9punkt - Die Debattenrundschau

Warum sagen wir immer aber?

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.02.2015. Die Zeit bringt die Rede der Femen-Aktivistin Inna Schewtschenko, die im Kopenhagener Kugelhagel unterging. Ebenfalls in der Zeit bekennt Orhan Pamuk seinen Widerwillen über den türkischen Islamismus. Der Freitag sucht den interreligiösen Dialog. In Boston schneit's - bald hundert Zoll. In der FAZ will Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, dass Google im Namen des "Rechts auf Vergessen" noch mehr Links löscht und möglichst niemanden darüber informiert.

Europa

Als am vergangenen Samstag eine Veranstaltung über Blasphemie und Meinungsfreiheit in Kopenhagen durch die Schüsse eines Terroristen unterbrochen wurde, hielt gerade die ukrainische Femen-Aktivistin Inna Schewtschenko eine Rede. Die Zeit druckt das vollständige Transkript: "Viele von Ihnen werden mir widersprechen, wenn ich behaupte: Es ist eine Illusion, zu glauben, wir könnten uns in Europa uneingeschränkter Meinungsfreiheit erfreuen! Dabei handelt es sich schlicht um die traurige Wahrheit. Wenn wir von Meinungsfreiheit sprechen, werden immer Leute sagen: "Ja, wir sind alle für Meinungsfreiheit, aber..." Warum sagen wir immer aber? (An dieser Stelle endete meine Rede in Kopenhagen im Kugelhagel)" Bei der BBC ist dieser Moment als Audiofile zu hören. Im Interview mit der Emma erzählt Schewtschenko, was sie noch hatte sagen wollen.

Michael Angele im Freitag will nach den Pariser Massakern und den Kopenhagener Morden trotz allem Dialog: "Zum Dialog aufzurufen, ist nicht sexy, ist eher etwas für Seelsorger und Paartherapeuten, also vielleicht ganz nützlich, aber doch recht langweilig: Gut, dass wir gesprochen haben... Das gilt gerade auch für den "interreligiösen Dialog", der weitgehend als Pflichtübung verstanden wird, wenn der Eindruck nicht täuscht." (Aber wer genau sind die Dialogpartner, die Attentäter und der Papst?)

Der Schriftsteller Peter Schneider antwortet in der Zeit auf Durs Grünbeins vergangene Woche ebendort erschienene Polemik gegen die Pegida-Anhänger in Dresden: "Es mutet mich schon sehr romantisch an, wenn er seine Stadt an den schwärmerischen Appell des Zwickauers Karl May zur Aussöhnung des Abendlandes mit dem Morgendland erinnert. Zu Karl Mays Zeiten gab es in Deutschland keine Schulmädchen, die im Sommer mit Schal zur Schule gehen und nicht schwimmen lernen dürfen, keine Zwangsverheiratungen, keine "Ehrenmorde", keine Salafisten und auch keine Attentate auf Karikaturisten in Paris oder Kopenhagen."
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Gesellschaft



"Es schneit wieder in Boston", stöhnt Henri Cole im New Yorker. "Mehr als sieben Fuß im letzten Monat. Und ein Fuß wird noch erwartet. Demnächst sind wir bei hundert Zoll." Adamiwebbs Foto haben wir unter CC-Lizenz bei Flickr gefunden.

"Schleichend sind wir im Begriff, uns zu Cyborgs zu verwandeln", mahnt Tomasz Kurianowicz in der NZZ und befürchtet einen Verlust der Fähigkeit zur Empathie: "Für die Digital Natives, die also Ende der neunziger und in den nuller Jahren geboren sind, ist die Interaktion von Mensch zu Mensch eine Kompetenz, die hart erlernt und neu erprobt werden muss... Momentan kann man Smartphones noch weglegen und sich bewusst für eine Internet-freie Zone entscheiden. Die Apple iWatch und implantierbare Chips werden es hingegen noch schwieriger machen, einen analogen Schutzraum zu finden."
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Politik

In Wiesbaden soll ein Untersuchungsausschuss das Versagen des hessischen Verfassungsschutzes im NSU-Skandal aufarbeiten, doch schon im Vorfeld dämpft die schwarz-grüne Koalition die Erwartungen an die Ergebnisse, berichtet Astrid Geisler in der taz. Der Berliner Grünen-Abgeordnete Christian Ströbele widerspricht im Gespräch mit Geisler der Auffassung, es sei bereits alles aufgeklärt: "Es gibt leider Probleme in Koalitionen, wenn Grüne beteiligt sind und der Koalitionspartner keinen Untersuchungsausschuss will. In Hessen kann hinzukommen, dass sich Innenminister Bouffier seinerzeit sehr weit aus dem Fenster gelehnt und vor den Verfassungsschutz gestellt hatte. Er hat damit verhindert, dass Polizei und Staatsanwaltschaft ihre Arbeit tun konnten."

