9punkt - Die Debattenrundschau

Die Peripherie der römischen Peripherie

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.07.2015. In der NZZ erklärt Olivier Roy, warum der "Islamische Staat" als säkular zu gelten hat. In der taz wendet sich Gabriele Goettle gegen 85.000 Schweine, die 15 Arbeitsplätze schaffen. Im Guardian plädiert Naomi Wolf gegen den bei südkalifornischen Mädchen so modischen "Vocal Fry". Im Deutschlandfunk spricht Juan Villoro über Gewalt in Mexiko. Und in Politico.eu knüpft Larry Sefiha von der jüdischen Gemeinde in Thessaloniki alle Hoffnungen an Europa.

Kulturpolitik

Das Elend britischer Museen in der Provinz schildert Eva Ladipo in der Welt. Anders als die staatsfinanzierten Londoner Superstar-Museen haben sie keinen internationalen Ruf, aber die Preise haben auch sie auf null herabgesetzt: "Allerdings werden sie von den darbenden Kommunen finanziert und haben in den vergangenen vier Jahren Kürzungen um fast ein Drittel verwinden müssen. Außerdem mangelt es ihnen an dem Prestige und der Marketingkraft der nationalen Museen und damit an einer wichtigen zusätzlichen Einkommensquelle: kostenpflichtigen Sonderausstellungen."

Weiteres: Ebenfalls in der Welt wendet sich Cornelius Tittel ein weiteres Mal gegen das geplante Kulturgutschutzgesetz.

Europa

David Patrikarakos von Politico.eu trifft Larry Sefiha, den Vize-Vorsitzenden der einst so blühenden jüdischen Gemeinde von Thessaloniki, der über den Antisemitismus in Griechenland spricht (das Land hat laut Statistik die höchste Rate von Antisemiten in Europa). Trotz allem begrüßt er die griechische Einigung mit den Gläubigern: ""Es wird hart werden", gibt Sefiha zu. "Die neonazistische Partei "Goldene Morgenröte" könnte durch die harten Maßnahmen noch gewinnen. Wenn wir einen europäischen Kurs beibehalten, sollte alles ok bleiben. Aber ohne europäischen Zusammenhang, werden die Enttäuschten Unterschlupf bei der "Goldenen Morgenröte" suchen. Eines scheint mir sicher: In Europa zu bleiben, erhöht die Sicherheit für die Juden. Als Nation", schließt er, "scheuen wir Griechen uns, Verantwortung für unsere Fehler zu übernehmen: Es ist immer die Schuld externer Kräfte oder anderer Leute. Wenn wir diese Mentalität nicht überwinden, kommen wir nie voran."

Christiane Schlötzer erzählt in der SZ recht spöttisch von den geheimen Grexit-Plänen, mit denen Yanis Varoufakis ausgerechnet vor Hedgefonds-Managern prahlte: "Teil dieses "Plan B" war laut Varoufakis, mit Hilfe eines Hackers ins griechische "Generalsekretariat für Einnahmen", also in die oberste Steuerbehörde, einzudringen, um ein paralleles Banken- und Bezahlsystem für den Fall von Kapitalkontrollen und den Übergang zur Drachme aufzubauen. Dazu habe er einen "Freund aus Kindertagen", einen IT-Experten engagiert, einen Professor der New Yorker Columbia University. Der Professor sei aktiv geworden. "Etwa eine Woche, nachdem wir in der Regierung waren, rief er mich an und sagte: Stell dir vor, ich kontrolliere die Maschinen, ich kontrolliere die Hardware, aber nicht die Software." Die werde von der Troika, den Vertretern der Geldgeber, beaufsichtigt."

Im Feuilleton der SZ erklärt dann der Münchner Soziologe Stephan Lessenich das "koloniale Regime", das die "postkolonialen Demokratien" an Griechenland exerzieren: "In Gestalt der berühmt-berüchtigten "Strukturanpassungsmaßnahmen", derer sich die Gesellschaften jenseits des Rio Grande über viele Jahrzehnte hinweg erfreuen durften."
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Gesellschaft

Gabriele Goettle besucht für ihre monatliche Großreportage in der taz die Tierschützerin Sybilla Keitel, die gegen die Pläne des niederländischen Agrarindustriellen Harry van Gennip kämpft. Gennip wird von der Brandenburger Landesregierung umworben, weil er eine gigantische Schweinemastanlage in Hassleben plant: "Dabei ist doch bekannt, dass in solchen Anlagen fast alles maschinell gefahren wird, dabei kämen maximal 15 Arbeitsplätze zu Mindestlöhnen heraus. Sein Vorhaben jedoch stieß auf zunehmenden Widerstand, teils von Anwohnern, besonders aber durch Umweltschützer aus der Region. Gennip hatte zunächst einen Bestand von 85.000 Tieren geplant, ging im Jahr 2008 runter auf 67.000 Tiere, was sich aber auch nicht als genehmigungsfähig erwies. 2012 senkte er die projektierte Kapazität auf 37.000 Tiere."

