9punkt - Die Debattenrundschau

Gegen jegliches Archiv

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.01.2015. In der FAZ erklärt Claude Lanzmann, warum er seinen Film "Shoah" so und nicht anders gemacht hat. Die Welt sucht nach Bezügen zwischen dem heutigen Terror und dem Terror der RAF. In der SZ wundert sich Ingo Schulze über Pegida. Bei Internetaktivisten löst die jüngste Zusammenarbeit zwischen der amerikanischen Regierung und Google, das E-Mails von Wikileaks weitergegeben hat, Empörung aus. Die NZZ sucht nach Wandel im Ruhrgebiet. Im Perlentaucher wird über die Charlie-Hebdo-Zeichnungen gestritten.

Europa

Facebook sperrt in der Türkei die Mohammed-Karikaturen von Charlie Hebdo, meldet Zeit online unter Bezug auf die New York Times (mehr hier): "Zuvor hatte ein türkisches Gericht Facebook dazu aufgefordert, Seiten zu blockieren, die den Propheten Mohammed beleidigen sollen. Werde dies nicht umgesetzt, müsse der Zugang zu Facebook insgesamt gesperrt werden."

Die Greser und Lenz-Ausstellung in Hanau kann jetzt doch stattfinden, berichten Tatjana Kerschbaumer und Kurt Sagatz im Tagesspiegel. Und Karikaturisten wollen sich nicht einschüchtern lassen, auch Klaus Stuttmann nicht, der vor neun Jahren wegen einer Karikatur Drohungen bekam: ""Wie kann ich mich einschränken lassen, wenn zur gleichen Zeit viele Karikaturisten in der islamischen Welt wegen ihrer Arbeit ganz andere Konsequenzen fürchten müssen?", fragt Stuttmann. Zugleich macht er deutlich, dass seine Zeichnungen - zuletzt hatte er den neuen saudischen Herrscher mit Peitsche und blutigem Schwert dargestellt - nicht die Religion Islam an sich zum Thema hätten. "Mit Mohammed habe ich nur dann etwas zu tun, wenn seine Religion missbraucht wird.""

Im Perlentaucher bezweifelt unterdessen Ulf Erdmann Ziegler die ästhetische Qualität der Zeichnungen: "Die satirischen Waffen von Charlie Hebdo sind weitgehend stumpf, schon lange. Aber wir tun erst mal so, als wären wir Plattköpfe, aus politischer Raison." Darauf antwortet Thierry Chervel: "Was man politisch ablehnt, sollte man nicht versuchen, mit ästhetischen Argumenten zu erledigen."

In der taz findet es Ilija Trojanow heuchlerisch, dass wir um ein paar Karikaturisten trauern, wo doch in anderen Teilen der Welt viel mehr Menschen sterben.
Archiv: Europa

Geschichte

Vor siebzig Jahren wurde Auschwitz befreit. Vor dreißig Jahren brachte Claude Lanzmann seinen Film "Shoah" heraus. Die FAZ präsentiert aus diesem Anlass einen Text Lanzmanns über seinen Film: "Die Zeugnisse der Männer der Sonderkommandos finden sich nur in "Shoah", und die jüdischen Protagonisten sind sämtlich Männer dieser Sonderkommandos, denn sie sind die einzigen Zeugen des Todes ihres Volkes. "Shoah" arbeitet heraus und tut nichts anderes als das. Von Anfang bis Ende entwickelt der Film sich gegen jegliches Archiv. Schon weil es keines gibt. Und weil ich nicht versucht habe, dieselben Archivaufnahmen zusammenzuschneiden, die man überall sieht, die nicht die Vernichtungslager darstellen, sondern wie die Alliierten die Konzentrationslager in Deutschland vorfanden, als sie sie befreiten..."

Richard Herzinger besucht für die Welt die RAF-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum und sucht nach Parallelen und nach Verweisen auf den Terror zu heute: Tatsächlich "war die Existenz RAF überhaupt und von Anfang an nur als Bestandteil eines weltweiten antiwestlichen Terrornetzwerks denkbar - und damals schon kam der Terror primär aus dem Nahen Osten. Mögen die anarchokommunistischen Vorläufer der RAF auch abstrakt von lateinamerikanischen Stadtguerilleros wie den "Tupamaros" geschwärmt haben, den Haupteinfluss auf sie übten palästinensische Terrororganisationen aus, in deren Camps sie ihr erstes militärisches Training erhielten."

Weiteres: In der FAZ beschreibt Carsten Germis immer neue Versuche der japanischen Regierung und des japanischen Publikums, bereits eingebürgerte Erkenntnisse über die japanische Kriegsschuld, etwa an koreanischen Sexsklavinnen, wieder einzukassieren.
Archiv: Geschichte

Überwachung

Google hat bekannt gegeben, dass es 2012 nach einer gerichtlichen Anordnung Mails von Wikileaks an die amerikanischen Behörden weitergegeben hat. Die Leute von Wikileaks sind stinksauer, meldet Jonas Jansen in der FAZ. Sie ließen durch ihren Anwalt mitteilen, "dass Google so lange gewartet habe, würde die Wikileaks-Aktivisten "erstaunen und verwundern". "Wenn unsere Klienten von den Spionage-Vorwürfen gewusst hätten, hätten wir vor Gericht versuchen können, die Ermittlungen zu verhindern, so hatten wir keine Ahnung"".

