9punkt - Die Debattenrundschau

Zeichen, die nicht trügen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.05.2015. Im Guardian erklärt Chefredakteur Alan Rusbridger in seiner Abschiedsbilanz nochmal, warum er nicht an Paywalls glaubt. In der Welt hofft der türkische Krimiautor Emrah Serbes, dass es eine Fortsetzung für die die Gezi-Proteste geben wird. Die phil.Cologne lädt laut den Ruhrbaronen den Philosophen Peter Singer aus. Die SZ weiß, warum Homoehe in manchen Ländern leichter durchgeht als Recht auf Abtreibung. Und Sepp Blatter attackiert jetzt laut RTS ganz Amerika, das sich angeblich nur ärgert, die Fußball-WM 2022 nicht abhalten zu dürfen.

Geschichte


Jungen mit Deutschlandfahne im Eichsfeld, Januar 1990. © DHM, Peter M. Mombaur

Eckhard Fuhr besucht für die Welt eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums in Berlin zum 25. Jahrestag der Wiedervereinigung. Keine einfache Aufgabe, meint Fuhr, denn "die Wiedervereinigung ist für die meisten virulente private Erfahrung, die zu deuten man nicht ohne Weiteres professionellen Historikern und Museumsleuten überlässt. Wie es "eigentlich gewesen" ist, das weiß man am besten selbst. [...] Trotzdem muss man diese Ausstellung als gelungen bezeichnen. Weil sie biografischen Zeugnissen breiten Raum gibt, gewitzt mit Klischees spielt und als solche kenntlich macht, weil sie sich nachträgliche "Wiedervereinigungskritik" verkneift und die Übergangsgesellschaft Ostdeutschlands als faszinierendes historisches Phänomen würdigt, ermöglicht sie einen frischen Blick auf jene Jahre zwischen 1989 und 1995, die noch Gegenwart sind und doch weit entrückt erscheinen."
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Stichwörter: Wiedervereinigung

Europa

Zwischen Hoffnung und Verzweiflung schwankt der türkische Krimiautor Emrah Serbes im Interview mit der Welt über die Gezi-Proteste in Istanbul vor fast genau zwei Jahren: "Den Abriss des Gezi-Parks haben wir verhindert, aber für den neuen Flughafen und die dritte Bosporusbrücke haben sie eine Million Bäume abgeholzt. Und das haben sie im völlig nüchternen Zustand getan. Gezi war ein Aufstand dagegen. Der Aufstand einer Generation, die nie eine andere Regierung gesehen hat. [...] Gezi ist ein Point of no Return. Wir haben gesehen, wie wir alle zusammen in diesem Land atmen können. Ich habe da gelernt, die Hoffnungen auf dieses Land nicht aufzugeben. Eine Hoffnung ist nun die HDP, die versucht, diese Erfahrungen in eine politische Kraft zu überführen."
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Medien

(Via turi2) Gruner und Jahr will offenbar das berühmte (und wahrscheinlich sehr wertvolle) Verlagshaus am Hamburger Hafen verlassen, meldet Medienjournalist Kai-Hinrich Renner in seienr Handelsblatt-Kolumne: "Auch in Verlagskreisen ist hinter vorgehaltener Hand zu hören, der Abschied vom Verlagshaus am Hamburger Baumwall sei beschlossene Sache. Offiziell allerdings mag Gruner + Jahr das nicht bestätigen. Man prüfe zwar die Möglichkeit eines Umzugs, eine Entscheidung sei aber noch nicht gefallen, sagt ein Verlagssprecher."

Ebenfalls in der Kolumne: Der WDR soll vor Vertragsabschluss mit Thomas Gottschalk durch Umfragen ermittelt haben, dass seine Vorabend-Show ein Flop werden könnte - der Vertrag mit seinen horrenden Abfindungsregelungen wurde dennoch geschlossen, so Renner, der neue Informationen der AG Dok zitiert.

