9punkt - Die Debattenrundschau

Materielle Existenz einer im Werden begriffenen Wahrheit

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.07.2015. Die Griechen haben nein gesagt, "und die Deutschen entscheiden", sagt Politico.eu. Die Briten machen sich zu den Butlern der Scheichs und Oligarchen, schreibt Peter Pomerantsev ebenfalls in Politico.eu. Der Spiegel berichtet, dass er von der NSA abgehört und eine seiner Quellen verraten wurde. Die FR untersucht Alain Badious totalitäre Metaphern.

Europa

Erste Kommentare zum griechischen Nein. Christoph Schwennicke schreibt bei Cicero: "Kein Regierungschef der EU kann .. seinem Volk nun noch erklären, warum die große Schuldenumwälzpumpe weiter Geld nach Athen bringen soll. Damit wird folgendes Szenario eintreten: Die griechische Verwaltung wird nicht mehr in der Lage sein, Renten und andere staatliche Transferleistungen in Euro auszubezahlen. Eine zweite Währung muss her, die Drachme, was auch immer. Und dann wird schnell der Punkt kommen, an dem Griechenland von sich aus den Austritt aus der Europäischen Union und dem Euro beschließen muss. Grexit."

Florian Rötzer meint dagegen meint in Telepolis: "Kaum haben die Griechen darüber abgestimmt, dass sie nach 5 Jahren des Scheiterns nicht mehr die immergleiche Politik des Sparens fortsetzen wollen und können, kommen vor allem in Deutschland die belehrenden Töne und die Aufforderungen, dass man nun den aufmüpfigen Griechen zeigen müsse, wo der Barthel den Most zu holen hat, nämlich durch den Grexit."

"Greece votes, Germany decides" titelt Matthew Karnitschnig bei Poltico.eu: "Durchwurschteln, wie es Europa die längste Zeit der Krise getan hat, ist keine Option mehr. Das Nein bedeutet, dass ein griechischer Exit aus dem Euro nicht nur eine Möglichkeit, sondern eine Gewissheit ist, wenn Europa nicht interveniert." Und im Guardian fordert Larry Elliott die Gläubiger (also nicht die Briten) auf, den Griechen nun "less stick and more carrot" zu zeigen.

Peter Pomerantsev sieht in Politico mit Grauen auf das London der Zukunft, in dem sich die Briten der globalisierten Elite als Serviceklasse aus Butlern, Immobilienmaklern und Geldwäschern andienen: "Die historische Ironie reicht tiefer: Das British Empire war immer geprägt von einem bemerkenswerten doppelten Standard: Demokratie und politische Rechte ja, aber nicht (oder nur verdammt viel weniger) für die Kolonisierten. Die Engländer heute wären entsetzt, wenn einer ihrer Minister Hunderte von Millionen veruntreute und sich ein Anwesen in Belgravia kaufte - wenn ein Nigerianer oder ein Zentralasiate das tut, kümmern sie sich nur um ihre zehn Prozent Provision. So wie die Engländer als Kolonialisten ihre Untertanen niemals richtig als Menschen ansahen, tun sie das bei den Neureichen heute auch nicht."
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Überwachung

Der Spiegel berichtet, dass nach Enthüllungen von WikiLeaks bereits im Jahr 2011 eine seiner Quellen im Kanzleramt von den amerikanischen Geheimdiensten verraten wurde. Wie die Amerikaner das wissen konnten, interessierte die Spitze des Kanzleramts offenbar nicht, wie man in dem Text Online auf Englisch nachlesen kann: "Officials in the Chancellery weren"t interested in how the CIA had obtained its alleged information. They didn"t care to find out how, and to which degree, they were being spied on by the United States. Nor were they interested in learning about the degree to which Spiegel was being snooped on by the Americans. Chancellery officials didn"t contact any of the people in question."

Zu diesem Bericht passt für Christian Rath in der taz, dass der Verfassungsschutz gegen Netzpolitik und SZ wegen angeblichen Geheimnisverrats vorgeht: "Der Verfassungsschutz vertritt eben nicht die Interessen der Presse gegen ausländische Geheimdienste, sondern die Interessen der Geheimdienste gegenüber der deutschen Pressefreiheit." Mehr zu den Ermittlungen bei Netzpolitik selbst.

Auf Netzpolitik gibt es auch ein interessantes Interview mit Stasiunterlagen-Chef Roland Jahn über die Rolle von Geheimdiensten in der Demokratie. Sehr deutlich macht er, dass die Stasi das Organ einer Diktatur war, das vor allem die Macht einer Partei sichern sollte. Aber: "Der Blick in die Vergangenheit zeigt uns, wie wichtig es ist, in der Gegenwart demokratische Kontrolle zu sichern, dass Geheimdienste kein Eigenleben entwickeln dürfen, dass sie verpflichtet sind, Freiheit, Selbstbestimmung und Menschenrechte zu schützen, und dass Demokratie auf dem Prüfstand steht, wenn es darum geht zu bewerten, ob die Dienste regelgerecht arbeiten."
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Medien

Vielleicht ist es ganz gut, dass ARD und ZDF die Rechte an den nächsten Olympischen Spielen nicht bekommen haben, meint der Medienkritiker Hans Hoff bei dwdl.de: "Ist es nicht besser, über etwas zu berichten, an dem man nicht vorher die Rechte für teuer Geld erworben hat? Gemeiner als durch Rechteerwerb kann man sich mit einer Sache, auch mit einer guten, nunmal nicht machen."

