9punkt - Die Debattenrundschau

Stets als Solitäre dargestellt

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.04.2015. Hillary Clinton will US-Präsidentin werden. Wir bringen eine Menge Links zu Lesestoff über sie.  Die NZZ erklärt, warum Sex unter Mao nicht angesagt war. Andreas Lubitz ist für seine Tat verantwortlich, schreibt der Psychologe Rainer M. Holm-Hadulla in der FAZ, und er handelte wohl nicht aus Depression. Im Tagesspiegel erklärt die Soziologin Alice Goffman, wie der Rassismus der amerikanischen Polizei funktioniert. Netzpolitik ist sauer über die nachträgliche Legalisierung illegaler Abhörpraktiken beim BND.

Politik

Zur Kandidatur Hillary Clintons bringt der New Yorker eine Leseliste mit Hillary-Longreads aus dem eigenen Blatt von 1994 bis zur Ausgabe vom 23. März, in der David Remnick über Clinton und die Frauenrechte schrieb. Wir verweisen außerdem auf Jason Zengerles großen Artikel im New York Magazine, der Clintons Kandatinnen-Talente untersuchte (unser Resümee). Bei Vox.com analysieren verschiedene Autoren die "zehn Momente, die Hillary Clinton definieren". Jonathan Chait erklärt im NYMag auch gleich, warum Hllary Clinton wahrscheinlich nicht nur die Nominierung, sondern auch die Präsidentschaft gewinnen werde. Einer der Gründe: Die Demokraten haben aus demografischen Gründen eine Art struktureller Mehrheit in der Bevölkerung. The Verge bindet Clintons erstes Wahlkampfvideo mit praktischen Untertiteln ein. Die FAZ ist weniger sachlich: Mächtigen Männern wie Mathias Döpfner dichtet sie eine Affäre an (mehr dazu bei turi2), über mächtige Frauen wie Hillary Clinton schreibt sie: "Oma auf Ochsentour."

Im Tagesspiegel-Interview mit Paul Middelhoff beschreibt die amerikanische Soziologin Alice Goffman, wie die amerikanische Zweiklassen-Justiz funktioniert und bei Schwarzen Probleme wie Arrbeitslosigkeit, Drogenmissbrauch und kaputte Familien ruckzuck geregelt bekommt. Zum Beispiel bei Chuck: "Seine Mutter hatte Drogenprobleme. Im Winter seines letzten Jahres an der High School, kurz nach seinem 18. Geburtstag, nannte ein Junge auf dem Schulhof Chucks Mutter eine drogensüchtige Schlampe. Er schubste ihn in den Schnee. Die Schulpolizisten haben ihn deshalb wegen schwerer Körperverletzung festgenommen. Er wurde angeklagt, musste ins Gefängnis, ihm fehlte Geld, um auf Kaution freizukommen. Als er nach ein paar Monaten nach Hause kam und wieder zur Schule gehen wollte, wurde er abgewiesen: Er sei jetzt zu alt."

In der SZ interviewt Jan Heidtmann den republikanischen Bürgermeister von Miami, Tomas Regalado, der die Unterschiede in seiner Stadt ganz in Ordnung findet: "Die Kulturen der Exilanten sind sehr unterschiedlich, das stimmt. Und die jeweiligen Gemeinschaften halten zusammen. Die Haitianer zum Beispiel sind ihrem Viertel sehr treu. Die Kubaner sind da flexibler, einfach, weil sie schon so lange in Miami sind. Die Afroamerikaner wiederum bleiben auch eher in ihren Vierteln. Bei der Arbeit treffen sie dann aber zusammen, in den Büros, den Geschäften. Ich würde das aber nicht Segregation nennen, sondern Vielfalt."

