Efeu - Die Kulturrundschau

Die Frage sitzt. Ein starkes Stück

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29.09.2014. Haben Sie wirklich nichts mitbekommen, fragt Elfriede Jelinek in ihrem NSU-Stück "Das schweigende Mädchen". Den Kritikern geht die Frage schwer nach. Nur Gerhard Stadelmaier stemmt sich in der FAZ gegen die Jelineksche Textflut. In der FR erzählt Ulrich Raulff, wie man liest ohne zu buchstabieren. Die SZ freut sich über die Florentine-Stettheimer-Ausstellung im Münchner Lenbachhaus und analysiert das Phänomen Helene Fischer. Sophie Charlotte Rieger bloggt über das Filmfestival in Hamburg.

Bühne


"Das schweigende Mädchen", Münchner Kammerspiele. Foto: JU/Ostkreuz

Nur mit einigen Musikern und lesenden Schauspielern inszenierte Johan Simons an den Münchner Kammerspielen die Uraufführung von Elfriede Jelineks NSU-Stück "Das schweigende Mädchen". In der NZZ ist Barbara Villiger-Heilig von der stark gekürzten, bilderlosen Fassung am Ende doch beeindruckt: "Von Blumen- oder Gemüseständen, Dönerbuden, Kiosken, Schlüsselgeschäften - den Orten, an denen der Terror zuschlug - hört man dauernd, sehen tut man nichts. Keine Lokalkolorit-Folklore und schon gar keine Identifikationsfiguren (damit operierten frühere NSU-Stücke, anderswo). Johan Simons lässt Bilder im Kopf entstehen. Zu Beginn erklimmt Stefan Hunstein die Bühne, ein hoch erregter Bürger und Bote, den Skandal des letzten dieser Morde voller Angstlust herausschreiend: das Internetcafé, die Blutlache, ein V-Mann, der nichts gehört und nichts gesehen haben will. "Haben Sie wirklich nichts mitbekommen? Kann das sein? Echt?" Die Frage sitzt. Ein starkes Stück."

Außerdem zu Jelinek: In der nachtkritik beschreibt Tim Slagman die Ambivalenz der Jelinekschen Assoziationsketten: Sie montiert "Prozessprotokolle, Medienberichte und biblische Motive zu einer Polemik, die um das Nichtwissen kreist und implizit natürlich um das Verstehen-Wollen und die gleichzeitig das Terroristentrio Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe in einer provozierenden Volte zur neuen heiligen Erlöserfamilie erklären lässt." Christine Dössel lobt in der SZ (online nur in einer gekürzten Textfassung): "Dieser Theaterabend schöpft (...) Kraft aus seiner Zartheit, seiner Menschlichkeit, seiner Ruhe. Aus seiner Vergegenwärtigung des Todes - und der Toten. Was hier geleistet wird, ist echte Trauerarbeit. Einer muss das ja mal tun." In der Welt fühlt Jeannette Neustadt am Ende einen "ziemlich dicken Mantel von Beklommenheit" um sich. In der FAZ holt Gerhard Stadelmaier einmal tief Luft, dann bricht es auch ihm heraus: "Textflächen bis zum Erbrechen", die sich "ins absolute Schmarrnhafte und Hilflose" versteigen, überhaupt ist das alles "nur ein unsäglicher Schmarrn", vom Publikum, das sich besser im honorigen Journalismus über die NSU und Zschäpfe informieren sollte, am Ende noch mit "Gesinnungsbeifall" beklatscht.

