Doppelte der Entwicklungshilfe, die jedes Jahr nach Afrika fließt. Umgekehrt kann ein Bauer in Afrika kaum mit den Preisen für die subventionierten Lebensmittel aus Europa konkurrieren. Die Folge: weitgehende Subsistenzwirtschaft." Dazu passt die in der taz referierte neue Studie, nach der aus den Entwicklungsländern doppelt so viel Geld in die Industriestaaten fließt wie umgekehrt.

Gestern beklagte in der SZ der malische Autor Ousmane Diarra den arabischen Kultur-Imperialismus, der die alte tolerante, animistische malische Kultur auszulöschen droht. Dass auch das alte, tolerantere Afrika zu entsetzlichen Grausamkeiten fähig ist, lernt man aus einer Reportage des Daily Mail. Flora Drury beschreibt die Anschläge auf Albinos, die vor allem in Tansania immer brutaler werden. Körperteile von Albinos werden für bis zu 50.000 Pfund verkauft. Sie sollen Glück bringen. "Kulwa Lusana was just a teenager when the five men held her down and attacked her with machetes as she lay in bed at her home in north-west Tanzania, before bundling her arm into one of their coats and running off into the night. Shockingly, Kulwa was lucky: she is one of hundreds of victims of the sickening trade in albino body parts, used in potions mixed by so-called witch doctors for the rich and powerful."
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