Angesichts der Zerstörungen durch den IS berappelt sich die Unesco allmählich und ruft im Irak und in der arabischen Welt dazu auf, unter dem Hashtag #United4Heritage von den Kulturstätten zu posten, die ihnen wichtig sind, berichtet Inga Rogg in der taz. Reichlich spät: "Außer dem Museum in Mossul haben die Extremisten auch Teile der antiken assyrischen Stadt Nimrud zerstört. Darüber hinaus sollen das antike seleukidische Hatra und das ebenfalls assyrische Dur Scharrukin (Khorsabad) dem Vernichtungswahn zum Opfer gefallen sein. Vor zehn Tagen sprengten die Extremisten nahe Mossul ein christliches Kloster aus dem 4. Jahrhundert in die Luft. Mindestens 28 Klöster, Tempel, schiitische Moscheen und antike Kulturdenkmäler hat der IS laut dem Ministerium für Altertümer zerstört."
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Gesellschaft

Nicht Depression, sondern eher eine "narzisstische Persönlichkeitsstörung" dürfte der Grund für Andreas Lubitz" Tat sein, meint der Psychologe Rainer M. Holm-Hadulla in der FAZ. Lubitz habe ähnlich wie Amokläufer gehandelt: "Sie fühlen sich so entwertet und ihre Wut wird so unermesslich, dass sie ihren Selbstwert nur durch eine "großartige" Tat stabilisieren können. Da ihnen aber die Mittel und Umgebungsbedingungen für konstruktive Leistungen fehlen, bleibt nur die grandiose Zerstörung. Die grandiose Zerstörung macht das Verbrechen von Andreas Lubitz einem terroristischen Anschlag vergleichbar. Der kalte Hass kann so stark werden, dass ohne Rücksicht auf individuelles Leiden von Hunderten der eigene Narzissmus exekutiert wird. Andreas Lubitz ist dafür verantwortlich."

Wei Zhan beschreibt in der NZZ, wie sich in China allmählich die rigide Sexualmoral gelockert, die unter Mao und mit etlichen Kampagnen gegen "das Gelbe" Lust und Intimität verfemten: "Noch bis in die achtziger Jahre hinein galt Sex als der Hauptfeind der Revolution. Die Libido sollte einzig dem reinen kommunistischen Glauben dienen, wohingegen jegliche Form von Sexualität den Willen und die Disziplin nur geschwächt hätte. Die Heldinnen und Helden der revolutionären Literatur und Kunst wurden stets als Solitäre dargestellt. Ihre Kinder hatten sie jeweils von ausgebeuteten Bauernfamilien adoptiert."
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Überwachung

Markus Beckedahl von Netzpolitik ist sauer. Statt jüngst enthüllte illegale Überwachungspraktiken beim BND zu unterbinden, sieht die Bundesregierung "die Snowden-Enthüllungen leider als Machbarkeitsstudie und nimmt genau den anderen Weg: Bereits seit einiger Zeit gibt es das Gerücht aus den Reihen der Großen Koalition, dass man einfach die Gesetze so verändern will, um die jetzigen illegalen Überwachungsmaßnahmen einfach zu legalisieren."

Außerdem: Der ehemalige Innenminister Gerhart Baum fordert in der FAZ mehr Sensibilität für Datenschutz, auch und vor allem gegenüber Google.
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Kulturpolitik

Jan Schulz-Ojala meldet im Streit um den Direktorenposten bei der DFFB einen gerichtlichen Etappen-Erfolg für die Kamerafrau und langjährige Dozentin Sophie Maintigneux: Die Filmakademie darf den Posten solange nicht neu besetzen, bis über Maintigneux" Klage entschieden ist. Auf critic.de freut sich Frederic Jaeger darüber ausführlich.
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Medien

Seit drei Wochen wird Radio France bestreikt, sämtliche Sender strahlen nur noch Musik aus. Marc Zitzmann zieht in der NZZ eine katastrophale Bilanz: "Bei einer Generalversammlung stimmten fast alle Anwesenden für einen Rücktritt des Direktors Mathieu Gallet. Und: "Die unabhängige Medienaufsichtsbehörde CSA, die den Intendanten letztes Jahr ins Amt gehievt hatte, ist ihrerseits geschwächt durch was je länger, desto mehr als eine Fehlbesetzung erscheint. Der Ministerin wird seitens der Opposition vorgeworfen, sie habe Gallet "an den Pranger gestellt" und so die Eskalation der Streikbewegung mitverantwortet. Die Gewerkschaften endlich sind zerstritten: Manche fordern den Rücktritt des gesamten Kaders (198 Köpfe!)." Liberation berichtet ausführlich.
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