Efeu - Die Kulturrundschau

Die Stücke anderer Leute

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.02.2015. Die NZZ bewundert den Japonismus in der französischen Kunst. Die Theaterkritik ist hingerissen von Herbert Fritschs sprachakrobatischer Konrad-Bayer-Inszenierung an der Volksbühne. Wenig Sympathie ernten Suhrkamp und Brecht-Erben für ihren Prozess gegen Castorfs "Baal"-Inszenierung. In der Nachtkritik fragt allerdings Jura-Prof Rupprecht Podszun: Wer will schon, dass seine Texte mit Texten eines Nazi-Juristen wie Carl Schmitt gemischt werden? Die Jungle World trauert um den Niedergang der Gang of Four. Die SZ feiert einen literarischen Frühling in Frankreich.

Kunst


Links: Keisai (Ikeda) Eisen, Chrysanthemums (Kiku), 1830s, Baur Foundation, Geneva / Photo Gérard, Geneva. Rechts: Claude Monet, Bed of Chrysanthemums, 1897, Private Collection

Wie künstlerisch fruchtbar der Japonismus im späten 19. Jahrhundert in Frankreich war, lernt NZZ-Rezensentin Maria Becker in einer alle Sparten umfassenden Ausstellung des Kunsthauses Zürich: "Eine der erstaunlichsten Inspirationen des Japonismus war das Malen in Serie. Viele Maler begannen, ihre Motive in Reihen zu erkunden, nicht nur in unterschiedlichen Lichtstimmungen wie Monet, sondern auch in Variationen des Bildbaus wie Cézanne und Courbet. Die unzähligen Abwandlungen des heiligen Bergs Fuji im japanischen Holzschnitt haben ihr Pendant im Mont St-Victoire von Cézanne. Die Serie eröffnete dem Maler grundsätzlich Neues: Das aus dem Kunsthandwerk übernommene Prinzip brach das Einmalige und Festgefügte auf. Das Bild war nun etwas Bewegliches, das sich aus sich selbst verwandeln konnte."
Archiv: Kunst

Bühne


Konrad Bayer: "der die mann" in der Inszenierung von Herbert Fritsch. Foto: © Thomas Aurin

Die Theaterkritik fand sich am Mittwochabend gesammelt in der Volksbühne Berlin ein, wo Herbert Fritsch mit seiner Inszenierung von "der die mann" der Sprachakrobatik Konrad Bayers ein Denkmal setzte, wenn man den fast ausschließlich begeisterten Kritikern glauben darf. In der taz ist Katrin Bettina Müller hingerissen von der verspielten Leichtigkeit, dem Schwung des Abends. "Worte werden Körper, werden Musik, werden Raum. ... Als romantisches Lied, als Oper mit Rezitativ und Arie, als Operette und Swing werden Bayers Silbenverkettungen gebracht, und es überrascht jedes Mal aufs Neue, wie viel Sinn und Bedeutung durch die dramatische Paraphrasierung unvermutet in diesem Sprachmaterial zum Vorschein kommt, das im Schriftbild auf dem Papier wie eine sinnfreie Anhäufung wirkt."

Mehr dazu: Von einem "umwerfenden Vergnügen" berichtet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung. Angetan war auch Simone Kaempf von der nachtkritik, wenngleich sich in ihre Besprechung sanfter Zweifel mischt: "Dem Abend [bleibt] etwas seltsam Manieriertes, man fragt sich, ob hier nicht nur eine wirkungsbewusste Show abgezogen wird." Fritsch gibt "der literarischen Nachkriegs-Avantgarde eine unbekümmerte Gegenwart", freut sich Till Briegleb in der SZ. In der FAZ geht Irene Bazinger vor dieser "virtuosen Inszenierung" in die Knie.

