9punkt - Die Debattenrundschau

Österreich ohne Tafelspitz?

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.07.2015. Die SZ erforscht die intellektuelle Genealogie des Linkspopulismus der Syriza. Slate.fr hat die Grenze des Fanatismus beim "Islamischen Staat" gefunden. Die taz fragt: Werden aus festen Freien bei SZ oder Dumont nun bald lose Freie? Oder gar feste Angestellte? Die NZZ demontiert den konstruktiven Journalisten. Wer über Indonesien spricht, muss auch über Islamisierung unter saudischem Einfluss sprechen, meint die FAZ mit Blick auf das Gastland der Buchmesse. Und Yanis Varoufakis ist laut WSJ jetzt der Minister seiner eigenen Großartigkeit.

Europa

In der SZ erklärt Jan-Werner Müller die Politik der griechischen Regierung als eine Art Lateinamerikanisierung Europas: "Inspiriert wurde diese Strategie von dem argentinischen Theoretiker Ernesto Laclau (1935-2014), der den Begriff des Populismus für die Linke aus der Schmuddelecke holen wollte. Syrizas auch von deutschen Beobachtern viel kritisierter "Populismus" wäre denn nicht so sehr (oder nicht nur) eine Sache unverantwortlicher Finanz- und Wirtschaftspolitik - sondern buchstäblich der Versuch einer neuen "Volksbildung" oder, mit den Worten Laclaus, der Etablierung einer neuen politischen Hegemonie in Griechenland. Der Weg zu dieser Hegemonie führt jedoch unweigerlich über eine Konfrontation mit inneren und äußeren Volksfeinden. Insofern ist es müßig, über die fehlende Kompromissbereitschaft von Syriza zu lamentieren."

Wie gut Yanis Varoufakis seine Lektion bei Laclau an der Universität Essex gelernt hat, lässt sich im Guardian nachlesen, wo er in einem Auszug aus seinem Buch "The Global Minotaur" die Lage ganz einfach darstellt: "Angela Merkel has a red and a yellow button. One ends the crisis. Which does she push?"
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Kulturmarkt

(Via Politico.eu) Zumindest von seinen persönlichen Finanzen scheint Yanis Varoufakis einiges zu verstehen. Drei Stunden nachdem der beliebte griechische Finanzminister zurückgetreten war, ließ er über seinen Verlag mitteilen, dass sein Buch "The Global Minotaur" demnächst in aktualisierter Form wieder aufgelegt wird, berichtet Matina Stevis in einem Blog des WSJ. "Die Pressefrau von Zed Books, Varoufakis" Verlag, sandte den Korrespondenten eine E-Mail, die Varoufakis als "possibly the coolest, charismatic and most intelligent Finance minister ever" beschreibt und den Hashtag: #MinisterofAwesome vorschlägt."
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Stichwörter: Yanis Varoufakis

Gesellschaft

Eckhard Fuhr von der Welt ist der Veganismus - jedenfalls als Doktrin - ein Graus: "Kann sich jemand vorstellen, was aus der europäischen Kultur werden soll ohne die Vielfalt tierischer Produkte, die sie hervorgebracht hat? Frankreich ohne seine Käsesorten? Österreich ohne Tafelspitz? Was muss passieren, dass jemand begeistert einer solchen Zukunft entgegenstürmt? Hat er noch nie gut gegessen?"

Micha Brumlik empört sich in der taz, dass die Erziehungswissenschaften an der Frankfurter Universität Vorlesungen zu Antisemitismus und Nationalsozialismus nicht mehr mit den unerlässlichen Credit Points honorieren will: "So bleibt nur der peinvolle Schluss übrig, dass nach Überzeugung der "ABL" und des Fachbereichs Erziehungswissenschaften Kenntnisse der Geschichte der Pädagogik und der NS-Zeit nicht zu den professionellen Qualifikationen von Lehrerinnen und Lehrern gehören."

Weiteres: Für die Welt hat Felex Mescoli das Wissenschaftsfestival "Effekte" in Karlsruhe besucht.
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Politik

Zielt die Terrormiliz Islamischer Staat (oder Daesh) jetzt auf Israel, fragt Jacques Benillouche in Slate.fr, nach den schweren Kämpfen zwischen der Miliz und ägyptischen Truppen auf der Sinai-Halbinsel. Bisher, so Benillouche, hat die Truppe Israel nicht thematisiert, weil es ihr um die Eroberung geschwächter arabischer Gebiete ging. "Das Paradox von Daesh liegt in seiner widersprüchlichen Haltung zu Israel, auch wenn die Truppe "Juden und Christen den totalen Krieg" erklärt hat. Ihr wird vorgeworfen, die arabische Welt zu zerstören und damit den Interessen Israels zu nützen. Arabische Länder beschuldigen den "Islamischen Staat" der Feigheit, weil er sich nicht traut, die Israelis anzugreifen, die sich nur einen Steinwurf weit entfernt befinden. Das zeigt die Grenzen des Fanatismus der Dschihadisten, die genau wissen, bis wohin sie nicht zu weit gehen dürfen. Wenn sie spaßeshalber ein paar Granaten herüberschießen würden, wäre ihr Verschwinden aus der Region besiegelt."

