Efeu - Die Kulturrundschau

Glaube an die Kraft junger Kunst

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20.04.2015. Liebe, Begehren, Erfüllung ohne Furcht vor Verlust, magnetische Körper - alles da in Sasha Waltz' "Romeo und Julia"-Choreografie, jubeln die Theaterkritiker. Eher ins Frösteln kommt der Standard in Barbara Freys Inszenierung des Labiche-Schwanks "Die Affäre Rue de Lourcine". Die Dokumentationswut deutscher Stadtplaner könnte manchem Einwohner von Aleppo noch das Dach über dem Kopf retten, meldet die Welt. Die taz hörte mit wenig Gewinn deutsche Schriftsteller über die Welt grübeln.

Bühne


Roméo und Juliette, 2015. Foto: © Bernd Uhlig

Nach Premieren in Paris und Mailand wurde Sasha Waltz" Choreografie der Berlioz-Oper "Romeo und Julia"-Oper nun auch an der Deutschen Oper in Berlin aufgeführt. Großes Lob von Katrin Bettina Müller in der taz, die schon mit dem von Ronnita Miller gesungenen Prolog von der Sache überzeugt ist: "Während ihre Stimme dem Unbeschreibbaren der Liebe die Konturen des Überwältigenden gibt, sieht man in Sasha Waltz" Inszenierung (...) ein Hinschmelzen von Einzelnen und Gruppen, ein Sichaneinanderschmiegen der Körper, ein Zulassen von Nähe und Berührung, von Hingabe und Aufgehobensein. Intim und spielerisch zugleich ist dieses Bild der Liebe, Begehren und Erfüllung noch ohne Furcht vor Verlust." Auch Sandra Luzina vom Tagesspiegel verfällt ins Schwärmen: "Die Israelin Yael Schnell und der Kubaner Joel Suaréz Gómez veranschaulichen den Magnetismus der Körper - die beiden können gar nicht genug voneinander bekommen. Sasha Waltz ersinnt hier eine reiche Palette an Berührungen (...) Die Tänzer verkörpern zudem auf glaubhafte Weise die extremen Gefühle: Verzückung und Verzweiflung, Zärtlichkeit und Raserei, Liebeslust und Todesverachtung."


Nicholas Ofczarek (Lenglumé). Foto: Reinhard Werner / Burgtheater

Ronald Pohl hatte ein "Rendezvous mit dem Nichts", genauer mit Eugène Labiches Schwank "Die Affäre Rue de Lourcine" in der Inszenierung von Barbara Frey am Burgtheater. Der Standard-Kritiker meint das übrigens nicht negativ: "Frey kümmert sich um die Gesetze des Vaudeville-Schwanks genau gar nicht. In diesem Albtraum schlagen keine Tapetentüren, kein Bürger versteckt Belastungsmaterial. ... Frey und ihre wundervollen Schauspieler interessiert die Begehung einer Traumlandschaft, zu der das Wachbewusstsein normalerweise keinen Zutritt findet. Diese Labiche-Unternehmung spielt nicht in der Belle Époque des Zweiten Kaiserreichs. Sie gehört ins 20. Jahrhundert. Damals drangen die Vertreter der Avantgarde in die hintersten Winkel der Psyche vor, wo sie den Stein der Weisen zu finden hofften." (Weitere Kritiken in der Presse, SZ, FAZ).

Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung unterhält sich Irene Bazinger mit Barrie Kosky über dessen Inszenierung von Arnold Schönbergs "Moses und Aron" an der Komischen Oper in Berlin. Margarete Affenzeller stellt im Standard Kirill Serebrennikow vor, den rührigen neuen Intendanten des Gogol Centers in Moskau.

