9punkt - Die Debattenrundschau

Frauen in Pink mit Stöcken

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.04.2014. huffpo.fr hat einige neue Bücher zum Genozid von Ruanda gelesen. Amana Fontanella-Khan spricht in der Welt über die indische Frauengruppe "Gulabi Gang". Die NZZ feiert das das erotische Potenzial des Spargels.In der SZ sieht Franziska Augstein einen Fernsehfilm über die Spiegel-Affäre zumindest zum Teil als "Blödsinn". Der New Yorker hat Angst vor Putins Angst vorm Internet.

Geschichte

Michaël de Saint-Cheron stellt in huffpo.fr einige Bücher zum Genozid von Ruanda vor, darunter die Romane der Autorin Scholastique Mukasonga (die 2012 den renommierten Prix Renaudot bekommen hat) und die Geschichte Englebert Munyanbonwas, die vom französischen Journalisten Jean Hatzfeld erzählt wird. Und "was wird nun aus den Prozessen des Internationalen Gerichtshofs? So wenige wurden bis zum heutigen Tag verurteilt. Zu den bestürzendsten Aspekten dieses Vökermords gehört die Tatsache, dass die Überlebenden Tag für Tag an der Seite der Mörder ihrer Familien leben. Das ist nirgendwo sonst in diesem ausmaß passiert. Wie hält man es aus, jeden Tag bei der Arbiet, auf der Strappe, in den Läden die 'Macabres' zu treffen, die die eigenen Familienangehörigen umbrachten?"
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Urheberrecht

Arne Janning hat seinen Facebook-Eintrag zu dem Buch "Große Seeschlachten" von Arne Karsten und Olaf B. Rader, dem er Wikipedia-Plagiate vorwarf, aktualisiert und wiegelt eher ab: "1. Selbstverständlich ist das Buch nicht *vollständig* aus Wikipedia zusammenkopiert, weil sich viele Kommentatoren und mittlerweile auch Juristen an dieser Formulierung aufhängen. Das geht auch gar nicht. Aber es sind eben doch mehrere wörtliche Übernahmen aus der Wikipedia vorhanden, wie jeder sehen kann. 2. Ich habe zwar bislang nichts Offizielles von der DFG gehört, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass *keine* Mittel der DFG für dieses Buch verwandt wurden. Diese Behauptung, die ich aus den vielen "Forschungsaufenthalten" geschlossen habe, die von den Autoren im Nachwort angeben werden, ist also wahrscheinlich falsch und ich bedauere das."
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Internet

Russland strafft die Kontrolle von Blogs, berichtet die SZ in einem Tickerverschnitt: "Blogs, die pro Tag von mehr als 3000 Menschen gelesen werden, müssen sich bei der Presseaufsicht registrieren. Das bedeutet: auch wer anonym oder mit Nickname schreibt, kann von den Behörden identifiziert werden." Bei Fehlverhalten werden 10.000 Euro Strafe fällig.

Masha Lipman schreibt im New Yorker über "Putins Angst vorm Internet": "With the annexation of Crimea, Putin is firmly set on an anti-Western and isolationist course, and on the goal of suppressing signs of disloyalty. He does not seem to care about the costs to Russia's development in general - or its place in the tech industry. The days of clandestinely distributed carbon copies may not be as distant as they seem."
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Stichwörter: Russland, Western, Zensur

Gesellschaft

Inga Pylypchuk unterhält sich für die Literarische Welt mit der Autorin Amana Fontanella-Khan, die ein Buch über die indische Frauenbewegung "Gulabi Gang" um die charismatische Anführerin Sampat Pal geschrieben hat: "Die Frauen der Gulabi Gang haben erkannt, welche Macht die Medien haben. Das Bild einer großen Menge kämpferischer Frauen in Pink mit Stöcken sendet ein klares Signal an die Öffentlichkeit. Obwohl die Frauen ihre Stöcke bisher sehr selten eingesetzt haben, strahlen sie eine große Kraft aus."