Der Guardian meldet, dass Gespräche zwischen dem in Russland verkümmernden Edward Snowden und dem amerikanischen Justizministerium nicht mehr ganz aussichtslos scheinen.
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Medien

In einem großen Report untersuchen Anne Fromm, Jürn Kruse und Anja Krüger von der taz die in Redaktionen verbreitete Praxis, ihre Mitarbeiter als Pauschalisten oder feste Freie und damit eigentlich als Scheinselbständige beschäftigen. Springer hatte sich bereits im Februar selbst angezeigt, beim Kölner Stadtanzeiger ermittelt der Zoll: "Bei DuMont könnte nun ein System zusammenbrechen, das seit Jahren in der Medienbranche praktiziert wird. Auch Spiegel Online, die Zeit, die Süddeutsche Zeitung und ihre Onlineausgabe, aber auch Lokalzeitungen, wie die Stuttgarter Zeitung und der Tagesspiegel, bauen auf Pauschalisten oder "feste Freie", wie sie auch genannt werden. Wenn diese Pauschalisten nur für einen einzigen Auftraggeber tätig sind, ist das illegal. Aufgrund dieses Problems erscheint die Personalpolitik von Teilen der deutschen Verlagsbranche derzeit wie ein Pulverfass. Und so wie es aussieht, könnte dieses bald explodieren."

Springer und Prosieben Sat1 wollen angeblich fusionieren, berichtet unter anderem Spiegel Online: "Sollten sich beide Parteien einig werden, könnten sie mit ihrem Plan allerdings noch kartellrechtliche Schwierigkeiten bekommen. Zusammen kämen beide Unternehmen auf einen Marktwert von rund 14,4 Milliarden Euro: ProSiebenSat.1 liegt aktuell bei etwa 9,7 Milliarden Euro und wäre Insidern zufolge der Seniorpartner in der Fusion, schreibt das Wall Street Journal."

Ronnie Grob vom Bildblog erzählt im Interview mit Meedia, warum er keine Lust mehr hat, jeden Morgen in der Rubrik "6 vor 9" sechs Links auf Medienthemen zu setzen: "Wenn ich etwas nicht mehr lesen mag, dann sind es die Mutmaßungen zur Zukunft des Journalismus. Mal ehrlich, die kennt doch sowieso niemand. Trotzdem wiederholen sich die Thesenstücke und Debatten dazu seit 2006 immer wieder. Interessiert das überhaupt das Publikum?"

Schön exemplarisch krittelt Matthias Sander in der NZZ am Buch "Constructive News" des Dänen Ulrik Haagerup herum, der einen "konstruktiveren Journalisten" und einen weniger negativen Blick auf die Welt fordert: "Der Journalist, dein Freund und Helfer? So hört es sich an. Es ist befremdlich, wie Mediennutzer von Haagerup als bedürftige, hilfesuchende Wesen dargestellt werden, die Negatives schwer ertragen. Aber es passt wohl zu unserer Zeit mit ihren "Coachs" und Beratern, mit dem Zwang zur Optimierung und schönfärberischen Selbstdarstellung, in der vermeintlich Negatives keinen Platz mehr hat."

Stefan Niggemeier fragt in seinem Blog, warum die tendenziöse und auch grundfalsche Berichterstattung des ZDF-Korrespondenten Alexander von Sobeck eigentlich "unvermeidlich" sein soll.
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Kulturpolitik

Staatskulturministerin Monika Grütters verteidigt im Gespräch mit Niklas Maak und Andreas Kilb in der FAZ ihr geplantes Kulturgutschutzgesetz, das eine schärfere Prüfung von Kunstwerken vor ihrer Ausfuhr verlangt und von Kunsthändlern kritisiert wird: "Die Eintragung von Kulturgut als national wertvoll durch die Länder gibt es schon seit 1955. Sie ist höchstrichterlich als verfassungskonform bestätigt. Das hat also nichts mit politischer Willkür oder subjektivem Empfinden zu tun. Herausfordernd ist die grundsätzliche, eher philosophische Komponente, wenn es darum geht, national wertvolle Kunstwerke zu definieren."

Außerdem: Nach der Wahl eines neuen Oberbürgermeisters in Dresden fragt Dankwart Guratzsch in der Welt, wie es mit dem baulichen Erbe in der Stadt weitergeht. Ebendort berichtet Frédéric Schwilden über den Unesco-Welterbekongress in Bonn letzte Woche. Und Gerhard Gnauck freut sich über die Eröffnung eines Oberschlesien-Museums in Kattowitz.

Religion

Indonesien ist in diesem Jahr Gastland der Buchmesse. Für ungemütlichere Debatten könnte die rapide Islamisierung des Landes sorgen, die etwa dazu führte, dass heute sehr viel mehr Frauen als früher Kopftuch tragen, berichtet Marco Stahlhut in der FAZ. Es liegt unter anderem daran, "dass der Islam bereits seit den siebziger und achtziger Jahren und dann noch einmal verstärkt seit der Demokratisierung des Landes von saudi- und golfarabischen Interpretationen der Religion beeinflusst wird. Das wiederum hat seine Ursache einerseits in den vielen, vor allem weiblichen indonesischen Gastarbeitern in Saudi-Arabien, die bei der Rückkehr in die Heimat die dortige puritanische Interpretation des Islams mitbringen. Es gibt aber auch direkte Einflussnahmen..."
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