9punkt - Die Debattenrundschau

Sind wir jetzt die Amerikaner Europas?

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.09.2014. Die FAZ am Sonntag glaubt nicht, dass Kinderschutz durch verschärfte Zensur zu erreichen ist. Rue89 erklärt die Proteste von Hongkong. Techcrunch löst den Nahostfonlilkt. Die FAZ fürchtet mit dem Philosophen Thomas Metzinger, dass die Amerikaner uns per Internet zur Kolonie machen. Carta flaniert durch eine neue Mall in Berlin und kriegt eine Depression. Die SZ hat keine Angst von Heinz Bude.

Politik

Ein Auszug aus dem Strom der Twitter-Bilder zum Suchwort Hongkong.:




Pierre Haski erklärt auf Rue89 den Konflikt, der zu den Riesendemos führte: "Ein Teil der Hongkonger Zivilgesellschaft und Opposition fordern, dass der "Chief Executive" in allgemeiner Wahl mit freiem Recht zu kandidieren gewählt wird. Die kalte Dusche kam Ende August, als die Zentralregierung in Peking kurzerhand nein sagte. Die Hauptblockade liegt in der Frage der Kandidatur: Peking akzeptiert mehrere Kandidaten, aber nur solche mit Approbation, die "ihre Liebe zum Land" gezeigt haben." Mehr zum Thema auch bei globalvoicesonline.org.

Kim-Mai Cutler porträtiert auf Techcrunch den israelischen Aktivisten Uri Savir, der an den Friedensgesprächen von Oslo beteiligt war und nun ein Netzwerk namens Yala aufbaut, das die sozialen Medien nutzt, um Diskussionen zwischen jungen Israelis und Arabern anzuregen: "Es hat etwa eine halbe Million Follower auf Facebook in arabischen Ländern und Israel. Flankiert wird das durch in die Tiefe gehende Online-Module zu Online-Journalismus und Konferenzen zu ökonomischer Kooperation. Savir sagt, es sei vor zwei Jahrzehnten ein Fehler gewesen anzunehmen, dass die Friedensgepräche von Palästinensern und Israelis einfach angenommen würden. "Jetzt haben wir zum ersten Mal die Chance, so etwas wie einen "partizipativen Friedensprozess", einzuleiten, sagt er "Es wäre ein Friede, in den die Gesellschaften einbezogen wären.""

Richard Herzinger warnt in der Welt den Westen davor, dem Iran im gemeinsamen Kampf gegen den IS-Terror zu viele politische Zugeständnisse zu machen, denn auch unter dem neuen Präsidenten Ruhani habe sich nicht viel geändert: "Der Iran hat in Relation zu seiner Bevölkerungszahl die höchste Hinrichtungsrate weltweit und steht, was die Inhaftierung von Journalisten betrifft, auf Platz zwei."

Der Philosoph und Theologe Rupert Neudeck fordert in einem Essay in der Welt einen Pazifismus, der mehr ist als eine bloße "organisierte Emotion" und schlägt vor: "Pazifisten müssten den Friedensnobelpreis für die italienische Marine fordern. Diese Marine hat elf Mal so viele Flüchtlinge (80.000) im Mittelmeer gerettet wie die "Cap Anamur" seinerzeit mit Unterstützung der deutschen Bürger im Südchinesischen Meer (11.300). Warum sollte die Deutsche Bundesmarine sich so ein pazifistisches Abenteuer nicht auch mal genehmigen? Militäreinrichtungen müssen konvertiert werden, Schiffe zu Hospitalschiffen, Flugzeuge zu Nahrungsmittelabwerfern, wie gegenwärtig im Südsudan."
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Europa

Bei der Buchvorstellung von "Kampf um Vorherrschaft" in Berlin hörte Richard Herzinger in der Welt nicht nur die provokanten Thesen des irischen Autors Brendan Simms, sondern auch Wolfgang Schäubles skeptische Reaktion: "Wolfgang Schäuble konterte im Gestus des Weisen, der mit gütiger Strenge einen intellektuell überfliegenden Schüler zurück in die Lebenswirklichkeit holt. Dass Deutschland andere EU-Länder dominiere, bestritt Schäuble ebenso wie die Annahme, das Prinzip mühseliger Konsenssuche in der EU sei nicht mehr zeitgemäß. Er argwöhnte, Simms wolle aus Europa einen Nationalstaat klassischer Prägung machen."
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Geschichte

Berichte zum vom 50. Deutschen Historikertag heute in der FAZ von Jürgen Kaube und in der SZ von Johan Schloemann. Für die taz berichtet Jan Feddersen.
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Medien