Samuel Herzog feiert in der NZZ das erotische Potenzial des Spargels, das für manchen noch dem Geruch anhaftet, den der Urin nach dem Verzehr ausströmt: "Den einen ist der eigenwillige Metabolismus ein wahrer Greuel: 'Spargeln bewirken, wie jedermann weiß, einen schmutzigen und unangenehmen Geruch im Urin', schreibt Louis Lemery 1702 in seinem 'Treatise of All Sorts of Foods' (S. 103). Andere können sich wie Marcel Proust in 'Du côté de chez Swann' die ganze Nacht daran freuen, dass eine eigenwillige 'farce poétique et grossière comme une féerie de Shakespeare' ihren 'pot de chambre' in eine 'vase de parfum' verwandelt hat."
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Religion

Der Welt-Korrespondent Thomas Kielinger antwortet auf David Camerons viel diskutierte Behauptung, Großbritannien sei ein christliches Land, mit der Anmerkung, dass die anglikanische Kirche eine rein politische Gründung war und sich wohlweislich von inhaltlichen Aussagen fernhält: "Solche staatspolitische Unschärfe in Glaubensfragen, die den religiösen Frieden sichern sollte, entwickelte sich bald zur typisch englischen Form der Gläubigkeit, zu einem breiten Feld des Tolerablen - und der Toleranz -, auf dem die von nun an der etablierten Kirche angehörenden Kleriker sich einrichteten wie in einem theologischen Wellnesszentrum."

Außerdem: Jan-Heiner Tück meditiert in der NZZ über die Entscheidung von Papst Franziskus, morgen seine Vorgänger Johannes XXIII. und Johannes Paul II. heilig zu sprechen.
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Kulturpolitik

Die ganzen großen Bausteine rückt höchst wortreich der ehemalige oberste Museumschef Berlins, Peter-Klaus Schuster, in der Welt hin und. Zuerst einmal will er ein provisorisches Gebäude für die Kunst des 20. Jahrhunderts in der Nähe der Neuen Nationalgalerie: "Ein solches Gebäude wäre eine große Hilfe für die Nationalgalerie zur vorläufigen Präsentation ihrer bisher weitgehend verborgenen Sammlungen zur Kunst des 20. Jahrhunderts." Dann soll beim Bode-Museum für die Alten Meister gebaut werden. Dann soll die Gemäldegalerie für die Kunst des 20. Jahrhunderts umgewidmet werden. (Unser Vorschlag: Wir sollten warten, bis der Flughafen fertig ist.)

Medien

Etwas kurios liest sich der Artikel der in München lebenden russischen Journalistin Maya Belenkaya, die in der SZ die Stadt München gegen den populären russischen Fernsehjournalisten Wladimir Posner verteidgt, welcher in einer Fernsehreportage kein gutes Haar an der Stadt ließ: "Dann hätte man aber Münchens Toleranz thematisieren können. 23 Prozent der Münchner sind Einwanderer. Oder das bayerische Nationalkolorit. Bei uns in Russland suchen ja alle nach einer nationalen Idee, aber niemand käme auf die Idee, mit Kopfputz und Sarafan zur Arbeit zu gehen. Die Bayern tragen im Alltag Dirndl und Lederhosen, und freuen sich darüber, dass ihre Tracht überall in der Welt getragen wird."

Franziska Augstein höchstpersönlich bespricht auf der Medienseite der SZ einen Fernsehfilm über die Spiegel-Affäre und erkennt ihren Vater nicht wieder: "Er wird gezeigt als einer, der nur ein Ziel habe: Strauß abzuservieren. (Francis Fulton-Smith ist übrigens ein großartiger Strauß.) Als Augstein mitgeteilt wird, dass das Redaktionsgebäude besetzt ist, triumphiert er: 'Jetzt ist es endlich so weit. Nach vier Jahren Kampf.' Das ist Blödsinn."

Die taz befasst sich heute in einem kleinen Dossier mit dem Medienwandel im Fernsehen - ausgelöst von Diensten wie Netflix und Watchever.
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