Efeu - Die Kulturrundschau

Nah am Schimpfwort 'Progressive'

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30.05.2015. Die NZZ denkt über den Wandel der Rezeption der russischen Avantgarde nach. Die Welt singt eine Lobeshymne auf Maylis de Kerangals Roman "Die Lebenden reparieren", der die Schattenwelt zwischen Herztod und Hirntod ausleuchtet. In der Presse erklärt der Schauspieler Joachim Meyerhoff, warum in jedem Vater ein König Kreon steckt. Die Berliner Zeitung fragt sich besorgt, wo man in Berlin nach dem Wechsel der Volksbühnenspitze künftig noch scheitern darf.

Kunst


Kasimir Malewitsch: Suprematismus, 1916-17; Fine Arts Museum, Krasnodar

In der NZZ denkt Bernhard Schulz am Beispiel Kasimir Malewitschs über den Wandel der Rezeption der russischen Avantgarde nach: "Es ist kein Zufall, dass das Stedelijk Museum die - zumeist suprematistischen - Gemälde Malewitschs ankaufte, während die Berliner Museen zu jener Zeit darauf gerichtet waren, die durch das NS-Regime gerissenen Lücken im Bereich Expressionismus und Neue Sachlichkeit zu schließen, beides also figurative Richtungen. Denn das Stedelijk war das erste Museum Europas, das den amerikanischen Abstract Expressionism sammelte und überhaupt allen neuen Strömungen aus den USA gegenüber aufgeschlossen war. Malewitsch wurde so zum historischen Kronzeugen eines Paradigmenwechsels, um den Begriff des Wissenschaftstheoretikers Thomas S. Kuhn aufzugreifen, dessen berühmtes Buch "The Structure of Scientific Revolutions" in ebendieser Zeit, im Jahr 1962, erschien. Kuhns Buch markiert auf der Metaebene der Wissenschaftstheorie den endgültigen Übergang der intellektuellen Wortführerschaft von Europa auf die USA."

Weitere Artikel: Van Gogh monumental aufgepeppt, mit süßlicher Musik unterlegt: Klaus Ungerer vom Freitag packt angesichts der kulinarischen Dimensionen der Installation "Van Gogh Alive" in Berlin das blanke Grausen. Andreas Platthaus staunt in der FAZ darüber, wie es dem neunzehnjährigen Praktikanten Georg Kabierske gelungen ist, zuvor Friedrich Weinbrenner zugeschriebene Zeichnungen von Piranesi im Bestand der Karlsruher Kunsthalle zu identifizieren.

Besprochen werden die Ausstellung "Walk the Line. Neue Wege der Zeichnung" im Kunstmuseum Wolfsburg (Bild, NZZ), eine Ausstellung über die Anfänge österreichischer Computerkunst in Linz (Standard), eine Ausstellung von Pietro Donzellis Fotografien in den Opelvillen Rüsselsheim (FR) und Reiner Leists Fotoband "Another Country - South Africa: New Portraits" (taz).
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Bühne


"Antigone" am Burgtheater. Foto: Georg Soulek / Burgtheater

Im Interview mit der Presse erklärt der Schauspieler Joachim Meyerhoff seine Sympathie für König Kreon, den er gerade in Jette Steckels Inszenierung der "Antigone" des Sophokles spielt: "Er trägt die Verantwortung und überhebt sich. Das hat doch heute auch jeder Zweite von uns: dass er sich für unersetzlich hält, dass er meint, eins zu sein mit einem Amt, einer Funktion. Kreon kommt von dieser Fixierung nicht mehr runter. Miserables Krisenmanagement würde man das heute nennen. Diese Eigendynamik kennen wird doch alle. Das ist die Tragödie. Wir verrennen uns auch oft wie Kreon. In meiner Generation an Vätern gibt es in Bezug auf die Kinder immer wieder Situationen, in denen man mit der eigenen Autorität hadert. Sie ist gefragt und nervt einen doch selbst so."

Mit großem Interesse haben die Kritikerinnen die Aufführung von Mette Ingvartsens Sextheater-Performance "69 Positions" am Berliner HAU beobachtet: Nicht allein der Nacktheit wegen und weil es tags zuvor an der Berliner Volksbühne mit Johann Kresniks (nun auch im Tagesspiegel besprochener) Inszenierung von "Die 120 Tage von Sodom (mehr im gestrigen Efeu) ebenfalls viel nackte Haut zu sehen gab, sondern vor allem, weil Ingvartsen 2017 mit Chris Dercon an die Volksbühne kommen wird. Darauf ist Michaela Schlangenwerth (Berliner Zeitung) nach dieser Begegnung (und "Ingvartsens nicht endendem Masturbations-Akt mit einem Stuhl, bei dem man ihren muskelgestählten Körper und ihr Sixpack bewundern kann") nun ängstlich gespannt: Das Programm bei Kresnik: "Großes Anliegen, peinlicher Abend. Ihm folgte die funktionstüchtige Mette Ingvartsen: ein Erfolg. Wo in Berlin darf künftig gescheitert werden?" Auch Sandra Luzina vom Tagesspiegel ist sich sicher: "Nicht nur eine Generationswechsel ist am Rosa-Luxemburg-Platz geplant, hier werden neue künstlerische Positionen Einzug halten."

Weiteres: Im Standard berichtet Robert Quitta vom Lettischen Theaterfestival. Der in Köln aufgeführte Showabend "Supernerds", bei dem die Überwachungspraxis durch die Geheimdienste ganz praktisch erfahrbar werden sollten, war "weit weniger schockierend als unterhaltsam", berichtet Till Briegleb in der SZ. Zuvor berichtete die FAZ. Eine Aufnahme des Abends gibt es beim WDR.

