9punkt - Die Debattenrundschau

Das Dresdner Porzellannashorn

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.09.2014. Kann es sein, dass es ein soziales Netz geben kann, das nicht böse ist? Nicht wie Facebook? Jedenfalls reden alle über Ello. Und die ersten zweifeln schon. Auch die Terrorbande "Islamischer Staat" sorgt für Debatten. Pierre-André Taguieff wendet sich in der huffpo.fr gegen Versuche, den Islamismus weißzuwaschen. Die SZ bekämpft Obamas Krebs-Metapher. Die Briten bereiten sich unterdessen seelisch auf Neil MacGregors große Deutschland-Ausstellung in London vor.

Gesellschaft


Image courtesy of HolyLandPhotos.org.

Überdeckt von weltpolitischen Ereignissen schleicht sich durch den Bundestag eine Debatte, die unserer Gesellschaft im Innersten berührt, schreibt Daniele Dell"Agli im Perlentaucher. Es geht um das Recht auf Sterbehilfe und auf Beihilfe zum Suizid, die Dell"Agli deutlich einfordert, aber mehr noch stellen für ihn "die immer lauter und unabweisbarer sich meldenden Forderungen nach einem selbstbestimmten Sterben unmittelbar die Fragen eines selbstbestimmten Lebens. Und die ausufernde medizinische Kontrolle von Alterungs- und Sterbeprozessen nimmt nur vorweg, was als Medikalisierung praktisch aller Lebensreiche - angefangen bei verhaltensauffälligen Kindern - sich unter dem Decknamen "erweiterter Krankheitsbegriff" durchzusetzen beginnt."

In der NZZ fragt sich der argentinische Schriftsteller Martin Caparrós, warum Argentinien, "ein so großes, reiches, wenig besiedeltes Land mit einer verhältnismäßig gut ausgebildeten Bevölkerung", nie den Sprung in die Zukunft schafft, die sich schon vor hundert Jahren so verheißungsvoll auftat. Liegt es am Reichtum der Natur, der jede Anstrengung überflüssig zu machen scheint? "Nach der letzten großen Krise im Jahr 2000 verschaffte der Anstieg des Sojapreises uns eine zehnjährige Verschnaufpause. In der gegenwärtigen Krise wiederum könnten die gerade entdeckten Gasvorkommen, die sich angeblich durch Fracking abbauen lassen, den gleichen Effekt haben. Dieser Vorstellung nach wären wir einfach immer noch wie die Gauchos früherer Zeiten: Leute, die in aller Ruhe in der Pampa umherstreifen, im sicheren Wissen, dass ihnen, sobald sich der Hunger bemerkbar macht, bestimmt die eine oder andere Kuh über den Weg laufen wird."
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Internet

Alle reden jetzt über das soziale Netz Ello, das als Facebook-Konkurrenz im Gespräch ist, seit Facebook den Klarnamenzwang durchsetzen will und sich damit vor allem in der Schwulenszene (hier der offene Brief der Dragqueen Hamm-Samwich an Facebook in der huffpo.fr) unbeliebt macht. Das Netz wimmelt vor Artikeln, wundert sich Martin Weigert in Netzwertig, der Ello schon vor ein paar Wochen vorgestellt hat, und setzt nützliche Links: "Mit dem plötzlichen Durchbruch in der englischsprachigen Webszene beginnt Ellos offizielle Ära als Rivale für existierende soziale Netzwerke. Zehntausende werden sich in diesen Tagen den Dienst anschauen, und dann eventuell immer mal wieder dort vorbeischauen - oder auch nicht. Die laut den Berichten bereits vorhandene Loyalität bestimmter subkultureller Gruppen zu dem Service hilft sicherlich, einen vollständigen Geisterstadt-Effekt zu verhindern."

Allerdings gibt es jetzt schon Zweifel, ob Ello so "gut" ist, wie es mit seinem Slogan "You are not the product" verspricht, schreibt Helen S. Popkin bei Readwrite und verweist auf einen Post Andy Baios ausgerechnet bei Ello selbst, der die Finanzierung dee Start-Ups untersucht und die schlichte Vermutung äußert, dass Venture-Kapitalgeber irgendwann auch mal ihr Geld zurück wollen.

