9punkt - Die Debattenrundschau

Verrückte Loops, verwirrende Erzählstränge

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.07.2015. In der SZ spricht  Schanna Nemzowa, Tochter von Boris Nemzow, über die immer schärfere Repression in Russland. Bernard-Henri Lévy erklärt in seinem Blog, warum man Griechenland retten musste. Das geplante Kulturgutschutzgesetz sorgt nach wie vor für erbitterten Widerstand beim Kunsthandel. Die Berliner Zeitung verteidigt das Gesetz mit Blick auf alte Herrscherfamilien, die sich mit "ihrer" Kunst schon manches Mal wässerten.

Politik

In der SZ beschreibt Schanna Nemzowa, die Tochter des ermordeten russischen Oppositionspolitikers Boris Nemzow, wie sich Putins Autoritarismus zunehmend verschärft: "Noch vor der Beerdigung schütteten die staatlichen Sender kübelweise Dreck über ihn aus, es wurden die abartigsten Versionen des Mordes in Umlauf gebracht - eine "ukrainische Spur", eine "islamistische Spur". Das improvisierte Denkmal auf der Brücke, auf der mein Vater starb, wurde geschändet. Dann wurde einer seiner besten Freunde, der Journalist Wladimir Kara-Mursa, vergiftet. Ich sagte mir: Es reicht. Ich verließ RBK, weil ich mich nicht mehr an halboffizielle korporative Absprachen halten wollte: In der Redaktion und vor der Kamera kein Wort über Politik, draußen - ähm, okay, aber bitte vorsichtig."
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Geschichte

Als einen fälligen Schritt für eine Auseinandersetzung mit der Geschichte der Ukraine wertet Regina Mönch (FAZ) eine Ausstellung über die Ukraine im Zweiten Weltkrieg Museum Berlin-Karlshorst: "Für Millionen Ukrainer hatte dieser Krieg bereits im Juni 1939 begonnen, als die Rote Armee das damalige Polen überfiel, legitimiert durch den Hitler-Stalin-Pakt... Dass Tausende der "befreiten" Ukrainer, vor allem aus der akademischen Elite, kurz darauf im GULag verschwanden oder in den Gefängnissen des NKWD erschossen wurden, ist ein blinder Fleck nicht nur aus russischer Sicht geblieben."
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Kulturpolitik

Der bekannte Maler Georg Baselitz verlangt seine Leihgaben in deutschen Museen zurück um gegen das geplante Kulturgutschutzgesetz zu protestieren, das den auch für Künstler wie Baselitz so vorteilhaften Kunsthandel einschränkt, berichten die Agenturen (hier in der Presse). "Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) werden neun Gemälde und eine Skulptur des aus Sachsen stammenden Baselitz in den nächsten Tagen zurückschicken. "Es ist ein schwerer Verlust der Gegenwartskunst, den wir auch erstmal nicht ausgleichen können", sagte Generaldirektor Hartwig Fischer am Montag. Der Künstler habe ihn persönlich informiert, dass er seine Dauerleihgaben zurückhaben möchte. "Diesem Wunsch werden wir so schnell wie möglich entsprechen." Die Abhängung wird bereits geplant."

Brigitte Werneburg weist in der taz auf einen möglichen Effekt des neuen Kulturgutschutzgesetzes hin: "Der über die flächendeckenden Ausfuhrverbote erzeugte Ausschluss der internationalen Konkurrenz führt zu einem Preisverfall, was die deutschen Museen mit ihren geringen Budgets wieder zum Zuge kommen lassen soll."

In der Berliner Zeitung sieht Nikolaus Bernau genau darin ein Ziel der Novelle und findet das ganz richtig, wie auch das zweite Ziel, nämlich die Abwanderung von als kostbar eingeschätzten Werken zu verhindern: "Dieser Kulturgutschutz hat eine lange Tradition, er wurde nur von den Behörden der Bundesländer oft äußerst lax gehandhabt - und meist entschieden die Fachgremien mit auffälliger Rücksicht auf die Interessen einstiger Herrscherfamilien, heutiger Industrieller oder Investoren. Der skandalöse Verkauf der Holbein-Madonna aus dem Darmstädter Schloss durch die Familie Hessen-Darmstadt, die kaum anders denn als Plünderung zu bezeichnende Auktion des Inventars von Schloss Marienburg durch die Welfenfamilie und jetzt die Debatten um die Zukunft von Kulturgut, das der einstigen mecklenburgischen Herrscherfamilie gehört, haben in der Politik ein Umdenken bewirkt."