Die Gerichte haben gesprochen: Frank Castorfs "Baal"-Inszenierung am Münchner Residenztheater darf nach einer Intervention der Brecht-Rechteverwalter nur noch einmal in München und einmal beim Berliner Theatertreffen aufgeführt werden. Eine Posse, meint Alexander Kohlmann in der taz, über die Brecht selbst wohl am lautesten gelacht hätte: "Denn für ihn war der Fall zu seinen Lebzeiten so klar, wie er klarer nicht hätte sein können. Der Mann erklärte das Klauen zum Programm, jeglichen Text zu Material und die Bearbeitung desselben auf der Bühne zur eigenen, neuen Kunstform. ... Das Erbe von Bertolt Brecht, es wird so ausgerechnet von seinen Erben verschleudert." (Bild: Szene aus Castorfs "Baal". Foto: © Thomas Aurin)

Der Jura-Professor Rupprecht Podszun berichtet für die Nachtkritik von der Verhandlung und hat Verständnis für die Reinerhaltung Brechts im Sinne seiner Erben: "Sicher, für das Regietheater wäre es schöner, es hätte diesen Vergleich nie gegeben. Doch andererseits: Wer will schon, dass seine Texte mit Texten eines Nazi-Juristen wie Carl Schmitt gemischt werden, ohne dass deutlich wird, was von wem ist?" Die Schutzdauer von 70 Jahren nach dem Tod hält allerdings auch Podszun für "pervers".

Für Welt-Redakteur Matthias Heine zeigt der Streit vor allem, "wie weit entfernt vom lebendigen Theaterbegriff des Dichters und Regisseurs die Auffassung seiner Tochter über Werktreue sind". Schließlich war Brecht selbst sehr "lässig, wenn es darum ging, Fremdtexte in seine Stücke zu integrieren. Die Lieder der "Dreigroschenoper", die seinen Erben bis heute die meisten Tantiemen einbringt, stammen bekanntlich zum Teil von François Villon in der Übersetzung von K. L. Ammer, und der "Kanonensong" ist stark von Rudyard Kiplings Ballade "Screw Guns" inspiriert. Auch scheute Brecht sich nicht, Fremdmaterial in die Stücke anderer Leute zu integrieren."

Mehr dazu: Das Münchner Residenztheater behalte sich vor, "kreativ" mit der neuen Situation umzugehen, erfahren wir von Rüdiger Schaper im Tagesspiegel. In der SZ hofft Egbert Tholl unterdessen auf den 14. August 2026: "Dann ist Brecht 70 Jahre tot. Und die Rechte an seinen Werken wären frei."

Weiteres: Im Tagesspiegel schreibt Christian Schröder zum Tod der Schauspielerin Ursula Diestel. Besprochen werden Strauss" "Daphne" in Basel (NZZ) und Luca Ronconis Inszenierung von Stefano Massinis "Lehman Trilogy" am Piccolo Teatro di Milano ("Die Story offeriert alles, was das Theaterherz begehrt: Zahlen und Fakten, dramatische Spannung - und nicht zuletzt reichlich Poesie", versichert Barbara Villiger Heilig in der NZZ und annonciert eine Inszenierung des Stücks von Stefan Bachmann im Frühjahr am Dresdner Schauspielhaus).
Archiv: Bühne

Musik

Ein neues Album der als neomarxistisch geltenden Indie-Pioniere Gang of Four sollte eigentlich Begeisterung hervorrufen, insbesondere in der pop-linken Jungle World, denkt man. Doch weit gefehlt: Dieses Album ist "mies", meint deren Rezensent Nicklas Baschek. Warum? Die Band ist soundtechnisch einfach hoffnungslos abgehängt: Es "setzt sich aus Hall, dick aufgetragenen Drumsounds und beliebig anmutenden Schlagwörtern aus dem kleinen Einmaleins der Gesellschaftskritik zusammen. Von Erwartungen an die Zukunft keine Spur. ... Fatalistische politische Auseinandersetzung, die in den Sechzigern so richtig wie heute war, trifft ein musikalisches Vokabular von gestern."

Den für seine angeblich schlechte Akustik vielgescholtenen Konzertsaal im Münchner Gasteig will der Solohornist Wolfgang Gaag im SZ-Gespräch mit Harald Eggebrecht unbedingt in Schutz nehmen: Hier sei ein "hochdifferenziertes Musizieren möglich, das sich dem Publikum unmittelbar mitteilt. ... Das hängt auch vom Dirigenten ab - ob er dafür sorgt, dass diese Qualität des differenzierten Klanges entsteht."