Weitere Artikel: Für die Zeit porträtiert Thomas Assheuer René Pollesch, dem es reicht, "wenn er Satzketten zum Tanzen bringt und ein dickes Loch in unser Weltbild bohrt." Besprochen werden Ahmed Souras Tanzabend "Hauptrolle" im Berliner Ballhaus Ost (taz) und Herbert Fritschs in Zürich aufgeführte Inszenierung von Paul Burkhards "Schwarzem Hecht" (FAZ).
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Literatur

In der FR führt Arno Widmann ein Gespräch mit Ulrich Raulff vom Literaturarchiv Marbach über die Freuden vagabundierenden Lesens, das der bloßen Texthermeneutik die sinnliche Lust am materiellen Gegenstand ("Buchstabenbild oder der Klang") entgegen stellt. Als Student in Paris las Raulff deshalb mit Kommilitonen die Prawda, ohne überhaupt auch nur die kyrillischen Zeichen entziffern zu können: Es war, sagt er, "ein großes Vergnügen, die unbekannten Gewässer der Prawda zu durchfahren und darin plötzlich auf Inseln von Bekanntem zu stoßen, auf die wir uns hinwiesen, wie der Schiffsjunge oben im Mast Kolumbus "Land in Sicht" zurief. Bevor wir auch nur ein einziges Wort zu lesen versuchten, rochen wir die Prawda. Sie roch nach Fünfjahresplan und forcierter Industrialisierung, nach Altöl, Schwermetall, Traktorenreifen und Arbeiterschweiß. Wir liebten diesen eine ganze Bilderwelt heraufbeschwörenden Gestank. Wir lasen die Prawda, wie man zum Beispiel Pilze liest. Man sucht ein Gelände ab und findet darin Pilze."

Weitere Artikel: In seiner Reihe "Briefe an Europa" bringt der Tagesspiegel die Erinnerungen der finnischen Schriftstellerin Katri Lipson an Italien und eine Reise nach Auschwitz. Außerdem veröffentlicht der Tagesspiegel einen Vorabdruck aus Birgit Lahanns Buch über Schriftsteller, die sich das Leben genommen haben. Online steht jetzt das NZZ-Interview mit Hans Magnus Enzensberger vom Samstag über Literatur, Lesen und Autorenschaft.

Besprochen werden Bernhard Schlinks "Die Frau auf der Treppe" (Berliner Zeitung) und Tao Lins "Taipeh" (ZeitOnline).
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Kunst


Florine Stettheimer, Ashbury Park South, 1920. Aus der Kollektion von Halley K Harrisburg und Michael Rosenfeld, New York, NY. Foto von Joshua Nefsky

In der SZ freut sich Catrin Lorch darüber, dass das Lenbachhaus in München mit einer Ausstellung zum Schaffen der New Yorker Malerin Florentine Stettheimer eine "hierzulande fast Unbekannte", "eine lange übersehene Künstlerin" ins Gedächtnis ruft: "Aber an diesem Punkt kann man die Geschichte von Florine Stettheimer ganz kurz machen: Niemand hat mehr daran Schuld als die Malerin selbst. Sie war es, die nicht wollte. Weil ihre erste Ausstellung floppte. Warum nun ein zweiter Blick auf die beleidigte, vielleicht auch blasierte Malerin lohnt? Weil diese Ausstellung ganz nah ist, vielleicht nicht bei der Kunst, sondern bei den Künstlern. Und bei der Malerei von Heute."

Weitere Artikel: In der NZZ beschreibt Paul Andreas die Mutlosigkeit der Aachener beim Weiterbau ihrer Stadt freundlich als "architektonische Behutsamkeit". Und Carl Fingerhuth liest die Stadt als Geschichtsbuch.