In seiner Bilanz nach zwanzig Jahren Chefredaktion im Guardian kommt Alan Rusbridger auch nochmal auf die Debatte um Paywalls zurück: "Die extremen Gegenteile werden hier vom Guardian und der Times of London repräsentiert, die sich heute auf ein tägliches digitales Publikum von 281.000 Lesern beruft. Im April wurde der Guardian täglich von 7 Millionen Unique Visitors gelesen. Auf gleicher buchhalterischer Basis investieren (oder verlieren) wir etwa die gleiche Geldsumme. Wir müssen in zehn oder zwanzig Jahren auf die Frage zurückkommen, wer die Zukunft besser einschätzte."

Die FIFA ist ja nicht gerade Perlentaucher-Domäne, aber trotzdem. Sepp Blatters Äußerungen von heute morgen nach seiner triumphalen Wiederwahl sind zu schön, um sie nicht zu zitieren. Zu den Ermittlungen gegen FIFA-Offizielle durch die amerikanische Justiz sagt er laut AFP und huffpo.fr etwa: Diese Affäre "riecht nicht gut". Und "es gibt Zeichen, die nicht trügen. Die Amerikaner waren für 2022 Kandidaten für die Fußball-WM und haben verloren... Wenn Amerikaner Probleme mit Gelddelikten oder zivilrechtlichen Angelegenheiten haben, die Nord- oder Südamerikaner betreffen, dann sollen sie sie dort festnehmen, aber nicht in Zürich auf einem Kongress." Hier das komplette Video.
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Ideen

Der australische Philosoph und Tierrechtler Peter Singer ist vom Debattenfestival phil.Cologne ausgeladen worden, berichtet Julius Hagen von den Ruhrbaronen und zitiert aus der Begründung der Veranstalter: "Festival- und Programmleitung wussten von früheren Veröffentlichungen und Aussagen Singers im Hinblick auf Pränataldiagnostik und Behinderung. Nicht vorhergesehen werden konnte, dass Peter Singer seine fragwürdigen Thesen im Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) vom 26.5.2015 aktuell derart in den Mittelpunkt rücken würde. Peter Singer hat Standpunkte geäußert, die im Widerspruch zu dem humanistisch-emanzipatorischen Selbstverständnis stehen, das die phil.cologne leitet. "

Im Interview mit der NZZ am Sonntag hatte sich Singer tatsächlich recht klar geäußert: "Ich halte es für vernünftig, PID zu erlauben. Ein Embryo hat kein Recht auf Leben. Es ist nicht falsch, ihn zu verwerfen, wenn man ein Kind mit Genen, die zu einer Behinderung führen, nicht will."
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Urheberrecht

David Pachali stellt bei irights.info die Kampagnenwebseite Copywrongs vor, die von der EU-Abgeordneten der Piratenpartei Julia Reda ins Leben gerufen wurde und die EU-Reform des Urheberrechts begleiten soll: "Auf der Seite lässt sich auswählen, welche von 12 Vorschlägen - darunter die Abschaffung von Geoblocking, eine Reform des Urhebervertragsrechts oder erweiterte Zitatmöglichkeiten - besonders wichtig sein sollen. Das verweist auch auf die oftmals geäußerte Erwartung, dass ein politischer Kompromiss am Ende nur wenige Stellschrauben bei den urheberrechtlichen Ausnahmeregelungen umfassen werde."
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Gesellschaft

Andreas Zielcke wundert sich in der SZ nicht, dass manche Länder sich mit einer Liberalisierung der Homoehe leichter tun als mit einer Liberalisierung der Abtreibung: "Da homosexuelle Praxis nicht in Rechte Dritter eingreift, muss sie historisch "nur" von dem Ballast restriktiver sexueller und familiärer Sittlichkeitsnormen befreit werden, ohne dass ein Interessenskonflikt zu lösen wäre. Bei der Abtreibung aber stehen sich zwei Rechtspositionen unversöhnlich gegenüber, auf der einen Seite das Recht der Schwangeren auf Selbstbestimmung und Freiheit von ernsten Risiken, die von dem Ungeborenen ausgehen, auf der anderen Seite das Lebensrecht des Ungeborenen."