Weiteres: Auf Gawker stellt Vann R. Newkirk II ein Papier von zwei Juristen der Washington Universität in St. Louis vor, die vier ethische Prinzipien für den Umgang mit Big Data herausgearbeitet haben.
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Politik

Der Rassismusforscher Pierre-André Taguieff kritisiert in der französischen Huffpo das Argument, die Terrorbande "Islamischer Staat" habe nichts mit dem Islam zu tun, das sich oft mit Attacken auf die "Islamophobie" der hiesigen Gesellschaft verbinde. "Sehr häufig wird dann die Gleichsetzung der guten Muslime und der bösen Terroristen gegeißelt. Kurz: Die Islamophobie erklärt das Abgleiten in den Dschihadismus, der Islam hat nichts damit zu tun. Zwei Argumente, die oft verbunden werden und einem naiven und unwürdigen Versuch der Weißwaschung gleichkommen."

Im Guardian stellt Sede Alonge eine selten gestellte Frage: Was tut eigentlich die Afrikanische Union, um dem Elend der afrikanischen Flüchtlinge nach Europa abzuhelfen? "Was genau tut sie, um die Grenzen zu sichern und Schmuggler davon abzuhalten, Tausende aus dem Kontinent zu schleusen - oft in den Tod. Was tut sie, um die Afrikaner, die ihr Land verlassen müssen oder vertrieben werden, zu ermutigen in afrikanischen Ländern Zuflucht zu suchen statt in europäischen? Nicht viel, lautet die Antwort."

SZ-Feuilleton-Chef Andrian Kreye stört sich daran, dass Barack Obama, die Terrorbande "Islamischer Staat" als "Krebs, der die moslemische Welt verheert", bezeichnet hat: "Immerhin sind viele hundert Kämpfer des IS Staatsbürger befreundeter Nationen wie Großbritannien, Deutschland oder Frankreich, einige sogar der USA selbst. Werden sie zum Krebs erklärt, sind sie nicht mehr zu rehabilitieren. Denn Krebs ist unheilbar. In einer Welt aber..., in der eine neue Generation in den brutalen Gotteskämpfern die Protagonisten einer alternativen Weltordnung sehen, ist eine solche Metapher die Erklärung eines weiteren unendlichen Krieges."

Weiteres: Die Welt druckt im Forum einen Auszug aus Paul Colliers am Montag erscheinendem Buch "Exodus. Warum wir Einwanderung neu regeln müssen".
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Geschichte



Am 16. Oktober beginnt im British Museum in London die große Schau "Germany: Memories of a Nation". Museumsdirektor Neil MacGregor führt vorab im BBC Radio 4 sechs Wochen lang, immer von montags bis freitags um 9.45 Uhr, in sechshundert Jahre deutsche Geschichte ein - wie eben nur er das kann: Anhand einzelner Objekte und Kunstwerke. Für den Guardian hat er jetzt zehn Objekte ausgesucht, die für ihn das moderne Deutschland auszeichnen. Eins davon ist ein Porzellannashorn aus dem 17. Jahrhundert: "Die Chinesen benutzten Porzellan nur sehr eingeschränkt, in Form von Gefäßen und Geschirr. Dresden machte prächtige Skulpturen, vor allem Tiere, und zeigte dabei eine unglaubliche Meisterschaft im Umgang mit dem sehr schwierigen Material. In der gefeierten Porzellanmenagerie im Königspalast sind die Figuren, wie Huhn, Fuchs oder Pfau, realen Tieren nachmodelliert. Aber für das Nashorn hielten sich die Handwerker an Dürer, der niemals ein Rhinozeros gesehen, aber dennoch einen Druck hergestellt hatte, der auf Berichten aus Lissabon basierten. Im frühen 17. Jahrhundert hatte man schon echte Nashörner gesehen, aber, wie so viele Deutsche davor und danach, bevorzugten sie die Welt durch die Augen von Dürer gesehen. Das Dresdner Porzellannashorn mit seinem kämpferischen Charme und seinen anatomischen Eigenarten ist vollkommen unvergesslich."

Mit Misstrauen beäugt Micha Brumlik in der taz die seit dem Mauerfall wieder aufgetauten nationalen Leidenschaften, die im Kalten Krieg zum Komfort des Westens so angenehm tiefgefroren waren: "Vor diesem Hintergrund erscheint der Krieg in der Ukraine nicht nur als Ausdruck eines der letzten (ethnischen) Nationenbildungsprozesse in Europa, sondern auch als Menetekel künftiger Krisen."

Weiteres: In der Welt berichten Sven Felix Kellerhoff und Berthold Seewald vom 50. Deutschen Historikertag in Göttingen, der nicht unwesentlich von Christopher Clarks "Die Schlafwandler" geprägt war. Thomas Kielinger begräbt mit Deborah Mitford die letzte der berühmten Mitford-Schwestern.
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