9punkt - Die Debattenrundschau

Du bist schwarz

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.07.2015. Die taz staunt über die Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen, die die Wikipedia wegen der Benutzung gemeinfreier Bilder juristisch belangen wollen. In Libération erzählt die Regisseurin Isabelle Boni-Claverie, wie Diskriminierung funktioniert. Warum Tunesien?, fragt das NYRBlog. Die Krautreporter erklären Hintergründe zum Verkauf der Olympia-Fernsehrechte und haben wenig Mitleid mit ARD und ZDF.

Gesellschaft

Heute Abend läuft auf Arte die Doku "Trop noire pour être Française?". Die Regisseurin Isabelle Boni-Claverie, die gemischten Ursprungs ist, erzählt in einem Interview mit Elsa Maudet in Libération, wie Diskriminierung funktioniert und wie sie zur "Schwarzen" gemacht wurde. Im Kindergarten träumte sie als Sechsjährige von der Rolle der Maria in einem Krippenspiel, aber die Lehrerin steckte sie in die Rolle des Balthasar: "Für mich war das eine Ungerechtigkeit. Ich war ein kleines Mädchen von sechs Jahren, das war meine Identität für mich. Und da sagt man mir auf einmal: "Du bist schwarz, und das zählt mehr, also kannst du einen Jungen spielen." Ich war tief gekränkt, mich als Junge verkleiden zu müssen, weil ich schwarz war, wo ich doch Maria sein und den kleinen Jesus halten wollte."
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Europa

Da verstehen sich zwei. Zap.net bei Rue89 hat dieses hübsche kleine Video von Mario Wienerroither bei Youtube gefunden.

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Urheberrecht

Die Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen gehen juristisch gegen Wikipedia und kleinere Seitenbetreiber vor, die Fotografien von Kunstwerken aus dem Museumsbesitz verwenden, berichtet Daniel Bouhs in der taz. Sie berufen sich darauf, dass die Eins-zu-Eins-Fotografie eines gemeinfreien Kunstwerkes ein neues, schutzwürdiges Kunstwerk ist. "Warum aber will ein Museum, das zur Stadt gehört, überhaupt Geld für solche Fotos - immerhin hat der Bürger doch den Museumsbetrieb bereits bezahlt? Das Museum verweist auf das "öffentlich-rechtliche Kostendeckungsprinzip". Es sei "nicht nur berechtigt, sondern auch verpflichtet (...) angemessene Gebührensätze" zu verlangen." Betroffen unter anderem: Cäsar Willichs (1825-1886) Porträt von Richard Wagner, hier abgebildet als künstlerischer Screenshot von Wikipedia, die auf den Sachverhalt hinweist: "Das Gemälde ist gemeinfrei, da der Maler länger als 70 Jahre tot ist. Nach hier vertretener Auffassung ist diese Fotografie des Gemäldes nicht urheberrechtlich schutzfähig. Die Reiß-Engelhorn-Museen Mannheim gehen derzeit dennoch gegen Nutzer des Fotos vor."

Außerdem: iRights.info beantwortet die wichtigsten Fragen rund um die durch die EU-Urheberrechtsreform womöglich bedrohte Panoramafreiheit (hier unser Resümee).
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Politik

Hugh Eakin erzählt im Blog der New York Review of Books, wie zuerst das Ben-Ali-Regime, dann die gemäßigten Islamisten der Ennahda-Partei die Salafisten in Tunesien nicht ernst genug nahmen: "Nach der Ermordung eines Führers der säkularen Opposition, eines entschiedenen Kritikers der Islamisten im Februar 2013, unternahm die Regierung Schritte gegen salafistische Moscheen und Tausenden von Dschihadisten wurde die Ausreise verboten. Dennoch sollen sich zur Zeit des Massakers im Bardo-Museum 3.000 bis 4.000 Tunesier als Kämpfer in Syrien und im Irak befunden haben, und noch einmal 1.000 in Libyen."

Jagoda Marinic eröffnet ihr Blog Demokratie+ mit ein paar Fragen zur Lage der Nation: "Es herrscht eine seltsame Stimmung in diesem einerseits hysterisch überpolitistierten Land, das gleichzeitig entpolitisiert ist wie noch nie seit seinem Bestehen als wieder erstarkte Wirtschaftsmacht. Es wird bei jeder noch so kleinen Parkbank vor dem eigenen Haus nach Bürgerbeteiligung und Demokratie gerufen oder - sogar von oben - zu ihr eingeladen, als könnte man nicht auch auf Parkbänken, die einem nicht gefallen, gut sitzen, denn irgendwem gefallen sie ja immer nicht. Bei anderen, wichtigen lokalen, nationalen und globalen Ereignissen wird hingegen kaum einer befragt und zu Wenige fragen."
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Medien

Die 1,3 Millarden Dollar, die der IOC für die Übertragung der künftigen Olympischen Spiele von Sky erhält, womit die Öffentlich-Rechtlichen vorerst ausgebootet sind, sind nicht viel, sondern wenig, erläutert Jens Weinreich bei den Krautreportern. Der Chef des Komitees, Thomas Bach, nehme diese relativ geringe Summe in Kauf, weil er das Arrangement mit Sky als ersten Schritt für einen eigenen Fernsehkanal sieht. Mit den Öffentlich-Rechtlichen, die über Jahrzehnte mit IOC und FIFA kungelten, hat Weinreich nicht allzuviel Mitleid: Sie "haben jahrzehntelang die Verträge quasi auf Erbrechtsbasis bekommen, und wenn sie einmal unter korruptiven Umständen ausgebootet wurden, wie 1996 beim Vertrag über die FIFA-Weltmeisterschaften 2002 und 2006, der an Leo Kirch und die ISL ging, dann haben sie nicht dagegen geklagt, sondern die Willkür geduldet. Für diese opportunistische Biegsamkeit wurden sie einige Jahre später erneut mit Verträgen belohnt."



