9punkt - Die Debattenrundschau

Sein Dasein als Abstraktum

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.05.2015. Das Korruptionsgeld der FIFA kommt nicht irgendwoher, sondern aus den Fernsehgeldern und -gebühren der großen Fußballnationen und macht die Sender zu Komplizen, meinen die FAZ und der Perlentaucher. Die SZ warnt vor der Abschaffung des Bargelds. Die Welt macht sich Hoffnungen für Kuba. Die Hacker sollten ihre Körper entdecken, meint die italienischen Aktivistin Tatiana Bazzichelli in der taz. Und Schokolade macht nun doch nicht schlank.

Medien

Die öffentlich-rechtlichen Sender sollten in ihren Berichten über den FIFA-Skandal nicht so tun, als wären sie Unbeteiligte, meint Perlentaucher Thierry Chervel: "Wir, die deutschen und europäischen Fernsehzuschauer, sind durch unsere Gebühren Teil dieses Systems, ob wir uns für Fußball interessieren oder nicht. Es ist auch deutsches Fernsehgeld der Gebührenzahler, das am Ende die abstrusen Vergaben der nächsten Weltmeisterschaften an Russland und an Qatar ermöglichte... All jene öffentlich-rechtlichen Sender demokratischer Fußballänder, die bisher offenbar nicht mal die Beträge veröffentlichen, die sie in diesen Sumpf fließen lassen, sollten sich zusammenschließen und jede weitere Zahlung verweigern, bis die FIFA internationalen und unabhängig überwachten Transparenzregeln folgt." (Via ilpost.it) Die hier als Thumbnail gezeigte Infografik der Washington Post zeigt die Zahl der Toten bei der Vorbereitung von Fußball-WMs und Olympischen Spielen - der letzte Block betrifft Qatar.

Auch Michael Hanfeld erinnert in der FAZ daran, dass das Korruptionsgeld der FIFA nicht von Irgendwo stammt: "Gestützt wird dieses System allerdings nicht nur von denen, die, wie der frühere Fifa-Vizepräsident Jack Warner, Geld nehmen, sondern auch von denen, die es geben. Und das sind wir alle... Zwischen 2010 und 2014 hat die Fifa einen Umsatz von 5,7 Milliarden Dollar gemacht. Ein Großteil davon stammt aus der Vermarktung der Fußball-Weltmeisterschaften. Diese beruht zum überwiegenden Teil auf dem Verkauf von Fernsehrechten, vor allem in Europa."

Endlich einmal eine gute Nachricht, dachten sich Bild, Focus Online und diverse Frauen- und Fitnessmagazine und berichteten begeistert über eine Studie, nach der Schokolade den Fettabbau beschleunigt und den Jojo-Effekt verhindert. Den Urhebern der Studie ging es allerdings gar nicht um Schokolade, sondern darum, wie unkritisch viele Medien PR-Inhalte übernehmen, berichtet Maxi Beigang in der taz: "Laut Studie (diesmal wissenschaftlich haltbar) der Uni Leipzig wurden in knapp zehn Prozent aller Artikel im Lokalteil der untersuchten Tageszeitungen Pressemitteilungen schlicht nachgedruckt. Das Gebot der Stunde scheint: Informationsjongleur statt kritischer Berichterstatter, Nutz- und Verkaufswerte von Informationen werden wichtiger als Quellen oder Hintergründe." Am 5. Juni wird Arte eine Dokumentation zeigen, die sich mit dem Fall beschäftigt.
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Gesellschaft

Johannes Boie warnt in der SZ vor der Abschaffung des Bargelds: "Wer .. wie der Wirtschaftsweise Bofinger das Ende des Bargelds von politischer Seite fordert, hat möglicherweise weniger die glückliche Familie im Kopf, die an der Supermarktkasse mit Karte, Chip oder Handy schneller als je zuvor bezahlen kann. Vielmehr dürfte es darum gehen, eine zentral überwachte und steuerbare Währung zu schaffen, die ultimative Transparenz für den Staat, den ultimativ gläsernen Staatsbürger."
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Stichwörter: Bargeld