Mit dem Gesetz und seinen möglichen Ausfuhrsperren, so erläutert Rose-Maria Gropp in der FAZ "verbindet sich, naturgemäß und teils durchaus zu Recht, die Furcht der aktuellen Besitzer, das entsprechende Werk sei dann nur zu einem geringeren Preis zu verkaufen." Im Gespräch mit Gropp wehrt sich der Galerist Klaus Gerrit Friese gegen das Gesetz.
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Religion

Nichts fürchtet Chinas KP heute so sehr wie wahre Kommunisten, weiß Slavoj Zizek in der LRB und erklärt sich aus dieser Furcht vor kommunistischen Gläubigen Pekings anhaltende Aversion gegen die Religion. Einige dialektische Volten später kommt er Zizek auf folgenden Gedanken: "Man kann nicht religiös im allgemeinen Sinne sein. Man kann nur an einen bestimmten Gott glauben, oder an bestimmte Götter, zum Nachteil anderer. Das Scheitern aller Versuche, Religionen zusammenzubringen, zeigt, dass man religiös im allgemeinen Sinne nur unter dem Banner der "anonymen Religion des Atheismus" sein kann. Tatsächlich kann nur ein atheistisches Regime religiöse Toleranz garantieren: in dem Moment, da dieser atheistische Rahmen wegfällt, explodieren die Fraktionskämpfe zwischen den verschiedenen Religionen."
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Stichwörter: Atheismus, Slavoj Zizek

Europa

Bernard-Henri Lévy dankt in seinem Blog François Hollande für die Rettung Griechenlands, dessen Regierung er in seinen letzten Kolumnen nicht schonte. Dennoch: "Man musste Griechenland natürlich retten. Man musste es retten vor einem immer größeren Teil der europäischen Öffentlichkeit, der es nicht mehr ertrug, dass ein Mitgliedsland seine Legitimität gegen die der anderen ausspielte. Man musste es vor seinen falschen Freunden retten, die Syriza gern ein Laboratorium für die identitären Spielchen der Ultralinken und Ultrarechten geboten hätten. Man musste es vor sich selbst retten und vor jenem manchmal begründeten und manchmal unbegründeten und von Demagogen stets befeuerten Gefühl, dass man ihm einen Schierlingsbecher verabreicht. Ja, man musste es retten, absolut."

Doris Akrap ist schon süchtig nach der neuen Qualitätsserie "Grexit": "Verrückte Loops, verwirrende Erzählstränge, überraschende Wendungen, großartige Dialoge, fiese Machenschafen, faszinierende Charaktere." Aber unbedingt mit Untertiteln gucken, rät sie in der taz, die Synchronisation taugt nichts: "Oxi bedeutet nämlich nicht sicher nein, sondern eher jein, exit nicht unbedingt raus, sondern manchmal auch rein."

Im New Statesman erzählt Yannis Varoufakis Harry Lambert von den Verhandlungen mit der Eurogruppe aus seiner Sicht: ""Very powerful figures look at you in the eye and say You"re right in what you"re saying, but we"re going to crunch you anyway". Varoufakis was reluctant to name individuals, but added that the governments that might have been expected to be the most sympathetic towards Greece were actually their "most energetic enemies"."

Vielleicht muss man es nach der Einigung mit den Griechen, die viele als eine harsche Demütigung des Landes sehen, dazu sagen: Niemand sei ein überzeugterer Europäer als Wolfgang Schäuble, so jedenfalls Thomas Schmid von der Welt in seinem Blog: "Er tritt für die Direktwahl des EU-Kommissionspräsidenten ein, offensichtlich kann er sich einen europäischen Demos vorstellen. Ginge es nach ihm, käme die Politische Union schon morgen. Und wenn man ihm die Bedenken des Bundesverfassungsgerichts oder die instinktive Abneigung vieler Bürger gegen "mehr Europa" vorträgt, reagiert er - ganz Oberlehrer - unwirsch: Die haben ja keine Ahnung." Ebenfalls in der Welt versucht Wolf Lepenies, die Krise mit Luhmanns Begriff des Vertrauens (das nun leider auch zwischen Deutschland und Frankreich zerstört sei) zu meistern.

Alex Rühle trauert in der SZ um die europäische Idee, die Angela Merkels Vision der "marktkonformen Demokratie" gewichen sei: "Entscheidungen müssen her, bevor die Märkte in Asien öffnen, eine Einigung muss unterzeichnet werden, bevor die nächste griechische Rate fällig ist. In diesem Liveticker-Modus bleibt keinerlei Zeit und Raum, nach dem Zweck dieser Union zu fragen, wir müssen schließlich die Märkte beruhigen, also los, noch mehr Vergemeinschaftung."

Jens Bisky empfiehlt ebenfalls in der SZ gegen die Verklärung der Schocktherapien nach der Wende, den Philip Thers "Geschichte des neoliberalen Europas" zu lesen - oder die Schlagzeilen, mit denen gegen polnische Armutsmigranten Stimmung gemacht wurde.
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