9punkt - Die Debattenrundschau

Darum brechen die Marinisten mit Le Pen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.04.2015. Das King-Lear-Drama um Jean-Marie Le Pen bedeutet keinen politischen Wandel seiner Partei meint huffpo.fr. In der Welt spricht Ralf Bönt über Vaterschaft als blinden Fleck. New York Times und Washington Post diskutieren über die Zukunft von Print. Und hoffen wir mit der taz, dass der Sommer nicht wird wie der nach dem Vulkanausbruch des Tambora in Indonesien vor 200 Jahren.

Europa

Als eine Art King Lear-Drama schildert Geoffroy Clavel in der Huffpo.fr den Krieg zwischen Marine Le Pen und ihrem Vater. Aber an einen politischen Wandel in der Partei glaubt er nicht: "Während die Gegner des FN, allen voran Premieminister Manuel Valls in diesem Thronfolgekrieg einen "Versuch der Rehabilitierung" der Partei sehen, ist festzuhalten, dass weder Marine Le Pen noch ihre Anhänger den Patriarchen niemals inhaltlich für seine Entgleisungen kritisiert haben. Wie es auch L"Express betont, geht es bei der "Entdiabolisierung" um ein rein taktisches und politisches Prinzip als Methode der Machteroberung. Darum brechen die Marinisten mit Le Pen."

Über Rechtsextremismus in Deutschland und die politische Verantwortung dafür schreibt Alan Posener in der Welt: "In Sachsen-Anhalt wird ein Flüchtlingsheim abgefackelt, der Bürgermeister eingeschüchtert, der Landrat mit dem Tod bedroht, und der zuständige Innenminister meint besorgt: "Tröglitz ist überall." Nein, Rainer Haseloff, Tröglitz befindet sich in Ihrem Bundesland, und dass es so weit kommen konnte, ist auch Ihre Verantwortung und die Ihrer Vorgänger. Um davon abzulenken, reden Sie plötzlich wie die Antifa."

Die Kulturwissenschaftlerin Sigrid Weigel ist in einem Tagesspiegel-Artikel (den wir nachtragen) der Meinung, dass die Bundesrepublik den griechischen Reparationsforderungen nachkommen sollte "Die offizielle deutsche Politik hält sich die sowohl finanziell als auch moralisch motivierten Forderungen derzeit mit legalistischen Argumenten vom Leibe - auch mit Verweis auf ihren Entschädigungsvertrag mit Griechenland von 1960. Doch beweist sie damit nur, dass sie die komplexen Wechselbeziehungen zwischen Schuld und Schulden nicht bedacht oder nicht verstanden hat."
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Medien

In einem Blog der New York Times diskutieren die Redakteurin Margaret Sullivan und der Journalismusprofessor Clay Shirky über die Zukunft von Print, die Shirky bekanntlich recht schwarz sieht - nebenbei empfiehlt er einerseits, mehr Werbung für mobile Geräte zu akquirieren und kassiert andererseits die Hoffnungen von vor ein paar Jahren: "Der vielleicht grausamte Trick Steve Jobs", auf den die Medienindustrie hereingefallen ist, lag in der Hoffnung, dass das Ipad profitable Imagewerbung ins Netz bringen würde."

Margaret Sullivan empfiehlt auch eine Rede zum gleichen Thema, die Martin Baron von der Washington Post vor drei Tagen gehalten hat: "Instagram wurde 2009 gegründet. Whatsapp wurde 2009 gegründet und für 19 Millarden Dollar an Facebook verkauft. Das Ipad wurde im Januar 2010 herausgebracht. Snapchat kam erst 2011 und wird jetzt mit 10 Millarden Dollar bewertet. Falls dieses Tempo des Wandels Sie nervt, gibt es keinen Trost... Der Sprung des Journalismus ins Digitale bereitet jenen Unbehagen, die wie ich lange vor dem 21. Jahrhundert in diesem Feld tätig waren. Wir müssen drüber hinwegkommen."