Aber durfte Google diese Information überhaupt weitergeben? In der taz sieht Meike Laaf den schwarzen Peter bei der amerikanischen Regierung: "Die Auskunftspraxis der US-Regierung stellt jedoch generell ein Problem dar. Gerade in Kombination mit der Stillschweigeklausel. Und besonders, wenn diese eingesetzt wird, um das Verbrechen zu bestrafen, Informationen über Missstände zu veröffentlichen."

Wo bleibt die öffentliche Reaktion, fragt empört Trevor Timm im Guardian: "Die unverschämte legale Attacke auf WikiLeaks und sein Personal, die ihr Recht auf freie Meinungsäußerung wahrnahmen, indem sie Geheiminformationem in öffentlichem Interesse veröffentlichten, wie es andere Medien in diesem Land auch tun, ist eine Attacke auf die Pressefreiheit, und es ist schockierend, dass nicht mehr Menschen ihre Stimmen (oder Stifte und Tastaturen) dagegen erheben."

Apropos Überwachung: Nicht nur Regierungen und Internetkonzerne sammeln Daten über uns. Auch die Medien sammeln Daten über die Leser ihrer Seiten, schreibt Svenja Bednarczyk in der taz: "Wenn der Leser eine Seite aufruft, laufen die Tracker unbemerkt im Hintergrund und sammeln Daten über den Nutzer. Sie kommunizieren das Nutzerverhalten, ohne dass der Nutzer selbst das beeinflussen kann. Bei Zeit Online kommen pro Seitenaufruf 26 dieser Verbindungen zustande, bei Spiegel Online über 30, bei der in Duderstadt erscheinenden Lokalzeitung Göttinger Tageblatt des Madsack-Verlags sind es sogar 45. ... Diese Technik nutzt die Werbeindustrie dann, um gezielt Produkte zu bewerben, die man sich vielleicht zuletzt bei Amazon angeschaut hat. "
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Archiv: Überwachung

Kulturpolitik

In der FR skizziert Andreas Förster an einem konkreten Beispiel die Geschichte der Raubkunst in der DDR: "In vierzig Jahren DDR sind insgesamt Hunderte private Kunstsammler wie Meissner von den staatlichen Behörden faktisch enteignet worden. Der Staat erschloss sich damit eine wichtige Deviseneinnahmequelle, denn der Großteil der eingezogenen Kunstwerke wurde anschließend im Westen verkauft. Allein in den achtziger Jahren wurden durch willkürlich eingeleitete Steuerstrafverfahren schätzungsweise zweihundert, zum Teil bedeutende Sammlungen zerschlagen und auf dem westlichen Kunstmarkt verhökert."

Außerdem: Michael Kohler besucht für die FR die neue europäische Kulturhauptstadt Mons.

Gesellschaft

Lennart Laberenz reist für die NZZ in den Ruhrpott, nach Spuren des großen Strukturwandels suchend, trifft auf Naturparks, Trinkhallen und neue Häuser mit Terrassen am "Südhang im Norden": "Wo der Wandel hinführt, ist nicht durchgehend klar. Heute arbeiten auf dem ehemaligen Gelände des Stahlwerkes Rheinhausen fast so viele Menschen wie zu Stahl-Zeiten: Logistik, Chemie. Es gibt weniger Tarifeinkommen, Teilzeitarbeit, prekäre Beschäftigung nehmen zu. Viele bekommen heute ihr Geld vom Arbeitsamt. "Die Unterschiede zwischen den Extremen wachsen, und die Mitte wird dünner", schreibt [der Bochumer Soziologieprofessor Rolf G.] Heinze in einer Studie. Schon jetzt organisieren Rechtsradikale Ressentiments mit Erfolg."

Sind Muslime die Juden unserer Zeit, fragt Isolde Charim in der taz. Und antwortet mit einem entschiedenen Nein: "Alter Antisemitismus und Islamophobie sind zwar beide Ressentiments, aber aus unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Gründen. Demzufolge ist die fantasierte Bedrohung, die von ihnen ausgehen soll, auch eine andere: Den Juden, den nicht vollen Subjekten, wurde vorgeworfen, die Gesellschaft zu zersetzen, die "einheitlichen" Muslime hingegen drohen, den Westen zu "erobern". Die Muslime sind nicht die Juden unserer Zeit. Man könnte sogar sagen: Die Muslime sind die Israelis unserer Zeit - zumindest ressentimentlogisch."

Außerdem: In der taz berichtet Christiane Müller-Lobeck über den Auftritt Richard Sennetts bei den Hamburger Lessingtagen.
Archiv: Gesellschaft

Politik

Ingo Schulze war auf einer Pegida-Demo und hätte sich von der Rednerin erwartet, dass sie etwa über die Finanzkrise und die Griechen redet. Aber nichts von alledem, so schreibt er in der SZ: "Überhaupt ist es schwer zu wiederholen, was sie sagt. Meinungsfreiheit, unser schönes Dresden, Volk und vor allem ihre Enttäuschung über einen Herrn Kaiser, Roland Kaiser, der Schlagersänger ist gemeint. Der hat Kathrin ins Herz getroffen. Er hat gesagt, dass man statt Angst Neugier haben soll und solche Sachen. Roland Kaiser hat offenbar auf der offiziellen Gegendemo die stärkste Rede gehalten. Und dann sind die Reden schon vorüber."
Archiv: Politik