Samuel Herzog besucht für die NZZ eine von Germano Celant für eine Million Dollar kuratierte riesige Ausstellung über Kunst und Essen auf der Triennale in Mailand: "So naiv man sich dabei auch fühlen mag, man kann doch die Frage nicht vermeiden, ob sich denn auch die kuratorische Leistung auf der Höhe des Honorars bewege, ob die Ausstellung außerordentlich sei. Sie ist es nicht."

In der NZZ denkt Eduard Kaeser über die Rolle der Bürgerwissenschaft in der Wissensgesellschaft nach.
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Stichwörter: Abtreibung, Homoehe

Kulturpolitik

Trotz der niederdrückenden politischen Verhältnisse in Nicaragua hat Sergio Ramírez, Gründer des Literaturfestival Centroamérica cuenta in Managua, einen Traum, bekennt er im Interview mit der taz: die Kreuzung der Kultur mit der Politik. "In der Vergangenheit Zentralamerikas hat die Politik eher Spaltung betrieben. Seit der Unabhängigkeit streiten wir untereinander. Oftmals um geringfügige Angelegenheiten wie etwa einzelne Grenzverläufe. Die großen gemeinsamen Themen - etwa derzeit Arbeitslosigkeit, Drogenhandel und Migration - werden nicht verhandelt. Die großen Probleme Zentralamerikas kann man aber nur gemeinsam lösen. ... Es ist eine Illusion zu glauben, Zentralamerika wäre ohne eine gemeinsame Identität überlebensfähig. In einer globalisierten Welt haben so kleine Länder wie die zentralamerikanischen sehr wenig Zukunft. Zusammen aber zählen wir 40 Millionen Einwohner. Gemeinsam würden wir über beträchtliche Ressourcen verfügen, wenn die Staaten sich durch ihre Egoismen nicht dauernd gegenseitig ausbremsen würden. Deswegen sehe ich hier die Kultur, natürlich unter Einbeziehung der Bildung, in einer bedeutende Rolle."

Welt
-Autorin Swantje Karich fürchtet sich wie die Kunsthändler in Deutschland vor dem von Monika Grütters geplanten "Kulturgutschutzgesetz", das eine Ausfuhr wertvoller Kunstwerke erschweren würde: "Was kann der Sammler tun, wenn das Gesetz so in Kraft tritt? Er kann das Bild nur in Deutschland verkaufen an einen Sammler, der es auch nur in Deutschland behalten kann."

Florian Coulmas berichtet in der NZZ über einen Streit zwischen Südkorea und Japan, ob die Industrieanlagen aus der Meiji-Zeit als Weltkulturerbe anzuerkennen seien: "Mit der Nominierung der "Modernen Industriestätten in Kyushu und Yamaguchi" steht das insofern in Zusammenhang, als nach 1910 viele Koreaner in 7 der 23 Anlagen zur Zwangsarbeit verbracht wurden. Ein Positionspapier der südkoreanischen Regierung nennt die Zahl von rund 57.900 koreanischen Arbeitern, die gegen ihren Willen und teilweise unter kläglichen Bedingungen an Japans Industrialisierung mitwirkten. Wenn die Nominierung akzeptiert wird, so ihre Ansicht, wäre das ein weiterer Beitrag zur Verfestigung des blinden Flecks im japanischen Geschichtsbild bezüglich der harschen Kolonialherrschaft."

Außerdem in Kulturpolitik: Jens Bisky würdigt in der SZ die Arbeit Klaus Staecks als Präsident der Akademie der Künste und spekuliert über Kandidatinnen für seine Nachfolge.