Überwachung

Wer sich momentan in New York oder Berlin aufhält, muss damit rechnen, dass er Tonaufnahmen von sich im Internet wiederfindet. Die Künstlergruppe We Are Always Listening schneidet mit an öffentlichen Orten versteckten Diktiergeräten Gespräche mit und veröffentlicht sie online, berichtet Patrick Beuth auf Zeit digital. Damit sollen die Bürger für geheimdienstliche Überwachung sensibilisiert werden: "Die Gruppe selbst bezeichnet sich als Auftragnehmer der NSA, die mit denselben Mitteln vorgeht wie der US-Geheimdienst, nur dass sie für ihre Hilfe, die Welt vor Terroristen zu schützen, kein Geld nimmt. "Wir tun nur, was auch die NSA tut", sagt einer der beiden im Gespräch, "wenn die US-Regierung zugibt, dass das, was die NSA tut, illegal ist, hören auch wir sofort auf"."
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Geschichte

Die Wiener Ringstraße war in gewisser Hinsicht ein jüdischer Boulevard, wie eine Ausstellung in Wien jetzt zeigt (und wie man schon in Edmund de Waals "Hase mit den Bernsteinaugen" lesen konnte), schreibt Hannes Hintermeier in der FAZ: "Das bittere Erwachen kam spätestens 1938, aber schon seit dem Ende des Ersten Weltkriegs hatte sich die Prachtstraße auch immer wieder als antisemitische Kampfzone erwiesen. Dass es der jüdischen Gemeinde gelang, sogar die Jahre des Zweiten Weltkriegs zu überstehen, grenzt schon an ein Wunder."
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Kulturpolitik

Im Tagesspiegel referiert Frederik Hanssen die diversen Ideen für das Berliner Kulturforum, über das sich in den vergangenen Jahrzehnten Größen wie Volkwin Marg, Stephan Braunfels und Hans Stimmann Gedanken gemacht haben: "Ach ja, und dann gab es ja noch die Vision von Hans Hollein, 1983 gekürt, bis zur Baureife weiterentwickelt und dann doch nicht realisiert: Eine gekurvte, 100 Meter lange Loggia wollte er errichten, flankiert von einem "Bibelturm" mit Café und Ausguck - und der Endhaltestelle der Magnetschwebebahn." Hanssens Fazit: "Um das Areal von seinem Dasein als Abstraktum zu erlösen, braucht es dringend eine konzertierte Aktion aller Verantwortlichen, von Bund, Land und dem Bezirk sowie den Anrainern, also den Museen, der Staatsbibliothek und der Philharmonie."

Außerdem meldet der Tagesspiegel, dass der Eröffnungstermin für das geplante Einheitsdenkmal auf dem Berliner Schlossplatz weiter ungewiss bleibt.

Politik

Hoffnungsvolle Anzeichen eines Wandels erkennt Welt-Autor Marko Martin nach einer Kuba-Reise - aber auch ein Beharren in alten Mustern, auch und gerade bei der Bevölkerung, die wenig über das Ausland weiß: "Wie soll sich ein Volk über jene komplexen Zustände andernorts (und die dortigen Einkommensunterschiede) informieren, wenn das unfreiwillig komisch Granma benannte KP-Parteiorgan nur offizielle Verlautbarungstexte im drögesten Prawda-Stil abdruckt und das Schwesterblatt Juventud Rebelde statt rebellierender Jugend ein ums andere Mal die welken Castros zeigt?"
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Stichwörter: Kuba

Internet

Die Hacker-Szene, insbesondere die deutsche, könnte "lustvoller sein, politischer, körperbetonter", sagt die italienische Hackerin Tatiana Bazzichelli im Gespräch mit Martin Kaul (taz) anlässlich der morgen beginnenden Konferenz "Cyborgs" im Berliner Kunstquartier Bethanien: "Unser Körper wird auf vielfältige digitale Weisen gezielt stimuliert, gelenkt, gesteuert. Wir erleben eine Digitalisierung, die kabellos und permanent in unsere Alltagswelten interveniert. Wir müssen uns also ernsthaft darüber Gedanken machen, wo die Cyborg-Identität beginnt und wie die Übergänge zwischen menschlichem und virtuell geleitetem Verhalten verlaufen. Der Körper steht zur Disposition. Und dennoch thematisieren wir selbst den Körper kaum."
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Ideen

Noam Chomsky äußert sich im Interview mit Seung-yoon Lee von Byline auch kurz und kritisch zu Charlie Hebdo: "I think they were kind of acting in this case like spoiled adolescents, but that doesn"t justify killing them." Was meint er damit? Dass Lebenslang auch gereicht hätte?
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