Besprochen werden Verdis "Traviata" im Opernhaus Zürich (NZZ), das am Heimathafen Neukölln aufgeführte Stück "Ultima Ratio" über Flüchtlinge aus Afrika (taz), Milo Raus "The Civil Wars", mit der die Berliner Schaubühne das F.I.N.D.-Festival eröffnet (taz), Vasily Barkhatovs in Mannheim aufgeführte Inszenierung von Hector Berlioz" Oper "La Damnation de Faust" (FR), Richard Siegals Cheoreografie, die die Ballettfestwoche in München eröffnet ("eine orgiastische Tanz-Explosion", jubelt Eva-Elisbeth Fischer in der SZ).
Archiv: Bühne

Film


Ein anderes Bild der iranischen Frau: Sepideh Farsis "Red Rose". Bild: Internationales Frauenfilmfestival Dortmund.

In Dortmund ging gestern das Internationale Frauenfilmfestival zu Ende. Auf Filmlöwin berichtet Sophie Charlotte Rieger von ihren Entdeckungen. Sehr beeindruckend fand sie etwa Sepideh Farsis Kammerspiel "Red Rose" über eine Frau, die sich 2009 in den Protesten gegen das Teheraner Regime engagiert: "Farsi zeigt ein anderes Bild der iranischen Frau, als es vermutlich in unseren Köpfen existiert, und dekonstruiert damit Stereotype. Aber nicht nur deshalb ist ihr Werk bewundernswert. Mit diesem Film hat sie eine Entscheidung für die Kunst getroffen. Weder sie noch ihre Schauspieler_innen können - zumindest unter den aktuellen Bedingungen - jemals in den Iran zurückkehren." Auch Jasmila Zbanics von Jacques Tati inspirierte Komödie "Love Island" hat sie sehr begeistert, genau wie Agnieszka Zwiefkas Dokumentarfilm "Die Königin der Stille" über ein gehörloses Roma-Mädchen mit einer Vorliebe für Bollywood-Filme. In der FAZ berichtet Oliver Jungen vom Festival, das sich mit "massenhaft erstklassigen Filme aus aller Welt" als bestes Argument für die Frauenquote im Film anführen lässt.

Weitere Artikel: Nina Rehfeld trifft sich für die FAZ mit Robert Rodriguez, um mit ihm über seine für Netflix entstandene Fernsehserien-Adaption seines Horrorklassikers "From Dusk Till Dawn" zu plaudern. Im Tagesspiegel wirft Kerstin Decker einen Blick auf das Programm des Berliner Festivals FilmPolksa. Und Christiane Peitz porträtiert die Protagonisten aus Gerd Kroskes neuem, am Donnerstag anlaufenden Dokumentarfilm "Striche Ziehen".
Archiv: Film

Architektur

Während im syrischen Aleppo noch die Bomben fallen, plant man anderswo bereits den Wiederaufbau der Stadt. In Syrien selbst, wo die Regierung die ausgebombten Areale an saudische Investoren verkaufen will. Aber auch in Deutschland, wo eine handvoll Architekten genau dies verhindern will, berichtet Werner Bloch in der Welt. Laut Bloch lässt Assad die Stadt systematisch kaputtbomben: "Nun will das Regime verhindern, dass die Besitzer der Altstadthäuser zurückkehren. Einträge im Grundbuch wurden gelöscht, ganze Katasterämter sollen abgefackelt worden sein, um den Grundbesitz an Investoren verschachern zu können. Nützen würde das wohl vor allem dem reichsten Mann Syriens, dem Schwager von Präsident Assad, einem Multimilliardär, der einen Großteil der syrischen Wirtschaft beherrscht. Allerdings könnten ausgerechnet die deutschen Stadtplaner dem einen Riegel vorschieben. Denn sie haben während ihrer Zeit in Aleppo minutiös das Stadtarchiv und die Katasterämter digitalisiert... in Deutschland finden sich Kopien, die die Besitzverhältnisse zurechtrücken."

