9punkt - Die Debattenrundschau

Nicht gesehen zu werden

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.07.2015. Im Guardian fürchtet Jürgen Habermas nicht um Deutschlands Kredite, sondern beklagt das politische Kapital, das in der berühmten Nacht in Brüssel verspielt wurde. In der Welt blickt Karl Ove Knausgard in die inneren Abgründe des Massenmörders Anders Breivik. Im Stern fragt Charlie-Hebdo-Chef Riss, was eine Freiheit wert ist, die niemand mehr zu nutzen wagt. In der FAZ erklärt Laura Poitras, warum sie die amerikanische Regierung verklagt. Die taz besucht die Witwen Kabuls.

Europa

"Es ist schwer vorstellbar, wie noch größerer Schaden hätte angerichtet können" - im Gespräch mit Philip Oltermann (Guardian) stellt Jürgen Habermas der Bundesregierung für die Verhandlungen in der Griechenlandkrise ein vernichtendes Zeugnis aus. "Die deutsche Regierung hat erstmals einen Anspruch auf die Vorherrschaft in Europa erhoben - so wurde es jedenfalls im Rest Europas aufgefasst, und diese Wahrnehmung bestimmt die Wirklichkeit, die zählt. Ich fürchte, dass die Bundesregierung in einer einzigen Nacht das gesamte politische Kapital verspielt hat, das sich ein besseres Deutschland in einem halben Jahrhundert erworben hatte - und mit "besser" meine ich ein Deutschland, das von größerer politischer Sensibilität und postnationaler Mentalität geprägt war."

Cool Germania - das war mal, grämt sich auch Stefan Ulrich in der SZ, der hässliche Deutsche ist wieder wer in Europa: "In Spanien erregt sich fast die ganze Presse über deutsche Härte gegenüber dem darbenden Griechenland. In Frankreich ruft der Musiker und Filmemacher Jean-Jacques Birgé in seinem Blog zum Boykott deutscher Produkte auf."

In der Welt betrachtet auch Wolf Lepenies bekümmert das Zerbrechen der entente cordiale zwischen Frankreich und Deutschland: "Die deutsche Politik mag sich damit trösten, Länder wie Slowenien und Litauen auf ihrer Seite zu wissen - der Süden Europas schmiedet eine Koalition gegen das als arrogant empfundene Berlin."
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Gesellschaft

Nach dem New Yorker (unser Resümee) bringt nun auch die Welt Karl Ove Knausgards großen Essay über den Massenmörder Anders Breivik, dessen innere Kriegskultur und den menschlichen Kollaps: "Im Blick der anderen entstehen wir, und in unserem eigenen Blick entsteht der andere. Dort können wir auch vernichtet werden. Nicht gesehen zu werden ist vernichtend, genauso wie nicht zu sehen. Und genau das ging in Breiviks Leben schief. Er wurde nicht gesehen, es vernichtete ihn. Er blickte nach unten, verbarg sein Gesicht und seinen Blick, das vernichtete die anderen in ihm. Dies ist wörtlich zu verstehen. Zwei Jahre vor der Tat isolierte er sich in einem Zimmer im Haus seiner Mutter, hatte mit so gut wie keinem Menschen Kontakt, lehnte Besuche ab, ging nahezu nie aus, sondern blieb in seinem Zimmer und spielte Computerspiele, meist "World of Warcraft". Stunde um Stunde, Tag für Tag, Woche um Woche, Monat für Monat. Diese Fantasiewelt glitt irgendwann in die Wirklichkeit über, nicht in Form einer Psychose oder eines pathologischen Realitätsbruchs, sondern eher so, dass er Modelle von Wirklichkeit fand, die so einfach und handhabbar waren wie die des Spiels." Mehr oder weniger passend dazu: Spiegel Online meldet, dass Breivik an der Universität von Oslo zum Studium der Politikwissenschaften zugelassen worden ist.


In der taz erzählt Naheed Esar, wie sich die ausgestoßenen Witwen Afghanistans in Kabul den eigenen Stadtteil Sanabad gebaut und damit ganz ungewohnten Respekt erkämpft haben: "Bibikoh erinnert sich, wie schwer es war, vor allem am Anfang. Ein ungeschriebenes Gesetz sagt, wenn man über Nacht die vier Wände des Hauses eineinhalb Meter hochzieht, darf die Regierung einen nicht mehr hinauswerfen. Ohne gegenseitige Hilfe war das für die Witwen nicht zu schaffen. Eine von ihnen, die schüchterne Humaira, vielleicht Ende 30, nennt diese Zeit "bittere Medizin". Die Bauarbeit "ist oft über meine körperlichen Kräfte" gegangen, aber ihr eigenes Haus in dieser Gemeinschaft zu errichten, habe sie auch "geheilt", denn es habe ihr lebenslanges Obdach gegeben. Bibikoh erzählt, dass die Frauen manchmal auch ihre Häuser verteidigen müssen. Sie selbst habe Steine auf Polizisten geworfen, als diese eine andere Witwe prügelten."
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Internet

Mit der üblichen bangen Faszination betrachtet Bernd Graff in der SZ die Ergebnisse aus Googles Großprojekt Deep Dream, das Computer das Sehen beibringen will: "Noch lachen wir über die bizarren Tieftraumbilder der Bilderkennungsmaschinen von Google. Doch sie sind uns näher, als wir denken. Sie wiederholen bereits unsere Fehler."