Laut Christian Zaschke (SZ) herrscht bei der BBC gerade großes Rätselraten, wie ernst sie David Cameron nehmen müssen: "In kleinerem Kreise soll der Premier, nachdem er sich über einen Beitrag geärgert hatte, gesagt haben: "Ich mache den Laden nach der Wahl zu.""
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Kulturpolitik

In der SZ findet Sonja Zekri die Kriterien und Umstände des Weltkulturerbes, dessen Liste nach der jüngsten Tagung der Unesco auf 1027 Stätten angewachsen ist, immer problematischer: "Was in die Breite geht, geht nur selten in die Tiefe. Mit jedem Dutzend frischer Namen wächst die Gefahr der Beliebigkeit und der Verflachung des Welterbeanspruchs... Wichtiger ist, dass der inzwischen fast zwingende Charakter des Welterbestatus inzwischen eigentlich für alle zur Bürde geworden ist."
Stichwörter: Weltkulturerbe

Geschichte

Richard Herzinger ist für die Welt duch die Ukraine gereist, wo eine Reihe von Gedenkstätten an den bisher konsequent verdrängten Holocaust erinnern soll - in den von Timothy Snyder so genannten "Bloodlands" wurden die Juden meistens erschossen, es blieben kaum sichtbare Spuren vom Holocaust. Unter den Sowjets war die Leugnung des Mordes an den Juden dann Politik: "Wenn ihrer Opfer gedacht wurde, so nur pauschal als Sowjetbürger, die im heldenhaften Kampf des sozialistischen Vaterlandes gegen die faschistischen Invasoren ihr Leben lassen mussten. Jüdische Massengräber wurden dem Vergessen übereignet, Erde aus den Gruben zum Teil zum Straßenbau verwendet. Drastisch drückte es ein Rabbiner, der auf einer der Gedenkveranstaltungen den Kaddisch las, so aus: "Das nationalsozialistische Deutschland löschte das jüdische Leben in der Ukraine aus, die Sowjets die Erinnerung daran.""
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Ideen

Im Deutschlandfunk unterhielten sich, moderiert von Barbara Schäfer, die beiden Verleger Andreas Rötzer von Matthes und Seitz Berlin und Tom Lamberty von Merve über die Form des Essays heute. Nebenbei sprach Rötzer von seiner Erfahrung mit Essays, die nur als Ebook veröffentlicht werden: "Das hat eine leicht steigende Zahl an Absätzen, aber im Grunde ist es nicht wirklich relevant. Weil es keine Rezeptionsforen gibt, weil es die Leser offenbar dafür nicht in dem Maße gibt, in dem man es braucht. Trotzdem ist es ein relativ attraktives Format, weil man natürlich schnell sein kann, interventionistisch agieren kann, was man mit Printbüchern, also mit richtigen Büchern, wenn ich das so nennen darf, nicht machen kann, da ist man erst mal zeitlich natürlich ein bisschen eingeschränkter."

Im Interview mit Michael Hesse beschreibt der amerikanische Philosoph Michael Sandel in der FR soziale Ungleichheit als Gefahr für den Bürgersinn: "Immer mehr Eltern schicken ihre Kinder auf Privatschulen, sie fahren weder Bus noch Bahn. Diesen Menschen begegnet man nicht mehr. Sie leben, arbeiten und konsumieren in besonderen Geschäften, wo andere nicht leben, arbeiten und konsumieren. Das ist gefährlich für die Demokratie."

Noch nicht Online schreibt Arno Widmann in der FR über Alain Badiou, dessen ungetrübte Idee vom Kommunismus und die Vorstellung, das revolutionäre Individuum sei Element eines Wahrheitskörpers: "Badiou schreibt: "Der individuelle Körper und alles, was er in Form von Denken, Affekten, Möglichkeiten und so weiter umfasst, wird eines der Elemente eines anderen Körpers, des Wahrheitskörpers, der materiellen Existenz einer im Werden begriffenen Wahrheit in einer gegebenen Welt." Das ist der totalitäre Traum: Gesellschaft als die widerspruchsfreie Einheit des Individuums mit dem Ganzen. Alles, was das Individuum fühlt, denkt und tut - nichts als Elemente eines neu entstehenden Körpers."
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Religion

In der NZZ schreibt Berhard Lang über den tschechischen Kirchenkritiker Jan Hus und fordert 600 Jahre nach dessen Hinrichtung erneut Rehabilitierung: "Erst in den 1980er Jahren kam der Gedanke an eine kirchliche Rehabilitierung von Jan Hus wieder auf - dank einem Artikel des polnischen Historikers und Philosophen Stefan Swiezawski, der das Interesse vieler Theologen und nicht zuletzt auch von Papst Johannes Paul II. weckte. Vom Vorwurf der Ketzerei freigesprochen, so Swiezawski und viele, die ihm folgen, könne Hus als Vorläufer des Zweiten Vatikanischen Konzils gewürdigt werden. Tatsächlich klingen Hus" Betonung des Gebrauchs der Muttersprache und seine Forderung nach Verantwortung der Laien modern und zeitgemäß."

Zum 80. Geburtstag des Dalai Lama sieht Uwe Justus Wenzel in der NZZ den buddhistischen Führer in schöner Konkurrenz zu Papst Franziskus: "Ob sich da ein Wettstreit um das Amt des munteren Weltweisen vom Dienst anbahnt?"
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