Weitere Artikel: Im zweiten Teil seiner FAZ-Textreihe über den Wiederaufbau der Frankfurter Altstadt freut sich Dieter Bartetzko auf die zwar historisch orientierte, aber zeitgenössisch aktualisierte Wiedererrichtung des Hauses Markt 30. In der Zeit schwärmt Wofgang Nagel von Niklas Maaks Buch "Wohnkomplex - Warum wir andere Häuser brauchen": "Eines der wichtigsten Architekturbücher der letzten Jahre." Mehr zu dem Buch hier.
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Archiv: Architektur

Literatur

Die deutsche Literatur zieht es zurück zur Debatte, zur politischen Intervention, zur Kapitalismuskritik. Oder zumindest jenen Teil der deutschen Literatur, der sich am Wochenende gemeinsam mit Literatur- und Kulturwissenschaflern zu dem Symposium "Richtige Literatur im Falschen" im Brecht-Haus in Berlin einfanden. Schade fand es Dirk Knipphals von der taz allerdings, dass die Tagung sich eher mit den Rahmenbedingungen zur Schaffung von Kontroversen befasste, statt sich beherzt in diese zu stürzen. Und dass die Beschreibung der weltpolitischen Sachlage mitunter doch sehr auf Schlagworte aus dem altlinken Wörterbuch runterbrach: "Damit aber kann man gewiss Aktionismus munitionieren, aber doch keine differenzierten Beschreibungen auf Höhe der jeweiligen konkreten Problemlagen liefern. Herauszuarbeiten, an welchen Punkten linke Literatur sich hüten muss vor vorschnellen linken Abstraktionen, wäre großartig gewesen. Tatsächlich ist das Feld der Literatur nicht der richtige Ort, um politische Zentralperspektiven einzuziehen. Im Zweifel sollte sie immer bei den gesellschaftlichen Ambivalenzen bleiben." Auch Sabine Wagner (Tagesspiegel) kommen manche der Diskussionen und Statements sehr bekannt vor. In der Welt zitiert Mladen Gladic: "Irgendwie wirkt das Treffen so, als hätte es vor dreißig Jahren stattfinden können, sagt Michael Wildenhain."

Weiteres: Thomas Wörtche (CrimeMag) kann es fast nicht glauben, wie vorgestrig und "wirr" Lisa Kupplers kürzlich in der FAZ veröffentlichte Kritik am deutschen Durchschnittskrimi ausgefallen ist: "Warum druckt die FAZ das?" Stefan Gmünder stellt im Standard das neue österreichische Literaturmuseum vor. Andrea Tebart freut sich in der Berliner Zeitung über 70 Jahre Pippi Langstrumpf. Zum Tod von Günter Grass hat das DRadio Kultur seine in den 60er Jahren entstandenen Aufnahmen der Schülergespräche des Schriftstellers aus dem Archiv geholt. Der Bayerische Rundfunk bringt den zweiten Teil von Elfriede Jelineks "Wirtschaftskomödie".

Besprochen werden Bücher von und über Danilo Kiš (Jungle World), Emily Dickinsons "Sämtliche Gedichte" (FR), Karin Peschkes Debütroman "Watschenmann" (Standard), die Autobiografie des Cartoonisten OL (Jungle World), Antonia Baums "Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren" (Tagesspiegel, mehr), Ricardo Piglias "Munk" (SZ) und neue Hörbucher, darunter eine von Lars Eidinger eingelesene Aufnahme von David Foster Wallace" Erzählung "Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie der FAZ stellt Jan Volker Röhnert Rolf Dieter Brinkmanns Gedicht "Eiswasser an der Guadelupe Str." vor:

"warme Dunkelheit mit
Neonlichtern, Baumschatten
hinter den Häusern, ver
..."
Archiv: Literatur

Musik

Harald Eggebrecht hat für die SZ das erste Konzert des Geigers Frank Peter Zimmermann besucht, nachdem sich dieser von seiner innig geliebten, jahrelang gespielten Stradivari trennen musste - und das Ergebnis, nun auf einer Guarneri gespielt, wusste auf eigene Art zu überzeugen: "Statt der Süße und dem sich unter seinen Händen so selbstverständlich frei aufschwingenden Klang der "Lady Inchquin" klang die Guarneri nun im besten Sinne angriffslustiger, bissiger, in der Tiefe erdiger, ja, grimmiger und in der Höhe brennender in der Intensität. ... Angenommen, er würde das Instrument längere Zeit erkunden, dann würden sich gewiss noch weitere Nuancen auftun."

