9punkt - Die Debattenrundschau

Fragen zu Beziehungen mit Nicht-Veggies

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.07.2015. Politico berichtet über kartellrechtliche Untersuchungen der EU gegen Giganten der Kulturindustrie. Vice gibt einen tiefen Einblick ins Seelenleben des Veganismus. FAZ und SZ lesen Charbs "Brief an die Heuchler". Die SZ erzählt, wie die katholische Kirche die Caritas zur Marke machte. Und Huffpo.fr verteidigt den Strand der Côte d'Azur gegen die saudische Königsfamilie.

Ideen

Andreas Platthaus liest für die FAZ das jetzt auf Deutsch erschienene Manifest "Brief an die Heuchler" des ermordeten Zeichners Charb. Mit Charb insistiert er, dass die Zeichnungen in Charlie Hebdo "nicht dem Islam als solchem, sondern dem Missbrauch seiner Lehre und Praxis durch Fanatiker (galten). Deshalb lehnt Charb zu Recht den Begriff "Islamophobie" ab, der sich überall in der westlichen Welt als pejorative Bezeichnung durchgesetzt hat; er spricht von "Islamismus-Phobie", und gegen die könne wohl niemand etwas haben, der sich ansieht, was in der Welt passiert."

Ähnlich bringt Axel Rühle den Kern von Charbs Argumentation in der SZ auf den Punkt: "Wenn ihr uns Islamophobie vorwerft, seid ihr es doch, die Terror-Fanatiker mit all den Muslimen gleichsetzen, die hier leben."
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Kulturmarkt

Die Europäische Kommission leitet kartellrechtliche Untersuchungen gegen Giganten der Kulturindustrie wie Sky UK, NBCUniversal and Warner Bros ein, denen sie vorwirft, Rechte nur auf nationaler Basis und nicht europaweit auszuhandeln, schreibt Nicholas Hirst in Politico. Als international tätige Personen haben die Kommissarinnen da so ihre Erfahrungen: "Margrethe Vestager, die Wettbewerbskommissarin, beklagte sich, dass sie ihre Lieblingssendungen aus dem dänischen Fernsehen auf Reisen nicht sehen kann, während Andrus Ansip, der Vize der Kommission für die den digitalen Markt, bedauert, dass er im Ausland keinen estnischen Fußball sehen kann. "Europäische Konsumenten wollen die Pay-TV-Kanäle ihrer Wahl sehen, egal wo sie sich gerade in der EU aufhalten", sagte Vestager in einem Statement."

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Gesellschaft

Tiefen Einblick ins Innenleben der veganen Szene bietet Anna Green in einem dieser Selbsterfahrungsartikel bei Vice, in dem sie etwa über Partnerbörsen nur für Veganer und damit zusammenhängende Fragen schreibt: "So lese ich zum Beispiel des Öfteren Fragen zu Beziehungen mit Nicht-Veggies. Sollte man die küssen? Kommen die überhaupt in Frage? Von der Kussverweigerung kann man halten, was man will. Man kann einwenden, dass man das Fleisch nach kurzer Zeit gar nicht mehr schmecken würde oder mutmaßen, all das wäre in Wahrheit nichts weiter als ein Vorwand zum subtilen Ausüben von Druck auf den Partner mit der langfristigen Intention der Bekehrung von eben diesem. Kann man, wenn einem danach ist. Allerdings muss ich mich selbst schuldig bekennen, dies in der Vergangenheit praktiziert zu haben, also vermeide ich es, darüber zu schimpfen..." Schlimm findet sie aber "die Behauptung, dass nicht-vegane Frauen gar nicht sexy wären". Und andererseits: "Ja, es gibt Pornos extra für Veganer."

Nicht nur London verkauft sich an Oligarchen und Scheichs. Nicht lange konnte sich Huffpo.fr-Autor Jean-Noël Falcou freuen, dass es ihm gelang, die Privatisierung eines Strandes an der Côte d"Azur durch die saudische Königsfamilie zu verhindern - Küstenstreifen gelten in Frankreich als unveräußerbar: Einige Stunden nach der Meldung, dass die Bauarbeiten gestoppt wurden, "kam eine AFP-Depesche, die überrascht und schockiert. Der Unterpräfekt von Grasse, Philippe Castanet, erklärt: "Der öffentliche Strand sollte für das Publikum während der Anwesenheit der saudischen Königsfamilie vollständig gesperrt werden. Es bleibt festzulegen, wie die Sicherheit um die Villa gewährleistet wird, ob durch Polizei, private Sicherhheitsdienste, Zäune oder nicht." Pardon?"

In der taz schildert Christian Rath den Fall einer deutsch-türkischen Familie, die nach jahrelanger Diskriminierungserfahrung den türkischen Familiennamen des Vaters zugunsten des deutschen Familiennamens der Mutter ablegen wollte. Standesamt und Verwaltungsgericht lehnten die Namensänderung jedoch ab: "Der Nachname habe eine wichtige "Ordnungsfunktion" und könne daher laut "Gesetz über die Änderung von Familiennamen" nur aus "wichtigem Grund" geändert werden - etwa wenn der Name zu schweren psychischen Problemen führe. Ein solcher Grund liege hier nicht vor, so das Gericht... Absichtliche und unbeabsichtigte Diskriminierungen seien zwar zu missbilligen, könnten aber keine Namensänderung rechtfertigen, so die Richter."