Die Mitarbeiter-KG des Spiegel konnte sich mit ihrem Wunsch nach Absetzung von Chefredakteur Wolfgang Büchner nicht durchsetzen, meldet turi2 unter Bezug auf verschiedene Quellen: "Gruner + Jahr hält an Büchner fest - zumindest, bis ein Nachfolger für Büchner gefunden ist. Den zu suchen, sei im Übrigen die Aufgabe von Geschäftsführer Ove Saffe, nicht der Mitarbeiter, ist zu hören. Ein konsensfähiger Kandidat soll Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo sein. Ob der allerdings freiwillig ins Haifischbecken "Spiegel" springt, bleibt unklar."
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Gesellschaft

Deprimiert flaniert Johannes Novy für Carta durch die neue Mall am Berliner Leipziger Platz, die den originellen Namen "The Mall" trägt: "Die unter PR-Gesichtspunkten clevere Anlehnung an die Tradition des legendären Warenhaus Wertheim Leipziger Straße entpuppt sich als hohles Versprechen. Mit dem nach Plänen von Alfred Messel gebauten Kaufhaus, das im frühen 20. Jahrhundert als eines der schönsten Deutschlands galt, hat das Projekt etwa so viel zu tun, wie Einsteins Relativitätstheorie mit der Behauptung, alles sei relativ."

Eindringlich warnt Claudius Seidl in der Sonntags-FAZ die Regierung davor, den Schutz von Kindern vor sexueller Gewalt durch verschärfte Zensur erreichen zu wollen: "Jeder, der überhaupt eine Sexualität im Leib hat, kennt die Erfahrung, dass er, weil er eben kein Hund ist, in der Welt der Bilder wie in der Welt der Körper von Signalen inspiriert wird, die von den Absendern gar nicht erotisch gemeint waren. Wenn der Staat also jedem Blick, der dem Begehren auch nur nahekommt, misstraute; wenn er in jeder Erregung einen Verstoß gegen die Menschenwürde des Betrachteten sähe, dann müsste er alle Museen und Kinos schließen, das Fernsehen abschaffen, ja er müsste ein totales Bilderverbot verhängen."

Jens Bisky spricht in der SZ mit dem Soziologen Heinz Bude über dessen neues Buch "Gesellschaft der Angst" und seine Diagnose des Zurückweichens und Abwartens: "Ich habe den Eindruck, dass wir in einer gesellschaftlichen Situation leben, in der die Deutschen sich unwohl fühlen, weil es ihnen nicht nur ökonomisch gut geht, sondern auch, weil sie den Eindruck haben, dass die europäischen Nachbarn in der bundesrepublikanischen Funktionstüchtigkeit nicht mehr den nationalsozialistischen Leistungsfanatismus vermuten. Der sozialdemokratische Merkelismus wird von vielen sogar als Vorbild wahrgenommen. Das ist nicht nur angenehm. Sind wir jetzt die Amerikaner Europas? Was haben wir Europa zu geben?"
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Internet

Erwartungsgemäß wenig Erfreuliches berichtet Michael Hanfeld in der FAZ über die von der FAZ und der Herrhausen-Gesellschaft ausgerichtete Berliner Konferenz "Digitale Zukunft erkennen". So warnte etwa der Philosophie-Professors Thomas Metzinger angesichts der NSA-Affäre: "Den Europäern gehe es wie den amerikanischen Ureinwohnern bei der Eroberung des Westens - sie verlieren ihr Terrain, ihre Lebensgrundlagen und landen in Reservaten. "Die Amerikaner", sagte Metzinger, "haben den Kolonialkrieg gegen die ganze Welt eröffnet im Internet.""

Rüdiger Wischenbart wirft im Standard einen Blick auf den österreichischen Buchmarkt, der eine weitere Stützung durch den Staat bekommen soll. Allerdings sollte das nicht der Zementierung von stukturen dienen, meint er: "Wie lassen sich kleine heimische Verlage und Buchhandlungen für eine Rundumerneuerung gewinnen? Das Thema gewinnt rasch an Brisanz: Förderung von Kunst und Kultur aus öffentlichen Mitteln ist seit den 1970er-Jahren ein erfolgreiches Element österreichischer Identitätsfindung. Doch muss dieses Instrumentarium vom Bürger als zeitgemäß anerkannt werden."

Weiteres: Im Interview mit Ingo Arzt in der taz verficht Jeremy Rifkin seinen Optimismus bezüglich einer Abschaffung des Kapitalismus qua Digitalisierung 3D-Druck und Sonnenenergie.
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