Mit großer Freude meldet Frederik Hanssen im Tagesspiegel, dass die 92 Jahrgänge des früher in Berlin gratis verteilten "Führer durch die Konzertsäle Berlins" vollständig digitalisiert wurden: "Man muss weder Musikologe sein noch Narziss, um beim Blick in diesen Spiegel des Klassiklebens süchtig zu werden. Nur zu gerne gibt man angesichts dieses historischen Schatzes der Lust am Stöbern nach."

Trotz Hype kein Hype: Warum eigentlich fand das vor wenigen Monaten ziemlich hochgejazzte Album der Supergroup Future Brown beim Publikum so überschaubaren Anklang? Mit etwas zeitlichem Abstand wagt Jan Kedves in der SZ vorsichtige Ursachenforschung: Vielleicht ja deshalb, weil das streckenweise "grandiose" Album mit seinen altbackenen Sounds oft merklich durchhängt: "Hier fehlt eindeutig das utopische Moment, das die übrigen Stücke verbindet und das nicht zuletzt Albumtitel und Name des Projekts versprechen. ... Den Künstlern hätte selbst auffallen können, dass dieser Retro-Grime nicht auf ihr Album passt. Es hätte vor allem aber auch ihrem Label auffallen können."

Außerdem: Christoph Dallach (Zeit) spricht mit Giorgio Moroder, der von Daft Punk aus dem Ruhestand zurückgeholt wurde. Die südafrikanische Sopranistin Pretty Yende spricht im Interview mit dem Standard über ihre erstaunliche Kindheit. Thomas Stillbauer (FR) berichtet von der Musikmesse in Frankfurt. Besprochen wird ein Konzert von Diana Damrau (SZ).

Archiv: Musik

Kunst


"Surround Audience", 2015. Exhibition view: New Museum. Foto: Benoit Pailley

Halst man der Kunst der jungen "digital natives" nicht das falsche Päckchen auf, wenn man ihre Werke immer nur auf Fragen von Identität im Zeitalter der sozialen Netzwerke reduziert? Mit dieser Frage kommt jedenfalls Sven Behrisch von der Zeit aus der Ausstellung "Surround Audience" der New Yorker Triennale, die genau diese Frage in den Vordergrund rückt, dabei aber völlig außer Acht lässt, dass Künstler zu allen Zeiten mit ihren Identitäten gehadert haben, so Behrisch: "Vom Glauben an die Kraft junger Kunst bleibt da nur wenig übrig. Eher ein eigentümlicher und auch hochmütiger Anspruch von Relevanz, der da an eine junge Generation gestellt wird: als würde für sie die Autonomie der Kunst nicht gelten, sondern stattdessen die Pflicht, die Stichpunkte der zeitgenössischen Kulturkritik abzuarbeiten, um ausstellungswürdig zu sein."

Weitere Artikel: Für die taz sieht sich Ulf Erdmann Ziegler die Schau "Lucian Freud und das Tier" im Museum für Gegenwartskunst in Siegen an und staunt: "Freuds Malerei war offen, offen zu einem unbestimmten Ende hin: eine totale Empirie, die alles berührt, sogar das Sofakissen." Thomas W. Kuhn berichtet im Tagesspiegel von der Art Cologne. ZeitOnline bringt eine Strecke mit Wim Wenders" derzeit in Düsseldorf ausgestellten Fotografien.

Besprochen werden die Michael-Beutler-Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin (der Marcus Woeller in der Welt eine begeisterte Besprechung widmet), Gauguin-Ausstellung in der Fondation Beyeler in Basel (FAZ), die Sebastio-Salgado-Ausstellung im C/O Berlin (Berliner Zeitung), die Ausstellung "Destination Wien 2015" in der Kunsthalle Wien (Standard), die Cranach-Ausstellungen in Thüringen (FAZ), eine Ausstellung der Sammlung Roberto Longhi im Musée Jacquemart-André in Paris (FAZ) und die Ausstellung "Von der Schönheit der Natur - Die Kammermaler Erzherzog Johanns" in der Albertina in Wien (FAZ).
Archiv: Kunst