Efeu - Die Kulturrundschau

Triumph im Scheitern

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.01.2015. Die Musikkritiker begutachten Bob Dylans neues Album mit alten Sinatra-Songs: Die einen hören folkigen Kammer-Pop, die anderen nur Gekrächze. Die Welt schiebt sich an paramilitärischen jungen Männern vorbei in die Semperoper zu Debussy. In der Jungle World erklärt Frédéric Jaeger, warum jetzt auch die Filmkritiker eine eigene Filmreihe während der Berlinale zeigen.

Musik

Ein neues Album von Bob Dylan - Feuilletongroßereignis! Auch wenn es sich dabei um ein Album mit Coverversionen von Sinatra-Songs handelt, was die meisten Kritiker zunächst einmal für eine kontraintuitive Entscheidung halten. Doch einige können durchaus etwas damit anfangen. Ulrich Rüdenauer von der taz etwa, der über die neue Geschmeidigkeit in Dylans Stimme auf diesem Album sehr staunt: "Er schmeichelt, schlüpft geradezu in [diese Klassiker] hinein, versucht zumindest, alles Kratzige aus seinem Vortrag zu eliminieren, ohne dabei Sinatra nacheifern zu wollen." In der NZZ versichert Martin Schäfer: "Ja, er kann"s! Und was er sich mit seiner Band vorgenommen hat, das gelingt - nämlich aus Sinatras grandiosen Big-Band-Arrangements eine Art folkigen Kammer-Pop herauszudestillieren."

Durchaus heikel findet Thomas Groß (Zeit) den Balance-Akt, den Dylan hier hinlegt: "Mehr als einmal glaubt man, ihn straucheln zu hören ... Dass das Unternehmen, aufs Ganze gesehen, trotzdem begeistert, liegt an Dylans Risikobereitschaft: Angst vor der Blamage haben nur Kleinmütige, der Held triumphiert noch im Scheitern." Im Tagesspiegel hält es Christian Schröder dem Musiker zugute, dass dieser nicht der Versuchung des Bombast erlegen ist, sondern Sinatra mit filigraner Instrumentierung erdet.

Edo Reents (FAZ) dagegen kann den Aufnahmen überhaupt nichts abgewinnen: "Dylan benuschelt und bekrächzt [Sinatra] wie die eine Krähe, die der anderen eben doch manchmal ein Auge aushackt." Und Karl Bruckmaier (SZ) packt die blanke Wut, wenn er sich vor Augen hält, wie einst Dylan angefangen hat - in großer Distanz zu allem nämlich, für was Sinatra in Dylans jungen Jahren stand: "Wenn man dort hört, wie Dylan im Zorn seiner Jugend vom Mord an Hattie Carroll singt, (...) dann steigen einem fast selbst die Tränen des Zorns in die Augen ob seiner Entscheidung, seine Kreativität ans Schmalzgebackene seiner Kinderzeit zu verschwenden - Musik, die Hattie Carrolls Mörder viel eher gehört hat als sein Opfer."

Hier eine Kostprobe:



Weitere Artikel: Carla Baum plaudert für die taz mit Deichkind. Der Dirigent Israel Yinon ist während eines Konzerts im KKL Luzern gestorben, meldet die NZZ: Er dirigierte gerade die "Alpensinfonie" von Richard Strauss.

Besprochen werden der von Simon Rattle dirigierte Auftakt eines Zyklus zum 150. Geburtstag des Komponisten Jean Sibelius (Tagesspiegel), das neue Björk-Album (so ganz hat sie es nicht ins Freie geschafft, meint Ueli Bernays in seiner ausführlichen Kritik in der NZZ), diverse neue Metal-Veröffentlichungen (The Quietus) und Alec Empires Ambient-Set bei der Club Transmediale ("angemessen öde" und "kongenial uninteressant" ulkt Jens Balzer in der Berliner Zeitung).
Archiv: Musik

