Efeu - Die Kulturrundschau

Die Nachbarzelle der Realität

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11.04.2015. Auch in Griechenland, weiß Marlene Streeruwitz, kommt es vor allem auf das Oben und das Unten an. Welt und Standard rufen dazu auf, wieder Lateinamerikaner zu lesen, vor allem César Aira. Der Standard vermisst außerdem Michael Glowgger. Die NZZ entdeckt in Genf Luigi Cherubini als ganz unverstaubten Komponisten. Die FAZ beobachtet Chinas neues Interesse an der westlichen Oper. Und die Huffpo.fr erinnert anlässlich der kommenden Le Corbusier-Schau im Centre Pompidou an das faschistische Engagement des Architekten.

Literatur

In der Welt schreibt Marlene Streeruwitz (als Nelia Frehn) ihre wahrhaftige Geschichte über Griechenland, das immer tiefer in die Krise geritten wird: "Es ist seltsam, sich vorzustellen, dass die Verhandlungen in dieser Weltbank da in Washington unter Strauss-Kahn stattgefunden haben. Irgendwie fügen sich alle Skandale folgerichtig aneinander. Seine privaten und die öffentlichen der Weltbank. Irgendwie geht es immer darum, wer fickt und wer gefickt wird."

César Aira, Ricardo Piglia, Alejandro Zambra - Richard Kämmerlings ruft in der Welt dazu auf, endlich lateinamerikanische Autoren zu lesen, die wieder einmal - wie beinahe schon Roberto Bolano - am deutschen Literaturbetrieb vorbeizurauschen drohen: "Die literarische Öffentlichkeit in Deutschland ist provinziell geworden - oder andersherum von einem überwiegend englischsprachigen Weltbuchmarkt globalisiert, was auf das Gleiche hinausläuft." (Als wäre er da gern nicht zuständig!)

Im Standard sieht Lennart Laberenz das zumindest mit César Aira ganz genauso: "Seine Geschichten, die sich winden können wie Sturzregen, der in Bächen glatte Fensterflächen hinabströmt, lassen alle Motivationen der Personen verschwinden und setzen sie den Launen der Ereignisse, der Willkür der Situation aus. Es gibt keine zwingende Logik, sondern höchstens eine unzuverlässige Begründung eines unzuverlässigen Erzählers."

Für die FAZ schaut sich Morten Friedel in der Hörbuch-Branche um, die trotz steigender Downloadzahlen im vergangenen Jahr so viele CDs wie nie zuvor verkauft hat. Doch nur wenige können von diesem Erfolg zehren, bringt er in Erfahrung: Denn "noch nie [haben] so wenige Titel so hohe Verkäufe erzielt. ... Nur von einem Prozent der knapp 40000 Hörbücher, die momentan in Deutschland auf dem Markt sind, seien 2014 jeweils mehr als 5 000 CDs verkauft worden, sagt Gerlach. Nur 13 Titel verkauften sich jeweils mehr als fünfzigtausendmal." Einen Überblick über aktuelle Hörbucher finden Sie hier.

Weiteres: Für die taz trifft Fatma Aydemir die Schriftstellerin Rachel Kushner, deren Roman "Flammenwerfer" von Kunst und Rebellion in den Siebzigern erzählt. Martin Ebel beschreibt in der Welt, wie sich neben Diogenes auch die anderen Schweizer Verlage gegen den hohen Frankenkurs wappnen.

Besprochen werden Elisabeth Herrmanns "Der Schneegänger" (taz), Riad Sattoufs Comic "Der Araber von morgen" (taz), Pierre Michons Essaysammlung "Körper des Königs" (taz), Albrecht Schönes "Der Briefschreiber Goether" (FR), Peter Zinglers "Im Tunnel" (ZeitOnline), Hans Hillmanns Comic "Fliegenpapier" (Tagesspiegel), Gertraud Klemms "Aberland" (FAZ) und neue Bücher von und über J.D. Salinger (SZ).
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Architektur

Im Centre Pompidou eröffnet am 29. April eine große Ausstellung zum fünfzigsten Todestag des Architekten Le Corbusier. Zugleich erscheinen einige neue Bücher, die Le Corbusiers bereits bekanntes faschistisches Engagement, das im Centre Pompidou allerdings überhaupt nicht thematisiert wird, tiefer erforschen, berichtet Alexis Ferenczi mit AFP in der Huffpo.fr: "Charles-Edouard Jeanneret, genannt Le Corbusier wird 1887 in La Chaux-de-Fonds, Schweiz, geboren und frequentiert in Paris seit den zwanziger Jahren faschistische Zirkel, darunter Le Faisceau. Er nähert sich Pierre Winter an, dem Führer des Parti fasciste révolutionnaire, mit dem er die Zeitschrift Plans gründet, und er lanciert mit dem Ingenieur François de Pierrefeu die Zeitschrift Prélude. Als Redakteur lässt er antisemitische Artikel in Plans durchgehen, und er unterzeichnet gehässige Leitartikel in Prélude." Sein Plan für die Schleifung von Paris wurde im Vichy-Regime, in dem er sehr aktiv war, nicht realisiert. Erst nach dem Krieg ließen sich seine Trabantenstädte verwirklichen.