Im Gespräch mit Sonja Hartwig und Kilian Trotier (Zeit) äußert sich der Schriftsteller Orhan Pamuk zur politischen Lage in der Türkei und darüber, wie der politische Islam unter Erdogan durch Machtstreben und Korruption seine Aura verloren hat: "Die türkischen Islamisten waren einmal provinzielle, wütende, nachtragende Menschen aus den unteren Schichten der Gesellschaft. 12, 13 Jahre später sind sie die Führungsschicht. Jetzt greifen sie nach jeder Institution, zentralisieren die Macht. Es geht mehr um Geld als um den Islam. Der Islam ist für sie nur noch rhetorische Untermalung."

Das Verbrechen von Chapel Hill ist in Deutschland nicht sehr stark wahrgenommen worden. Ein Mann erschoss nach wochenlangem Streit drei muslimische Nachbarn. Caroline Fourest wundert sich in der Huffpo.fr, dass in Medien und Internet Parallelen zu den Pariser und Kopenhagener Morden gezogen wurden: "Einige amerikanische Medien haben von einem "atheistischen" Attentat gesprochen, als ob atheistische Überzeugungen dazu führten, muslimische Nachbarn zu erschießen. Im Internet wurde auch gefordert, dass sich Atheisten, besonders solche, die Charlie Hebdo unterstützen, von dem Verbrechen distanzieren. Mit zweifelhafter Schadenfreude. Als wollte man sagen: Von uns Muslimen hat man gefordert, dass wir Anschläge im Namen des Islam verurteilen. Nun seid ihr an der Reihe. Nur hat sich niemand zu diesem Verbrechen im Namen des Atheismus bekannt. Es gibt keine atheistische Organisation, die al Qaida oder dem islamischen Staat vergleichbar wäre."
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Überwachung

Neben der NSA und den britischen GCHQ entwickelt wohl auch der französische Geheimdienst DGSE eigene Spionagesoftware, meldet Patrick Beuth auf Zeit digital. Das intern "Barbar" genannte Überwachungsprogramm "wurde gegen iranische Atomforschungseinrichtungen und Universitäten, europäische Finanzinstitutionen, ehemalige französische Kolonien und eine Medienorganisation in Kanada eingesetzt."
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Geschichte

In der taz schreibt Stefan Reinecke einen Nachruf auf den Stasi-Spion Karl-Heinz Kurras, der 1967 Benno Ohnesorg erschoss: "Es ist keine kühne Vermutung, dass seine lebenslange Sucht nach Waffen, die sogar Stasioffizieren bizarr erschien, in der Erfahrung des Krieges wurzelt. Die Waffen waren Fetisch, Medium der Selbsterhöhung, Stützen für ein unsicheres Ich. Seinem zehnjährigen Sohn soll er zum Geburtstag eine Waffe geschenkt haben."

In der NZZ berichtet Hoo Nam Seelmann, mit welchen Begriffen in Asien an das Ende des Zweiten Weltkriegs erinnert wird.
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Stichwörter: Karl-Heinz Kurras, Stasi, 1967

Internet

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger sitzt im "Recht auf Vergessen"-Beirat bei Google. Im FAZ-Gespräch mit Uwe Ebbinghaus erweist sich die Liberale als ziemlich illiberal. Es sollen noch wesentlich mehr Suchlinks als bisher gestrichen werden, und überhaupt: "Was Google dringend abstellen muss, ist das automatisierte Verfahren, Seitenbetreiber von Link-Löschungen zu unterrichten. Dieses Vorgehen ist nur statthaft, meinen wir, wenn es ausdrücklich gesetzlich erlaubt ist - und das ist nicht überall in Europa der Fall. Wir vertreten dabei die Auffassung, dass die Benachrichtigung bei einer Link-Löschung einer erneuten Verletzung der Privatsphäre entspricht."
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