9punkt - Die Debattenrundschau

Nur eine mittelfristige Zukunft

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.01.2015. Selbstzensur überall, konstatiert Libération. Selbst beim Kölner Karneval. Die ARD-Sendung Panorama bekennt sich aber dazu. In der SZ erklärt David Grossman, warum er am Friedensprozess festhält. Im Standard zeigt Wolfgang Blau vom Guardian Verständnis für die defensive Internetstrategie vieler Zeitungen. In der FR fordert die Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer eine historisch-kritische Lektüre des Korans. In der Zeit erklärt Peter Sunde, ehemals Pirate Bay, warum er nicht mehr an Freiheit im Netz glaubt.

Europa


Selbstzensur
grassiert jetzt überall, berichtet Cécile Bourgneuf in Libération: "Beim Kölner Karneval gibt es keinen Wagen für Charlie Hebdo. Die Organisatoren haben es am Donnerstag bekanntgegeben: "Wir möchten, dass alle Besucher einen unbeschwerten Karneval erleben." Es gab keinerlei Bedrohung gegen den Karneval, aber einige Bürger sollen ihre Sorgen bekundet haben. Der Wagen sollte Meinungsfreiheit ausdrücken." In Frankreich wurde ein Plakat nicht ausgehängt: ""Man darf nicht über alles lachen." Der Name des neuesten Spektakels des Komikers Patrick Timsit spricht für sich. Der plakatanbieter JCDecaux hat sich geweigert das Plakat aufzuhängen, auf dem Timsit eine Bombe trägt. Man wolle die Gefühle des Publikums nach den Attentaten nicht verletzen." (Das Bild zeigt den Entwurf für einen Karnevalswagen für Charlie Hebdo.)

(Via turi2) Für die Redaktion von Panorama liegt die Grenze der Meinungsfreiheit in der Verletzlichkeit bestimmter Bevölkerungsgruppen. Auf der Website DasErste.de schreibt sie: "Muslime, die die Anschläge von Paris fast ausnahmslos verurteilen, wiesen gegenüber Panorama darauf hin, dass es für sie an dieser Stelle allerdings eine klare Grenze für Satire gibt, die durch einige veröffentlichte Mohammed-Karikaturen der letzten Wochen überschritten wurde. Sie fühlen sich verletzt, wenn ihr Prophet, ihr Religionsstifter, in dieser Form dargestellt wird."

Auch die Redaktion von Titanic traut sich in ihrer neuen Ausgabe (siehe Cover) keine Mohammed-Karikatur zu.

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Religion

Die Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer fordert im Gespräch mit Michael Hesse (FR) eine historisch-kritische Lektüre des Korans, um ihn an die Gegenwart anzupassen und der Instrumentalisierung durch Islamisten zu entziehen: "Wenn im Koran steht, dass Muslime bis zu vier Frauen nehmen können und dazu das, "was ihre Rechte besitzt", so sind damit Sklavinnen gemeint. Ich kenne keinen Muslim, der fordern würde, die Sklaverei wieder einzuführen, um dem Koran-Text im Wortsinn gerecht zu werden. Vielmehr wird Rücksicht auf veränderte Lebensverhältnisse genommen, und ähnlich müsste es in einigen anderen Fällen auch sein. Eine solche Lektüre ist allerdings ein schwieriges Unterfangen, und viele Muslime schrecken vor ihr zurück, zumal wenn eine Islamwissenschaftlerin zu ihr rät. Aber ich glaube, dass nichts an einer solchen kritischen Sichtung vorbeiführt."
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Politik

Der israelische Autor David Grossman erklärt in der SZ, warum er am Friedensprozess im Nahen Osten festhält: "Wenn es keinen politischen Prozess gibt, wenn es keine Hoffnung gibt, bestimmt Resignation die Realität. So, wie die Hoffnung Freiheit und Bewegung erzeugt, so reduziert die Resignation, engt ein, lähmt und unterdrückt. Das allgemeine Klima in Israel wie auch bei der palästinensischen Autonomiebehörde ist eines der Lähmung und der Stagnation."
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Überwachung