Besprochen werden Yael Ronens "Kohlhaas-Prinzip" in Berlin (NZZ) und Mike Müllers Stück "A1 - Ein Stück Schweizer Straße" im Schauspielhaus Zürich (NZZ).
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Literatur

In der Welt singt Peter Praschl eine Lobeshymne auf Maylis de Kerangals Roman "Die Lebenden reparieren", ein Roman, der einen tödlich verunglückten 19-Jährigen begleitet, bis ihm rettende Organe entnommen wurden und er endgültig sterben darf. Kerangel schneidet sich "wie mit einem Skalpell ins Bewusstsein von Lebenden Ihres- und meinesgleichen - Menschen, die den Tod nicht an sich heranlassen, weil sie andernfalls verrückt werden müssten. So ahnen wir nichts von jener Schattenwelt zwischen Herztod und Hirntod, jener Zeit, in der das Leben noch nicht endgültig weg und der Tod noch nicht endgültig da ist - außer für Mediziner, die wissen, was eine Nulllinie besagt, wann ein Koma hoffnungslos ist und wie viel Hoffnung ein gesundes Herz bedeuten kann. Wir denken nicht darüber nach, wie sehr dieses Wissen Ärzte belasten, selbst zu Schattenmenschen machen kann, nicht mehr ganz im Leben, näher am Tod, als ihnen guttut."

In der Diskussion um die Wiederkehr des "Literarischen Quartetts" gibt Christopher Schmidt in der SZ zu bedenken, wie sehr sich seit den Frühtagen der ursprünglichen Sendung Öffentlichkeit und Qualität des Fernsehens geändert haben: "Die Debatte um das "Literarische Quartett" der Neunzigerjahre war geprägt vom Verdacht, hier werde das hehre Amt der Literaturkritik boulevardisiert. Heute geht es unter umgekehrten Vorzeichen um die Frage, wie Qualitätsfernsehen möglich ist." Auf Youtube gibt es eine Folge von 1992, in der es unter anderem um Philip Roth und Paul Auster geht.



Weitere Artikel: In der Welt freut sich Tilman Krause über eine Wiederentdeckung des Résistance-Kämpfers und Romanciers Jean Prévost, dessen Aufsteigerroman "Salz in der Wunde" gerade bei Manesse veröffentlicht wurde. Ulrich Gutmair unterhält sich in der taz mit dem Übersetzer Dirk van Gunsteren darüber, was es heißt, einen Roman von Thomas Pynchon zu übersetzen (dabei habe er "enormen Spaß", gesteht er). In einem Onlinebeitrag für den Freitag bietet Jan Drees, der auch das hervorragende Blog Lesen Mit Links betreibt, einen Überblick zur Debatte um Literaturkritik, deren Bezahlung und die Rolle von Blogs. Und das CrimeMag verneigt sich mit einem fünf Texte umfassenden Special vor Charles Willefords großartigem Krimiklassiker "Miami Blues" (hier unsere Kritik anlässlich der Wiederveröffentlichung von 2002).

Besprochen werden unter anderem Carl Nixons "Lucky Newman" (Berliner Zeitung), László Krasznahorkais Erzählung "Im Norden ein Berg"(Tagesspiegel), Oliver Sacks Autobiografie "On the Move" (Welt), Anke Stellings "Bodentiefe Fenster" (taz) und Alfred Hayes "In Love" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Archiv: Literatur

Musik

Für die nächste Weltraumreise legt uns Ann-Sophie Balzer (Spex) das neue Album "Starfire" von Jaga Jazzist ins Reisegepäck, mit dem die Norweger ins All abheben: "So weit weg vom Jazz war die Band nie, so nah am Schimpfwort "Progressive" (...) auch noch nie. Schicht um Schicht wird in fünf Instrumentalstücken von teils erhabener Länge auf- und wieder abgetragen. Erdige Blasinstrumente paaren sich mit verschwurbeltem Syntiegeballer, manchmal in Gestalt eines analogen Swarmatrons." Auf Soundcloud gibt es eine ziemlich mitreißende Hörprobe:



In der taz porträtiert Franziska Buhre die Klarinettistin Susanna Gartmayer. Für die FAZ spürt Jan Brachmann dem dänischen Nationalkomponisten Carl Nielsen nach und empfiehlt als Onlineressource für eigene Erkundungen diese Website.

Besprochen werden das Debüt von Jamie XX (Zeit, Standard, mehr hier und hier), ein Konzert von Christian Tetzlaff (Tagesspiegel), das neue Album von Simply Red (FAZ) und ein Konzert von Chilly Gonzales (FR).
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Film

Bei der taz amüsiert sich Malte Göbel über den auf Youtube veröffentlichten, per Crowdfunding finanzierten Trash-Film "Kung Fury", der seit seiner Veröffentlichung am Donnerstagabend schon über drei, ach was: über fünf Millionen mal gesehen wurde:



Außerdem: Roman Gerold berichtet im Standard über das Kurzfilmfestival Vienna Independent Shorts. Besprochen werden neue Bücher über Rainer Werner Fassbinder (FR), Zoltan Pauls "Amok" (Tagesspiegel), der indische Film "Ein Junge namens Titli" von Kanu Behl (Tagesspiegel) und Edet Belzbergs "Watchers of the Sky" (SZ).
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