Weiteres: In der taz erzählt Rainer Wandler, wie der regierende Partido Popular in Spanien auf die Medien Einfluss nimmt.
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Ideen

Nach einem Gespräch zwischen FAZ-Redakteur Rainer Hank, der in seinem neuen Buch erzählt, warum er nicht mehr "links" ist, und dem linken Sozialdemokraten Ralf Stegner, der einfach an seinen Dogmen festhielt, macht sich Thomas Schmid von der Welt in seinem Blog Gedanken über die Nachteile der Liberalität: "Es steckt eine Ungerechtigkeit darin: Die dummen, scheinevidenten Argumente kommen besser an. Doch auf dieser Klage darf man sich nicht ausruhen. Man muss schon die Frage stellen: Warum setzen sich die guten Argumente - für die Freiheit, für den Markt - so schwer durch? Was machen die Freunde der Freiheit falsch?"
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Gesellschaft

Alle reden über ihre Wurzeln und pflegen sie, was das Zeug hält, dabei stößt Ralf Bönt im Gespräch mit Britta Heidermann in der Welt aber auf eine fundamentale Asymmetrie: "Bei allerlei öffentlichen Debatten über Herkunft und Heimat ist die engste und kritischste, Vaterschaft, ein komplett blinder Fleck. Wir erlauben Samenspenden für zwanzig Euro, das finde ich skandalös! Kinder haben ein Recht darauf zu erfahren, wer ihr Vater ist."

In der NZZ versucht Martin Meyer, in der mörderischen Wahnsinnsflug des Andreas Lubitz einen Sinn zu erkennen, am Ende bleibt jedoch bei ihm vor allem der Schrecken über die "Mixtur aus Alltag und Terror": "Das Allernormalste kippt in den Schock. Aus ihm folgt für nachmetaphysische Kulturen eine Trostlosigkeit, die wiederum dadurch an Dynamik und Unruhe zulegt, dass man durchaus spüren dürfte: Hier verschwand ein Zeichen im Nichts, und Leere umgibt alle Trauer."
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Kulturpolitik

Jürgen Kaube ist im Leitartikel der FAZ immer noch nicht klar, was das Humboldt-Forum im wiederaufgebauten Schloss nun eigentlich sein soll: "Über Formeln wie die, im Humboldt-Forum sollten die Besucher mit fremden Augen auf sich blicken, weil hier eine neuartige "globale" Weltsicht ausgestellt werde, ist man nicht weit hinausgekommen." Ebenfalls in der FAZ feiert Dieter Bartetzko den Wiederaufbau eines zentralen Altstadtquartiers in Frankfurt, der sich nicht "mit bloßen Faksimiles des Verschwundenen" begnügt.

In der SZ bewundert Till Briegleb die in die Stadtentwicklung eingebettete Olympiaplanung in Hamburg: "Hamburgs größter Vorteil gegenüber vorherigen Olympiaplanungen, bei denen die Sport-Parks schließlich doch in Mondlandschaften zerfallen sind, besteht vor allem in der stadtnahen Lage. Vom zukünftigen Gelände, auf dem heute Autos und Früchte verladen werden, ist es nur ein Brückenschlag zur HafenCity."

Ronald D. Gerste berichtet in der NZZ von einer amerikanischen Debatte um privates Sponsoring von Naturkundemuseen.

Geschichte

Hoffen wir, dass der Sommer nicht wird wie der nach dem Vulkanausbruch des Tambora in Indonesien vor 200 Jahren, der auch für Europa ungeheure Konsequenzen hatte. Martin Rasper erinnert in der taz an den Sommer 1816: "Schnee und Eis blieben monatelang liegen; es wurde nicht Frühling, es wurde nicht Sommer, das kümmerliche Getreide verfaulte an den Halmen. In manchen Gegenden gab es wochenlange Regenfälle und heftige Überschwemmungen; fast überall wurde der kälteste Sommer seit Menschengedenken registriert. In London fiel die Durchschnittstemperatur, die in den Jahren 1807 bis 1815 bei 10 Grad Celsius gelegen hatte, auf unter 4 Grad."

Christoph Baumer widmet sich in der NZZ der Erforschung der Vorgeschichte Kasachstans.
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Stichwörter: Indonesien, Tambora, Vulkane