Auf der Seite museen-fuer-satire.com, die vom Caricatura-Museum Frankfurt am Main, dem Wilhelm Busch-Museum in Hannover, dem Cartoonmuseum Basel und der Caricatura-Galerie in Kassel betrieben wird, sind ab heute Karikaturen und Texte aus Charlie Hebdo in deutscher Übersetzung abrufbar, meldet der Tagesspiegel mit den Agenturen: "Im Einzelnen haben die Museen den Angaben zufolge 250 Hefte von Charlie Hebdo der Jahrgänge 2010 bis 2015 durchgesehen. Dabei standen sie in Kontakt mit der Redaktion der Satirezeitschrift. Die ausgewählten Karikaturen sollen einen repräsentativen Überblick über die Hauptthemen Religion, Gesellschaft und Politik bieten. Außerdem biete die Internetseite Informationen über die Zeitschrift."

(Via turi2) Seit einigen Tagen macht eine Gruppe von WDR-Mitarbeitern aus den Radiowellen von sich reden, die unter dem Namen @WDR_Leaks anonym über Kürzungspläne bei dem Sender twitterte (ihr Konto ist inzwischen gelöscht). Im Interview mit radiowatch erzählen die Redakteure, in welchem Ausmaß sie Schiss haben vor der neuen Hörfunkdirektorin Valerie Weber, die aus den Privaten kommt. Die folgende Frage, ob WDR-Intendant Tom Buhrow nicht "schlichten" könne, offenbart die kafkaesken Zustände in den Häusern: "Das ist natürlich ein Dilemma. Wir können uns auch vorstellen, dass viele "da oben" gar nicht wissen, was die "da unten" für Sorgen haben. Vielleicht hilft ein Mediator, was aber für einen so großen Sender unrealistisch wäre. Wir fänden eine Umfrage mal spannend, die anonym an alle Mitarbeiter verteilt wird. Sowohl an feste als auch freie. Ein Stimmungsbild, damit Buhrow klar wird, was schief läuft."

Weiteres: Der Guardian meldet, dass die BBC tausend von 18.000 Stellen streicht.
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Überwachung

Als Edward Snowden vor zwei Jahren die Ausspäh-Aktivitäten der NSA aufdeckte, gab sich die Bundesregierung gelassen. Intern lösten die Enthüllungen jedoch eine hektische Überprüfung der Sicherheitsstandards in deutschen Botschaften aus - wobei massive Schlamperei festgestellt wurde, wie Kai Biermann und Yassin Musharbash (Zeit digital) Untersuchungsberichten des BND entnehmen: "In London fanden die Fachleute in der Residenz eine Tür, deren Schlüssel unauffindbar war - und die, so Hausangestellte, seit 14 Jahren nicht mehr geöffnet worden sei. Was sich dahinter befand, "konnte nicht untersucht werden". An vielen Standorten beklagten die BND-Mitarbeiter, dass durch enge Bebauung ein Ausspionieren von Außen extrem einfach wäre. Als Sofortmaßnahme empfahlen sie, wenigstens die Computerbildschirme von den Fenstern wegzudrehen."

Dass die Geheimdienste der Five-Eyes-Koalition deutsche Politiker abgehört haben, ist ein Skandel, meint Christian Stöcker in Spiegel online, aber ein noch weit größerer Skandal ist, das schon in den Snowden-Papieren enthüllte XKeyscore-Programm: "Spione mit Zugriff auf dieses System sind in der Lage, etwa auf Basis einer E-Mail-Adresse nahezu beliebige Informationen über beliebige Internetnutzer herauszufinden: Welche Fotos haben sie irgendwo in der Cloud abgelegt? Mit wem chatten sie und worüber? Welche Pornovorlieben haben sie? (...) XKeyscore ist das Super-Google der Five-Eyes-Geheimdienste, das allsehende Internet-Auge, das vermutlich mächtigste Überwachungswerkzeug der Menschheitsgeschichte."
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Kulturpolitik

Julia Voss unterhält sich in der FAZ mit der Verlegerin Elisabeth Sandmann, die ein Buch über den Kampf Adele Bloch-Bauers um die Rückgabe eines Klimt-Gemäldes aus dem Familienbesitz geschrieben hat - diese Geschichte wurde gerade auch mit Helen Mirren in der Hauptrolle verfilmt. Sandmann fordert ein Gesetz, das die Rückgabe von NS-Raubkunst regelt, wie es in Österreich bereits existiert: "und das hat sich als sehr wirksam erwiesen. Im Moment ist es so, dass Museen in der Regel warten, bis jemand einen Anspruch stellt, so dass die Last, die mit einem solchen Verfahren verbunden ist, bei den Überlebenden des Holocausts oder ihren Erben liegt. Sie müssen erst einmal ausfindig machen, wo sich etwas befindet, dann den Verlust nachweisen und Anwälte beschäftigen. Das ist aufwendig und teuer."