Weitere Artikel: Für die taz schreibt Diviam Hoffmann über die Band Der Mann, die aus Die Türen hervorgegangen ist. In der NZZ porträtiert Ueli Bernays den indoamerikanischen Jazzsaxofonist Rudresh Mahanthappa, dessen neues Album Bebop eine "geradezu "uncoole" Inbrunst" verströmt. In der Welt schreibt Manuel Brug den Nachruf auf die Sopranistin und frühe Musikpiratin der Klassik, Ina Delcampo. Jens-Christian Rabe porträtiert in der SZ den Folkmusiker Father John Misty.
Anzeige
Archiv: Musik

Literatur

Die hysterisierte politische Stimmung in Frankreich scheint immerhin zu einem literarischen Frühling zu führen. Alex Rühle stellt in der SZ einige neue französische Romane vor, die wie Michel Houellebecqs "Unterwerfung" die aktuelle Lage Frankreichs mit Rechtsextremismus und Islamismus reflektieren. So etwa "Les Evénements" von Jean Rolin: "Die Stärke an "Les Evénements" ist, dass der Krieg auf ganz leisen Sohlen daherkommt, alles wirkt total vertraut und ist zugleich plötzlich tödlich fremd, Checkpoints an den Ausfallstraßen aus Paris, zartes Frühlingserwachen, in das eine Nagelbombe explodiert, Feierabendjogger unter schwarzen Helikoptern, UN-Truppen aus Finnland und Ghana versuchen vergeblich, Frieden zu stiften."

In ihrem Blog I love German Books trauert Katy Derbyshire um die Berliner Buchhandlung Ocelot, die Insolvenz anmelden musste: "I feel sort of pleased to have experienced this place, a book shop the way I think book shops ought to be, never patronising to its customers, always welcoming and involved with the publishing and literary world, a place to feel comfortable about loving books but never anonymous. I can"t imagine there"ll be anything to match up with it any time soon. The insolvency administrator is hopeful someone will buy the place outright and continue to run it. I sincerely hope so. If you happen to be rich, you should really think about it."

Weitere Artikel: Die NZZ veröffentlicht die Eröffnungsansprache von Klaus Merz zur Präsentation "Publishers in Residence" im Museum Strauhof in Zürich: "Ja, ich gehöre wohl zur aussterbenden Spezies der ausschließlich "freundgeprüften" Autoren". Anne-Sophie Balzer berichtet in der taz von T.C. Boyles Berliner Lesung aus seinem neuen Roman "Hart auf Hart". Die NZZ gratuliert Adolf Muschg zum Grand Prix Literatur. Felicitas von Lovenberg gratuliert in der FAZ der Schriftstellerin Siri Hustvedt zum Sechzigsten. Außerdem jetzt online von der FAZ nachgereicht: Ursula Scheers Bericht von ihrem Besuch bei Feridun Zaimoglu.

Besprochen werden u.a. Andrew Browns "Trost" und William McIlvanneys "Die Suche nach Tony Veitch" (Perlentaucher), Joseph Mitchells mit "Old Mr. Flood" und neu übersetzt vorliegende Reportagen (Zeit). Mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Film

Die Feuilltons prügeln sich geradezu um Interviews mit Ava DuVernay, der Regisseurin von "Selma", einem oscarnominierten Drama über Martin Luther King. Im Tagesspiegel erklärt sie Martin Schwickert, warum es afroamerikanische Stoffe bei den Oscars schwer haben: "Die Oscar-Academy besteht zu 94 Prozent aus Weißen, zu 77 Prozent aus Männern, und 86 Prozent der Mitglieder sind über 50. ... Geschichten über Schwarze haben da nur eine Chance, wenn die Schwarzen sich auch in einer bestimmten Art benehmen. In "Selma" entschuldigen sich die Afroamerikaner nicht für das, was sie sind, sondern sie verlangen Gerechtigkeit." Für ZeitOnline sprach Wenke Husmann, für die SZ Paul Katzenberger mit der Regisseurin. Besprochen wird der Film in der SZ, im Tagesspiegel und bei epdFilm.

Besprochen wird außerdem Ron Manns Dokumentarfilm über Robert Altmann (Tagesspiegel, Filmgazette, epdFilm). Außerdem: Zu den Oscar-Favoriten zählt auch Wes Andersons "Grand Budapest Hotel" (unsere Kritik). Der US-Kritiker Matt Zoller Seitz würdigt den Film in einem ausführlichen Videoessay:


Archiv: Film