9punkt - Die Debattenrundschau

Und was macht Deutschland?

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.09.2014. Wird die Demokratie-Bewegung in Hongkong international Solidarität bekommen, fragt Jonathan Mirsky im NYRBlog, und antwortet selbst: Wohl kaum! Auch den Arabern hätte man gar nicht erst Hoffnung auf Demokratie machen dürften, meint Götz Aly in der Berliner Zeitung. Was nützt Sharing, wenn man die Reichen nicht enteignen kann, fragt Evgeny Morozov in der FAZ. Seltsamerweise gibt es da aber gerade in der Musik neue Modelle, informiert die spex. Und bei Pippi Langstrumpf stirbt der "Negerkönig".

Politik


(Dieses Foto von den Protesten in Hongkong hat "johnlsl" gestern aufgenommen und unter CC-Lizenz auf Flickr veröffentlicht.)

Der China-Historiker Jonathan Mirsky macht sich im Blog der New York Review of Book Sorgen um die Demokratie-Bewegung in Hongkong, die möglicherweise nicht sehr viel Solidarität zu erwarten hat: "International scheinen nur wenige bereit, ihnen zur Seite zu stehen und ihre Beziehungen zu Peking aufs Spiel zu setzen. Die britische Regierung, die immerhin 1997 den Vertrag nur unter der Bedingung unterzeichnete, dass Hongkong seine liberale Verfassung behalten kann, trägt eine große Verantwortung, und Premier David Cameron sollte Peking laut dazu aufrufen, sein Versprechen freier Wahlen im Jahr 2017 einzuhalten. Ich fürchte nur, dass dies nicht geschehen wird."

In der FAZ schreibt Mark Siemons über die Proteste gegen die Zentralmacht in Peking: "Es ist ein Aufstand auch gegen die Simulation eines selbstbestimmten, kritischen, mitbestimmenden Bürgerlebens, gegen das Marionettendasein in emanzipatorischen Kulissen."

(Via ilpost.it) Ein spektakuläres, mit Drone aufgenommenes Video von den Hongkonger Demos (vorher leider ein bisschen Reklame):




Friederike Böge berichtet ebenfalls in der FAZ aus Kabul, das nach 13 Jahren fieberhaften Wachstums nicht wiederzuerkennen ist: "in einem gepflegten Garten mit Swimmingpool feiert Kabuls neue Elite, die manche hier "Generation 9/11" nennen. Die Männer sind gebildet, gut vernetzt, moderat und zwischen Mitte zwanzig und Anfang vierzig. Manche von ihnen haben eine Alkoholfahne."

Man hätte den Arabern niemals Hoffnung auf Demokratie machen dürfen, meint Götz Aly in der Berliner Zeitung und ist stolz, dass er schon vor einem Jahr die Stützung des Assad-Regimes gegen die IS-Bande empfohlen hatte: "Der Krieg in Mali, die Flüchtlingstragödien der Gegenwart, die furchterregenden Exzesse im nunmehr real existierenden "Islamischen Staat", das vorhersehbare Abgleiten Libyens in die Anarchie - all das sind auch Folgen einer die Realitäten verleugnenden Demokratiepropaganda." Allerdings begrüßt Aly auch die jetzige Intervention vieler Staaten - außer einem: "Und was macht Deutschland? Fast nichts."
 
Weiteres: Ansgar Graw schreibt in der Welt einen Abgesang auf die Tea Party und rät den Republikanern den Fundamentalismus der Rückwärtsgewandten hinter sich zu lassen.
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Internet

Kritsanarat Khunkham schreibt in der Welt über IS-Terror im Internet und warnt vor einem Kalifat im Netz: "Twitter ist für den IS ein Überlebenskriterium geworden. Als das Netzwerk nach dem Mord an Journalisten mehrere Propagandaaccounts sperrte, wurde das Unternehmen und sogar einzelne seiner Mitarbeiter von Islamisten offen bedroht. Trotz der Sperrungen konnte IS seine Videos weiterverbreiten."

Ist doch auch nur Mist und bringt nicht die Weltrevolution, meint Evgeny Morozov in der FAZ zur neuen Sharing-Ökonomie: "Die angeblichen ökologischen Vorteile der Sharing-Ökonomie sind lachhaft: Während wir unsere Autos mit den Nachbarn teilen sollen, weil es billiger und umweltfreundlicher ist, behalten die Reichen ihre Segelboote, Limousinen und Privatjets, und die wahren Umweltsünder, die Ölkonzerne und andere Industriegiganten, können sich noch schlimmere Sachen leisten."