Besprochen wird die Ausstellung "Pompeji. Götter, Mythen, Menschen" im Bucerius Kunst Forum in Hamburg (FAZ).
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Musik

Ganz Deutschland fliegt auf Helene Fischer. Ganz Deutschland? Nein, das von unbeugsamen Popkritikern bevölkerte Feuilleton hört nicht auf, dem Erfolg Widerstand zu leisten. Wobei auch diese Front sichtbar bröckelt, wie man bei Jens-Christian Rabe in der SZ beobachten kann, der sich beim Tourauftakt der Fischer verdutzt die Augen darüber reibt, dass diese ganze behauptete "Mädchen von nebenan"-Authentizität so ineffektiv ja gar nicht ist: "Das ist in seiner ganzen läppischen Streberhaftigkeit zwar leicht absurd. Wirkt aber, wie die ganze Show, gar nicht aufgesetzt, sondern einfach nur: echt. Und allen Weisen, die uns die Erkenntnis eingebrannt haben, dass es kein richtiges Leben im falschen gebe, muss man leider antworten: Doch, das falsche! Also im falschen Leben ist das falsche Leben das vollkommen richtige!"

Weitere Artikel: Für die Spex porträtiert Dennis Pohl die Hamburger Band Trümmer.

Besprochen werden die beiden neuen Alben von Prince (Berliner Zeitung, Welt, mehr), ein Auftritt von Azealia Banks (Tagesspiegel), das neue Album "Politricks" des Einar Stray Orchestra (taz), "Wonder Where We Land" von SBTRKT (ZeitOnline), das neue Album von Robert Plant and The Sensational Space Shifters (FAZ), ein Auftritt von Pharrell Williams (FR, FAZ) und ein Konzert der Geigerin Patricia Kopatchinskaja mit dem Tonhalle-Orchester Zürich (Thomas Schacher, NZZ, erlag völlig "dem Können, dem Temperament und der Identifikationsgabe dieser phänomenalen Geigerin").
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Film



Sophie Charlotte Rieger berichtet in ihrem Blog vom Filmfestival in Hamburg, wo ihr insbesondere Céline Sciammas Banlieue-Film "Girlhood" als genau beobachtende Auseinandersetzung mit patriarchalen Machtstrukturen überaus positiv auffiel: Die Regisseurin zeigt damit "die Paradoxie patriarchaler Kontrolle über den weiblichen Körper. ... Marieme und ihre Freundinnen [werden] von ihrem männlichen Umfeld anhaltend sexualisiert. Sie dürfen nur dann sexuell sein, wenn die Männer es wünschen. Ihre Sexualität gehört ihnen nicht. Insbesondere in diesen Passagen ist die weibliche Handschrift Sciammas unübersehbar. Es gibt nicht eine einzige überflüssige Nacktszene im gesamten Film. Die Entblößung des weiblichen Körpers ist in "Girlhood" keine Selbstverständlichkeit, die der Erbauung des (männlichen) Publikums dient, sondern wird bewusst eingesetzt und ist ein dezidierter Akt der Gewalt."

Ralf Schenk hat sich beim Filmfestival in Gdynia eingehend über den Stand der Dinge im aktuellen polnischen Kino informieren können. In der Berliner Zeitung berichtet er von seinen Beobachtungen, die er anhand von Wladyslaw Pasikowkis an James-Bond-Filmen orientiertem Agententhriller "Jack Strong" belegt: "Die Tendenz, Heldenbilder aus der polnischen Vergangenheit zu filtern und sie als Gleichnis für die Gegenwart zu nutzen, ist in diesem Warschauer Kinoherbst evident. ... Das ist mit allen Ingredienzien des Genres inszeniert und vermittelt dem Zuschauer die durchaus aktuelle Botschaft, dass der aufrechte Pole selbst unter Todesgefahr lieber mit dem Westen als mit Moskau kooperiert."

In der Berliner Zeitung plaudert Christina Bylow mit Schauspieler Jean Reno. David Steinitz berichtet in der SZ, dass Pasolinis Zensur-Klassiker "Salo oder die 120 Tage von Sodom" neben einer gekürzten Neuauflage auch in einer restaurierten, vollständigen Fassung auf DVD veröffentlicht wurde.

Besprochen werden Shawn Levys "Sieben verdammt lange Tage" (SZ) und ein Bildband zum Film Noir (SZ, hier daraus ein paar Bildproben).
Archiv: Film