(Via Engagdet) Vor ein paar Tagen machte die Meldung die Runde, dass Google auf Geheiß Daten von WikiLeaks an amerikanische Behörden ausgeliefert hat (unser Resümee). Die Anwälte von Google sagen jetzt in der Washington Post gegenüber Ellen Nakashima und Julie Tate, dass Google drei Jahre lang versucht habe, Wikileaks zu informieren, aber durch ein Redeverbot (gag order) gehindert worden sei: "Googles langer Kampf, seine Kunden von den Durchsuchungen der Mails und Gerichtsanordnungen zu informieren, sei wegen des Redeverbots großen Teils im Geheimen ausgefochten worden, so dass der Eindruck entstanden sei, Google sei nicht für die Rechte seiner Kunden eingestanden."
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Internet

Anstatt Strategien repressiver Regimes wie China und Russland gegen die amerikanische Internetdominanz zu unterstützten, wie er es Evgeny Morozov vorwirft, rät der Politologe Thorsten Benner in der FAZ, "Allianzen mit demokratischen Staaten zu verfolgen, welche europäische Werte der Netzfreiheit teilen. Der natürliche Partner hier ist Brasilien, das vergangenes Jahr mit dem "Marco Civil da Internet" einen progressiven Regulierungsrahmen beschlossen hat. Gemeinsam mit Brasilien sollte Europa große Demokratien in Asien wie Indien und Indonesien mit dem größten Nutzerwachstum davon überzeugen, nach innen wie außen für ein freies und offenes Internet einzutreten."

(via Zeit) Peter Sunde, der unlängst aus der Haft entlassene Gründer der schwedischen Filesharingseite The Pirate Bay, zeigte sich bei der Eröffnungsfeier der Transmediale in Berlin von der Entwicklung des Internets desillusioniert, berichtet Jörg Thoma in golem.de: "Das Ringen um Informationsfreiheit, Demokratie und Transparenz sei ein klassischer Kampf zwischen Gut und Böse, sagte Sunde: sympathische Menschen in T-Shirts und Masken gegen korrupte Männer mit viel Geld. Und er fordere Opfer - besonders von Berühmtheiten wie WikiLeaks, Edward Snowden, Chelsea Manning oder Aaron Schwartz. Dass dieser Kampf gewonnen werden könnte, sei jedoch ein Trugschluss. In Wahrheit sei er schon längst verloren."
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Kulturmarkt

Im vergangenen Jahr ist die Weltbild-Gruppe nur durch eine Übernahme durch den Investor Walter Droege der drohenden Insolvenz entkommen, rund 1000 Stellen gingen verloren, jede vierte Filiale musste schließen. Entgegen bei der Übernahme getroffener Zusagen droht nun eine zweite Abbauwelle, die rund 600 von 2000 Stellen in Verwaltung, Logistik und den Filialen kosten soll, berichtet Thomas Magenheim-Hörmann in der FR: "Die schmerzlichen Schritte seien bedauerlichweise nötig, weil Weltbild in der Übernahmephase an "Flughöhe" verloren habe... Auch dem Personal ist nicht entgangen, dass die Flughöhe sinkt, womit Umsätze gemeint sind. Aber sie erklären das mit gestrichener Werbung und fehlender Nachbestellung von Ware, was das Weihnachtsgeschäft versaut habe. "Droege verhindert Umsätze, um Weltbild zerschlagen zu können", schreibt ein Firmenblogger und gibt damit gängige Vermutungen weiter Belegschaftskreise wieder."
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Stichwörter: Weltbild, Walter Droege

Medien

Wolfgang Blau, Online-Chef des Guardian, hat im Interview mit Oliver Mark vom Standard Verständnis für die defensive Internetstrategie vieler Zeitungen: "Für viele Verleger gibt es in der digitalen Welt einfach nichts zu gewinnen, und wir sollten ihnen nicht so rasch Verschlafenheit vorwerfen. Ihre Strategie, das alte Printgeschäft so lange zu beschützen wie möglich und ihre digitalen Aktivitäten nur als markenpflegende Begleitmusik für Print zu betreiben, ist plausibel und legitim. Verlage sind keine Stiftungen, und die meisten Tageszeitungen haben nun einmal keine plausible digitale Zukunft, sondern nur eine mittelfristige Zukunft als Printmedien, und danach ist es leider vorbei."
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