Gerade in der Musik gibt es dagegen offenbar funktionierende neue Sharing-Modelle. In der Spex staunt Thomas Vorreyer nach Durchsicht der aktuellen Zahlen zu Thom Yorkes via BitTorrent für 6 Dollar veröffentlichtem neuen Album, das nicht nur der Künstler und das Filesharing-Protokoll binnen kürzester Zeit beträchtlichen Umsatz bei höherer Gewinnmarge gemacht haben, sondern dass auch die Fans deutlich günstiger an die Musik gekommen sind als dies jeweils auf gängigeren Distributionswegen geschehen wäre.

Weiteres: Günther Oettinger, der neue EU-Kommissar fürs Digitale, hatte gestern seine "mündliche Prüfung". taz-Autorin Anne Fromm hat ihn vorher schon bei einer Berliner Veranstaltung beobachtet: "Grenzüberschreitender Auf- und Ausbau der Netze, Europäisierung der Politik, Stärkungen des europäischen Binnenmarktes - so in etwa schwebt ihm auch seine Zukunft als Digitalkommissar vor."
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Überwachung

Endlich mal ein Autor, der nicht verzagt! Franzobel schreibt im Standard mit Blick auf die Geheimdienst-Affäre: "Aber warum wird so ein Aufwand getrieben, uns, die breite Masse, zu manipulieren? Weil wir die Macht sind! Es ist immer noch die Meinung der Öffentlichkeit, die letztlich bestimmt, ob ein Krieg gerechtfertigt ist, Ebola wirksamer bekämpft werden muss oder ein Diktator untragbar geworden ist. Wir können Shitstorms entfachen und Politiker zum Rücktritt zwingen, sogar Ö3 spielt nun wieder heimische Musik."
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Medien

(Via turi2) Nach heftiger Kritik putinophiler Kreise an der Ukraine-Berichterstattung der Tagesschau, die sich sogar der Programmbeirat des Senders zueigen machte, übt Chefredakteur Kai Gniffke im Tagesschau-Blog Selbstkritik: "Mit dem Wissen von heute hätten wir manchen Akzent anders gesetzt und manche Formulierung anders gewählt (hinterher ist man halt schlauer). Möglicherweise sind wir zu leicht dem Nachrichten-Mainstream gefolgt. Vielleicht hätten wir rechte Gruppierungen in der Ukraine früher thematisieren sollen... Vielleicht haben wir die russischen Interessen zu wenig für den deutschen Zuschauer "übersetzt". Wir hätten evtl. die NATO-Position noch kritischer hinterfragen können."

In der SZ stellt Susan Vahabzadeh die neue Initiative "Pro Quote Regie" vor, die eine Quote fordert für Jobs in Film und Fernsehen - und in den Gremien, die Fördergelder aus Steuertöpfen verteilen. Warum? Im Studium sind noch etwa die Hälfte aller Studenten Frauen, unter den Regisseuren stellen sie jedoch gerade mal 15 Prozent: Weitere Zahlen sollen geliefert werden. "Bislang argumentiert die Initiative beispielsweise mit den Entscheidungen des Deutschen Filmförderfonds: 62 Millionen Euro hat diese Institution des Bunds 2013 vergeben, an 115 Filmprojekte. Nur 13 davon wurden von Frauen inszeniert."

Der Tages-Anzeiger meldet mit der Agentur sda: "Das schwedische Fernsehen hat diskriminierende Begriffe und Szenen aus den Verfilmungen des Kinderbuchklassikers "Pippi Langstrumpf" entfernt. So heißt der Vater des mutigen Mädchens nun schlicht "König" statt "Negerkönig". Eine andere Szene, in der die kleine Heldin ihre Augen zu Schlitzen formt und als Chinesin auftritt, wurde komplett herausgeschnitten."

Weiteres: In der taz schreibt Daniel Bouhs über die letzte Hoffnung, die Zeitungsverlage (die gerade tagen und sich von Angela Merkel eine Rede halten ließen) auf Bezahlmodelle im Netz setzen. Und Stefan Niggemeier rügt den Spiegel, der eine Missbilligung des Presserats nicht druckte.
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Religion

In Frankreich haben sich Muslime deutlich gegen den Terror der IS-Bande gestellt - und dafür prompt Kritik von einigen Leitartiklern bekommen, die finden, sie hätten sich einem Druck der Political Correctness unterworfen. Bernard-Henri Lévy begrüßt die muslimischen Stimmen in seiner Kolumne dagegen sehr deutlich. Für einen Jugendlichen sei es "von kapitaler Bedeutung, wahre, wahrhaft belesene Imame zu hören, die ihm sagen, dass dies nicht der Koran ist. Es ist entscheidend, dass er das Bild anderer Gruppen hat, die - wie jüngst vor der Großen Moschee von Paris - bekennen, dass der Islam eine Religion der Brüderlichkeit ist. Es ist wesentlich, dass sich dem Islam der neuen Assassinen-Sekte, dem soviele Adepten zulaufen, eine andere Idee entgegenstellt, die von stärkeren Stimmen getragen wird, Stimmen, die es schaffen, erstere der Missbilligung preiszugeben."
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