Ebenfalls in der taz sieht Jan Feddersen die CDU wegen ihrer Einstellung zur Ehe für alle vom Zeitgeist abgehängt: "Wie in den USA, in Irland oder etwa durch die Tories in Großbritannien ließe sich gerade mit konservativen Begründungen die Ehe für alle durchsetzen. Angela Merkel will aber nicht, wahrscheinlich aus Feigheit vor den alten KameradInnen, die es ja auch noch in ihrer Partei gibt."

Vor einigen Monaten erschien im Rolling Stone eine Geschichte über Vergewaltigungen an einer Universität, die gefälscht war (unser Resümee). Nun erscheint ein Buch (" Missoula: Rape and the Justice System in a College Town") des Reporters Jon Krakauer über Vergewaltigungen an der Universität von Missoula, das Brendan Fitzgerald in der Columbia Journalism Review als Gegengift zur Rolling-Stone-Geschichte liest: "Karkauer erklärt seine Methoden und Motive mit großer Sorgfalt und macht "Missoula" zu einem tranparenten Sachbuch. In seiner Einführung gibt Krakauer einen Überblick über seine Quellen, am Ende stehen die dramatis personae und eine lange Bibliografie. Und er legt seine Regeln offen: alles wörtlich, aus Interviews oder Transkripten."
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Religion

"Der Blick in eine 2000 Jahre alte Kulturgeschichte könnte selbst Horst Seehofer sensibilisieren", glaubt Rudolf Neumaier in der SZ nach dem Besuch der Ausstellung "Caritas" zur Geschichte der Nächstenliebe im Diözesanmuseum Paderborn: "Erst praktizierten vornehmlich Klöster die caritas, später die wohltätigen Stiftungen. Einrichtungen wie der katholische deutsche Caritasverband entstanden, der den lateinischen Begriff der Nächstenliebe zu einer Marke machte. Mit der Institutionalisierung der Nächstenliebe ging ihre Entschärfung einher. Wenn sich die Gemeinschaft kümmert, kann der Einzelne seine caritas allenfalls auf ehrenamtlichem Niveau ausleben. Die radikale Nächstenliebe im urtümlichen Sinn hat sich zu einer Marktlücke für heilige Freaks entwickelt."
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Kulturpolitik

Im politischen Leitartikel der FAZ versucht Rose-Maria Gropp die Aufregung um das geplante Kulturgutschutzgesetz zu dämpfen und sie findet: "Unabdingbar ist in jedem Fall, dass für das geplante Gesetz der Begriff "national wertvoll" klar konturiert wird." Im Feuilleton resümiert Andreas Kilb neueste Diskussionen über das geplante Museum für moderne Kunst am Berliner Kulturforum, die im Berlin-üblichen Gestrüpp landen könnten.

Medien

Im allerletzten Moment ging die Financial Times doch nicht an Springer, sondern an den japanischen Medienkonzern Nikkei, schreibt Julian Heck bei turi2: "Springer sei mit dem entscheidenden Angebot der Japaner wenige Minuten vor Verkündigung des Deals überrumpelt worden, berichten Insider. Bei dem Gebot in Höhe von 1,2 Milliarden wollte Mathias Döpfner dann offenbar nicht mehr mitbieten, weshalb Springer zu diesem Zeitpunkt das Dementi veröffentlichte."

Außerdem: In der FAZ berichtet Michael Hanfeld, dass die vergrätzten öffentlich-rechtlichen Sender, die die Rechte an der Übertragung der Olympischen Spiele nicht bekommen haben, dem Olympischen Komitee nun damit drohen, ihre Berichterstattung an den Paralympics zu reduzieren. Hanfeld streitet auch mit dem Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen über den Begriff des Shitstorms.
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Internet

Rund 550.000 historische Videoclips mit einer Laufzeit von insgesamt einer Million Minuten (also knapp zwei Jahren) haben die amerikanische Nachrichtenagentur AP und British Movietone aus ihren Archiven auf YouTube verfügbar gemacht, meldet Friedhelm Greis auf Zeit digital: "Die Filme sind teilweise in Farbe, eine Tonspur gibt es häufig nicht. Weitergehende Angaben zu den Clips, wie zum Beispiel das Aufnahmedatum, finden sich nicht auf YouTube, sondern auf den Archivseiten von AP, die jeweils verlinkt sind. Während das Archiv von British Movietone im Jahr 1986 endet, reicht das AP-Material bis in die Gegenwart." Viel Spaß beim Stöbern!
Archiv: Internet
Stichwörter: AP, British Movietone, Archiv

Politik

Dafür, dass die Türkei den Aufstieg der IS-Miliz unterstützt habe (siehe unsere gestrige Debattenrundschau), sieht der türkische Investigativjournalist Ahmet Şik im Gespräch mit Çiğdem Akyol (Zeit Online) keine Hinweise: "Aber die Türkei nährt Dschihadisten anderer Gruppen, die dann wiederum Verbindungen zum IS haben könnten. Sie schauen tatsächlich weg, wenn Waffen geliefert werden. Weil die Regierung fürchtet, dass all dies eines Tages rauskommen wird, ist sie auch zu einer Intervention bereit. Deswegen hat sie sich jetzt wieder verstärkt gegen die Kurden positioniert." Dazu stellt Şik klar: "Es gibt kein Kurdenproblem in diesem Land, sondern ein Türkenproblem."
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