In der Welt spielt Michael Wolf durch, welche Philosophen wie auf das Internet und die digitale Gesellschaft reagiert hätten.
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Stichwörter: Google, Dreamer

Geschichte

Urs Hafner erinnert in der NZZ an die Anfänge der Neuen Zürcher Zeitung um 1780 und an die ersten Redakteure, die wie Johann Kaspar Riesbeck "zornige junge Männer" waren: "Nach einem tätlichen Streit mit einem Domherrn floh er zuerst nach Salzburg und Wien, wo er sich als Schauspieler, Journalist und Übersetzer durchschlug, und reiste dann voller Hoffnung nach Zürich, um den ihm in Aussicht gestellten Posten anzutreten."

Ebenfalls in der NZZ bilanziert der Historiker Arnold Suppan den Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland 1938, und Alfred Schlienger weist auf die aus Berlin übernommene Ausstellung zu Warlam Schalamow in der Universitätsbibliothek Basel hin.
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Stichwörter: NZZ, Neue Zürcher Zeitung

Kulturpolitik

In der NZZ schäumt Christian Herchenröder noch einmal gegen die von Monika Grütters geplante Verschärfung des Kulturgutschutzes und "deutsche Kontrollwut". Das alte Gesetz funktioniere doch wunderbar, meint er: "Der Kunsthandel konnte sich global entfalten, die Sammler konnten die Museen bereichern, und es formte sich ein Kulturverständnis, das auf dem Prinzip wechselseitigen Gebens und Nehmens aufgebaut war."

Politik

Jürgen Kaube vermisst in der FAZ klare ideologische Konturen in der deutschen Parteienlandschaft, vor allem aber im Spektrum des politischen Liberalismus: "Reflexhaftes Staatshassertum imitiert die Sozialstaatseuphorie seiner Gegner also nur negativ und greift an der Verflochtenheit der modernen Gesellschaft vorbei."
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Medien

Im Gespräch mit dem Stern schildert Charlie Hebdo-Herausgeber Laurent Sourisseau (alias "Riss"), wie er das Attentat vom 7. Januar überlebte. Und er erklärt, warum er keine Mohammed-Karikaturen mehr zeichnen wird: "Wir haben Mohammed gezeichnet, um das Prinzip zu verteidigen, dass man zeichnen darf, was man will. Es ist ein wenig seltsam: Man erwartet von uns, dass wir eine Freiheit ausüben, die im Grund niemand mehr zu nutzen wagt. Dabei haben wir unseren Job gemacht. Wir haben das Recht auf Karikatur verteidigt. Nun sind andere dran."

Die HuffPo.fr meldet unterdes, dass sich Charlie Hebdo ein Statut als "entreprise solidaire de presse" gegeben hat.

Stefan Scholl kann sich in der FR nur halb darüber freuen, dass Schanna Nemzowa, die Tochter Boris Nemzows, Moderatorin bei der Deutschen Welle wird: "Für den Sender ein Gewinn. Aber nach Schachweltmeister und Kreml-Kritiker Gari Kasparow und Altoligarch Michail Chodorkowski ist mit Schanna Nemzowa noch eine oppositionelle Persönlichkeit mit Führungsqualitäten ins Exil gegangen."

Im FAZ-Interview mit Ursula Scheer spricht die amerikanische Journalistin Laura Poitras über ihre Klage gegen die amerikanische Regierung, von der sie nicht erst schikaniert wird, seit sie mit Edward Snowden zusammenarbeitet: "Wenn Beamte an der amerikanischen Grenze meine Reportagenotizen fotokopieren, wenn sie auf meine Kamera und mein Filmmaterial zugreifen, verletzen sie nicht nur meine Rechte und meine Privatsphäre. Sie verletzen den ersten Zusatzartikel und meine journalistische Verpflichtung, meine Quellen zu schützen."

Michael Hanfeld wirft ebenfalls in der FAZ einen ersten Blick in das Green Paper, mit dem die britische Regierung die BBC reformieren will. "Eine Kampfschrift, wie sie konservativen Kritikern und einem Teil der britischen Presse gefallen hätte, ist das Green Paper nicht."
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