Rahel Hartmann Schweizer erinnert in der NZZ an den Schweizer Architekten Otto Kolb, der sich vor allem in seiner Villa im Zürcher Oberland verewigt hat: "Die Villa ist - um mit Daniel Spoerri zu sprechen - das "Musée Sentimental" von Kolbs architektonischen Themen, sein Merzbau im Sinne Kurt Schwitters, seine Collage-Villa, um Colin Rowe zu persiflieren. Als "moderne Jurte" bezeichnete Max Bill die Villa und erfasste damit einen zentralen Aspekt im Schaffen des Architekten und Designers: die Verbindung zwischen traditionellem und industriellem Bauen."
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Kunst

Ein mit Reproduktionen berühmter Kunstwerke vollgestelltes Museum auf den Philippinen lädt explizit zu Selfie-Exzessen ein, berichtet Jonathan Jones im Freitag. Er sieht dieses Selfie-Museum auch als "Warnung an die traditionellen Häuser. Wenn man die Selfie-Fans vergrault, könnte es gut sein, dass sie sich einfach ihre eigenen Galerien errichten, mit Pseudokunst, die Spaß macht - oder sie gehen einfach überhaupt nicht mehr in Kunstgalerien." Hier einige Eindrücke aus dem Museum.

Marcus Woeller trifft sich für die Welt mit der neuen Chefin der Albertina, Hilke Wagner, die vom Kunstverein Braunschweig und ohne Promotion(!) nach Wien geht, um "hier alles ein bisschen in Schwung zu bringen".

Im Tagesspiegel porträtiert Birgit Rieger den Künstler Max Frisinger, der heute Nacht eine Lichtkunst-Performance in den Räumlichkeiten der Zero-Ausstellung im Berliner Gropius-Bau durchführen wird.
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Film

Im Standard tröstet sich Dominik Kamalzadeh über den Tod Michael Glawoggers mit seinem nun erschienenen Buch "69 Hotelzimmer" hinweg, das ihn in die Traumwelt eines Weltreisenden führte: "Der Traum ist bei Glawogger die Nachbarzelle der Realität, die er als irdisch-sinnlicher Ort beschreibt: Käuflicher Sex, Gewaltausbrüche auf der Straße, rituelle Schlachtungen - all das nimmt der Erzähler mit der Selbstverständlichkeit eines Weltbürgers auf, dem an der Vielfalt des Daseins gelegen ist. "

In der taz nimmt Andreas Fanizadeh Oliver Hirschbiegels NS-Drama "Elser" - womöglich gegen die Kritik aus eigenem Hause? - in Schutz: Der Regisseur "erzählt historisch genau die Biografie des Hitlerattentäters Johann Georg Elser. Sein differenzierter Spielfilm macht das System des NS erfahrbar, lässt Menschen wie Elser aus dem Schatten treten. Widerstand war möglich, auch ohne adliger General gewesen zu sein." Auch Jürgen Kiontke von der Jungle World konnte sich gut mit dem Film arrangieren: "Hier ist ein aufweckender Film gelungen, der an aktuelle Diskurse anknüpft - aus dem anonymen Zuschauer kann ein fragender Mensch werden."

An deutschen Filmhochschulen herrscht viel Verdruss unter den Studierenden, notiert David Steinitz in seiner SZ-Reportage. Besprochen werden Netflix" neue Superheldenserie "Daredevil" (FAZ) und Michael Dowse" Liebeskomödie "The F-Word" (FAZ).
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Bühne


Luigi Cherubinis "Medea" am Grand Théâtre Genève. © GTG / Wilfried Hösl

Erste Güte bescheinigt Peter Hagmann in der NZZ Christof Loys Genfer Inszenierung von Luigi Cherubinis "Medea", die erfolgreich den Ruf des Kompinisten wie den der Protagonistin wiederherstelle: So experimentierfreudig und pulsierend hat er Cherubini noch nie gehört! Und die Medea: "Sie könnte die Freundin von nebenan sein, die von ihrem Ehemann verlassen wurde und im Scheidungsverfahren auch das Sorgerecht für ihre beiden Söhne verloren hat. Gleichzeitig hebt sich Medea in ihrer Unbedingtheit, um nicht zu sagen: ihrer Wahrhaftigkeit scharf ab von ihrer Umgebung. So schrecklich ihre Taten sind, und der grandiose Feuerzauber am Ende des Stücks unterstreicht diese Schrecklichkeit, so sehr kann man sich mitfühlend auf die Seite dieser Frau stellen. Das ist gescheit durchdacht und mit großartigem Theatersinn realisiert."

Neue Häuser, junges Publikum: In China boomt die Oper, berichtet Petra Kolonko in der FAZ. Auch wenn in den offiziellen Medien des Betriebs eine rundum linientreue Rhetorik bedient wird, interessiert man sich dabei vor allem auch für westliche Opern, die gegenüber den einheimischen Werken zunehmend die Nase vorn haben. "In China wachsen junge Musiker und Sänger nach wie Pilze nach dem Regen. ... Die Inszenierungen sind freilich konservativ, moderne Aufführungen würde hier niemand verstehen, versichern Opernfreunde."

Besprochen wird Jean-Christophe Maillots in Wolfsburg aufgeführtes Tanzstück "Choré" (SZ).
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Musik

In der taz gratuliert Jens Uthoff dem Indielabel Noisolution zum 20-jährigen Bestehen. Wolfgang Sandner (FAZ) und Hans-Jürgen Linke (FR) gratulieren dem Jazzmusiker Emil Mangelsdorff zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden das Album "Winter Suite" des Trabant Echo Orchestras (taz), das neue Album von Nils Frahm (Pitchfork), Sir Richard Bishops "Tangier Sessions" (taz), sowie Konzerte von Scott Matthew (FR), Zugezogen Maskulin (FR) und Daniel Lanois (Tagesspiegel).
Archiv: Musik