In einem Gespräch mit Peter B. Schumann im Deutschlandfunk reflektiert der Autor Juan Villoro die heutige Gewalt in Mexiko vor dem Hintergrund der Menschenopfer der Azteken und Mayas: "Sie wollten damit die Götter friedlich stimmen, denn die Welt mit ihren Erdbeben, Wirbelstürmen, Seuchen, Trockenheiten empfanden sie als bedrohlich. Und es entsprach ihrer Logik, das Teuerste, das sie besaßen, das Leben ihrer Lieben, zu opfern. Ich erwähne dies angesichts der ungeheuren Zahl von Morden in meinem Land. Im Mexiko von heute, das wir für so modern halten, besitzt das Leben keinen Wert mehr, hat der Tod keinen Sinn."

(Via Boingboing) Die Feministin Naomi Wolf wendet sich in einem Essay für den Guardian gegen den "Vocal Fry", eine besonders bei südkalifornischen Mädchen (aber auch sonstwo) beliebte Sprachmarotte, die jeder kennt, der amerikanische Serien im Original guckt.

Hier ein sehr gut erläuterndes Video:



Naomi Wolf schreibt: "Wir sollten junge Frauen nicht veranlassen, ihre Stimmen zu manipulieren oder wesentliche Teile ihrer selbst zu verändern. Aber nachdem ich Frauen zwei Jahrzehnte lang Stimmunterricht gegeben habe, weiß ich, dass Veränderungen zum Guten folgen, wenn eine junge Frau ermutigt wird, über ihre Stimme und über sich selbst zu verfügen."

Wenn Pasolini das gesehen hätte, seufzt Oliver Meiler in der SZ nach seiner Rückkehr aus dem von Armut, Drogen und Kriminalität verheerten römischen Vorort Tor Bella Monaca: "Keine Hauptstadt im westlichen Europa hat traurigere, schmutzigere, gesetzlosere Vorstädte als das schöne, monumentale Rom, dieser Sehnsuchtsort so vieler Besucher. Ein Kranz von hässlichen, zerfallenden Trabantensiedlungen windet sich um die ewige Stadt. Wie ein Ölflecken, der sich ausbreitet, ist die Suburbia gewachsen. Und TBM ist die Peripherie der römischen Peripherie. Das Symbol aller gescheiterten Utopien und Fehlleistungen der Politiker, der Urbanisten, der Architekten."
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Internet

Constanze Kurz berichtet in ihrer Maschinenraum-Kolumne in der FAZ hoffnungsvoll von neuen Konzepten, das anonymisierte Surfen via Tor zu beschleunigen. Hornet heißt das Projekt und steht für High-speed Onion Routing at the Network Layer.
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Politik

Jahrelang hat die Erdogan Regierung geduldet, dass der Islamische Staat den Südosten der Türkei zu seinem Hinterland machte, bemerkt Jürgen Gottschlich bitter in der taz. Hinter ihrem jetzigen Vorgehen gegen IS "und" Pkk erkennt er ein zynisches Kalkül: "Neuwahlen im Herbst mit dem Ziel, eine Alleinregierung der AKP wiederherzustellen. Bei den Wahlen am 7. Juni hat die AKP nach 13 Jahren Alleinregierung ihre absolute Mehrheit verloren. Seitdem regiert Davutoğlu nur noch als geschäftsführender Ministerpräsident. Er hatte danach 45 Tage Zeit, eine Mehrheit zu organisieren, sprich eine Koalition zu bilden. Diese Frist endet am 23. August. Kommt keine Regierung zustande, kann der Präsident, also Erdoğan, Neuwahlen anordnen."
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Religion

In der NZZ erklärt der französische Politikwissenschaftler Olivier Roy in einem etwas vertrackten Gedankengang, dass sich die Säkularisierung weltweit durchgesetzt hat, selbst in den islamischen Theokratien und auch beim Islamischen Staat: "Menschen, die öfters konvertieren, wollen das "Eigentliche" - Religion als Kulturform interessiert sie nicht. Die Europäer, die zum Islam konvertieren und in den Jihad ziehen, nehmen sich in der Regel nicht die Mühe, Arabisch oder Türkisch zu lernen; sie bleiben bei ihrer Muttersprache und garnieren diese mit ein paar arabischen Wörtern. Auch kleiden sie sich nicht wie traditionelle Saudiaraber oder Ägypter, sondern kreieren ihren eigenen Look: Weiße Gewänder und Nike-Sportschuhe scheinen zum Kennzeichen des Konvertiten geworden zu sein. Ausländische Dschihadisten integrieren sich zudem nie in die Gesellschaften, für die zu kämpfen sie vorgeben. Wenn ihnen die lokale Bevölkerung ihre Töchter nicht freiwillig gibt, werden die Mädchen vergewaltigt oder entführt."

Der Islamwissenschaftler Stefan Weidner begrüßt in der SZ einerseits die Übersetzung eines Manifests, mit dem der "Islamische Staat" Frauen anlocken will - die britische Quilliam-Stiftung und später der Herder-Verlag brachten kommentierte Ausgaben. Aber er kritisiert zugleich, dass der Miliz durch die Übersetzung gewissermaßen Propagandarbeit abgenommen und dass Religionskritikerinnen in die Hand gespielt werde: "Schlimmer ist noch, dass sich Musliminnen im Westen nun genötigt sehen könnten, sich vom kruden Frauenbild des IS zu distanzieren, das der Islamkritik die besten Argumente in die Hände spielt. Man spürt die Not und das Bedürfnis nach Abgrenzung am gründlichen Nachwort der deutschen Herausgeberin. Doch kein Muslim, gleich welcher Herkunft und welchen Geschlechts, muss sich genötigt fühlen, Manifeste des IS zu widerlegen."
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