9punkt - Die Debattenrundschau

Gedenkzustand

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.07.2015. In der taz schreibt György Dalos über das schwierige Erbe der Diktaturen in Spanien, Portugal und Griechenland. Correctiv.org erzählt eine erstaunliche Korruptionsgeschichte aus Russland. In der SZ erinnert Jens Malte Fischer  an Richard Wagners Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain, einen Gründervater des modernen Antisemitismus. Die taz ist skeptisch über das neue Einverständnis zwischen Internetkonzernen und Medienhäusern.

Internet

Was macht Facebook, wenn es vom Tod eines seiner Mitglieder erfährt?, fragt Simon Davis in Vice. Es versetzt die Seite dieser Person in den "Gedenkzustand". Trauernde setzen sich oft auf der Seite einer Toten Person noch mit ihr auseinander: "Bei einem Account in einem Gedenkzustand stellt das keine Option mehr dar. Der Gedenkzustand beseitigt dafür allerdings andere Probleme: Es gibt keine Geburtstagserinnerungen mehr für die verstorbene Person, und sie taucht nicht mehr unter "Personen, die du vielleicht kennst" auf, was manche Leute sehr schmerzvoll finden. Etwas, das bis vor Kurzem allerdings nicht berücksichtigt wurde, sind die Wünsche der oder des Verstorbenen selbst."
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Stichwörter: Facebook, Vice

Europa

György Dalos macht in der taz auf die Parallelgeschichte Spaniens, Portugals und Griechenlands aufmerksam, die sich allesamt 1974 und 75 aus dem Klammergriff der Diktatur lösten und heute an ähnlichen Problemen laborieren: "Griechen, Portugiesen und Spanier betrachteten die eigene Befreiung mit Recht als Beitrag zur europäischen Integration, aber sie trugen in ihrem Reisegepäck auch das schwierige Erbe der Willkürherrschaft: unmoderne Dorfstrukturen und wenig ausgereifte zivile Verhaltensmuster. Die Demokratie verwandelte sich immer wieder in einen Spielplatz von korrupten Eliten."

Die Kriegsgefahr in Europa wächst mit sinkenden europäischen und steigenden russischen Militärausgaben, schreibt der amerikanische Militärexperte Andrew A. Michta bei politico.eu. "Das größte Risiko einer Eskalation der Bedrohung liegt in den Baltischen Staaten, die nach wie vor in einem wirklichen Konflikt kaum zu verteidigen wären. Selbst einem hybriden Szenario, in dem Putin eine Enklave für die russischsprachige ethnische Minderheit schaffen würde, um den Zusammenhalt der NATO zu testen, wäre nur schwer zu begegnen."

Eine erstaunliche Korruptionsgeschichte erzählen David Crawford und Marcus Bensmann bei Correctiv.org. Kurz zusammengefasst geht sie so: "Im November 1999 ermöglicht Wladimir Putin den Kauf eines Computernetzwerks für die russische Generalstaatsanwaltschaft. Den Zuschlag bekommt der US-Computerriese Hewlett-Packard, der keineswegs das günstigste Angebot abgegeben hat. HP zeigt sich erkenntlich und zahlt mindestens 7,6 Millionen Euro Schmiergeld. Das Geld landet unter anderem bei russischen Staatsanwälten und Geheimdienstmitarbeitern. Seit dieser Zeit hat nie wieder ein russischer Generalstaatsanwalt gegen Präsident Putin ermittelt."

Außerdem: die Dramaturgin Stefanie Carp schickt der taz ein Urlaubstagebuch aus "einem Land in Rage" (nämlich Griechenland). Und Jürg Altwegg zitiert für die FAZ viele deutschlandkritische, aber auch einige freundliche Stimmen aus Frankreich.
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Geschichte

Neben Richard Wagner und Arthur de Gobineau war Houston Stewart Chamberlain, Schwiegersohn Wagners, einer der Vordenker des modernen Antisemitismus. Der Musikwissenschaftler Jens Malte Fischer bespricht in der SZ Udo Bermbachs Biografie Chamberlains. Positiv vermerkt er, dass Bermbach nicht nur die "Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts", Chamberlains Bestseller, in den Mittelpunkt stelle: "So beharrt er zum Beispiel darauf, dass das Goethe-Buch von 1912 dasjenige seiner Werke sei, das den höchsten Rang einnimmt; nicht zuletzt wurde es von Walter Benjamin geschätzt. Allerdings muss Bermbach auch feststellen, dass an diesem eher unerwarteten Ort Chamberlains Antisemitismus fast noch massiver zutage tritt als in den "Grundlagen", und zwar in Zusammenhang mit jenen Äußerungen Goethes zum Judentum, die die Goethe-Forschung gerne "zwiespältig" nennt und die Chamberlain besonders dick unterstreicht."
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Medien

Das Debattenmagazin The European steht vor dem Aus, berichtet Marvin Schade in Meedia und bestätigt einen Bericht des Spiegel: "Die Chancen auf einen neuen Investor stehen nicht gut, den acht festangestellten Mitarbeiter wurde am Mittwoch die Kündigung ausgesprochen. Erst im Dezember hatte der wohlhabende Unternehmer Bernd Förtsch The European übernommen." Die Redaktion von The European veröffentlichte auf ihrer Website eine Stellungnahme.

Anne Fromm schreibt in der taz über das neuerdings so klebrige Einverständnis zwischen großen Medienhäusern wie Bild und Spiegel, aber auch FAZ und SZ und Digitalkonzernen wie Google, Facebook und Apple und stellt einige ungemütliche Fragen. Die harmloseste ist noch diese zu den "Instant Articles": "Wenn Facebook die Plattform stellt, wäre es dann nicht denkbar, dass das Unternehmen irgendwann in die Arti­kel eingreift? Eine erste Andeutung hat Chris Cox, Produktchef von Facebook, bereits im Juni vor Studenten in Berlin gemacht: Wenn Inhalte gegen unsere Facebook-Regeln verstoßen, löschen wir sie."

Weiteres: Nach dem Verkauf der Financial Times an die Nikkei-Gruppe plant der Pearsons-Konzern nun auch den Verkauf seiner 50 Prozent am Economist, meldet politico.eu. Bei Bloomberg wird erzählt, wie Nikkei dem Springer Verlag in letzter Minute durch ein leicht erhöhtes Angebot die Financial Times wegschnappte. Und in der SZ porträtiert Claudia Tieschky den Fernsehmann Florian Hager, der "ARD und ZDF vor dem Aussterben retten" soll, indem er die Jugendprogramme der Sender ins Intenet bringt und viele viele Likes erzeugt.
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Religion

Uwe Justus Wenzel besucht für die NZZ im Jüdischen Museum Berlin eine von Saskia Boddeke und Peter Greenaway inszenierte Ausstellung zur Geschichte von Abraham und Isaak. Gut gemeint ist sie, schreibt er schließlich wenig überzeugt. "Wie es aussieht, haben sich die beiden Gastkuratoren resolut einer Reduktion der Interpretationsmöglichkeiten verschrieben. Was der Titel der multimedialen Schau lapidar als Richtschnur zur Deutung der Geschichte vorgibt: "Gehorsam", formuliert Peter Greenaway unter anderem so: "Es ist die Geschichte alter Männer, die Gehorsam fordern und junge Männer in den Krieg schicken.""
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