Film

Sehr ausführlich befragt Jürgen Kiontke (Jungle World) Frédéric Jaeger vom Verband der Deutschen Filmkritik nach dem Zustand des deutschen Films (dem der Verband kürzlich eine "aktivistische Filmkritik" widmete), dem Zustand der Filmkritik und der neuen, von Filmkritikern kuratierten alternativen "Woche der Kritik" parallel zur Berlinale. Zur letzteren sagt Jaeger: "Wir wollen Filme zeigen, die herausragen, die uns die Möglichkeit bieten, unsere Diskussion zu führen. Daher sollten sie sehr unterschiedlich sein. Die Filme haben wir auf Grundlage von Empfehlungen gesichtet, es waren etwas über 100. Was man wohl nicht von uns erwartet: Wir haben zwei romantic comedies im Programm, von Johnnie To. Nichts was im Mainstreamkino Europas vorstellbar wäre, aber eben in Hongkong. Filme, die dort sowohl über Genre-Mechanismen funktionieren wie auch über Action-Rollenklischees und ihre Demontage, über Dynamik und Liebesbeziehungen. Gleichzeitig bilden sie eine Kritik am Finanzkapitalismus, eine Kritik daran, wie wir die Figuren zuordnen und wo sie gar nicht reinpassen."

Weitere Artikel: Jule Hoffmann stattet für die taz der Berliner Synchron einen Besuch ab und erfährt dabei einiges über das Handwerk der Filmübersetzung. In der NZZ berichtet Geri Krebs über die Preise bei den Solothurner Filmtagen. Theodor W. Adorno soll einen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame bekommen, meldet Hanns-Georg Rodek in der Welt: Eine entsprechende Petition wurde auf change.org eingereicht. Kein Wunder, dass der deutsche Film nicht reüssiert: Die Filmverleiher halten das Publikum für dumm, meint Alan Posener in der Welt mit Blick auf die Eindeutschung ausländischer Filmtitel.

Besprochen werden Christian Keßlers Abhandlung "Wurmparade auf dem Zombiehof" über das Trashkino (Konkret), der U-Boot-Thriller "Black Sea" mit Jude Law (Perlentaucher, Tagesspiegel), Marina Kems Dokumentarfilm "Bonne Nuit, Papa" (taz, FR) und Ester Amramis "Anderswo" (Tagesspiegel, FR, FAZ).
Archiv: Film

Kunst

In der Welt schreibt Ulf Poschardt zum Tod des Fotografen Will McBride. Bernhard Schulz (Tagesspiegel) berichtet von der Jahrespressekonferenz der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Roger Friedrich würdigt in der NZZ den Künstler Massimo Cavalli, dem der Verlag Pagine d"Arte zu seinem 85. Geburtstag einen "Catalogo ragionato" gewidmet hat.

Besprochen wird die Ausstellung "Turmbewohner" in der Alten Nationalgalerie in Berlin (FAZ).
Anzeige
Archiv: Kunst

Literatur

Besprochen werden Blumfeld-Sänger Jochen Distelmeyers Debütroman "Otis" (Tagesspiegel, SZ) und neue, zum 80. Geburtstag von Kenzaburo Oe erschienene Bücher (SZ, FAZ).
Archiv: Literatur

Architektur

In der FR schreibt Christian Thomas über die Frankfurter Osthafenbrücke. Besprochen wird Maurizius Staerkle-Drux" Dokumentarfilm über die Architektenfamilie Böhm (SZ).
Archiv: Architektur

Bühne



In Dresden schiebt sich Barbara Möller für die Welt beklommen an einer Gruppe junger Männer in paramilitärischem Outfit vorbei in die Semperoper, zur Premiere von Debussys Drame lyrique "Pelléas et Mélisande". Auch drinnen kann sie die Begegnung draußen nicht ganz vergessen: Àlex Ollés ""Pelléas" ist eine elegante, sorgfältig gearbeitete Inszenierung, die etwas langsam in Fahrt kommt - der erste der fünf Akte geht unter Soustrots Dirigat noch etwas kühl und unverbindlich dahin -, sich aber mehr und mehr zu einem bösartigen Kammerspiel entwickelt und dann sogar Maeterlincks Textkitsch kompensieren kann ("... ihre Augen sind voller Tränen, jetzt ist es ihre Seele, die weint ..."). Als Serge Dorny noch glaubte, dass er Intendant der Semperoper werden würde, hat er gemeint, die Oper sei der Spiegel der Stadt. Sie solle eine Piazza sein, auf der man sich treffe, eine schöne Vision für Dresden. Wie man sich irren kann." (Weitere Besprechungen in Tagesspiegel und SZ)

Besprochen werden außerdem die Uraufführung von Anita Hansemanns "Bergpiraten" (frei nach Brechts "Dreigroschenoper) in Chur (NZZ) und die Uraufführung von Tom Stoppards "The Hard Problem" in London (FAZ).
Archiv: Bühne